Ganz schön stark

Es kriselt, wohin man schaut. Flüchtlings-Krise, Syrien-Krise, Volkswagen-Krise …

Krise = Zuspitzung, Wendepunkt, entscheidende Phase.

Es kriselt, und die Krisenmanager sagen, dass sie es wuppen werden. Flüchtlinge? Wir schaffen das. Syrien? Wir räumen auf. Volkswagen? Wir klären auf, brutalstmöglich …

Freilich, es sei schwierig, sagen die Krisenmanager. Sehr schwierig. Zu bewältigen seien nämlich: Herkulesaufgaben.

Leserin V. fragt: Wieso eigentlich Herkules?

Liebe Frau V.,

ganz allgemein: Die Welt ist chaotisch (war es immer, wird es immer sein), der Mensch versucht, das Chaos zu ordnen.

Hirnforscher sagen: Wir denken in Bildern, die wir in Sprache übersetzen, in Erzählungen.

Der Text, den Sie gerade lesen, setzt Ihr Kopfkino in Gang. Vielleicht so: Flüchtlinge = verzweifelte Frauen, Männer, Kinder, endlose Trecks, gekenterte Boote auf dem Mittelmeer. Syrien = zerbombte Häuser, zerfetzte Leiber, grausame Terrorbanden. Volkswagen = zerknirschte Vorstände, wütende Autofahrer, abstürzende Aktienkurse …

Probleme über Probleme. Damit jeder kapiert, wie gewaltig die Herausforderungen sind, bemühen die Problemlöser (und wir Medienfuzzis, die über die Problemlöser berichten) oft, vielleicht zu oft, eine Metapher: Herkulesaufgabe.

Ein Superheld der Antike, dieser Herkules, auf Griechisch: Herakles. Superstark. Supereinfallsreich. Der Sage nach hat er zwölf superschwierige Arbeiten erledigt. Er erwürgte einen Löwen, metzelte die neunköpfige Schlange Hydra, schoss Vögel mit vergifteten Pfeilen ab und killte die Amazonenkönigin Hippolyte. Er bändigte Stiere, Eber, menschenfressende Rosse und den Höllenhund Kerberos. Er raubte die Rinderherde des Riesen Geryon, fing die kerynitische Hirschkuh, mistete den Stall des Augias aus und pflückte die goldenen Äpfel der Hesperiden.

Was das mit den aktuellen Krisen zu tun hat? Nichts, aber: Herkules steht symbolisch für Stärke und, nun ja, Problemlösungskompetenz. Wer sich auf ihn beruft, sorgt für mythische Überhöhung und verspricht: Wir werden die Welt retten, trotz all der Mammutaufga… – halt, das ist eine andere Metapher, und eine andere Geschichte.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart