Werthers Leiden

Walter Baumgartner aus Konz schreibt zur Volksfreund-Ausgabe vom 24. August:

Auf der Titelseite wird über die feiernden Sieger der Deutschland-Rallye (oben) und über schwere Unfälle in der Region berichtet (unten). Wird denn, frage ich mich, nicht wahrgenommen, dass zwischen den beiden Ereignissen ein Zusammenhang besteht? Als ehemaliger Berufsschullehrer habe ich wiederholt miterleben müssen, dass Schüler bei nicht notwendigen Verkehrsunfällen zu Tode kamen oder schwer verletzt wurden. Weshalb die sehr überflüssige Verherrlichung des Motorsports in unserer Tageszeitung?

Lieber Herr Baumgartner,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Sie werfen zwei Fragen auf, die jenseits der Debatte zwischen Rallye-Gegnern und Rallye-Befürwortern öfters aufpoppen:

1) Glorifizierung von Ereignissen in den Medien;

2) Nachahmungseffekt durch Berichterstattung.

Der Schampus spritzt, zwei Männer freuen sich. So sehen Sieger aus. Motorsport. Muss man nicht mögen. Muss man auch nicht unbedingt auf der Titelseite der Zeitung abbilden. Weiterlesen

Marmor, Stein und Eisen

Brücken schlagen zwischen jungen und alten Menschen, erleben, wie sie sich begegnen, wie sie voneinander lernen: Mit diesem Ziel schwärmten Volksfreund-Journalisten in die Region aus – und kehrten zurück mit überraschenden, oft berührenden Geschichten, aufgeschrieben, fotografiert, gefilmt und veröffentlicht in der zehnteiligen Sommerserie „Jung & Alt – versteht sich“.

Moment mal, sagt Herr L. aus Trier, das ist ja alles ganz wunderbar, aber müsste es nicht heißen: Jung & Alt – verstehen sich? Grammatisch korrekt wäre doch der Plural, oder etwa nicht?

Lieber Herr L.,

im Prinzip ja. Es gibt jedoch eine Ausnahme: den Singularis materialis.

Marmor, Stein und Eisen bricht, sang Drafi Deutscher vor fünfzig Jahren. Ein Nummer-eins-Hit. Und eine Zeile, die legendäre Dispute auslöste. Zum Beispiel unter Sprachpuristen. Der Bayerische Rundfunk weigerte sich lange, das Liedchen zu spielen. Wegen der fehlerhaften Grammatik. Marmor, Stein und Eisen brechen, host mi! Plural, nicht Singular! So wird es Schülern aus Bubenreuth, Cadolzburg und Dirlewang eingetrichtert. Dam dam, dam dam.

Was für ein Zores. Heute undenkbar. Zudem unbegründet. Der Singularis materialis (lateinisch: Einzahl in Bezug auf den Gegenstand) ist ein rhetorisches Stilmittel, eine Konstruktion, bei der das Prädikat (bricht) im Singular steht, obwohl zwei oder mehr Subjekte (Marmor, Stein und Eisen) die Pluralform verlangen (brechen). Kommt in der Dichtung vor, in Redewendungen (Da ist Hopfen und Malz verloren), in Gebeten (Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit).

Also: ungewöhnlich, aber statthaft, auch das Motto der Volksfreund-Serie „Jung & Alt – versteht sich“. Künstlerische Freiheit. Der Gedankenstrich sorgt zusätzlich für eine gewisse Doppeldeutigkeit.

P.S.: In der DDR war Marmor, Stein und Eisen bricht in den Sechzigern verboten, weil die Apparatschiks der SED revanchistische Frechheiten heraushörten. Dam dam, dam dam.

P.P.S.: Wenn die Bayern-Grammatiker der Marmor-Stein-und-Eisen-Zeit geahnt hätten, welche Zumutungen ihnen bevorstehen würden, jo mei, da legst di nieder: Popkünstler, die sich Haftbefehl nennen und undefinierbare Slang-Texte rappen wie Chabos wissen wer der Babo ist

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart