Edel, hilfreich und gut

Andrea Gierenz aus Irrhausen meint zu verschiedenen Veröffentlichungen über den Vermisstenfall Tanja Gräff:

Herrn Deschunty gebührt für seinen mutigen Leserbrief (TV vom 28. Januar) Dank, Respekt und Hochachtung. Er wird sich der dienstrechtlichen Folgen seines Briefes durchaus bewusst gewesen sein, und er wird diese in Kauf genommen haben. Wenn jedoch derart beleidigende Ansichten zur Person von Herrn Deschunty auf der Titelseite veröffentlicht werden (TV vom 2. Februar), dann zweifle ich stark an der Unabhängigkeit der Zeitung. Sie haben das Niveau des Volksfreunds in meinen Augen erheblich sinken lassen.

Die Öffentlichkeit und damit Ihre Leserschaft interessiert in diesem Zusammenhang doch nur das eine: die Aufklärung des Vermisstenfalls Tanja Gräff. Bitte erklären Sie Ihren Lesern einmal, ob Sie alle in Betracht kommenden Möglichkeiten ergriffen und welche Schritte Sie unternommen haben, die darauf abzielten, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden und sichergestellt ist, dass auch dem allerkleinsten und vielleicht letzten Ermittlungsansatz nachgegangen wurde. Ihre offensichtliche Untätigkeit beziehungsweise einseitige Parteinahme ist mir bisher jedenfalls nicht erklärlich.

Brandon Sterner aus Trier regt an: Ich finde es gut, dass Sie zu einer Demo gegen die Pegida-Bewegung aufgerufen haben. Ich möchte Sie bitten, auch zu einer Demo gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen aufzurufen. Denn die Menschenwürde ist ein Grundgesetz. Diese Karikaturen verletzen die Würde muslimischer Menschen.

Liebe Frau Gierenz,

lieber Herr Sterner,

vielen Dank für Ihre Briefe, die ich zusammenfasse, weil der Anlass verschieden, das Thema aber dasselbe ist: die Zeitung und ihre Journalisten als aktive Kämpfer für eine Sache.

Ich habe Verständnis für diese Auffassung. Aber wäre das gut? Partei ergreifen, Politik machen, nur eine Meinung zulassen, Kampagnen reiten, Verbrecher jagen?

So wichtig es ist, das Schicksal von Tanja Gräff aufzuklären – wir leiten nicht die Ermittlungen, wir nehmen keine Fingerabdrücke, wir verhören keine Zeugen. Wir sind nicht die Polizei, sondern berichten über die Arbeit der Polizei.

Oder, im anderen Beispiel: So wichtig es ist, für die Demokratie einzustehen – wir rufen die Bürger nicht dazu auf, für oder gegen etwas auf die Straße zu gehen, sondern berichten über Demonstrationen, den Anlass, die Hintergründe.

Ganz allgemein: Wir schreiben auf, was ist, und versuchen es zu deuten. Wir sind Beobachter, nicht Spieler. Wir sind überall dabei, gehören aber nirgendwo dazu. Distanz hilft, kritisch und unabhängig zu bleiben, um – Achtung, Pathos! – die Menschheit glaubwürdig zu informieren. Edel sei der Journalist, hilfreich und gut. Immer im Einsatz für Recht, Freiheit und Wahrheit. Soweit das Ideal in der besten aller Medienwelten.

Im richtigen Leben sieht das oft anders aus. Nicht schlau genug gefragt, nicht hartnäckig genug gebohrt, nicht ausdauernd genug recherchiert – schon wirkt eine Geschichte windschief und klapprig. Manchmal genügt ein Fehler, etwa ein unbedachtes Wort, um beim Publikum den Eindruck zu erwecken: wie doof ist das denn, wie einseitig, falsch, hämisch …

Das kommt vor, das ist nicht in Ordnung – ändert jedoch nichts am Auftrag.

Journalisten sollen und müssen kämpfen: für großartige Geschichten. Journalisten können etwas bewegen: mit ihrer Berichterstattung. Journalisten dürfen eines nicht: ihre Unabhängigkeit aufgeben, indem sie sich vereinnahmen lassen – von wem oder für was auch immer.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Edel, hilfreich und gut

  1. Sehr geehrter Herr Reinhart,

    der Wirtschaftsjournalist Tichy hat erkannt, dass die Monopolstellung der Journalisten dahin ist. Das liegt natürlich am Internet und daran, dass es dort jetzt die Möglichkeit gibt, über die Politiker und ihre Wirken mehr zu erfahren.
    Den Politkern auf den Fuß treten kann man dann, wenn man unabhängig ist.
    So habe ich durch Abgeordnetenwatch erfahren, dass sich die CDU und die SPD immer noch ziert zu sagen, wer von den Wirtschaftslobbyisten eine Hausausweis hat, um sich bei den Politikern ganz daheim zu fühlen.
    Natürlich kann eine Zeitung nicht einklagen, das zu erfahren, aber eine Zeitung kann nachfragen – gerade jetzt, wo das Handelsabkommen vor der Tür steht.
    Kritischer Journalismus heißt für mich kritische Fragen zu stellen. Der Journalist ist nicht edel hilfreich und gut, jedenfalls nicht mehr und auch nicht weniger als der Rest der Bevölkerung.
    Die Interviews mit Politikern werden immer belangloser und inhaltsleerer. Kritisch nachfragen kann man doch mal. Herr Tichy sieht jetzt den kompetenten Bürger an der Basis, der den Journalisten informiert. Schwer zu sagen, ob Journalisten nicht wissen oder einfach nichts sagen wollen.
    Christoph Maria Fröhder kritisiert die Öffentlich-Rechtlichen – er ist nicht mehr Teil der Struktur. Und die schreibende Zunft? Prüfen Zeitungen ihr Bildmaterial?
    „Der Salzmarsch“ in Paris dauerte nur ein paar hundert Meter und nie führten die Politiker die große Masse der Empörten an – aus Sicherheitsgründen.
    Ich bin nicht darüber informiert, ob der TV das klar gestellt hat. Denn das sollte man.

    Beste Grüße

    Martina Lenzen

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