Die Unperfekten

Margit Linden aus Greimerath schreibt zum Bericht „Marktstand in Flammen“ (TV vom 22. Dezember): Nie wieder esse ich Steaks in Trier! Laut TV wird dort neben Reibekuchen und Backfisch auch gebratenes Menschenfleisch angeboten. Schuld daran sind weder die dortigen Gastronomen noch der absolute Lieblingskumpel vom stellvertretenden Chefredakteur Peter Reinhart – nämlich der arme Druckfehlerteufel, der (als Fabelwesen) immer dann herhalten muss, wenn Reinhart nicht mehr weiter weiß, sondern die außergewöhnlich merkwürdig geschulten Schreiberlinge vom TV.

Gerne hätte ich mich auf Ihre verzweifelten Anzeigen hin als Korrekturleserin beworben. Aber leider habe ich, da bereits anderweitig beschäftigt, keine Zeit dafür. Aber ich habe einen Super-Tipp für Sie: Stellen Sie doch in Zukunft nur noch Redakteure ein, die zum Beispiel den Unterschied zwischen „Champion“ (das ist ein Mensch) und „Champignon“ (das ist ein Pilz) kennen. Dann können die TV-Leser endlich mal eine korrekt geschriebene Zeitung lesen und ich wieder ohne Horror-Ekel ein (Rinder-)Steak mit Champignons genießen.

Liebe Frau Linden,

ja, ja, wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung. Peinlich, diese Pilzpanne. Unerklärlich, diese Dusseligkeit. Beschämend, diese Unfähigkeit. Ich verstehe Ihren Unmut.

ES! TUT! MIR! LEID! DASS! SIE! SO! LEIDEN! MÜSSEN!

Ein bisschen beleidigt bin ich allerdings, dass Sie ausgerechnet mir eine innige Freundschaft mit dem Teufel andichten. Den schwefligen Gesellen, Faktenverdreher und Verleumder bemühe ich gerade NICHT, wenn es gilt, sprachlichen Schludrigkeiten aller Art nachzuspüren.

Nein, zum x-ten Mal: Volksfreunde sind nicht perfekt, sie irren manchmal – wie andere Erdlinge auch, von den Unfehlbaren und Alles(besser)wissern abgesehen. Es ist noch kein Champignon, pardon: Champion vom Himmel gefallen.

Immerhin tröstlich, dass unser Lektorat etliche Fantastilliarden von Verhackern, Verhunzern, Vertippern entdeckt und eliminiert, bevor sie in die Zeitung gelangen; ich habe mir die Liste der bizarrsten Fundstücke mal wieder angeschaut und eine Geschichte daraus gesponnen (damit Sie einen Eindruck bekommen, was Ihnen entgeht):

Aufgemerkt, Leute, es gibt heuer Wiesen-Champions  zuhauf. Nanu?! Jogis Junks, zugedröhnt auf dem Oktoberfest? Unsere weltmeisterliche Multi-Kuli-Truppe im Bierzelt? Oans, zwoa, gsuffa? Nö. Viel besser: Die beliebte kulinarische Pilzexkursion steht an. Ein Unterfangen, das Tradition atmet. Wie die Sommerkräuterwanderung. Das Strohballenrennen. Die Grünkohlwanderung. Oder die Fledermausexkursion. Was einem so alles begegnet, wenn man an der verkehrsbehinderten Ampel wartet und vor sich hin denkelt: wandernde Pilze, wandernde Kräuter, wandernder Grünkohl, rennende Strohballen – und ein Trupp Fledermäuse auf Betriebsausfluch.

Die Welt ist balla-balla, und der modernde Mensch fragt sich: Lohnt es angesichts der orthografischen Krise, die unsere abendländische Kultur in ihrer Existenz bedroht, überhaupt noch, die Arme hochzukrempeln? Einen anderen Blinkwinkel einzunehmen? Um womöglich zurück zum Uhrsprung zu finden?

Hoppla, dafür ist es wohl zu spät. Die Prioritäten zwei bis bier sind längst gesetzt, der Bitburger Baugruppe sei Dank. Hopfen und Schmalz und so weiter.

Berauscht von der Verwechslungskomödie um Pils und Pilz erkundigen wir uns beim Statischen Landesamt, was die Bürger im Jahr 2014 bewegt und erregt hat. Als da wären: der Ärger über Wundkraftanlagen, die Mütterente, der eine oder andere Tarifabschuss, die neuesten Mätzchen der Krankassen, Streitereien in Gemeinderäten um geplante Erschießungsstraßen und finanzielle Rahmbedingungen, nicht zu vergessen der Mirkozensus. Und, immer wieder: der Gekreuzte, der Herr Pastor und sein bestes Stück und dieses Kirchendings, na, die Messerfeier auf dem Hautfriedhof.

Rein in die Kartoffel, raus aus der Kartoffel. Gut, dass die Polizei uns vor noch grausligerem Ungemach beschützt. Sie konfisziert acht Kilo Hackfleisch, Wurst und Koteletten in Gefriertüten. Sie fahndet nach Einbrechern, die mehrere Räume im Erdgeschoss und den Schmuck gestohlen haben. Sie schnappt Drokenkuriere auf frischer Tat.

Was denen dräut? Eine unvollstellbare Gesamtfreiheitsstraße, dann ist endlich Schluss mit lustig und der Europhorie.

Klangheimlich geschummelt? Ach was, lasst uns eine Aids-Weise anstimmen, wie wäre es mit dem Schusschor aus der Matthäus-Passion, intonisiert vom Komponisten höchstselbst, wie heißt er gleich? Wolfgang Amadeus Goethe oder so (der stand tatsächlich einst im Blatt!), einer der größten Champignons unter der Sonne, seit Uhrzeiten, mindestens …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart