Alleyn uff gewynn und groß beschisß

Johannes Mohr aus Trier schreibt „zur Frage der Machtausübung“: Wir haben erlebt, wie eine Gewerkschaft ihr „Recht“ auf Streik ausgeübt hat, nicht nur im Kampf gegen den Arbeitgeber, sondern auch gegen eine konkurrierende Gewerkschaft. Wenn Arbeiter gegen ihren Arbeitgeber streiken, wird in der Regel nur der betroffene Betrieb lahmgelegt.

Wenn aber Lokführer und Flugzeugpiloten streiken, nehmen sie zahlreiche neutrale Personen (Pendler, Schüler und andere) in Geiselhaft und erhöhen damit erheblich das Druckpotenzial. Es gibt also Personengruppen, die aufgrund ihrer Tätigkeit eine wesentlich größere Macht ausüben können als normale Bürger. Da erhebt sich die Frage: Inwieweit ist diese Machtausübung zulässig und verantwortbar?

Zu den Gruppen mit besonderem Einfluss gehören auch die Redakteure von Zeitungen und Zeitschriften. Andere Personen können nicht mit den gleichen Mitteln antworten und sich verteidigen, wenn es vor Ort keine konkurrierende Zeitung oder Zeitschrift gibt. Ein Bericht zu einer Straftat kann durch Vermutungen und vorauseilende Unterstellungen Stimmungen erzeugen. So kann eine Kampagne entstehen, zum Beispiel beim Bischof von Limburg oder anderen Personen des öffentlichen Lebens, die Fehler begangen haben und medial ins Abseits gestellt werden.

 Leider stimmt es nicht, dass Leserbriefe nicht unterdrückt würden (meine persönliche Erfahrung). Hier übt die Presse ihre „Macht“ aus, denn sie „macht“, was sie bestimmt.

Lieber Herr Mohr,

oh, là, là, Sie stellen die Machtfrage. Eine philosophische Frage von grundsätzlicher Bedeutung, schwierig zu beantworten. Allein die Definition, was Macht ist, füllt Bibliotheken.

Große Denker haben sich daran versucht. Die Sophisten. Thukydides. Platon. Aristoteles. Cicero. Thomas von Aquin. Calvin. Macchiavelli. Hobbes. Spinoza. Kant. Hegel. Nietzsche. Marx. Engels. Weber. Foucault. Russell. Irgendwen vergessen? Bestimmt.

Eine These: Wissen ist Macht. Wissen, das seit je über Medien in die Welt gelangt, oder auch nicht. Höhlenmalerei. Hieroglyphen auf Papyrus. Pergamentrollen. Gedruckte Bücher. Zeitungen. Fernsehen. Radio. Internet. Alles Medien, im Wortsinn: die Mitte (lateinisch), das Mittlere (altgriechisch). Nach modernem Verständnis: Sender sendet Nachricht, Empfänger empfängt Nachricht – und interpretiert sie. Kommunikation ist das, was ankommt.

Ja, richtig: Medien haben Macht. Nicht, weil sie etwas mit den Menschen „machen“, sondern weil sie Teil der Lebenswirklichkeit sind. Wir Erdlinge des 21. Jahrhunderts befassen uns – statistischer Schnitt – jeden Tag zehn bis zwölf Stunden mit Medien und den von Medien transportierten Inhalten.

Wie äußert sich die Macht der Medien? Zum Beispiel so: Was keiner sieht, ist nicht passiert. Ein Bonmot des Satirikers Herbert Feuerstein. Will sagen: Was nicht aufgeschrieben, aufgenommen, gefilmt, fotografiert, dokumentiert und medial vermittelt worden ist – existiert nicht.

Nehmen wir an, vor hundertfünfzig Jahren hätte es in Afrika eine Ebola-Epidemie gegeben. Aufschrei in der deutschen Öffentlichkeit? Wohl kaum. In den Blättern wären allenfalls Randnotizen erschienen. Keine Information, keine Reaktion. Heute: alles über die Krise, auf allen Kanälen. Das Publikum leidet mit und barmt, dass uns Schlimmes widerfahren könnte.

Ist das die Macht der Medien? Nichts berichtet, also war da auch nichts? Der Wiener Polemiker Karl Kraus spottete: Gut, dass in der Welt täglich stets so viel passiert, dass es gerade in eine Zeitung passt. Oder ist das die Macht der Medien, was der frühere Bundespräsident Walter Scheel 1977 über die Inszenierung von Politik und Politikern notierte und darüber, was Journalisten tun? Schon allein die Tatsache, dass vieles, was geschieht, überhaupt nur geschieht, damit es in der Presse steht, zeigt, welchen Einfluss die Presse auf den Gang der Ereignisse hat.

Haben Medien die Macht, die öffentliche Meinung zu lenken, zu manipulieren? Ein alter Vorwurf. Und ein Irrtum. Forscher sagen: Zeitungsleser neigen dazu, sich in Texte zu vertiefen, deren Tendenz sie ohnehin teilen – und die ihre Meinung zementieren. Der Markenexperte Simon Anholt beschreibt diese „Verstärkertheorie“ so: Es gibt zwei Arten von Ereignissen. Solche, die Menschen zwingen, ihre Meinung zu ändern. Die werden schnell vergessen. Und solche, die ihre Meinung bestätigen. Die wirken wie Beschleuniger.

Die Kritik an den Massenmedien hat eine lange Tradition. Als der Buchdruck aufkam, vor gut fünfhundert Jahren, maulte der Dichter Sebastian Brant („Das Narrenschiff“): Das Übelste an diesem neumodischen Dings sei ja wohl, dass es jede Meinung ungeprüft verbreite, „alleyn uff gewynn und groß beschisß“, sodass die Leute am Ende den „buren“ mehr glauben als den „glerten“ …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart