Frieda Frech und Archibald Angeber

Frau F. meint: Ich würde sehr gern Leserbriefe schreiben, bitte aber ausdrücklich darum, meinen Namen und meinen Wohnort nicht zu veröffentlichen. Könnte ich mir nicht einen Künstlernamen zulegen, um meine Anonymität zu wahren? Ich lese im Volksfreund doch des öfteren Artikel, wo Menschen aus Gründen des Personenschutzes anonym bleiben dürfen oder einen anderen Namen erhalten. Haben Leserbriefschreiber keine Lobby? Falls dem so wäre, fände ich es sehr schade.

Liebe Frau F.,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich habe Verständnis für Ihren Wunsch, anonym zu bleiben, kann aber keine Ausnahme zulassen. Warum?

Immer wieder erreichen uns „Leserbriefe“ ohne Absender oder mit Fantasie-Namen gezeichnet – mit der Bemerkung, wegen der Brisanz des Themas müsse der Schreiber unerkannt bleiben. Publiziert werden solche Briefe nicht. Der Presserat sagt: „Bestehen Zweifel an der Identität des Absenders, soll auf den Abdruck verzichtet werden. Die Veröffentlichung fingierter Leserbriefe ist mit der Aufgabe der Presse unvereinbar.“ Von formalen und juristischen Fallstricken abgesehen: Leserbriefe sind Meinungsbeiträge. Die Verwendung eines Pseudonyms macht die Meinung beliebig. Wen interessiert, was die fiktive Leserin Frieda Frech über den Bischof denkt? Oder der fiktive Leser Archibald Angeber über die Ministerpräsidentin?

Etwas völlig anderes ist die Anonymisierung in redaktionellen Artikeln. Ein Tipp von Frieda Frech oder Archibald Angeber mag den Anstoß für eine dolle Enthüllungsgeschichte liefern. Bevor jedoch eine Nachricht daraus wird, braucht es Recherche. Gründliche Recherche. Und mitteilsame Informanten, die Kenntnis von Vorgängen besitzen, an die Journalisten (und somit die Öffentlichkeit) nicht ohne weiteres herankommen. Insider, die bereit sind, etwas preiszugeben, ohne selbst in Erscheinung zu treten.

Wer uns vertrauliche Einblicke gewährt, muss nicht fürchten, dass seine Identität bekannt wird. Die Quellen sind geschützt, das garantiert die im Grundgesetz verankerte Pressefreiheit (Artikel 5, Absatz 1). Und das Redaktionsgeheimnis hat selbst vor Gericht Bestand (Zeugnisverweigerungsrecht § 53 StPO, § 383 ZPO). Kein Informant wird in der Zeitung „geoutet“. Also: Füttern Sie uns, meinetwegen inkognito!

Der Unterschied: hier Briefe von Lesern, die für sich stehen – dort Beiträge von Redakteuren, die Informationen (möglicherweise anonym zugespielt) aufbereiten und einordnen. So wie ich das in dieser Kolumne tue.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart