Versuch und Irrtum

Walter Ferner aus Bitburg schreibt: An der täglichen Zeitung merkt man gleich, dass der Volksfreund eine neue Druckmaschine hat, die viel mehr kann als die alte. Mir fällt nämlich auf, dass mehr und mehr Fotos von allen möglichen Festen oder sonstigen Angelegenheiten in die Zeitung gepackt werden. Vielleicht gefällt das vielen Abonnenten, auf alle Fälle werden mit den großformatigen Fotos die Seiten schneller voll, ohne viel Information abzugeben.

Was mich aber mehr noch bewegt ist die Art, wie die TV-Redakteure Berichte mit reißerischen Überschriften verfassen, wie sie sonst in der Zeitung mit den großen Buchstaben zu lesen sind. So steht in der Volksfreund-Ausgabe vom 15. Oktober auf der Eifel-Seite: „Toter Keiler bleibt am Straßenrand liegen.“ Ein Farbfoto zeigt ein totes Wildschwein am Straßenrand. Ein Frischling, soweit in Ordnung. Aber liest man den Bericht, ergibt sich ein total anderes Bild. Ein Autofahrer hat ein Wildschwein gerammt und „durch die Wucht des Aufpralls wird der 80 Kilo schwere Keiler mehr als 20 Meter durch die Luft geschleudert und landet auf einem privaten Acker, wo er sein Leben aushaucht.“ Was ist nun wahr, Frischling am Straßenrand (Foto) oder Keiler auf dem Acker (Text)? Hat der Volksfreund diese Art der Information nötig?

Dieselbe Ausgabe, letzte Seite, Rubrik „Für Kinder“: Verschwundener Papagei lernt Spanisch. Ja, wie geht das denn, wie kann man das wissen? Der Vogel ist doch offensichtlich weg! Eine Überschrift, geeignet für Kinder, die nicht lesen können.

Lieber Herr Ferner,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Sie werfen drei Fragen auf, die mit dem Handwerk des Journalismus zu tun haben. Ein Handwerk, das es erfordert, jedes Thema, jeden Text neu zu denken, neu anzugehen – und das ein bisschen nach der Methode „Versuch und Irrtum“ funktioniert. Ein ständiges Ausprobieren, ohne DIN-Normen. Schauen wir mal, wie viel Irrtum in Ihren Beispielen steckt:

1. Viele Bilder, weniger Information? Es passiert mehr Berichtenswertes auf der Welt, als in eine Zeitung passt. Für die großen Geschichten gibt’s Platz satt, für die (vermeintlich) kleinen oft nicht. Die Lösung, mit der die Volksfreund-Redaktion seit einiger Zeit in den Lokalteilen arbeitet: Nachrichten im Bild. Eine Art gedrucktes Facebook.

Normalerweise bringen wir auf einer Seite zwei bis drei umfangreichere Artikel samt Foto unter plus einige kurze Meldungen. Dank der Nachrichten im Bild schaffen wir es, den Raum effizienter zu nutzen und acht bis zehn Ereignisse zu berücksichtigen – die ansonsten großteils gar nicht den Weg ins Blatt finden würden. Also: viele Bilder, mehr Information!

Die Wertung: kein Irrtum.

2. Keiler oder Frischling? O je, eine klassische Text-Bild-Schere. Überschrift und Inhalt des Artikels harmonieren nicht mit dem Foto. Das erzeugt Verwirrung und Irritation und kommt, alles in allem, zu häufig vor.

In unserem Fall hilft es nichts, dass in der Bildunterzeile eine Erläuterung geliefert wird: „Was geschieht mit den Kadavern von Wildtieren – im Foto ein Frischling – , die Opfer eines Unfalls geworden sind. Der TV ist der Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Es kommt ganz darauf an. Symbolfoto: dpa“.

Der Hinweis, dass es sich um eine symbolische Illustration handelt und nicht der Original-Tatort gezeigt wird, rauscht am flüchtigen Leser vorbei. Schade, eigentlich eine gute Story.

Die Wertung: Irrtum.

3. Versprochen, gehalten? Knapp daneben ist auch vorbei. Die Überschrift „Verschwundener Papagei lernt Spanisch“ hält nicht, was sie verspricht. Sie ist, zumindest bei spitzfindiger Interpretation, ungenau und unzutreffend. Der Vogel ist wieder zurück, seine Flucht – während der er eine neue Fremdsprache gelernt hat – längst beendet.

Die Wertung: halber Irrtum.

Fazit: Irren ist menschlich, aber nicht jeder Irrtum gleich eine Tragödie. Oder, wie es der wundersame Papagei ausdrückt (angeblicher Lieblingsspruch): no problema – kein Problem.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart