Diagnose: Fehleritis

Alfred Schilz aus Trier schreibt: In der Ausgabe vom 4. September lese ich auf Seite 27, dass in der Stadt Kevelaer am Niederrhein bei einem Autounfall vier Frauen ums Leben kamen, in der Überschrift aber „nur“ auf zwei Frauen als Opfer hingewiesen wurde. Wie kommt’s?

Wenn ich den Text richtig lese, sind „zwei 40 und 68 Jahre alte Frauen aus den Niederlanden“ gestorben. Also vier Frauen. Sollten es aber „nur“ zwei gewesen sein, was bedauerlich genug wäre, sollte man richtigerweise „eine 40-jährige und eine 68-jährige“ schreiben.

Es erstaunt immer wieder und macht immer wieder Ärger, wenn ein Blatt wie der TV, entweder ungeprüft von anderen Blättern übernommen oder von eigenen Berichterstattern verfasst, seinen Lesern solche Unstimmigkeiten vorsetzt.

Wie oft schon in der Vergangenheit ist angemahnt worden, vor der Drucklegung genauer hinzusehen und die Verfasser auf seinen/ihren in Teilen falschen Schreibstil hinzuweisen.

So zum Beispiel auch, dass zwei nebeneinander stehende Kinderwagen keine „zwei Kinderwägen“ sind, sondern immer noch „zwei Kinderwagen“. So kann man vermeiden, dass den Lesern bei der morgendlichen Zeitungslektüre „die Krägen platzen“!

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass den kleinen, kaum sichtbaren „Entschuldigungen“, die mit Regelmäßigkeit im Blatt zu finden sind, ein besser sichtbarer Platz einzuräumen wäre, und rege deshalb an, verpatzte Artikel, Falschdaten oder Schreibfehler zu sammeln und jeweils am Ende eines Monats eine komplette Seite mit Entschuldigungen zu füllen. Die Gestaltung einer solchen Seite – die ganz sicher allmonatlich voll würde – wäre ein Übungsstück für angehende Journalisten und würde ihnen auf jeden Fall wichtige Erkenntnisse vermitteln.

Lieber Herr Schilz,

vielen Dank für Ihren Brief und den originellen Vorschlag: Steckt die (Nachwuchs-)Journalisten einmal im Monat in eine Art Karzer, um ihnen die Fehleritis auszutreiben!

Pädagogisch wertvoll? Ich weiß nicht. Wer einen Fehler macht, ärgert sich. Wer einen Fehler zugibt, korrigiert und sich dafür entschuldigt, verdient Respekt. Das ist meine Meinung.

Seien Sie versichert: All das wird Tag für Tag in der Redaktion thematisiert, analysiert, diskutiert: gelungene, zur Nachahmung empfohlene Beiträge (die als selbstverständlich wahrgenommen werden) ebenso wie Mängelexemplare (auf die jeder mit dem Finger zeigt).

Im vorliegenden Fall findet sich die grammatikalische Unschärfe bereits im Urtext der Deutschen Presseagentur (dpa). „Zwei 40 und 68 Jahre alte Frauen.“ Unglücklich formuliert, missverständlich – und so vertrackt, dass es beim Bearbeiten niemandem aufgefallen ist.

Die Korrektur-Spalte ist nicht gedacht als ein Pranger, an dem Verfehlungen angeschlagen werden, auf dass sich die Übeltäter öffentlich geißeln (lassen). Sondern als ein Weg, um die Leser schnell und transparent zu informieren.

Fehler passieren, in den Medien wie im richtigen Leben. Manche Blätter gehen zurückhaltend damit um (in der Zeit bis vor kurzem verschämt „Errata“ genannt), andere geradezu kultisch (wie die New York Times, die neulich einen falsch geschriebenen Namen korrigierte – 161 Jahre, nachdem die Meldung erschienen war).

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart