Die Wächter

Klaus Finken aus Birgel in der Eifel schreibt: Immer stelle ich fest, dass Ihre Redakteure, zum Beispiel Fritz-Peter Linden und Mario Hübner, ihre Meinung zu bestimmten Ereignissen, Artikeln äußern. Wer will schon die unmaßgebliche Meinung des Redakteurs lesen?

Hier wird die Meinung eines Einzelnen veröffentlicht, die stark tendenziell gefärbt ist. Die Äußerungen werden ohne entsprechendes Hintergrundwissen, ohne Anhörung aller Sichtweisen und ohne Kenntnis der Rechtslage veröffentlicht, um Einfluss auf die Meinungsbildung zu nehmen.

Wenn der TV als unabhängig und neutral gelten beziehungsweise werden will, sollten die Redakteure sich zurückhalten.

Lieber Herr Finken,

vielen Dank für Ihre Mail. Eine Zeitung ohne Meinungsbeiträge? Hmm, das würde bedeuten: keine Kommentare, keine Glossen, keine Theaterkritiken, keine Analysen, keine Leserzuschriften. Nur Nachrichtentexte, in denen die W-Fragen beantwortet werden: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? So sachlich, nüchtern und objektiv es eben geht.

Hmm hmm hmm. Ich fürchte, eine solche Zeitung wäre langweilig und das Gegenteil von Meinungsfreiheit – weil niemand mehr seine Meinung äußern dürfte. Allenfalls eine gesteuerte, dem Herausgeber genehme, so wie anno dunnemals in der Prawda, dem Zentralorgan der kommunistischen Partei in der Sowjetunion. Was nicht genehm ist, wird zensiert – und nicht veröffentlicht. Kritik am Regime? Njet!

Zum journalistischen Handwerk gehört es, klar zu trennen zwischen Nachricht und Meinung. Nachricht = Fakten, nachprüfbar. Meinung = Interpretation der Fakten, ein Stück weit subjektiv. Und bewusst zugespitzt, um die Leser zum Nachdenken anzuregen. Getreu dem Wahlspruch: Was nicht trifft, trifft auch nicht zu.

Kritik an den Regierenden? Aber ja! Journalisten verstehen sich (auch) als Wächter der Demokratie, die den Mächtigen auf die Finger schauen – und bei Bedarf draufklopfen. In Kommentaren, denn in Nachrichten8texten sind Wertungen tabu.

Ganz egal, wer in Berlin (oder in Mainz oder in Trier oder in Birgel oder anderswo) in welcher Konstellation das Sagen hat: Für gute Arbeit gibt’s Lob von den Kommentatoren, wer eine miese Vorstellung abliefert, muss mit Tadel rechnen.

Anhand der Fakten kann und soll (!) sich jeder Leser eine eigene Meinung bilden. Kommentare sind ein Angebot, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, keine Beeinflussung, keine Manipulation der Öffentlichkeit.

Niemand ist gezwungen, die Sichtweise von Redakteuren zu teilen. Und niemand behauptet, dass diese Sichtweise die einzig wahre und richtige ist. Wer mag, ist aufgerufen, seine womöglich völlig konträre Auffassung mitzuteilen, etwa in Leserbriefen.

Dieses Forum ist das beste Beispiel: Sie, lieber Herr Finken, haben die Freiheit, zu erklären, dass Sie Kommentare in Zeitungen für verzichtbar halten. Ich habe die Freiheit, zu erklären, dass ich Kommentare in Zeitungen für unverzichtbar halte.

Die Vielfalt der individuellen Meinungen garantiert die Unabhängigkeit. Das ist: meine unmaßgebliche Meinung.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Die Wächter

  1. Das ist natürlich alles richtig, dennoch bleibt – abseits der ursprünglichen Fragestellung – anzumerken, dass die Möglichkeiten, die eigene Meinung möglichst breit zu streuen, sehr unterschiedlich sind.

    Hier haben Zeitungsredakteure naturgemäß einen klaren Vorteil gegenüber dem gemeinen Leserbriefschreiber oder Blogger. Veröffentlichen ist für letztere einfach geworden – doch eine geäußerte Meinung ist noch lange keine wahrgenommene Meinung.

    Was Leserbriefe betrifft, sitzt denen natürlich stets der redaktionelle Gatekeeper im Nacken. Hier ist einerseits der Zugang zur Öffentlichkeit bereits eingeschränkt, andererseits auch die Stoßrichtung der Meinungsäußerung in Gefahr: Redaktionelle Kürzungen sind ein scharfes Schwert und können das eigentlich Gesagte ins genaue Gegenteil verkehren. Letzteres ist mir auch schon passiert, damals, als Ausschnitte aus den TV-Blogs noch den Weg in die Druckausgabe schafften. Ich fühlte mich, ganz ohne Verlaub, schwer verarscht.

    Was, um auf das ursprüngliche Thema zurückzukommen, nichts daran ändert, dass in eine Zeitung nicht nur objektive Berichte, sondern auch subjektive Meinungsäußerungen in Form von Kommentaren und Leserbriefen gehören. Die Leserteilhabe via Blogs hat der TV allerdings grandios in den Sand gesetzt – auch wegen der oben geschilderten Problematik.

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