Das Ende der Geschichte

Tobias Mai aus Zeltingen-Rachtig schreibt: Lektor = Fehlanzeige? Der TV entwickelt sich langsam, aber sicher zum Käseblatt Nummer eins. Kaum eine Ausgabe erscheint ohne Rechtschreibfehler oder sachlich falsche Artikel. So werden Reiseführer auf der Titelseite schon mal zu Reisführern, Eichen stürzen nicht kurz vor 22 Uhr, sondern nur mal kurz auf Häuser, oder der 1. FCK gewinnt gegen Köln, obwohl sie nicht einmal gegeneinander gespielt haben. Der Unterschied von fünf Kunden und fünf Prozent ist den Verfassern der Artikel auch nicht bekannt. Da könnte ich noch lange weiterschreiben.

Vielleicht sollte man einfach mal Korrektur lesen, was in Ihrer Zeitung jeden Tag veröffentlicht wird. Zumindest eine Titelseite ohne Inhalts- und Rechtschreibfehler kann man für sein Geld ja wohl erwarten!

Lieber Herr Mai,

vielen Dank für Ihre Mail. Ja, das ist sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr sehr ärgerlich. Diese Fehler, verflixt noch mal. Im Volksfreund und in allen anderen Blättern, ob es die Zeit ist, die Frankfurter Allgemeine oder die New York Times.

Die Redaktion dieser Zeitung strengt sich mächtig an, um Fehler zu vermeiden. Und doch passiert es ab und an. Unter Stress. Aus Schusseligkeit.

Ganz allgemein und ganz grundsätzlich: Der Mensch an sich ist fehlerhaft, und die Maschinen, auf die der Mensch sich verlässt, ebenfalls. Niemand ist vollkommen. Keiner der 7,2 Milliarden Erdlinge.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Ein Bonmot von Albert Einstein, der als relativ genial gilt und einer der Größten unserer Spezies überhaupt. Perfekt war der Physiker nicht. Natürlich nicht.

Wie sähe eine Welt aus, in der es keine Fehler gäbe? Die Menschen wären Roboter. Alle würden die Schule mit einem Notenschnitt von 1,0 absolvieren. In der Bundesliga wäre jeder Schuss aufs Tor ein Treffer. Und Jahr für Jahr bekämen 7,2 Milliarden Schlaumeier den Nobelpreis. Dasselbe Wissen, dieselbe Meinung, derselbe Kontostand.

Ach, wenn alle alles richtig machten … wäre es entsetzlich langweilig. Die Menschen wären keine Menschen mehr. Es wäre: das Ende der Geschichte.

Fehler sind wichtig – für die Evolution. Jeder Fehler bringt die Menschheit voran. Weil wir lernen. Und uns entwickeln. Der Fortschritt ist eine Schnecke, und doch: Wir besiegen schlimme Krankheiten, wir hören vielleicht irgendwann auf, Kriege zu führen, und wenn wir ganz doll ranklotzen, werden wir es sogar schaffen, das Dschungel-Camp von RTL abzureißen.

Dass wir allerdings eines fernen Tages in einer Welt ohne Rechtschreibfehler leben, kann ich mir nicht vorstellen. Es sei denn, die Texte würden nicht mehr von Menschen geschrieben, sondern von Maschinen. Von makellosen Maschinen. Zusammengebaut von anderen makellosen Maschinen. Denn solange das Menschen tun …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart