O du fröhliche oder: Djangos Gesetz

Doris Wendler aus Pronsfeld schreibt: Seit ich den Artikel über den Neuerburger Weihnachtsmarkt (TV vom 7. Dezember, nur Eifel-Ausgaben) gelesen habe, frage ich mich, wie stellt man eine lebende Grippe eigentlich dar?

 Gibt es da statt blökender Schafe hustende und schniefende Virengrüppchen? Was zieht man Bakterien an? Sind die Geschenke der Heiligen Drei Könige Taschentücher? Gibt es für das „Grippespiel“ Vorlagen, insbesondere hinsichtlich der Kostüme? Bei dem großen Erfolg in Neuerburg möchten bestimmt auch andere Veranstalter mit einer solchen Aufführung ihren Markt aufwerten. Auf jeden Fall hat das Vier-Augenprinzip des Korrekturlesens wohl mal wieder versagt.

Liebe Frau Wendler,

vielen Dank, die Diagnose ist eindeutig: schlimmer Virenbefall trotz Schutzimpfung; der Patient fiebert, rotglühend – vor Scham. Ich hoffe, dass der Nikolaus sich nicht infiziert hat.

Was tun? Statt der x-ten Spurensuche, wie diese abscheuliche Mikrobe ins Blatt gekrochen sein mag, schauen wir uns einige Verhacker-Verhunzer-Vertipper an, die NICHT gedruckt worden sind – weil das Lektorat sie entdeckt und in Quarantäne gesteckt hat. Man muss es gesehen haben, um es nicht zu glauben; ich habe aus den Fundstücken eine Geschichte gesponnen:

Im Gesichtsbuch steht es schwarz auf weiß: Die Kröver Nachtarschfigur birgt dunkle Geheimnisse. Sie trohnt stolz auf ihrem Podest und schlägt – wenn keiner hinschaut – heimlich den Fick-Flack, eine Turnübung. Kostenprobe gefällig?

Der Musikverein Thalfang eiert sein 90-jähriges Bestehen, und der Hundheimer Musikverein Stumpfer Hund (statt: Stumpfer Turm) blickt stolz auf seine Geschichte zurück.

Immer noch besser, als würden sich Städte und Dörfer zu Unternehmen zusammenschießen. Und womöglich die Zahlungsfähigkeit riskieren. Aber das wissen wir erst, wenn die Politiker wieder aufeinander treten, vermutlich in Synagogen und Beeträumen, denn die Ämter sind ja ganztätig geschlossen. All das könnte zur Zitterpartei werden, besonders für Partievorstand und Geschäftsfährung.

Vorsicht, bei üherhöter Geschwindigkeit droht Gefahr, dass der Fahrer das Wildschein frontal rammt. Wenn’s kracht, muss ein Mediziner ran – vielleicht jene berühmte Konifere, die mit großem Erfolg in deutschen und holländischen Klinken praktiziert? Sie ist, so heißt es, als Bürgerkriegsflüchtling gedudelt.

Selbst Stilisten, die auf Trapp sind, vergaloppieren sich mitunter. Etwa wenn sie über jemanden fabulieren, der per Magensonde erwähnt werden muss! Das Opfer: Ein frisurproblembeladener Oberleerer, der viel dazu beigetragen hat, dass Französisch an den Grundschulen schwer beleibt ist.

Und deshalb: Ich freue mich … auf die Gesichter der lieben Mitmenschen, denen ich am Nikolaustag die Route zeige. Eine Rute,  die direktemang ins Nirgendwo führt. O du fröhliche!

Fehler also. Menschlich, unvermeidlich, ärgerlich. Entscheidend für mich: Wie gehst du damit um? Spielen wir das am Beispiel der Orthografie mal durch:

Antwort A: Du ignorierst sie. Mir doch egal. Fehler? Passieren sogar Genies. „Mir […] war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig“, meinte der Dichterfürst Goethe. „Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man ihnen damit sagen wollte.“

Antwort B: Du ärgerst dich über dich selbst. Himmel, Arm und Wolkenmann. Sappradi. Verflixt und zugenäht. Satanarchäolügenialkohöllische Ameisengrütze. So, das muss raus.

Antwort C: Du wunderst dich, dass die Airbags versagt haben: Die dumme Maschine? Versagt. Die vier Kollegen-Augen, die drüber gelesen haben? Versagt. Die Lektoren? Versagt. Murphys Gesetz, was schiefgehen kann, geht schief.

Antwort D: Du ärgerst dich, du wunderst dich, du analysierst – und überlegst, wie du es beim nächsten Mal anpacken wirst, um die Menschheit voranzubringen und die Welt zu retten.

Ich wähle Antwort D, natürlich. Lerne aus deinen Fehlern! Eine Maxime, die ich, analog zu Murphy, dem Unheilspropheten, ab sofort Djangos Gesetz nenne (für Insider: Das D ist stumm).

Und nun? Vier Möglichkeiten:

Antwort A: Du änderst nichts. Pah, im Schnitt unterlaufen dir ein bis maximal zwei Patzer pro Jahr. Kein Grund, sich aufzuregen. Bloß kein Stress.

Antwort B: Du beschließt, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Wer nichts macht, macht nichts falsch.

Antwort C: Du schaffst für teuer Geld ein besseres Korrekturprogramm an, wirfst alle Mitarbeiter, die versagt haben, raus und stellst andere ein (wohl wissend, dass es nicht helfen wird – der nächste Fehler kommt bestimmt. Irgendwann, irgendwo, irgendwie).

Antwort D: Du überprüfst die Strategie, die Taktik, die Mannschaftsaufstellung. Du hinterfragst die Abläufe in der Qualitätskontrolle, du schraubst hier ein wenig, dort ein wenig. Du lässt deine Augen checken, kaufst dir eine neue Brille, spannst aus (diese ewigen 60-Stunden-Wochen, was Wunder, dass die Aufmerksamkeit nachlässt). Du ahnst, dass es hilfreich wäre, sich intensiver um deine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und nicht so viel Zeit darauf zu verwenden, jedes PAL (Problem anderer Leute) zu lösen … und vor allem: Du grübelst nicht herum und lässt den Fehlerteufel mal Fehlerteufel sein. Alles wird gut.

Ich wähle D: Djangos Gesetz.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich eine schöne Zeit! Nach den Weihnachtstagen sehen, hören, schreiben, lesen wir uns wieder.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart