Don Quijote und der Dass-Satz

Hartmut Schmidt aus Daun schreibt: Hallo verehrter Herr Reinhart, zu meiner regelmäßigen Lektüre gehören Ihre Beiträge zur Sprache in der Zeitung. Es vergeht allerdings kein Tag, an dem nicht in irgendeinem Text im TV der oder die Verantwortliche für den Text mit „das“ und „dass“ grundsätzliche Probleme hat.

Ein Beispiel finden Sie etwa in der Ausgabe vom 30. November auf Seite 16: „Du wirst für ein Verbrechen angeklagt, dass du nicht begangen hast“ (im „Extra zur Person“ über Rechtsanwalt Otmar Schaffarczyk). Aber auch der umgekehrte Fall, dass anstelle „dass“ das langgesprochene „das“ im Text erscheint, ist ständige Übung im TV.

Sehen Sie eine Möglichkeit, das (!) abzustellen / dass das (!) abgestellt werden kann?

Ihr treuer Leser Hartmut Schmidt

Lieber Herr Schmidt,

vielen Dank für Ihren Brief.

O weh! Fehler passieren, doch solche Fehler sind peinlich.

Das oder dass? Wer mit dem Schreiben und Bearbeiten von Texten sein Geld verdient, muss wissen, dass sich das Das im Das-Satz von dem Dass im Dass-Satz unterscheidet. Punkt.

In der Online-Ausgabe des Dudens steht: „Dieses Wort oder diese Verbindung ist rechtschreiblich schwierig.“ Schau’ mer mal, was daran so schwierig ist, und was der Duden lehrt:

  • Mit nur einem s schreibt man das bezügliche Fürwort (Relativpronomen) „das“:

Er betrachtete das Bild, das an der Wand hing.

„Das“ bezieht sich auf ein Substantiv im vorangegangenen (Haupt)satz und lässt sich meist durch „welches“ ersetzen.

  • Ebenfalls mit nur einem s schreibt man das Demonstrativpronomen „das“:

Das habe ich nicht gewollt.

Hier lässt sich „das“ meist durch „dieses“ ersetzen.

  • Schließlich wird auch der sächliche Artikel mit nur einem s geschrieben:

Sie hoffte, das Krankenhaus bald verlassen zu können.

Auch hier lässt sich „das“ meist durch „dieses“ ersetzen.

  • In allen anderen Fällen handelt es sich um die mit zwei s zu schreibende Konjunktion (das Bindewort) „dass“:

Ich weiß, dass es schon ziemlich spät ist.

Dass es schon ziemlich spät ist, weiß ich.

Die Konjunktion „dass“ verbindet Nebensätze meist mit Hauptsätzen, in denen Verben wie „behaupten, bestätigen, denken, glauben, hoffen, meinen, sagen, versprechen, wissen“ vorkommen. Sie kann nicht durch „dieses“ oder „welches“ ersetzt werden.

So weit die Empfehlungen des Wörterbuchs (zitiert aus duden.de). Das oder dass? Kein Hexenwerk, meine ich! Und doch ein ewiges Mirakel.

Was unternimmt die Volksfreund-Redaktion gegen die mählich sich ausbreitende Seuche? Vier-Augen-Prinzip beim Gegenlesen, elektronische Prüfung aller Texte , ein Team von erfahrenen Lektoren, das weiter aufgestockt wird.

Es ist ein bisschen wie Don Quijotes aussichtsloser Kampf gegen die Windmühlen: Je heftiger er das Problem attackiert, desto mehr entfernt er sich von der Lösung. Der idealistische Träumer endet als Ritter von der traurigen Gestalt.

Besteht Hoffnung? Mir schwant, dass sich die Rechtschreib-Malaise zuspitzen wird.

Jüngst las ich im Spiegel (der den Mythos, fehlerfrei zu sein, längst eingebüßt hat): „Viele deutsche Schüler lernen, nach Lauten zu schreiben – oft mit katastrophalen Spätfolgen für die Orthografie. Daran dürfte sich in Zukunft wenig ändern. Etliche angehende Lehrer haben selber Schwierigkeiten mit ihrer Muttersprache.“ Womit wir beim Kern des Windmühlen-Problems wären: Immer weniger (junge) Menschen können richtiges Deutsch! Jeder fünfte Lehramtsstudent ist einer Studie zufolge „stark“ oder „sehr stark förderbedürftig“! Universitätsprofessoren berichten von gruseligen Sprach-Schlampereien gar in Doktorarbeiten!

Sieht so aus, als hätten die Altvorderen recht: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wenn Hänschen in der Schule nicht lernt, dass „das“ und „dass“ nicht dasselbe sind, lernt Hans es im Studium auch nicht. Und danach? Nimmermehr. Dass in sozialen Netzwerken wie Facebook jeder – ohne Rücksicht auf Rechtschreib-Verluste – gruschelt, wie es ihm beliebt, verstärkt den Trend.

Die Sprachdisziplin verfällt. Ein gesellschaftliches Phänomen, das seit längerem zu beobachten ist – und vor Zeitungsredaktionen nicht haltmacht. Bitte nicht falsch verstehen: Das ist keine Ausrede für orthografische Fehler. Jeder einzelne tut weh. Jeder einzelne wird bekämpft.

Auf geht’s, Sancho Pansa, reich’ mir die Lanze, die Windmühlen, die Windmühlen …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart