Die große Erzählung

Elmar Kanz aus Prüm schreibt zu dem Beitrag „Traumatischer Weg aus Afghanistan“ (TV vom 25. November): Es scheint mir, dass das Verb „erzählen“ in dem Artikel reichlich strapaziert wird. Fällt so etwas eigentlich niemandem auf? Wo bleiben die sonst doch so eifrigen TV-Redigierer? Sieben Mal in einem ziemlich kurzen Text dasselbe Wort. Das gäbe es in keinem Schulaufsatz. Kein Ruhmesblatt für den TV. Note sechs!

Im Übrigen steht „erzählen“ eher für Märchen oder Geschichten, weniger für dramatische Ereignisse, die man schildert oder über die man berichtet. Als ehemaliger volksfreundlicher Mitarbeiter tut es mir weh, so etwas lesen zu müssen.

Lieber Herr Kanz,

vielen Dank für Ihren Brief. Stimmt! Stilistisch missglückt.

„Erzählen“ klingt nach Märchen, nach den Brüdern Grimm, nach Tausendundeiner Nacht. In harten Nachrichtentexten wirkt das Verb unpassend, weil es dem Leser signalisiert: schöne Geschichte, die mir da „erzählt“ wird, aber ist die auch wahr?!

Besser bei direkten Zitaten: „sagen“; das ist einfach, sachlich, wertfrei. Wird leider oft durch ein „so“ ersetzt. „Sehr unschön“, so der Dichter. Haben Sie schon mal „gesot“? Nein. Quatsch.

Die Wortwiederholung als rhetorische Figur kann überaus effektvoll sein. Ein Beispiel: Der Schriftsteller Antonio Tabucchi hat seinen Roman „Erklärt Pereira“ (1994) auf dem Prinzip der Repetitio aufgebaut. Die Formel „Erklärt Pereira“ zieht sich durch das gesamte Buch, in dem Dr. Pereira (fiktiv) einem Autor (fiktiv) sein Leben erzählt (hier passt das Verb!). Die erfundene Geschichte um Repression und Zensur im Regime des portugiesischen Diktators Salazar liest sich packend wie ein Augenzeugenbericht, wie eine authentische Aussage. Großartige Literatur, nicht zuletzt dank des Kunstgriffs der ewigen Wortwiederholung. Derlei funktioniert nicht immer, in Gebrauchstexten wie in unserem Fall dräut Langeweile mangels Variatio.

Was mir auffällt: Seit einigen Jahren ist von „Erzählung“ die Rede, wenn in den Medien bedeutsame Themen besprochen werden. Das Afghanistan-Abenteuer der USA und ihrer Verbündeten, eine große Erzählung unserer Zeit. Der Spionage-Skandal um die amerikanischen Geheimdienste, eine große Erzählung unserer Zeit.

Oder umgekehrt: Es gibt keine großen Erzählungen mehr. Die großen Erzählungen der Freiheit, der Emanzipation haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, las ich neulich in der Berliner tageszeitung (taz). Und dass wir ein neues Narrativ brauchen, eine neue große Erzählung von Hoffnung und Angst und so.

Genug erzählt. Ein anderes Mal mehr davon.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart