Es irrt der Mensch, solang er strebt

Franz-Josef Kaspers schreibt per E-Mail zum Artikel „,Büro-Versehen’ lässt Malu Dreyer alt aussehen“ (TV vom 3. Oktober):

Liebe Volksfreund-Redakteure,

wenn ich Redakteur Ihrer Zeitung wäre, hätte ich mir genau überlegt, ob ich diesen Artikel über unsere Ministerpräsidentin gleich auf der ersten Seite platziert hätte. Vielleicht würde ich ihn auch gleich ganz weglassen. Gerade der Trierische Volksfreund ist bekannt dafür, dass Tag für Tag einige Beiträge und Kommentare derart viele Fehler, sprich Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, Flüchtigkeitsfehler, Wiederholen von Sätzen in der nächsten Zeile und so weiter veröffentlicht werden, dass man sich fragen muss, liest hier jemand das Geschriebene überhaupt noch mal durch? Es scheint so, dass Ihre Korrekturleser mit anderen Arbeiten beschäftigt sind, nicht aber mit Ihrer wirklichen Aufgabe.

Also, lieber Volksfreund, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Das gilt für die ganze schreibende Zunft.

?Zum selben Thema meint Damian Gindorf aus Trier (unter gelegentlicher Verwendung der Syntax und Wortwahl aus dem genannten Artikel):

Sehr geehrte Redaktion,

der Artikel zu dem fehlergespickten Brief an Kanzlerin Merkel vom Büro der Ministerpräsidentin „hat gestern für reichlich Gesprächsstoff und Häme gesorgt“.

Ob die Redakteure Ihres Trierischen Volksfreunds früher gute Schüler waren, ist nicht bekannt. Sicher aber ist: In beinahe jeder Ihrer täglichen Ausgaben findet sich mehr als ein solcher „Rechtschreibfehler“, der im Übrigen mehr als Grammatikfehler zu bezeichnen ist.

Wer zwischen den Worten „das“ und „dass“ nicht zu unterscheiden vermag, sollte sich mit übermäßiger Kritik an der Orthografie und Grammatik eines hochoffiziösen Schreibens deutlich zurücknehmen. Fest steht, dass die personalisierte Kritik an Malu Dreyer auf der Titelseite unangebracht ist und „extrem peinlich obendrein“.

So sagt das Schreiben genauso wenig über die Deutschkenntnisse von Frau Dreyer aus wie Ihre allgemein hohe Fehlerquote über das Rechtschreib- und Formulierungsvermögen eines einzelnen Redakteurs. Aber „wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“

So gab es am Donnerstag hämische Kommentare: „Ausgerechnet der TV lacht über die Deutschqualität der Ministerpräsidentin.“ Die Antwort auf die Frage, ob eine Entschuldigung für den Artikel noch folgt, gestaltet sich hingegen weiterhin offen. Die Beurteilung, ob eine wertende Einschätzung in dem Artikel einer Zeitung, die „unabhängig, überparteilich, gegründet 1875“ ist, seine Berechtigung hat oder unter die Rubrik „Kommentar“ fällt, steht ebenso noch aus.

Aber nicht die unumgängliche Schlussfolgerung, das Ihre Redaktöre des Trierische Folksfreunds demnächst etwas genauer hinschauen dürften, wenn es um korrekte Krammatik und Ortografie Ihrer eigenen Schaffenswerke oder die der dpa geht.

?Lieber Herr Kaspers,

lieber Herr Gindorf,

vielen Dank für Ihre Schreiben. Was lehrt uns der Fall?

?Drei Thesen:

1. Menschen machen Fehler.

2. Auch wichtige Menschen (hier: Ministerpräsidentin) machen Fehler.

3. Sogar ganz wichtige Menschen (hier: Bundeskanzlerin) machen Fehler.

?Drei Beweise:

1. Hätten unsere Vorfahren nicht den krassen Fehler (!) begangen, von den Bäumen herabzusteigen, säßen wir immer noch droben. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Fehler. Wir haben das in dieser Kolumne dutzendfach besprochen, ich zitiere aus einem früheren Beitrag:

„Es ist und bleibt der menschliche Makel, seit Anbeginn der Zeiten: Fähler über Fähler. Ohne Fähler hätte Christoph Kolumbus nicht Amerika entdeckt und Alexander Fleming nicht das Penicillin. Ohne Fähler keine Teflon-Pfanne, kein Herzschrittmacher, kein Potenzmittel Viagra. Ist alles nur erfunden worden, weil jemandem ein Fähler unterlaufen ist.“

Unter den Milliarden falschen Entscheidungen, die Milliarden Menschen täglich treffen, gehören Rechtschreib-Klöpse in die Kategorie der lässlichen Sünden. Klar doch: Jeder orthografische Lapsus ist ärgerlich – im Volksfreund, in der Frankfurter Allgemeinen, im Spiegel, in Büchern von Nobelpreisträgern wie Günter Grass, in Mitteilungen von Ministerpräsidentinnen. Niemand grämt sich darüber mehr als die Urheber. Aber: Davon geht die Welt nicht unter.

?2. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Der Brief offenbart: die Regierung, das Volk – alle gleich, alle fehlbar. Rechtschreibschwäche als Merkmal der Demokratie. Liberté, Égalité, Fraternité, Orthogra…

Der Quell des Übels? Ein „Büro-Versehen“, sagt die Staatskanzlei. Da schreibst du Tausende von Briefen, keinen juckt’s, und der eine, der ein paar Patzer enthält, sorgt dafür, dass alle mit dem Finger auf dich zeigen. (Genauso ergeht es Zeitungsleuten; die Fehlerquote beim Volksfreund liegt bei 0,02 Prozent; dass 99,98 Prozent in Ordnung sind, interessiert nicht.)

?3. Wie gelangt ein Brief, den Frau Dreyer an die Bundeskanzlerin („persönlich“) schickt, in die Medien? Hat Frau Merkel eine Kopie zum Springer-Blatt Die Welt gebracht, „persönlich“? Mutmaßlich nicht, wohl jemand aus ihrem Umfeld. Um dem Gegner zu schaden, um Häme zu provozieren. Solch hinterfotziges Gebaren gilt nicht als Abweichung von der Regel (= Fehler), sondern ist die Regel: Politik, ein schmutziges Geschäft. Was niemanden erzürnt. Hauptsache, die Rechtschreibung stimmt.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart