Auf die Schrippe genommen

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie müssen jetzt tapfer sein: Sommerpause – das Forum schließt für vier Wochen. Zuvor werfen wir traditionell einen Blick in die Hexenküche des Lektorats. Und beschäftigen uns mit Verhackern, Vertippern, Verhunzern, die beim Korrekturlesen aufgefallen sind und nicht in die Zeitung gelangten. Zum Glück!

Wir wissen, dass wir nichts wissen. Niemand ist vollkommen, niemand ist unfehlbar. Kein Papst, kein Kaiser, kein Nobelpreisträger, nicht einmal der Autor dieser Zeilen.

In der Textproduktion widerfahren uns Unvollkommenen und Fehlbaren die wunderlichsten Malheurs! Wie schnell ist ein Buchstabe verdreht, verschluckt, versemmelt – und keiner merkt’s, trotz Kontrollen und Kontrollen und Kontrollen. Das ist ärgerlich, manchmal jedoch zum Schreien komisch.

Jörg Lehn, der Chef-Lektor des Volksfreunds, weiß ein Liedchen davon zu singen; seine Sammlung hohler Phrasen ist legendär. Hier einige neue Fundstücke aus seinem Sprachlabor, verpackt in eine klitzekleine Geschichte voller Fehler, wie sie sich im richtigen Leben natürlich nie ereignet – zu Ehren, na klar, des Druckfehlerteufels:

Sommer in der Stadt. Die Sonne kachelt erbarmungslos vom Firmament. Wie leicht holt man sich bei dieser Affenhitze einen Schwellbrand. Dagegen hilft keine Bandschutzsteuer. Sogar die Stielblüten verdorren; echt traurig, wie ihre Knöpfe hängen.

Siehst du den Zwei-Meter-Hühnen da vorne? Ich kenne ihn, er ist Basektballer und träumt vom größten Siel seiner Karriere. Und da, mitten in der Menge, ist das nicht Jean-Claude Jucker, der Luxemburger, mit seiner Schweigetochter?

Jetzt ein Eis am Stil, fruchtig, lecker, hmm! People watching, Leute gucken, abhängen im bequemen Sessel vor dem Café. All diese Beuscher, ähh Besucher, die vorbeischleichen, all diese Geld- und Rothäute, von der Sonne verbrutzelt, die ziellos umherstreifen – wo wollen die bloß hin? Ins Museum, zu den Hozpuppen im Pappenpalast? Ins Theater, wo die verlaufte Braut gesucht wird? Zum Bockflötenkonzert? Oder zum Aufritt des Kinderchors? Oft geht es auf der Bühne ja drunter und trüber; hui buh, da grinst das Schoßgespenst aus der Kulisse!

Also lieber gleich ins Gewebegebiet. Agility, dieses Hunde-Dings, ist ein Sport für Trier und Mensch. Wer mitmacht, kann sich der sinnlichen Bestätigung widmen. Zumal eine Sängerin das Ganze untermahlt. Rickeracke mit Geknacke.

So gut hätte ich es gerne mal, grummelt der Ortsversteher. Nach dem tödlichen Umsturz eines Baumes ist die Stimmung in seinem Sprengel gedrückt. Und dieses unsägliche Geschwafel über eine erkennbare Entlausung, pardon, Entlaubung!

Er ist genervt, er fühlt sich vervolgt, die Bürger bestürmen ihn mit einem Einswand nach dem anderen. Vielleicht droht sogar ein Misttrauensantrag, oder sie versuchen, ein Volksbegehren zu betragen.

Nur gut, dass der Zaun die Wildscheine fernhält. Sonst müssten die Jäger ran, mit Kleinkalieber und Luftgewähr. Wann ist noch mal Anmeldeschuss? Ärger, nichts als Ärger: Was Schwarz-Geld in Berlin verzockt, setzt ihm mental heftig zu, und sein holdes Weib quengelt pausenlos wegen der Empfängnisverhüttung.

Ach, er hat keine Lust mehr, sich auf die Schrippe nehmen zu lassen. Ständig diese Schulzuweisungen, er kann doch nichts dafür. Schluss. Aus. Feierabend. Raus aus dem Büro, rein ins Vergnügen; es locken jede Menge Cocktails und Gerilltes. Wo? In der Grullhütte. Wohl bekomm’s.

Danke, Jörg Lehn, liebes Lektorat, dass diese gemeinen Wechsstabenverbuchsler nicht original im Blatt waren …

Herzliche Grüße, bis neulich!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Auf die Schrippe genommen

  1. Der Artikel ist zwar schon etwas älter, habe ihn aber jetzt erst entdeckt. Mein Kollege am Nachbartisch schaut mich schon ganz komisch an, denn eigentlich sollte ich gerade eine wissenschaftliche Publikation lektorieren und er fragt sich wohl, wieso ich dabei so viel Spaß habe. Großartiger Artikel, bitte mehr davon!

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