Die Durchstecher

Fußball ist ein Massenphänomen. Millionen Menschen lieben das Spiel, ergötzen sich am Drumherum. Dass sich jedoch eine ganze Nation über die mitunter wundersamen Aufführungen im Ball-Theater ereifert, bis in die Spitzen der Politik hinein, kommt nicht alle Tage vor: Uli Hoeneß und der FC Bayern, Gesprächsthema Nummer eins.

Die Volksfreund-Leser diskutieren munter mit, und einige werfen die Frage auf, welche Rolle die Medien in der Affäre spielen. Spielen sie überhaupt eine?

Liebe Bayern-Freunde,

liebe Bayern-Feinde,

Fußball ist Revolution, Fußball ist Religion, Fußball ist Politik, Fußball ist Big Business, Fußball ist Oper, Fußball ist Zirkus, Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und der FC Hollywood, Verzeihung: der FC Bayern München, ist das Nonplusultra von alldem.

Uli Hoeneß ist Bayern München. Der Mann polarisiert. Man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Er gehört zu den Allmächtigen des Ball-Gewerbes, weltweit. Was solch ein Ballmächtiger sagt, denkt, tut, beschäftigt die Öffentlichkeit. Die Medien spielen gern mit ihm, er spielt gern mit den Medien.

Warum ist die Steuer-Affäre gerade jetzt bekannt geworden? Warum folgte, kaum war die Hammer-Nachricht raus, gleich die nächste: der Münchner Millionen-Einkauf Mario Götze?

Sind da besonders pfiffige Journalisten am Werk? Mag sein. Wahrscheinlicher jedoch, dass Insider ihre Kenntnisse lancierten, weil sie sich davon einen Vorteil versprechen, weil sie die Aufmerksamkeit des Publikums in eine bestimmte Richtung lenken wollen.

Dafür gibt es ein Wort: Durchstecherei, was ursprünglich Täuschung, Schummelei bedeutet und hier gezielte Indiskretion meint – alltäglich im Geschäft mit exklusiven Nachrichten.

Wir wissen nicht, ob es so war (der Informantenschutz geht über alles), aber es könnte sich so oder ähnlich zugetragen haben: Die erste Meldung über das grobe Foul von Hoeneß lieferte der Focus. Herausgeber des Magazins ist Helmut Markwort, der im Verwaltungsbeirat der Bayern sitzt und auf der Tribüne stets eine Reihe unter dem Vereinspräsidenten Hoeneß jubelt (genau, der ältere Herr mit der wallenden Mähne).

Gut möglich, dass Hoeneß, seit Monaten manngedeckt von den Wadenbeißern der Steuerfahndung, ahnte oder vermutete, dass die Geschichte bald aufploppen würde – und flugs nach vorne stürmte. Ein eleganter Doppelpass mit dem Focus, eine butterweiche Flanke, Treffer. Hat Hoeneß, der angriffslustige Taktiker, die heikle Information womöglich selbst durchgestochen, um sich als reuiger Sünder zu positionieren?

Wenn ja, war’s ein Eigentor. Merke: Hoeneß = ganz große Nummer = alle Medien stürzen sich darauf, alle recherchieren, alle schreiben ihre Storys, anfangs gezähmt, dann immer wilder spekulierend: Börsen-Zockerei? Gier? Selbstherrlichkeit? Doppelleben? Bauernopfer im Bundestagswahlkampf?

Eine Schlagzeile nach der anderen. Spezialisten für Krisenkommunikation greifen in solchen Fällen zu einem simplen Trick: Eine noch größere Nachricht muss her, um den eigentlichen Aufreger von den Titelseiten zu verdrängen.

Ha! Der Super-Mega-Giga-Transfer von Jungstar Mario Götze, den die Münchner Millionarios dem Erzrivalen Borussia Dortmund wegschnappten – das perfekte Ablenkungsmanöver! Verkündet von der Bild-Zeitung, Hausmitteilungsblatt der FCB-Bosse, eine Art Bayern-Kurier.

Plötzlich also Götze-Dämmerung statt Hoeneß-Häme, das war – vielleicht – der Plan. Wer mag dahinterstecken, wer hat die News durchgestochen?

Wir wissen es nicht, und es ist natürlich bloß blühende Fantasie, aber wer eins und eins zusammenzählt …

P.S.: Konkurrenz ist gut fürs Geschäft! Focus oder Bild lassen sich von ihren Spezln mit Informationen füttern, Spiegel oder Süddeutsche zapfen ihre Quellen an und versuchen, noch eins draufzupacken. So ermittelte die Süddeutsche, dass Hoeneß im März festgenommen und gegen Zahlung einer Kaution freigelassen wurde. Neue fette Schlagzeilen, der Tanz ist nicht zu Ende.

P.P.S.: Ohne Informanten, ohne Durchstecher, neudeutsch auch Whistleblower (Pfeifenbläser) genannt, wäre es viel schwieriger, Affären und Skandale aufzudecken.

Wer sich als Journalist darauf einlässt, muss sorgfältig abwägen: die Interessen des Durchstechers gegen die Interessen der Öffentlichkeit – und neutral bleiben. Das ist beim bayerischen Komödienstadel nicht anders als auf allen anderen medialen Bühnen. Halt! Pssst! Was hinter den Kulissen geflüstert wird, bleibt tabu …

Sportliche Grüße!

Peter Reinhart

Solokarpfen, höchst exklusiv

Herr B. aus Trier fragt: Ich lese manchmal in Artikeln, dass der Volksfreund „exklusiv“ über dieses oder jenes berichtet. Warum ist das „exklusiv“ so wichtig, dass Sie es ständig betonen?

Lieber Herr B.,

eine interessante Frage, ich hole ein wenig aus.

Zunächst zur Wortdefinition. Exklusiv bedeutet: ausgewählt, erstklassig, von besonderer Güte, gibt’s ausschließlich hier, nirgendwo sonst.

Die Jagd nach Informationen ist so alt wie die Menschheit. Warum sollte ich lieber davonlaufen, wenn ein Säbelzahntiger naht? Wo finde ich die Weiterlesen

Die Schere am Kopf

Anita Adams aus Kirchweiler in der Eifel schreibt:

Sehr geehrter Herr Reinhart, seit geraumer Zeit fällt mir beim Betrachten der Fotos im TV auf, dass oft die Köpfe angeschnitten sind. Meine Vermutung, dass dies auf den ursprünglichen Bildern vielleicht nicht der Fall und somit vom Fotografen auch nicht gewollt ist, wurde mir bestätigt, als ich am 6./7. April in der Dauner Zeitung den Beitrag über das Orgeljubiläum von Alois Merkes sah. Ich frage mich, warum man den Kopf des Pfarrers Ludwig Hoffmann nicht ganz auf dem Bild gelassen hat.

Ich weiß, dass Ihre Zeitung sich mit dieser Praxis des „Köpfe-Anschneidens“ in guter Gesellschaft befindet – aber nur weil etwas gerade modern ist, muss es nicht unbedingt schöner oder besser sein! Weiterlesen