Was der Homo digitalis will

Die Menschen sind heutzutage nicht schlechter, als sie früher waren. Nur die Berichterstattung über ihre Taten ist gründlicher geworden. (William Faulkner)

Liebe Leser,

diesmal wird’s philosophisch. Das Wort des US-amerikanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers William Faulkner (1897-1962) leitet hübsch in unser Thema ein: Wallung, Empörung, Erregung öffentlichen Ärgers am Beispiel des Spannungsfeldes von Politik und Medien.

Faulkner bescheinigt den Berichterstattern zu seiner Zeit gründliche Arbeit; heute sagen viele: Was medial auf uns einprasselt, ist vor allem grell – aber nicht unbedingt gründlich.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dankten in Deutschland mehr als dreihundert Mitglieder von Bundes- und Landesregierungen unfreiwillig ab. Wegen größerer oder kleinerer, tatsächlicher oder angeblicher Verfehlungen, aufgedeckt zumeist von Journalisten, neuerdings auch von Rechercheuren und Aktivisten im Netz. Jüngster prominenter Fall: die entdoktorte Bundesbildungsministerin Annette Schavan. (Eine andere Geschichte wäre zu erzählen über die Aussitzer, die trotz nachgewiesener Schandtaten an ihren Posten kleben.)

Historisch betrachtet, verrutschen mehr und mehr die Maßstäbe. Der Anlass für Politiker-Schelte in unseren Tagen: Kinkerlitzchen wie Christian Wulffs Bobby-Car oder Rainer Brüderles dümmliche Macho-Sprüche. Über die Verschwendung von Hunderten von Millionen Euro für Freizeitparks oder Flughäfen ereifern sich die Leute weit weniger.

Manche Schlagzeile kommt mit der Sprengkraft einer Wasserstoffbombe daher – und verglüht schneller als eine Wunderkerze. Die Halbwertszeit vieler, ähem, gesellschaftlicher Debatten schrumpft zusehends. Das ewig gleiche Muster: Aufschrei, anschwellender Bocksgesang, hysterisches Tremolo – und vorbei. Affären statt Argumente. Stimmungsmache statt Staatskunst. Tamtam statt Tiefe.

Manipulieren die Medien also die Menschen, indem sie unablässig den Volkszorn mit der Skandalisierung des Banalen schüren? Oder erfüllen sie bloß die Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse des entfremdeten Homo digitalis, der das heimelige Lagerfeuer vermisst, an dem besprochen wird, was alle angeht?

Spannende Fragen. Peter Sloterdijk, einer der einflussreichsten deutschen Philosophen der Gegenwart, sagt: Die medial entfachte Empörung ist der Kitt, der die moderne Welt zusammenhält. Eine frappante These, die der zauselige Querdenker (geboren 1947, legt Wert auf die alte Rechtschreibung) in seinem Essay „Streß und Freiheit“ aufdröselt.

Im O-Ton klingt das so: „Tatsächlich ist der psychopolitische Großkörper, den wir Gesellschaft nennen, nichts anderes als eine von medial induzierten Streß-Themen in Schwingung versetzte Sorgengemeinschaft.“

Die Medien entfesseln einen Zustand der kollektiven Dauer-Erregung, indem sie die Geilheit des Publikums nach Sensationen bedienen. Wieder und wieder. „Zornaufwallung“ heißt das bei Sloterdijk. Hast Du gelesen, wie „die da oben“ uns besch…?!

Das pausenlose Hopping von einem Skandal oder Skandälchen zum nächsten erzeugt chronischen Stress und sorgt für Gesprächsstoff, der die Menschen verbindet.

Anders herum: Ohne die Projektionsfläche der Medien würde die Gesellschaft im Zeitalter des Individualismus vollends auseinanderdriften.

Das Ergebnis solch allgemeinen Furors, sagt Sloterdijk, beschert uns die Freiheit. Tyrannen werden gemeuchelt, weil ein Mutiger, getragen von der Wut der Unzufriedenen und Unterdrückten, sich vorwagt mit dem Dolch im Gewande …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Gedanke zu „Was der Homo digitalis will

  1. Ich widerspreche nachdrücklich der These des Schlaubergers Sloterdijk, dass „ohne die Projektionsfläche der – für Gesprächsstoff sorgenden – Medien die Gesellschaft im Zeitalter des Individualismus vollends auseinander drifften würde.“

    Bei dem „ Individualismus“ handelt es sich um Egoismen, die durch kollektive Strukturen in Arbeits- und Freizeitwelt gefördert werden. Ihnen steht – z-B. allein mit etwa einer Million Ehrenamtlicher in Rheinland-Pfalz – Bereitschaft in tätiger Solidartät entgegen.

    Sie ist der Kitt, der allein die Gesellschaft zusammenhält und bedarf der ermutigenden Förderung.

    Da ist Versagen von Führungskräften empörend und schädlich – und wird zu Recht und dankenswert von den Medien aufgedeckt. Schlimm ist dann aber pauschalisierende Einseitigkeit nach dem Motto „ Hund beisst Mann ist keine Nachricht, wohl aber Mann beisst Hund.“.

    Dann kommt es zu dem „ ewig gleichen Muster: Stimmungsmache statt Staatskunst, TamTam statt Tiefe“ – wo es darum ginge, redliche Engagiertheit und die komplizierten Schwierigkeiten politischen Handelns heraus zu stellen – auch hämisch kommentierte Sachverhalte klar zu stellen.

    Hier sind die Medien mit ihrer öffenlichen Verantwortung gefordert, es nicht bei „ Schlagzeilen mit Halbwertzeit“ zu belassen, sondern nach zu fassen, z.B. mit der Überschrift: „ Was wurde aus…?“.

    Jedenfalls zeigen die Erfahrungen mit zwei Diktaturen, das es nicht nachsichtig belächelt werden darf, wenn von den inneren Kräften die Rede ist ( z.B. Rede des Bundespräsidenten), die die Gesellschaft zerstören oder eben zusammen bringen – wobei natürlich auch angesprochen werden muss, was sie behindert oder fördert.

    Jürgen Uecker

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