Gugg amol der Guggugg guggt

Jörg Busch schickt per E-Mail einen Kurzkommentar: Neue Rechtschreibung beim TV?

Beigefügt ein Ausschnitt der Seite zwei vom 15. Januar, versehen mit dem handschriftlichen Vermerk „Ha Ha“ sowie eingekringelt das Wort „kuckt“ in der Überschrift „Berliner Grüne kuckt bei Julia Klöckner ab“.

Lieber Herr Busch,

vielen Dank für den Hinweis. Es stimmt, der Volksfreund gibt – wie jede andere Publikation – ab und zu Anlass, sich über Rechtschreibfehler zu ärgern. Im vorliegenden Fall ist die Kritik allerdings nur teilweise berechtigt. In unserer Gegend, wie generell im Süden Deutschlands, sagt man gemeinhin „gucken“, im Norden eher „kucken“. Beides ist richtig, aber umgangssprachlich und hat in der sogenannten Hochsprache nichts verloren. Eigentlich.

Forscher beobachten, dass sich der Wortschatz so rasant verändert wie selten zuvor. Das hat mit der Globalisierung zu tun und mit der Welt, in der wir leben – einer Medienwelt. Jeder Deutsche konsumiert im Schnitt jeden Tag zehn Stunden Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen, Bücher, Computerspiele.

Pausenlos ploppen neue Ausdrücke auf, bahnen sich einen Weg in die Köpfe der Menschen und in die Alltagssprache; sie stammen, zum Beispiel, aus Szene-Jargons, dem Kiez-Sprech oder der Popkultur und artikulieren sich oft als denglisches Gemeng. Nicht so auffällig, doch ebenfalls auf dem Vormarsch: Mundart. Ebbes von hei.

Nun ist das Verb „gucken“ (oder „kucken“) keine Neuschöpfung. Im Gegenteil. Aber es begegnet uns ständig. Nicht zuletzt, weil mehr oder minder begnadete Kulturschaffende es zuhauf in Filmen, Shows, Musikstücken unterbringen: Thomas Gottschalk als Synchronstimme von „Mikey“ in „Kuck mal, wer da spricht!“ (der Streifen läuft in Österreich unter dem Titel „Schau mal, wer da spricht!“), der Ethno-Comedian Kaya Yanar („Was guckst du?!“ – hundertzwanzigteilige Serie auf einem Privatsender) oder der Deutsch-Rapper Kollegah („Bitch, sag mir bitte – was kuckst du? Seh den Boden an, Bitch – was kuckst du? Kid, was kuckst du? Bitch, was kuckst du? Was, was, was, was kuckst du?“).

Gugg amol der Guggugg guggt ende Gugg! (Schau mal, der Kuckuck schaut in die Tüte!). Der Dialekt-Zungenbrecher aus dem Schwäbisch-Alemannischen erzählt von der Lautverschiebung: Vom „g“ zum „k“ ist’s nicht weit.

Das bestätigt ein Blick ins Grimm’sche Wörterbuch, aus dem wir lernen: Die Altvorderen warfen „gucken“ und „kucken“ und „kücken“ und „kuken“ munter durcheinander.

„Das mag der rechte trachenkopf heiszen, der zum hindern des bapstesels heraus kuckt“, notiert Martin Luther. „Da kamen vettern, kuckten tanten!“, heißt es bei Goethe. Auch der „Kuckuck“ mit seinem charakteristischen Ruf mischt mit, ebenso die Sitte, beim Versteckspielen „kuk kuk“ zu rufen. Tja, und ganz früher war „gucken“ ein Schimpfwort. Der Universalgelehrte Hugo von Trimberg zählt es vor siebenhundert Jahren in einer Reihe auf mit „metten, liegen, nase rimpfen, spotten, gucken, valsches schimpfen, itewîzen, fluochen, smehen, valsches rûnen, dieplich spehen“.

Wird der Streit um die Orthografie in unseren Tagen womöglich völlig überbewertet? Der Dichterfürst Goethe meinte jedenfalls: „Mir […] war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man ihnen damit sagen wollte.“

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

2 Gedanken zu „Gugg amol der Guggugg guggt

  1. Sehr geehrter Herr Reinhart, als Beispiel für „kucken“ haben Sie von Luther ein besonders deftiges Zitat gebracht. Dass er das Wort auch in ernstem Zusammenhang, in gehobener Sprache verwendet hat, zeigt seine Bibelübersetzung: „Maria aber stund für dem Grabe / vnd weinet draussen. Als sie nu weinet / kucket sie in das Grab / vnd sihet zween Engel / in weissen Kleidern sitzen …“ (Johannes 20.11).
    Für uns Lëtzebuerger ist es so: Was im Blickfeld ins Auge fällt, „dat gesi mer“. Erregt etwas unsere Aufmerksamkeit, „da kucke mer“ bewusst und genau hin.
    Sodann schreiben Sie: „Forscher beobachten, dass sich der Wortschatz so rasant verändert wie selten zuvor.“ Dagegen steht in einem Leserbrief von Ralph Clark am 19. Dezember: „Die Welt verändert sich rasend …“. In beiden Fällen ist dasselbe gemeint und wird dasselbe verstanden, nämlich dass die Veränderungen sehr schnell geschehen. Im Sinne Ihres abschließenden Goethe-Zitats, dass es darauf ankommt, dass die Leser verstehen, was man ihnen sagen wollte, könnte man es dabei belassen und unterschiedslos nach Belieben rasant oder rasend sagen und schreiben. Das mag für Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher so hingehen.
    Aber Sie, Herr Reinhart, und ich, stellen uns die Frage: Weshalb die französische Partizipform mit der Endung „ant“, wo wir doch die korrekte deutsche Form „rasend“ haben? Nun könnte man hinweisen auf Wörter wie pikant, penetrant, brillant, brisant, larmoyant, fulminant, tolerant, relevant, dominant und so weiter, die alle seit langem Heimatrecht in der deutschen Sprache haben. Was spricht dann gegen rasant? Die Antwort ist einfach.
    Alle diese genannten Wörter werden im Deutschen gebraucht mit derselben Bedeutung, die sie (im eigentlichen Wortsinn oder in einer bildlichen Nebenbedeutung) im Französischen haben. Das trifft nicht zu für rasant. Das deutsche „rasen“ und das französische Verb „raser“ stehen für völlig verschiedene Begriffe. Für „rasen“ steht Ihnen das Grimm’sche Wörterbuch zur Verfügung, für „raser“ haben Sie mit Sicherheit einen französischen Dictionnaire zur Hand, ich muss also nicht den Schulmeister spielen und Sie belehren wollen. Lediglich den Hinweis auf den Duden 9, Sprachliche Zweifelsfälle, Stichwort „rasant“ kann ich hinzufügen. Allerdings liegt mir altem Knochen – Jahrgang 1934 – nur die Ausgabe von 1965 vor, und da wir ja wissen, wie ras/ant/end …
    Nur noch schnell ein Kompliment für Ihr Forum, das ich jeden Samstag gerne lese. Ich finde es einfach gut, wie Sie, erst eine Meinung wohlwollend referieren, dann das Für und Wider klug abwägen und endlich Ihren gut begründeten Standpunkt klar darlegen.
    Mit herzlichen Grüßen
    Fred Casagranda

  2. Lieber Herr Casagranda,
    vielen Dank, eine interessante Beobachtung. Die Wörter „rasant“ und „rasend“ haben sprachhistorisch unterschiedliche Wurzeln, werden heutzutage aber oft synonym verwendet. Wenn ich das Tempo einer Entwicklung beschreiben will, verwende ich am liebsten „rasant“, weil es im Gegensatz zu „rasend“ eindeutig ist.
    „Rasant“, entlehnt aus dem Lateinischen „radere“ (= darüber streichen, scharren, kratzen) und dem Französischen „raser“ (= rasieren, kahl scheren, streifen), heißt: sehr schnell, schnittig, fabelhaft. Das Abstraktum: Rasanz.
    „Rasend“ ist mehrdeutig, es stammt vom mittelhochdeutschen „rasen“ = „vernunftlos sich gebaren, unsinnig reden oder handeln, von sinnen sein“ (Grimm’sches Wörterbuch) oder „stürzen, eilen“ (Kluge, Etymologisches Wörterbuch), erst in neuerer Zeit „sehr schnell fahren/rennen“. Das Abstraktum: Raserei.
    Herzliche Grüße!
    Peter Reinhart

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