Schottische Furche oder Tiqui-Taca?

Kurt Simonis aus Altrich schreibt: Dieser Tage ist mir beim Frühstück fast der Kaffee aus dem Hals gefallen: „Kaiserslautern am Mittwoch beim Erzfeind“ lautete eine dicke Schlagzeile im Sportteil. Haben wir nicht genug Krieg, Not und Elend auf der Welt? Kann man da sich nicht gewählter ausdrücken? Fußball = Krieg = Feindschaft? Schade!

Solch schlechten, martialisch reißerischen Journalismus lasse ich mir nicht mehr länger bieten und werde den auch nicht mehr länger kaufen. Wie schwer Sie es haben, Ihre Auflage zu halten, ist hinlänglich bekannt – Ihre Konkurrenz ist groß. Ich habe 1961 in Ihrem Haus Schriftsetzer gelernt. Für mich gehört die Tageszeitung traditionsgemäß auf den Frühstückstisch – aber so nicht mehr.

Sie werden jetzt vielleicht sagen: Diesen Text bekommen wir von … Das spielt für mich absolut keine Rolle: Sie haben diesen Text dick und fett abgedruckt! Meines Wissens macht der Redakteur die Schlagzeilen – so zumindest war das noch zu meiner Zeit als Setzer. Sie sind verantwortlich!

Noch eine Zusatzbemerkung über Ihren Sportteil: Seit längerer Zeit gefällt er mir überhaupt nicht mehr. Überlegen Sie sich mal, wie Sie frischen Wind – hauptsächlich für den regionalen Sport – hineinbekommen.

Lieber Herr Simonis,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Der Rüffel ist berechtigt; die Redaktion hat sich ein hässliches Sprachfoul geleistet – Gelbe Karte! Der Terminus „Erzfeind“ gehört in die Mottenkiste anno Leipzig-einundleipzig, ein für alle Mal.

Sportreporter sind keine Kriegsberichter, die Wettkämpfe aus der Schützengraben-Perspektive beschreiben. Ich habe das schon häufiger vorgetragen und wiederhole es gebetsmühlenartig: Die Zeiten, in denen treffsichere Mittelstürmer den Beinamen „Bomber“ erhielten oder die Bälle wie „Granaten“ im Tor einschlugen, sind vorbei. Hie und da finden sich noch Belege für die Blut-Schweiß-und-Tränen-Metaphorik, vor allem in englischen Boulevard-Blättern. Ansonsten gilt: Die Sprache des Sports ist emotional und bildhaft (und oft leider viel zu floskelhaft), aber politisch korrekt – und klingt nicht mehr wie ein Auszug aus dem Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht.

In der Theorie beherrscht jeder Reporter das Vokabular und die Regeln und weiß, dass verbale Grobmotorik beim Publikum für Verdruss sorgt – so wie jeder Kicker die Laufwege und die Taktik kennt und alles daran setzt, das Runde ins Eckige zu bugsieren. Entscheidend aber is aufm Platz. Vor Eigentoren, Fehlpässen, Abseitsfallen ist niemand gefeit …

Zum zweiten Teil Ihrer Kritik: Fakt ist, dass wenige Tageszeitungen in Deutschland sich so ausführlich dem Sport vor Ort widmen wie der Volksfreund: täglich vier bis fünf Seiten überwiegend mit Berichten über das lokale und regionale Geschehen, mit Resultaten und Tabellen, von der Bundesliga bis zur Kreisliga, von den Bambini bis zu den Alten Herren. Fakt ist auch, dass die Inhalte sich im Lauf der Jahrzehnte verändert haben. Logisch! Alles fließt, die Welt wandelt sich. Davon ist der Sport nicht ausgenommen, so wenig wie der Journalismus.

War früher alles besser? Nein, es war anders. Die Spielsysteme im Fußball zum Beispiel. Zu Anfang: alle Mann drauf auf die Pille; dann eine erste taktische Option: die Schottische Furche; in den Dreißigern: der Schweizer Riegel; in den Fünfzigern: das legendäre WM-System mit Mittelläufer, Außenläufern, Halbstürmern; in den Sechzigern: der Libero wird populär, die Italiener perfektionieren den Catenaccio; in den Siebzigern: Pressing kommt in Mode … heute: alles ist möglich, vom 4-4-2 über 3-4-3 und 4-1-4-1 zum 3-6-1, am liebsten Tiqui-Taca wie die Spanier, rasant und spektakulär.

All das spiegelt sich in der Entwicklung der Berichterstattung, von stümperhaften Ansätzen zur differenzierten Betrachtung. Zu Beginn: Fußball, igitt, die englische Krankheit, nicht in deutschen Zeitungen; dann: zaghafte Bemühungen (WM 1930: Der erste größere Beitrag über das Endspiel Uruguay-Argentinien erscheint drei Wochen nach dem Ereignis im Fachblatt Kicker, Autor: John Langenus, Schiedsrichter aus Belgien, der in Knickerbockern und Krawatte das Finale geleitet hatte und die Schiffsreise vom Rio de la Plata zurück in die Heimat nutzte, um seine Erinnerungen zu notieren); später: viele, viele nüchterne Ergebnistexte („Die Nummer zehn trifft mit einem fulminanten Schuss aus sechzehn Metern genau in den Winkel“) … heute: ein abwechslungsreicher Stilmix, von der Spielanalyse über das Interview zum Porträt, der Versuch, hinter Zahlen und Statistiken die Menschen, die besonderen Geschichten zu entdecken und zu erzählen. Aber bitte ohne Bomben, Granaten und Erzfeinde …

Sportliche Grüße!

Peter Reinhart