Guck mal, die olle Frieda …

Thilo Stobbe aus Manderscheid schreibt: Das Thema „Troika gegen die vier Arbeitsgemeinschaften“ auf Seite vier vom 10. September ist mit einem Foto unterlegt, welches das sinkende Einkommen künftiger Rentner in einer beschämenden Art unterstreicht. Unabhängig von der richtigen und deutlichen Hervorhebung des wichtigen Themas kann ein Rentnerpaar nicht auf unförmige Hintern reduziert werden, welche noch durch die Halbdarstellung der Personen Gewicht erlangen. Es sei denn, der TV – aber das glaube ich nicht – will Rentner generell lieber von hinten sehen und unterstreicht seine Haltung noch dramaturgisch durch die Anheftung solch eines unangemessenen und fast schon beleidigend wirkenden Fotos.

Lieber Herr Stobbe,

vielen Dank für Ihre Mail und die interessante Beobachtung. Vorweg: Die Redaktion beabsichtigt keinesfalls, Rentner zu beleidigen. Wenn Sie das so aufgefasst haben, bitte ich um Entschuldigung.

Die Aufnahme zeigt keine „unförmigen Hintern“, wie Sie es nennen, sondern die unteren Extremitäten einer Dame, die eine Tasche trägt, und eines Herrn, der am Stock geht. Ein sogenanntes Symbolfoto.

Solche Bilder werden in den Medien verwendet, um Themen zu illustrieren, die sich keinem besonderen Ereignis, keiner konkreten Situation (Ort, Zeit) zuordnen lassen.

Beispiel Wetterbericht: Gelb und braun verfärbte Blätter, die von einem Baum fallen, signalisieren, dass der Herbst naht. Egal wo, egal wann das Foto geknipst worden ist.

Das Wort „Symbol“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet: etwas Zusammengefügtes – nämlich das Bild und die Vorstellung, die es beim Betrachter auslöst. Die Welt ist voller Symbole. Kreuz = Christentum, fünf Ringe = Olympische Spiele, Herz = Liebe.

Warum bebildert der Volksfreund den Bericht über dräuende Altersarmut nicht mit fidelen Greisen, die entspannt in die Kamera lächeln? Ganz einfach: Weil niemand stellvertretend für Millionen Betroffene – im Wortsinn – sein Gesicht hinhält. Erfahrene Redakteure wissen: bloß kein beliebiges Foto von Frieda Krabautzke aus dem Fundus fischen, um Not und Elend der deutschen Rentner in Szene zu setzen! Es findet sich garantiert jemand, der die Lady identifiziert und lästert: Guck mal, die olle Frieda aus Wanne-Eickel lebt jetzt von Sozialhilfe …

Daher lieber: anonymisiert, inkognito, von hinten, in Teilansicht, symbolisch. Nach dieser Faustregel bereiten Blattmacher sensible gesellschaftliche oder juristisch heikle Themen auf. Arme, Arbeitslose, Alkoholiker. Gangster, Gauner, Ganoven. Prostituierte, Pflegebedürftige, Pyromanen. Der Presserat fordert: „Kann eine Illustration, insbesondere eine Fotografie, beim flüchtigen Lesen als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden, obwohl es sich um ein Symbolfoto handelt, so ist eine entsprechende Klarstellung geboten. So sind Ersatz- oder Behelfsillustrationen […], symbolische Illustrationen […], Fotomontagen oder sonstige Veränderungen deutlich wahrnehmbar in Bildlegende beziehungsweise Bezugstext als solche erkennbar zu machen.“

Die Spielregeln sind klar; und doch kommt es zu Fehlschüssen, manchmal zu unfreiwilliger Komik. So geschehen vor Jahren, als der Volksfreund mit einer Stilblüte den „Hohlspiegel“ zierte, die legendäre Rubrik des Nachrichtenmagazins Spiegel.

Ein Beitrag über die Cannabis-Affäre der damaligen FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper, garniert mit dem Bild eines Jünglings, der genüsslich an einem Joint saugt. Zugehöriger Text: „Kiffen kann der Karriere schaden: Weil der Sohn von Cornelia Pieper eine Hanf-Pflanze besaß, soll die Mama nun politische Konsequenzen tragen.“

Kein Wort, dass nicht der Filius der Politikerin vorgeführt wird, kein Hinweis auf die Symbolik. Niemand nimmt Anstoß – außer dem Schauspieler, der ehedem als „Kiffer“ für eine Anti-Drogen-Kampagne posiert hat. Früher, viel früher. Und nun auf einer Richtigstellung beharrt. Das Foto noch einmal in die Zeitung, dazu ein erläuternder Text, der in die Zeile mündet: „Wir bedauern, dass fälschlich der Eindruck entstanden sein könnte, das Modell auf dem gestellten Bild rauche Joints.“

Au weia, wie verquer ist das denn!? Der Spiegel griff dankend zu. Ich würde Ihnen das Motiv gerne präsentieren, aber es ist gesperrt – aus guten Gründen. Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart