Im Schweinsgalopp

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn’s ihm gut geht, und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion …

Mit diesen Sätzen beginnt eine berühmt gewordene Satire von Kurt Tucholsky, der vor achtzig Jahren über seine Zeitgenossen herzog und eine unnachahmliche Charakterstudie lieferte.

Wer sich heutzutage mit der Vermessung des Menschengeschlechts befasst, wühlt erst einmal in Zahlen, Daten, Statistiken. Die Autoren des Weiterlesen

Et kütt wie et kütt

Heinz-Albrecht Becker aus Prüm schreibt: Bekanntlich wird Bundesministerin Annette Schavan, eine engagierte Katholikin, nicht mehr als stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende kandidieren. Von daher sind die Sorgen einer gewissen Klientel um den konfessionellen Proporz in der Bundesspitze verständlich.

Immerhin dringt von Zeit zu Zeit an die Öffentlichkeit, dass die Anhängerschaft der Bundeskanzlerin im Schrumpfen begriffen ist und ihr mit Frau Schavan in Zukunft eine einflussreiche Vertraute fehlen wird. Als norddeutsche Pastorentochter und evangelischen (wenngleich auch nicht Weiterlesen

Wie Fußball ohne Schiedsrichter

Zwei Zuschriften zu einem Dauerbrenner: Hilfe, mein Leserbrief wird nicht gedruckt – das ist Zensur!

Hans Tintes aus Mürlenbach: Als Anlage beigefügt ein kritischer Blick auf das derzeit bedeutendste politische Thema in Europa. Ich bitte Sie, diese Zusammenstellung brennender Fragen zu veröffentlichen, aber nur dann, wenn das ohne Kürzung erfolgt. Dieses an die Substanz Deutschlands gehende Thema kann man nicht mit wenigen Sätzen darstellen, wenn man die wesentlichen Punkte dieser „dunklen Materie“ beleuchten will. […] Nun bin ich gespannt auf Ihre Entscheidung, nachdem Sie bereits zwei Beiträge von mir mit dem Vermerk „zu umfangreich“ (oder politisch nicht korrekt?) abgelehnt haben. Vom Platzbedarf dürfte mein Leserbrief in etwa dem entsprechen, den Sie am 27. Juli unter dem Titel „Verdammt viel Wut im Bauch“ gebracht haben. Viel Text und Bild um was?

Lieber Herr Tintes,

vielen Dank für Ihren Aufsatz zur Euro-Krise, den ich mit Interesse gelesen habe – aber leider nicht ins Blatt heben kann. Ihre Betrachtung würde vier Spalten der Zeitung von oben bis unten füllen, ohne Foto. Das wäre sechsmal so viel wie die als Beispiel angeführte „Wut im Bauch“, eine Schmonzette, die sich um die kulturelle Leistung der Rolling Stones für die Entwicklung des Menschengeschlechts drehte.

Sie sind mit Kürzungen nicht einverstanden; diese Ansage respektieren wir natürlich. Heißt aber auch: Angesichts der Überlänge bleibt Ihr Beitrag außen vor. Ist das nun Zensur? Ich meine: nein. Sie können kundtun, was Sie wollen. Es gibt keine Tabu-Themen, keine politische Rücksichtnahme, keine Vorlieben der Redaktion – bloß einige Spielregeln, die für alle gleich sind. Die wichtigsten in Stichworten:

• inhaltlich: zu Berichten oder Kommentaren, die im Volksfreund publiziert worden sind; im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, nicht beleidigend, nicht zu Straftaten aufrufend; die Meinung ist frei, doch falsche Tatsachenbehauptungen oder unbewiesene Vermutungen dürfen nicht verbreitet werden.

• formal: je kürzer, desto besser. Maximal 60 bis 80 Druckzeilen. Die Zahl der Einsendungen ist hoch, der Platz limitiert; wir müssen eine Auswahl treffen. Damit möglichst viele Leser zu Wort kommen, darf jeder im Schnitt etwa alle vier Wochen ran – und hat dazwischen Pause.

Ha! So viele Einschränkungen, so viele Ausschlusskriterien. Also doch Zensur! Gäbe es keine Regeln, würde die Anarchie ausbrechen, in der Zeitung wie im richtigen Leben. Wäre vielleicht lustig, aber willkürlich, chaotisch, unfair. Wie ein Fußballspiel ohne Schiedsrichter. Och, dann kicken wir heute mal 95 gegen 17 mit 28 Bällen auf sieben Tore. Aber ohne Abseits. Und morgen, im Rückspiel, einer gegen 50, ohne Ball. Nee, funktioniert nicht.

Genauso ist es bei Leserbriefen. Heute 400 Zeilen von einem Autor, und (fast) alle anderen haben das Nachsehen? Morgen nur Meinungen von Frauen unter dreißig? Und übermorgen … lassen wir das. Mein Tipp: Fassen Sie sich kurz, dann klappt’s auch mit der Veröffentlichung.

Eugen Ludwig aus Reinsfeld: Herr Reinhart hebt oder senkt den Daumen. Damit er (wieder) was zum Zensieren und Totschweigen meiner (bisher meisten) Zuschriften hat. Verleugnen lasse ich mich trotzdem nicht. Und verleugne mich auch nicht selbst. Wenn ich es dürfte, würde ich ihn daher einen Spießer und Ignoranten nennen. Da ich das aber nicht darf, tue ich das nicht. Denn beleidigen möchte ich ihn trotzdem nicht. Aber mich selbst totschweigen tue ich auch nicht. Das wäre wie geistiger Selbstmord. Alles richtig verstanden? Sehr gut!

Lieber Herr Ludwig,

besten Dank, netter Versuch. Es ist nicht möglich, jeden Leserbrief abzudrucken. Warum? Siehe oben. Sie reichen drei oder mehr Texte pro Woche ein, die wenigsten gelangen ins Blatt. Warum? Siehe oben. Ihre Traktate sind fast immer zu lang (vor allem die bunt angemalten) und sprengen die Normen. Warum? Siehe oben. Alles richtig verstanden? Sehr gut!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Loki, Smoky und die Neue

Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was! – Was denn, Helmut? – Irgendwas. – Weißt du eigentlich, wer der größte Staatsmann in Gottes Schöpfung ist? – Natürlich weiß ich das, Loki. Ich habe Gott schließlich mit der Schöpfung selbst beauftragt …

Ein Auszug aus dem Programm des kultigen Kölner Fernsehkabaretts Mitternachtsspitzen. Jahrelang nahmen die Satire-Spezialisten im Dritten das Traumpaar der Deutschen auf die Schippe: die fabelhaften Schmidts, Helmut und Hannelore, genannt Loki, fast siebzig Jahre verheiratet, ein Herz und eine Seele.

Der knorrige Allesbesserwisser, Lieblingskanzler und Kettenraucher (Spitzname Smoky, gespielt von Uwe Lyko) und die charmante, tadellose, von ihrem Göttergatten angenervte Loki (gespielt von Wilfried Schmickler) im Rededuell, stets mit dem Einstieg Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was!

Eine Never-ending-Story, so schien es. Überkandidelte Komik, pralle Pointen. Bis zum Tod von Frau Schmidt, 91, vor knapp zwei Jahren. Sendepause für Loki und Smoky, entschieden die Macher der Mitternachtsspitzen. Der Pietät wegen.

Der Witwer Helmut Schmidt (der echte, nicht Smoky) knarzt und quarzt sich weiter eisern durch die Talkshows. Als Welterklärer, Zwischenrufer, Geburtshelfer für seinen Schachfreund Steinbrück, den er gerne als Regierungschef sähe – der Rat des greisen Weisen ist gefragt, das Volk verehrt den Unbeugsamen.

Nun das. Mitten in die Nachrichten-Routine, in das tägliche Einerlei aus Finanzkrise, Syrienkrieg und Olympiajubel platzt eine People-Nachricht, die selbst die gewöhnlich ungewöhnlich gut informierten Insider überrascht: Helmut Schmidt, 93, hat eine Neue. „Ja“, bestätigt er kurz und knapp in einem Interview mit dem Zeit-Magazin, er sei mit Ruth Loah, Jahrgang 1933, seiner langjährigen Sekretärin und Vertrauten verbandelt.

Was für eine Geschichte! Die Medien stürzen sich darauf, recherchieren das Vorleben der bis dato unbekannten Gefährtin, berichten respektvoll über das späte Glück. Nur einige wenige Lästermäuler erheben ihre Stimme (etwa in der Süddeutschen Zeitung).

Nicht minder hochachtungsvoll fällt das Echo des Publikums aus. „Ist doch wunderbar, dass Herr Schmidt noch einmal jemanden gefunden hat. Einsamkeit ist so schrecklich“, schreibt eine betagte Dame, sie sei hier stellvertretend für viele positive Reaktionen zitiert.

Ein Volksfreund-Leser, der namentlich nicht genannt sein will, fragt kritisch: Warum wühlen Journalisten im Privatleben des alten Mannes herum, das geht doch keinen etwas an!

Lieber Mister X,

egal was Helmut Schmidt denkt, sagt, tut: Es ist von Interesse für die Öffentlichkeit. Er ist das größte lebende Vorbild der Deutschen, haben Meinungsforscher herausgefunden. Als Staatsmann. Als Ehemann. Als Mensch. Er war ewige Zeiten mit Loki zusammen, völlig skandalfrei. Er hat seine Familie für die Medien und in den Medien inszeniert und damit in der Wählergunst gepunktet.

Ganz allgemein: Politiker lassen es menscheln, weil sie sich davon Vorteile versprechen. Sie mimen in Homestorys den treusorgenden Ernährer. Präsentieren fesche Frauen, wohlgeratene Kinder, heile Welt. All das signalisiert: Seht her, ich bin Vorbild, Maßstab. Im Umkehrschluss: Wenn die heile Welt zerbricht, ist auch das ein Thema. Der Absturz des Überfliegers Guttenberg, der Fall des Präsidentendarstellers Wulff, der Seitensprung des vermeintlichen Vorzeige-Familienvaters Seehofer – Medien-Spieler in guten wie in schlechten Zeiten.

Bei Helmut Schmidt dreht es sich nicht um Verfehlungen oder ums Scheitern. Im Gegenteil. Er macht, wieder einmal, alles richtig, altert in Würde und schenkt Millionen Deutschen Hoffnung – mit 93 ist noch lange nicht Schluss!

Ein bisschen kokettiert der verschmitzte Graukopf sogar mit seiner neuen Liebe, verrät bei Maischberger im Ersten das eine oder andere Detail. Nein, er lebe nicht unter einem Dach mit Frau Loah; das würde die Dinge unnötig verkomplizieren. Ja, sie rauche auch. Und: Er plane, mit Ruth eine Kreuzfahrt zum Nordkap zu unternehmen. Entdeckt der allzeit vernünftige Krisenmanager Helmut Schmidt auf seine alten Tage etwa den Romantiker in sich? Ganz Deutschland ist gerührt.

Loki! – Ja, Helmut? – Frag mich mal was! – Was denn, Helmut? – Irgendwas. – Helmut, so ein großer Staatsmann wie du, der muss doch auch große Aufgaben übernehmen, oder nicht? – Selbstverständlich, Loki. Zum Beispiel damals, als ich meinem Freund Henry Kissinger auf dem Berg Sinai die Zehn Gebote diktiert habe …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Menschen, Tiere, Sensationen

Hanno Lörscher aus Altrich meint zur Titelseite vom 28. Juli: Mit großer Freude, Dankbarkeit und aufrichtiger Anteilnahme habe ich den Bericht über die Rückkehr des entlaufenen Lamas Hansi aus Traben-Trarbach gelesen. Ein Tierabenteuer, das seinesgleichen sucht und mit Sicherheit von der überregionalen Presse aufgegriffen werden wird.

Jetzt, da es leider nichts mehr über ausgebüxte Krokodile oder Kaimane in irgendwelchen Baggerseen zu lesen gibt, sind wir sehr stolz darauf, dass das Lama Hansi diese Lücken füllen darf. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können. Das Andentier hätte der Oma Lisa in die Weiterlesen