Wehe, wenn sie losgelassen

Stuss in Potenz! Humbug! Popanz! Schwachsinn! Mumpitz! Eine Zumutung! Schmutzblatt! Gotteslästerung!

Liebe Leser,

das sind einige Schlagwörter aus abenteuerlichen Zuschriften und Anrufen, die uns in diesen Tagen erreichen. Meist anonym, aber auch mit Klarnamen, gerade noch druckreif. Andere Vokabeln erspare ich Ihnen.

Was ist bloß los? Die Berichterstattung über die Heilig-Rock-Wallfahrt setzt offenkundig Aggressionen frei. Das Thema erhitzt die Gemüter, polarisiert, emotionalisiert. Für viele Menschen gibt es anscheinend nur schwarz oder weiß, dafür oder dagegen, ja oder nein.

Es wird gestänkert, gelästert, gepöbelt wie selten. Ein wildes Gezappel – die Wutbürger tanzen Rock ’n’ Roll. Wehe, wenn sie losgelassen. Dabei kristallisieren sich zwei Lager heraus.

Die einen sagen: mehr „Heilig Rock“ im Volksfreund, bitte. Mehr Gottesdienste, mehr Pilgergruppen, mehr fromme Gedanken. Aber bitte ohne ironischen Unterton. Und schafft diese unsägliche Kolumne („Trier rockt!“) von Katharina Hammermann ab. Verzichtet auf Berichte über spinnerte Provokateure, die Karl Marxens Unterhose huldigen oder als Hitler kostümiert durch Trier latschen. Hört auf damit, sonst kündigen wir das Abo.

Manche mutmaßen gar eine Verschwörung: Mit der Veröffentlichung über die jüngsten Missbrauchsfälle im Bistum habe der Volksfreund extra gewartet, bis die Wallfahrt läuft – bloß um der katholischen Kirche eins auszuwischen.

Günter Otto Werk aus Vettelschoß verkündet stolz (mit Durchschlag an den Trierer Oberbürgermeister), er habe die Berliner Zeitung taz vor den Presserat gezerrt – wegen schlüpfriger Unterleibsprosa in einer Satire über die kostbare Reliquie.

Und dergleichen mehr.

Die anderen sagen: weniger „Heilig Rock“ im Volksfreund, bitte. Überlasst die klerikale Propaganda dem Bistumsblatt. Genug der Frömmelei. Hört auf damit, sonst kündigen wir das Abo. Und so weiter und so fort.

Solche Wortmeldungen stammen von Minderheiten, gewiss. Und doch erzeugen die radikalen Gegner und die radikalen Befürworter der Wallfahrt in ihrem Furor ein Hintergrundrauschen, das die gemäßigten Reaktionen verzerrt, teils übertönt. Eine Art von Shitstorm (Sturm aus Sch…), wie das neuerdings im Internet-Jargon heißt. Schimpftiraden, die sich rasend schnell in sozialen Netzwerken oder via E-Mail verbreiten, auf Orkanstärke anschwellen und die Positionen des „Gegners“ erschüttern (sollen).

Die verbale Windmaschine entwickelt mitunter ungeheure Wucht und ist, einmal angeworfen, kaum zu stoppen. Die Unflätigkeiten gelangen nicht in die Zeitung – aber sie sind in der (virtuellen) Welt und sorgen für Gesprächsstoff.

Der Volksfreund ist unabhängig. Kein Kirchenblatt. Kein Atheistenblatt. Wir berichten, was ist. Und im Moment ist nun mal Wallfahrt. Daher jeden Tag eine Seite in der Zeitung mit einem Schwerpunktthema, mit den besten Fotos, mit einer launigen Kolumne. Wir tun das, was wir sonst auch tun: das Zeitgeschehen mit kritischer Distanz beobachten, analysieren, einordnen.

Die Meinung ist frei, jeder ist eingeladen, sich zu äußern – aber bitte die Andersdenkenden respektieren! Leser Winfried H. Loch aus Wincheringen bringt das in einem Gedicht über Religionen auf den Punkt (Auszug):

Ob Jahwe, Gott oder Mohammed, / zu allen spricht man im Gebet. / Wie sagte Lessings „Nathan“ schon: / Üb’ Toleranz in der Religion! / Ob Jude, Christ oder Islamist, / ein Glaubenskrieg der größte Mist.

In diesem Sinne: erstens ein Kompliment an alle, die sich wohlüberlegt und maßvoll mit Glaubensfragen auseinandersetzen, ohne den verbalen Dreschflegel auszupacken; und zweitens ein Appell an jene, die vor Wut aus der Kutte springen: keep cool. Oder wie der Trierer sagt: Behaal de Nerwen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

2 Gedanken zu „Wehe, wenn sie losgelassen

  1. Wer als gläubiger Mensch – oder als Mensch, der von sich selbst meint, zu glauben – Gift und Galle spuckt, sobald seinem Glauben (vermeintlich) zu nahe getreten wird, sollte vielleicht innehalten und darüber nachdenken, ob er tatsächlich im Glauben gefestigt ist. Wieso sonst sollte man sich so leicht erschüttern lassen und um sich treten?

    Wer als nicht gläubiger Mensch nur Hohn und Spott übrig hat, sobald es um Glaube geht, sollte vielleicht innehalten und darüber nachdenken, ob er möglicherweise besorgt ist, am Glauben könne doch etwas dran sein. Wieso sonst sollte man stets immer nur den Fanatismus im Auge des anderen sehen?

  2. Widerspruch, Peter Reinhart, weder war ich stolz, noch habe ich gezerrt. –
    Zitat aus E-Mail an mich: Das Problem ist, dass sich die Grenzen des guten Geschmacks und eines Mindeststandards an Respekt in unserer Medienkultur längst bis zur Unkenntlichkeit verschoben haben. Ich persönlich sehe auf lange Sicht nicht, wie man da etwas nachjustieren könnte ohne unsere im Guten wie im Schlimmen sehr komplexe Kultur grundsätzlich zur Disposition zu stellen.

    Günter Otto Werk
    Vettelschoß

Kommentare sind geschlossen.