Dabeisein ist alles

Es schreibt ein Leser, wutentbrannt, / dass er Gedichte schrecklich fand, / die im Volksfreund er gelesen; / ein rechter Schmarrn sei das gewesen. / Schlichte Reime, wüste Worte, / nicht selten von der üblen Sorte. / Kein Verstand, zu wenig Herz, / und er droht, ganz ohne Scherz: / Lasst das bitte endlich sein, / sonst stelle ich mein Abo ein.

Verehrte Vers-Verächter,

liebe Lyrik-Liebhaber,

ab und an regt sich Widerspruch gegen die Lesergedichte im Wochenend-Journal. Ich habe mir spaßeshalber meine eigenen Reime auf die Einwürfe der Literaturpäpste gemacht (siehe oben).

Eher prosaisch klingt es, wenn die gestrengen Kritiker im Original-Ton vom Leder ziehen: Sollen diese Amateure in ihr Poesiealbum kritzeln, was sie wollen, aber bitte nicht in der Zeitung veröffentlichen! Das ist keine Kunst! Ein bisschen geschüttelt, ein bisschen gerührt, fertig ist die Laube!

Gemach, gemach. Ich halte das Genörgel für überzogen.

Es geht nicht darum, den ollen Goethe vom Thron zu stürzen; Rilkes elegante Elegien zu toppen; die Maße der Metrik in meisterlicher Manier zu vermessen; sich an Daktylus, Trochäus und Anapäst zu berauschen; Sonette, Stanzen oder Sestinen mit leichter Hand aufs Papier zu werfen. Nein, alles wurscht. Die Rubrik heißt „Leserland“, der Name ist Programm: Jeder wie er will, jeder was er kann. Und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Vor einem Jahr haben wir die Spielwiese für Verseschmiede eröffnet. Warum? Anscheinend finden viele Zeitgenossen Freude darin, ihre Gedanken und Gefühle in Gedichten auszudrücken und das Resultat ihrer Bemühungen schwarz auf weiß zu sehen. Voilà!

Freizeitpoeten, fürwahr. Mal mit mehr, mal mit weniger Gespür für Sprache, Rhythmus und Metaphern. Mal rustikale Rumpelfüßler, mal begabte Zauberlehrlinge. Wie im richtigen Leben. Na und?! Eine Auswahl der Werke schafft es in die Zeitung, einige präsentieren wir im Internet (leserland.blog.volksfreund.de).

Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“ zählen im Land der Leser nicht, vielmehr das Motto der Olympier: Dabeisein ist alles. Neben lyrischen Mitteilungen sind Verzählchen aller Art und Lieblingsbilder erlaubt.

Gibt’s andernorts auch. Das Hamburger Intelligenzblatt Die Zeit etwa lässt seine Kundschaft japanische Haikus dichten oder Klassisch-Erstklassiges wie Schillers „Ring des Polykrates“ verballhornen. Hier wie dort: Die einen lieben es, die anderen rümpfen die Nase.

Ich habe in dieser Kolumne ein paar Mal erklärt, warum Lesergedichte mich nicht vom Hocker reißen. Die meisten jedenfalls. Dennoch respektiere ich selbstverständlich das Toleranz-Edikt und hoffe, dass alle Kritikaster das auch tun: Das Leserland gehört den … richtig.

Und wenn es, im besten Fall, ein bisschen ringelnatzt und morgensternt, kästnert oder buscht, freue ich mich auf noch’n Gedicht …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

Ein Gedanke zu „Dabeisein ist alles

  1. Also das finde ich, ist eine wunderschöne Rubrik,
    über die sich viele LESER freuen und auch ich habe schon
    meine Laienhaften Werke zugeschickt.
    Oft werde ich angesprochen auf meine „Werke“ und bin stolz darauf.
    Was ich nicht lesen will, das lese ich nicht.
    Deshalb rege ich mich trotzdem nicht darüber auf.
    Etwas Humor und Toleranz wäre doch schön.
    Und lasst den „kleinen Dichtern“ doch ihre winzige Ecke.
    Ich jedenfalls finde sie gut.

    Nicht für Jedermann
    Ich würde gern Gedichte schreiben
    die jedem im Gedächtnis bleiben
    Doch die Worte find‘ ich nicht
    die man in den Gedichten spricht

    Denn zu schweben sag ich fliegen.
    Und zu Wogen sag ich Wellen
    ich werd ’s nie auf die Reihe kriegen
    müsste Worte mir bestellen.

    Vielleicht sind sie ja reserviert,
    gewissen Poeten vorbehalten,
    damit nicht jedermann riskiert,
    irgendetwas zu gestalten.

    Sollen nur für Könner Hände,
    greifbar sein, zu jeder Zeit.
    Damit sie schaffen schöne Bände
    Tut mir leid, bin nicht soweit.

    Und so muss ich mich begnügen,
    mit meinen Worten die ich kenne.
    Vielleicht bereitet ja Vergnügen,
    wenn alles ich beim Namen nenne.

    Margareta Hennen

    Mir macht ’s Spaß und vielen anderen Laiendichtern hier sicher auch oder?
    Freundliche Grüße, Margareta Hennen

Kommentare sind geschlossen.