Der Hase mit der Schrotflinte

Klaus Lorscheider aus Rascheid im Hochwald schreibt: Manche Leserbriefe schüren meinen Frust für den ganzen Tag. Ich habe fast den Eindruck, dass gerade Herr Berens eine Anstellung als Kommentator beim TV innehat.

Sie wissen es sicherlich besser als ich, dass vor allem die permanenten Schreiber nicht umfänglich die Abonnenten Ihrer Zeitung vertreten, sondern eine Minderheit fanatischer Krakeeler. Deshalb stelle ich eine ernstgemeinte Regelung zum Schutz der Mehrheit der Leser in den Raum: Die Anzahl der Leserbriefe sollte auf zwei pro Jahr beschränkt werden. Ich neige nämlich inzwischen dazu, dass atheistische und parteiliche Artikel über das Maß der „Unabhängigkeit“ und „Überparteilichkeit“ unerträglich hinausgehen.

Ansonsten bitte ich, mir nur die beiden letzten Seiten (Todesanzeigen) zuzustellen und den Rest einem bekennenden Atheisten oder Genossen zu liefern, wobei ich das Abo weiterhin bezahle.

Lieber Herr Lorscheider,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Gestatten Sie, dass ich schmunzle?! Dieselben Fragen, dieselben Thesen, dieselben Beweise haben Sie schon einmal vorgetragen. Was ich seinerzeit geantwortet habe, gilt unverändert: keine Zensur, keine politischen oder weltanschaulichen Vorgaben für Leserbriefschreiber.

Etwa drei Viertel der Autoren äußern sich regelmäßig, im Schnitt alle zwei Monate. Der von Ihnen gescholtene Josef Berens ist im vergangenen Jahr fünf Mal abgedruckt worden – ganz normal.

Sie bezeichnen die „permanenten Schreiber“ als „fanatische Krakeeler“, als Minderheit. Hmm. Wir wissen eine Menge über unser Publikum, aus der Marktforschung, aus Studien. Hauptschule oder Abitur, Single oder Familie, Mieter oder Hauseigentümer, VW-Fahrer oder Porsche-Liebhaber, Hundebesitzer oder Katzenfreund und so weiter, das alles lässt sich ermitteln. Wie viele „fanatische Krakeeler“ den Volksfreund lesen, wissen wir freilich nicht. Es ist ohne Belang.

Wer schreibt? Und warum? Die Wissenschaftlerin Andrea Mlitz hat vor einigen Jahren in ihrer Doktorarbeit („Leserbriefe in der deutschen Tagespresse“) neben anderen Zeitungen auch den Volksfreund untersucht – „wegen seines modernen, aufgeschlossenen Dialog-Konzepts“. Sie fand heraus, dass 66 Prozent der Autoren Männer sind, meist älter als 40 Jahre; fast die Hälfte hat einen Hochschulabschluss.

Die Motivation der Schreiber: Einige machen ihrem Ärger Luft, die meisten bemühen sich, Debatten zu aktuellen Entwicklungen mit ihrer Meinung, mit ihren Kenntnissen zu bereichern. Die einen melden sich zu allem und jedem, die anderen reagieren, wenn ihr Spezialthema auf der Tagesordnung steht. Experten für Zölibat, Darmkeime, Moselbrücken, Fluglärm, Windräder und dergleichen Ärgernisse mehr.

Wenn diese Autoren einen Aufhänger finden, wenn sie neue Argumente einbringen, wenn sie ergänzende Informationen liefern, spricht nichts dagegen, ihre Beiträge ins Blatt zu heben – selbst wenn das auf flüchtige Leser womöglich wie die x-te Wiederholung wirkt. Ahh, der schon wieder …

Vergleichen Sie es mit der journalistischen Recherche und Berichterstattung zu Dauerbrennern. Ob Nürburgring oder Kommunalreform. Ob Klimawandel oder Finanzkrise. Da fordern Sie, lieber Herr Lorscheider, doch auch nicht: Zweimal pro Jahr ist genug, sonst nervt’s, oder?

Mir scheint, dass Sie vorwiegend diejenigen tadeln, die Dogmen der katholischen Kirche anzweifeln oder politische Positionen der SPD rühmen. Fanatische Krakeeler? Und Briefe von Papst-Getreuen oder CDU-Anhängern wären demnach wohlgelitten?

Entschuldigen Sie, aber diese Argumentation teile ich nicht. Angeblichen Minderheiten den Mund stopfen? Nur vermutete Mehrheitsmeinungen verbreiten? Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? Das wären ja Methoden wie einst bei der Prawda oder dem Neuen Deutschland und erinnert mich an eine Metapher, mit der Vince Ebert, ein Kabarettist, gerne kokettiert: „Im Grunde genommen bedeutet Demokratie lediglich, dass zehn Füchse und ein Hase darüber abstimmen können, was es zum Abendessen gibt. Freiheit dagegen bedeutet, wenn der Hase mit einer Schrotflinte die Wahl anfechten kann.“

In dieser Zeitung darf jeder Hase (Leser) seine Meinung mit der Schrotflinte (Brief) verteidigen, auch wenn er sich damit den Unmut der Füchse (Mehrheit) zuziehen sollte. Und wissen Sie, lieber Herr Lorscheider, was das Schönste ist? Der Standpunkt des Einzelnen mag links oder rechts, kirchenfreundlich oder kirchenkritisch sein – alle Verlautbarungen zusammen ergeben das Bild eines vielstimmigen Leserparlaments, in dem diskutiert und gestritten wird, in dem jeder zu Wort kommt, ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit oder Weltanschauung, frei und gleich. Das ist: großartig!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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