Jenseits der Todeslinie

Wulff weg, Gauck gekürt: Das Ringen um das Amt des Bundespräsidenten hat in den vergangenen Tagen und Wochen die Nachrichten beherrscht.

Mehrere Leser beklagen die mangelnde Aktualität der Tageszeitung. Die Kritik: Obwohl die Kandidatur von Joachim Gauck  bereits am Sonntagabend feststand und eifrig im Fernsehen diskutiert wurde, titelte der Trierische Volksfreund in der Montagausgabe „Schwierige Suche nach neuem Bundespräsidenten“. Wie das?!

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre Mails und Anrufe. Stimmt! Völlig veraltet! Längst überholt! Die Volksfreund-Redakteure haben gepennt! Nein, Spaß beiseite: In einem Teil unserer zwölf Ausgaben war am Montag zu lesen, wer der nächste Bundespräsident werden soll, in einem Teil nicht. Alles eine Frage der Zeit.

Der Nachrichtenstrom versiegt nie. Ständig ereignet sich irgendwo auf der Welt etwas Spannendes. Live-Medien wie Fernsehen, Radio, Internet berichten bei Bedarf rund um die Uhr. Zeitungsmacher stoßen an natürliche Grenzen: Redaktionsschluss und Andruck.

Wenn die Nachrichtenlage sich ändert, nachdem die sogenannte „Deadline“ (Todeslinie) überschritten ist, hilft nur noch eins: die Aktualisierung des Blatts. Davon haben aber nicht alle Leser etwas. Die ersten Exemplare (gedruckt um 20 Uhr) enthalten dann einen anderen Stand als die letzten (gedruckt um 2 Uhr).

Das Beispiel des Präsidenten-Pokers zeigt, wie turbulent und hektisch es mitunter zugeht – und was das für die Zeitungsproduktion bedeutet. Der Sonntag im Ticker, mit Auszügen aus Eilmeldungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa):

15:52:10 Uhr, dpa:

(Eil) Union lehnt Gauck als Präsidentenkandidat ab –Koalitionskrach

Berlin (dpa) – Die Union wird anders als ihr Koalitionspartner FDP den SPD-Favoriten Joachim Gauck nicht als Bundespräsidenten-Kandidaten akzeptieren. […]

16:39:08 Uhr, dpa:

(Eil) Spitzengespräch um 20 Uhr im Kanzleramt mit SPD und Grünen

Berlin (dpa) – […] Zwar sei sich die schwarz-gelbe Koalition nicht einig, wen sie favorisiere – die FDP stimmt für den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck, die Union ist dagegen. Dennoch solle gesprochen werden.

19:30 Uhr, Volksfreund:

Redaktionsschluss. Keine Entscheidung in Sicht. Dicke Luft in der schwarz-gelben Regierung. Die FDP hat sich auf Gauck festgelegt, die Kanzlerin zaudert. Die Druckmaschine läuft an. Ausgabe Gerolstein. Die Schlagzeile spiegelt den Status quo vom frühen Abend: Wulff-Nachfolge spaltet Koalition: FDP für Gauck, Union dagegen.

19:38:33 Uhr, dpa:

(Eil) Koalition wegen Kandidaten-Frage in schwerer Krise

Berlin (dpa) – Die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist durch den Streit um den künftigen Bundespräsidenten in die tiefste Krise seit ihrem Bestehen gestürzt. Die Koalition sei ernsthaft in Gefahr, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur […]

20:30 Uhr, Volksfreund:

Der Spätdienst-Redakteur sitzt auf glühenden Kohlen. Eine halbe Stunde später als geplant treffen sich die Spitzenpolitiker der Koalition und der Opposition (nur die Linke ist nicht eingeladen). Alle für Gauck, die Kanzlerin zögert. Die Rotationsmaschine rattert. Ausgabe Daun.

20:32:51 Uhr, dpa:

(Eil) Kreise: Union akzeptiert Gauck als Präsidenten-Kandidaten

Berlin (dpa) – Die Union akzeptiert den Ex-DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck nun doch als Bundespräsidenten-Kandidaten. Das meldeten am Abend der Tagesspiegel und das ZDF. Der dpa wurde die Information bestätigt.

21:04:56 Uhr, dpa:

(Eil) Altmaier bestätigt: Gauck gemeinsamer Präsidentenkandidat

Berlin (dpa) – […] „Gauck ist der Beweis, dass es uns ernst war mit gemeinsamem Kandidat. Dank an alle für gute und originelle Vorschläge“, teilte Altmaier am Sonntagabend per Internet-Kurzdienst Twitter mit.

21:15 Uhr, Volksfreund:

Aus Dissens wird Konsens: Gauck macht’s! Auf die offizielle Bestätigung warten, Artikel und Kommentar neu schreiben, Fotos austauschen, Seiten umbauen – in Höchstgeschwindigkeit.

21:19:30 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll Bundespräsident werden

21:19:49 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll neuer Bundespräsident werden

Berlin (dpa) – […] teilte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) am Sonntagabend nach Verhandlungen der Spitzen der fünf Parteien im Kanzleramt mit.

21:45 Uhr, Volksfreund:

Seiten eins, zwei, drei aktualisiert. Ein Drittel der Auflage gedruckt, bevor die Gauck-Version fertig ist. Gerolstein, Daun, Bitburg, Prüm, Wittlich – weg. Der Titel in den übrigen Ausgaben: Parteien einig: Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident.

Zum Vergleich die Schlagzeilen anderer Zeitungen in der Andruck-Version und in der überarbeiteten Fassung:

  • Süddeutsche: Union und FDP streiten über Joachim Gauck (Seite-1-Foto: Sambaschule „Dragoes da Real“ aus Rio de Janeiro). Später: Joachim Gauck wird Bundespräsident.
  • Die Welt: Mühsame Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Otto Rehhagel Trainer in Berlin). Später: Joachim Gauck soll Bundespräsident werden.
  •  Frankfurter Allgemeine: Eklat in der Koalition bei Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Bundesadler weht vor grauem Himmel). Später: Gauck soll Bundespräsident werden.
  • Bild: Der Präsidenten-Krimi: Fieberhafte Suche nach Wulff-Nachfolger – Riesen-Krach zwischen CDU und FDP – Kanzlerin unter Druck (Seite-1-Foto: Blutige Nasen nach Boxkampf, außerdem ein Nackedei). Später: Gauck wird Präsident.
  • Tageszeitung (taz): Es ist Zeit für eine Frau (Seite-1-Fotos: Köpfe von zehn Kandidatinnen).

Ein aufregender Nachrichten-Tag. Wir lernen: Aktualität ist der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Veröffentlichung. Bei Printmedien: der Redaktionsschluss, der Druck – und nicht der Moment, in dem der Leser die Zeitung in Händen hält. Was sich jenseits der Todeslinie zuträgt, bleibt draußen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

 

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