Brille ab, Hose auf – eu, eu!

Nanu, was soll denn das schon wieder? Brille ab, Hose auf – eu, eu! Nicht was Sie jetzt vielleicht denken. Die Auflösung folgt. Lassen Sie sich überraschen.

Zunächst einige Auszüge aus, ähem, Brandbriefen, die jüngst in der Redaktion eingetrudelt sind. Geschrieben von armen Menschen. So arm, dass sie nicht einmal einen Namen haben. Geschweige denn den Anstand, ihn – wenn vorhanden – zu nennen. Mit anderen Worten: anonyme Knallchargen und Krawallschachteln, die ihr Mütchen kühlen, indem sie wüste Beschimpfungen absondern.

Geifern, giften, Galle spucken. Sie wissen ja, dass wir derlei ansonsten nicht veröffentlichen. Aber es ist so schräg, so kurios, so amüsant, dass ich gerne einige Elaborate der Wutschnauber zum Besten gebe:

?Ihre Zeitung ist das Übelste, was an deutschen Presseerzeugnissen auf dem Markt ist. […] Häme, Skrupellosigkeit, Diffamierungen und weitere Attribute sind die Markenzeichen Ihrer linken ekelhaften Demagogen. […] Dieser Schweinejournalismus, den Sie zulassen, macht Ihre Zeitung zu einem Blatt, das noch unterhalb des Boulevardniveaus ist. […] Die sadistische Art Ihrer Redakteure ist widerlich. […] Kommen Sie zur Besinnung!

?So eine Schlamperei, Gleichgültigkeit, Schlendrian in vierzig Jahren nicht gesehen! Absender: unwichtig.

?Sie können die ganze Bundesrepublik durchgehen und werden wohl keine Zeitungsredaktion finden, die mit ihren Mitmenschen so umgeht, wie Sie sich dies erlauben […] andere wegen ihrer Glaubensüberzeugungen in den Dreck ziehen […] auch in Diktaturen nicht schlimmer. […] Vor allem Kinder und Jugendliche, welche Ihre Schundliteratur lesen, werden in Zustände gebracht, die Sie auf keinen Fall vor Gott noch vor sich selbst verantworten können. […] Idioten […] Schwindel […] Lügen […].

?Sie arbeiten geübt verdeckt mit den schlimmsten Verbrechern, die einsteigen in Häuser und Wohnungen, stehlen, was sie schaffen und abschleppen können. Mit viel Getue und Schein sowie mit der gefährlichen Hypnose. Der Papst, der diese Verbrechen verdeckt leitet, lebt schon lange im Sakrileg und ist dadurch aus dem Kirchendienst ausgeschieden. Er hat vermutlich Leute im Griff, denn er will sein Vorhaben der Christenverfolgung unbedingt durchsetzen. Zu viele Menschen fallen auf ihn herein.

?Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht mehr. Ich bin angelangt am Jüngsten Tag aller Zeiten! Gezeichnet: Jesus Christus.

Liebe Wutbürger,

ich betrachte Ihre lustigen Eingaben als Beitrag zur Anarcho-Kultur und empfehle: Entspannungsübungen. Wenn die Zeitungslektüre Ihren Adrenalinspiegel in schwindelerregende Höhen treibt, wenn das Blut in den Adern rauscht, weil die Schmierfinken vom Volksfreund Sie nerven, wenn Sie angesichts eines kritischen Beitrags über Ihre geliebte Partei oder Weltanschauung vor Zorn beben – schalten Sie ab. Beruhigen Sie sich. Ommmmmmmmmm.

Schon richtig: Ohne Spannung wäre das Leben langweilig, es gäbe weder Herausforderungen noch Erfolgserlebnisse. Der Sozialpsychologe und Motivationsguru Professor Dr. Klaus Linneweh (Hannover) sagt:

Stress heißt neutral „Druck“ oder „Spannung“. Wir müssen lernen, die positive (Eu-Stress) von der negativen Spannung (Dis-Stress) zu unterscheiden. „Eu“ heißt „gut“, „heilmachend“. „Dis“ heißt „dazwischen sein“, „enttäuschend“. Nicht umsonst sprechen wir von Euphorie beziehungsweise Disharmonie. […]

Im positiven Stress sind wir in der Regel selbstbestimmt und realisieren soweit wie möglich Ziele und Vorhaben, die wir selbst entscheiden können. Die negativen Stresssituationen entstehen meist dann, wenn wir uns fremdbestimmt fühlen.

In seinen Seminaren lehrt Linneweh eine einfache Methode, die stressgeplagte Menschen entschleunigt und entkrampft: Nehmen Sie die Brille ab, öffnen Sie den Gürtel, schließen Sie die Augen, atmen Sie tief ein und aus – und freuen Sie sich über glückliche Momente, die Sie erlebt, oder große Siege, die Sie gefeiert haben. Die Kurzformel: Brille ab, Hose auf – eu, eu!

Vielleicht hilft das ja, wenn die Volksfreund-Lektüre mal wieder Schnappatmung auslöst …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart