Warum das Maya-Menetekel nervt

Gabriele Schabbach-Schuh aus Morbach schreibt: Schon seit langem ist sie angelaufen, die Maschinerie Weltuntergang. Mit Entsetzen habe ich in den letzten Tagen Meldungen verfolgt, die darauf abzielen, die Menschen auf den 21. Dezember 2012 vorzubereiten: den Tag des Weltuntergangs.

Mit Angst wird der Mensch gefügig gemacht, das war schon immer so und wird schon sehr lange erfolgreich angewandt. Aber was bedeutet es nun, das Ende des Maya-Kalenders? Das Wort Maya heißt übersetzt aus dem Sanskrit: Täuschung! Also das Ende des Maya-Kalenders, das Ende der Täuschung?

Wir Menschen lassen uns nur allzu gerne täuschen. Wir werden getäuscht von der vermeintlichen Sicherheit, einem Staat, der alles für uns regelt, einem Staat, der für uns sorgt. Ist das wirklich so, oder erleben wir gerade in allen Bereichen, ob Politik oder Gesundheit, ob Rente oder in vielen anderen Dingen das Ende der Täuschung?

Oder erleben wir gerade, dass wir für uns selbst wieder die volle Verantwortung übernehmen müssen? Dass wir in uns selbst alle Lösungen besitzen, für uns wieder tatkräftig werden, uns mit Gleichgesinnten zusammenschließen, unser Leben selbstbestimmt in die Hand nehmen? Für uns selbst, unser Tun und für Mutter Erde wieder die Verantwortung übernehmen? Jetzt! 2012.

Liebe Frau Schabbach-Schuh,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich bin, genau wie Sie, genervt von dem allgegenwärtigen Geraune und Gemaunze um die geheimnisvollen Prophezeiungen der Maya. Dieser endzeitliche Mumpitz, aggrrrh! Diese unsägliche Hysterie um den Weltuntergang, uuuh! Dieses unablässige Gelall vom Verfall, seufz!

Sie dröhnen, sie stöhnen, sie argwöhnen in allen Medien, auf allen Kanälen: die Schwarzmaler und Schreckensmelder, die Hellseher und Hütchenspieler, die Verschwörungstheoretiker und Verblödungsexperten. Ihr Credo: Die Erde geht unter.

Das wäre, an sich, ja nichts Neues. Allein in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten haben Panik-Apostel den Kollaps des Planeten gut sechzig Mal errechnet und auf Tag und Stunde genau angekündigt. Eingetroffen ist, soweit bekannt, bislang keine der todsicheren Prognosen.

Mit Hilfe der ollen Maya soll es nun klappen. Am 21. Dezember. Wintersonnenwende … seltene galaktische Konstellation … gewaltige Sonneneruption … das Magnetfeld gerät ins Taumeln … die Kontinente verschieben sich … Erdbeben rütteln den Globus durch … eine riesige Flutwelle schwappt über die Landmassen und spült hinfort, was da kreucht und fleucht …

Ein Fall für Hollywood, okay. Ein bisschen Kirmesbelustigung, meinetwegen. Aber müssen wir uns ernsthaft mit derlei apokalyptischem Allotria befassen?

Der Wahnsinn hat Methode. Seit Menschengedenken brummt das Geschäft mit der Angst. Auguren beobachten den Flug der Vögel, Haruspexe stochern im Gekröse von Opfertieren, Voodoo-Priester hantieren mit Hühnerknochen. Schaurige Menetekel, Opium für das Volk. Wer sich gruselt, berauscht von nebligen Seher-Dämpfen, bleibt brav im stillen Kämmerlein und pfeift auf die Gedankenfreiheit.

In Zeiten der Verunsicherung wächst die Sehnsucht nach Zeichen und Vorzeichen. Selbst im 21. Jahrhundert funktioniert die Einschüchterungstaktik. Finanzkrise, Energiekrise, Klimakrise, Glaubenskrise, Zivilisationskrise, Krisenkrise. Ha! Wie die Orakel-Industrie frohlockt! Sie verdient prächtig an der Neugier der Leute. Jeder will wissen, was die Zukunft beschert – schließlich verbringen wir den Rest unseres Lebens in ihr. Dabei fasziniert schröckliches Ungemach offenkundig mehr als jede noch so wundersame Lotto-Luxus-Liebesglück-Vorhersage.

Lustvoll beschwören die Apokalyptiker den eigenen Untergang. Bitte schön, wenn’s beliebt. Der Spaß hört auf, wenn der Eindruck erweckt wird, es handele sich bei den Horrormärchen um Tatsachen. Verschont uns! Nicht vor dem Ende aller Zeiten – sondern vor dem Geschwätz darüber.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart