Rauchende Colts

Kristina Punze macht darauf aufmerksam, dass in der Berichterstattung über (vermeintliche) Straftaten genau auf das Vokabular zu achten ist. Beispiele:

Wenn von einer vorgetäuschten, also frei erfundenen Vergewaltigung die Rede ist, gibt es keinen Täter und kein Opfer – es ist ja nichts passiert. Wenn das Mannheimer Landgericht urteilt, der Wettermoderator Jörg Kachelmann habe seine Ex-Freundin nicht vergewaltigt, darf nicht von Täter und Opfer gesprochen werden. Die Polizei in Sigmaringen hat kürzlich den „Anwalt des Opfers im Kachelmann-Prozess“ als Gast einer Veranstaltung angekündigt, und die örtlichen Medien haben das brav nachgebetet.

Warum werden ständig die falschen Begriffe benutzt?

Liebe Frau Punze,
vielen Dank für Ihre Mail. Dass es in Justiz-Angelegenheiten auf die sprachlichen Feinheiten ankommt, ist unbestritten. Ein unüberlegtes Wort, und schon wird aus der These eine Tatsachenbehauptung, aus dem Verdacht eine Vorverurteilung. So lange nichts bewiesen ist, bitte den Konjunktiv verwenden! Nicht: So war es. Sondern: So könnte es gewesen sein.

Ein Mörder ist erst dann ein Mörder, wenn er überführt und ihm der Prozess gemacht worden ist. Mal angenommen, ein Gorilla mit dem Charme eines kaukasischen Inkasso-Unternehmers und einem rauchenden Colt in der Hand wird auf frischer Tat neben einer übel zugerichteten Leiche ertappt – ist er ein Mörder? Nicht unbedingt. Vielleicht war’s Totschlag? Oder Notwehr? Oder noch anderes?

Korrekt wäre zu protokollieren: der mutmaßliche Täter … soll geschossen haben … offensichtlich mit einer Pistole … nach Angaben der Ermittler …

So weit die Theorie. In der Praxis bewegen wir uns in einer Grauzone. Journalisten sind selten als Beobachter eines Verbrechens am Tatort. Sie berufen sich auf Quellen wie Polizei, Justiz, Augenzeugen, sie recherchieren größere Geschichten.

Dutzende Meldungen, die Tag für Tag in Redaktionen und bei Nachrichtenagenturen einlaufen, fallen in die Rubrik Kleinkriminalität. Reifenstecher, Rüpel, Randalierer und dergleichen. Die Polizei arbeitet solche Delikte in Pressemitteilungen auf. Es ist nahezu unmöglich, den Wahrheitsgehalt dieser Informationen zu überprüfen.

Was Redakteure jedoch leisten müssen: bei ungesicherter Faktenlage vorsichtig formulieren, nicht werten, nichts hineininterpretieren, die Quelle benennen, den Jargon der Juristen übersetzen, auf Amtsdeutsch verzichten, die Nachricht so abfassen, dass sie sauber ist – und trotzdem spannend zu lesen. Mitunter eine echte Herausforderung.

Warum? Ein Beispiel. Seit Jahren kursiert im Internet eine Persiflage, in der sich „Rechtsverdreher“ selbstironisch auf die Schippe nehmen: der „Workshop Juristendeutsch – in sechs Schritten zum perfekten juristischen Satz“. Ich zitiere nach blaudszun.net (es finden sich diverse Belege im Netz, wobei die Anwälte gerne guttenbergen und die Urheberrechtsfrage ignorieren; keiner gibt an, von wem die famose Anleitung stammt):

„Sie haben Probleme, die Sprache von Juristen zu verstehen? Kein Problem – der folgende Sprachkurs hilft Ihnen, die juristische Ausdruckstechnik, die in Sekundenschnelle aus jeder noch so einfachen Aussage einen „perfekten“ juristischen Satz bastelt, zu verstehen.

1. Schritt: Sie nehmen einen ganz normalen Satz.

Vielen Dank für Ihren Brief. Wir beantworten Ihre Fragen, sobald wir mit Herrn Müller darüber gesprochen haben.

2. Schritt: Sie reichern den Satz mit Substantiven an. Ersetzen Sie einfach alle Verben durch Hauptwörter oder Streckverben. Und vergessen Sie nicht, die Substantive mit der Endung „-ung“ aufzublähen.

Vielen Dank für Ihren Brief. Wir kommen in Beantwortung Ihrer Fragen auf Sie zurück, sobald wir Rücksprache mit Herrn Müller gehalten haben.

3. Schritt: Sie anonymisieren (zur Wahrung des Anwaltsgeheimnisses) den Text.

Vielen Dank für das vorgenannte Schreiben. Die Unterfertigten kommen in Beantwortung der darin aufgeworfenen Fragen auf diese zurück, sobald sie Rücksprache mit dem Mandanten gehalten haben.

4. Schritt: Sie übersetzen alles ins Passiv.

Für das vorgenannte Schreiben möchten wir uns bedanken. Die Unterfertigten werden in Beantwortung der darin aufgeworfenen Fragen auf diese zurückkommen, sobald unsererseits Rücksprache mit dem Mandanten gehalten werden konnte.

5. Schritt: Sie würzen Ihre Arbeit mit unnötigen Adjektiven und Partizipien.

Bezug nehmend auf das vorgenannte Schreiben möchten wir uns bedanken. Die Unterfertigten werden in alsbaldiger Beantwortung der darin aufgeworfenen interessanten Fragen umgehend auf diese zurückkommen, sobald unsererseits die unverzichtbare Rücksprache mit dem derzeit abwesenden Mandanten gehalten werden konnte.

6. Schritt: Wiederholen Sie abschließend unbedingt noch einmal Schritt zwei.

Bezug nehmend auf das vorgenannte Schreiben möchten wir unseren Dank aussprechen. Die Unterfertigten werden in alsbaldiger Erledigung der darin aufgeworfenen interessanten Fragen umgehend auf diese Bezug nehmen, sobald unsererseits die unverzichtbare Rücksprache mit dem derzeit auf einer Reise befindlichen Mandanten gehalten werden konnte.

Was in der Volksfreund-Redaktion (und wohl in jeder anderen) an „Material“ eintrudelt, liegt qualitativ des Öfteren auf Niveau sechs. Unser Job ist es, Niveau eins zu rekonstruieren: verständliche Sprache statt Fachchinesisch. Aus Schludrigkeit oder Unkenntnis endet der Dolmetsch-Versuch manchmal mit einer Verschlimmbesserung. Dann liest sich die Nachricht flüssiger als im Original, ist aber ungenau oder falsch. Sehr ärgerlich, solche Fehler. Ein Mörder ist ein Mörder ist ein Mörder.

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

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