Lieber Gott, viel Spaß!

Unter der Überschrift „Antichristen ante Portas“ schreibt Günter Otto Werk aus Vettelschoß im Kreis Neuwied: „Lieber Gott, viel Spaß!“ Da hängt sie vor meinen Augen, die ganzseitige Anzeige. Im hochintellektuellen Dunstkreis des Art Directors Club Deutschland entstanden und bedenkenlos in der FAZ publiziert.

Ich klage an: Mein christliches und religiöses Empfinden und Verständnis wurden auf das Empfindlichste getroffen und beleidigt. Eine mehr als fragwürdige „Kohorte von Antichristen“ besitzt die verdammenswerte und bodenlose Frechheit, dem ALLMÄCHTIGEN „viel Spaß“ zu wünschen!

Lieber Herr Werk,

vielen Dank für Ihren Brief. Ein interessanter Fall, der den Volksfreund nicht unmittelbar berührt, indirekt aber schon. Denn die Gretchenfrage – und alles, was damit zusammenhängt – beschäftigt uns immer wieder.

Faust. Der Tragödie erster Teil. Vers 3415: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“, will die fesche Margarete von ihrem Verehrer Heinrich Faust wissen. Uiuiui, ein heikles Thema. Der aufgeklärte Wissenschaftler verweigert das Bekenntnis zum Gott der Christen. Er weicht aus, faselt etwas von „umnebelnd Himmelsglut“ und traktiert das junge Ding mit philosophischen Phrasen. Was hat die sprichwörtlich gewordene Gretchenfrage, die sich der Dichterfürst Goethe im 18. Jahrhundert ausgedacht hat, mit der Medienwelt des 21. Jahrhunderts zu tun? Eine ganze Menge, finde ich.

In Ihrem Beispiel, lieber Herr Werk, geht es um eine Traueranzeige, die zum Tod von Loriot in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist. Die Werber vom Art Directors Club huldigen dem Humoristen mit der Zeile „Lieber Gott, viel Spaß!“ Die Botschaft, mit Loriot’schem Augenzwinkern: Der Mann hat im Diesseits für gute Laune gesorgt, und das wird ihm auch im Jenseits gelingen.

Die einen sagen: genial! Die anderen: gotteslästerlich!

Gehört derlei verboten? Nein. In den publizistischen Grundsätzen, dem Ehrenkodex der deutschen Medien, heißt es: „Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen.“ Das ist reichlich vage. Nicht beleidigen, nicht kränken, nicht verhöhnen – klar. Wo aber verläuft die Grenze des Erlaubten? Und wer definiert sie? Zu unseren Lesern zählen Katholiken und Atheisten, Protestanten und Agnostiker, Frömmler und Freigeister. Was die einen empört, amüsiert die anderen. Was im Abendland als Allotria durchgeht, ruft im Morgenland den Wächterrat auf den Plan.

Die Frankfurter Allgemeine ist kein klerikales Verlautbarungsorgan, so wenig wie der Volksfreund. Über Religion, über Glaube, über Kirchen wird in der Gesellschaft diskutiert. Diese Debatten spiegeln sich in den Medien. Der Papst und die Pille. Das Frauenpriestertum. Die Missbrauchsskandale. Für einige Leser ist das schmerzlich. Ist der Heilige Vater nicht sakrosankt? Der Herr Pfarrer aus unserem Dorf ein Kinderschänder? Das darf man doch nicht schreiben! Man darf. Man muss sogar. Aufschreiben, aufarbeiten, aufklären – und manchmal über die Gretchenfrage nachdenken.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.