Die Freiheit der Andersdenkenden

Karl-Heinz Hoffmann aus Strohn in der Eifel schreibt: Sehr geehrter Herr Reinhart, der nach den Todesanzeigen ehrlichste Zeitungsteil „Leserbriefe“ (wenn sie nicht von Journalisten getürkt werden) wird immer kleiner. Der Grund ist Ihr Unterlaufen der TV-Prinzipien (keine Veröffentlichung von anonymen Zuschriften). Sie nehmen sich das Recht heraus, diese Leserbriefe in Ihrem Kommentar ausschweifend zu besprechen (große Bilder nehmen außerdem den Briefen den Platz weg). Mit der lächerlich machenden Verteidigung der Redaktion sorgen Sie dafür, dass irgendwann niemand mehr kritische Briefe schreibt. Natürlich kann man verstehen, dass der TV auf Abonnenten, Religiöse, Parteien und die bei Ihnen inserierende Wirtschaft Rücksicht nehmen muss. Aber die Auswahl der Briefe lässt zu wünschen übrig. Man liest nichts über:

1. die Sünden an der deutschen Grammatik (ZeiLe, iPhon, 5ive, NUMB3RS, Thr3e). Wie sollen das deutsche Prekariat, die Migranten und Ausländer richtiges Deutsch lernen?

2. das Abwälzen der Kosten der Digitalisierung des Fernsehens auf den Bürger (wie vor ein paar Jahren beim Sender RP 3),

3. das beschämende Gebaren eines Trierer „Musik-Idols“,

4. den sogenannten Druckfehlerteufel (der vermutlich durch Einsparung von Textkontrollen entsteht),

5. die Wirtschaftskriminellen, die sich das ruinöse Währungssystem ausgedacht haben.

Die edelste Aufgabe einer deutschen Zeitung sollte sein, die deutsche Sprache zu bewahren. Sonst kann es passieren, dass wir in 50 Jahren die Werke deutscher Denker nur in schlechter englischer Übersetzung lesen können (ein heutiges Beispiel: das amerikanische Unverständnis von Nietzsches ÜBERMENSCH = SUPERMAN).

Lieber Herr Hoffmann,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich habe ihn mehrmals gelesen, aber nicht verstanden. Sprechen wir über dieselbe Zeitung, den guten alten Volksfreund? Das kann doch nicht sein.

Menge: Sie schreiben, dass wir immer weniger Leserbriefe veröffentlichen. Das Gegenteil ist richtig. Es gibt in Deutschland kaum eine Zeitung, die Ihren Lesern so viel Platz einräumt. Pro Woche im Schnitt zwei volle Seiten, die in allen Ausgaben laufen, pro Jahr über tausend teils umfängliche Zuschriften. Dazu noch einmal genauso viele Lesertexte in den Lokalteilen. Tendenz steigend.

Die Schreib-Lust ist unterschiedlich ausgeprägt, die Zahl der Zuschriften schwankt. Mal bricht ein Tsunami los, mal plätschert es wie ein Rinnsal. Darauf hat die Redaktion keinen Einfluss. Steht die Flut hoch, drucken wir mehr Briefe, herrscht Ebbe, sind es weniger.

Material: Sie schreiben, dass manche Themen aus Rücksicht auf Interessengruppen ausgeklammert werden. Davon weiß ich nichts. Jeder zweite Leserbrief dreht sich um Parteien und Politiker jeglicher Couleur, um Kirchen und Religion, um Wirtschaft und Soziales. Es gibt keine Verbote, wie Sie mutmaßen. Je kontroverser diskutiert wird, desto besser!

Wenn allerdings kein Leserbrief vorliegt – etwa zum „beschämenden Gebaren eines Trierer ‚Musik-Idols'“ (was immer Sie damit meinen) -, dann kann nichts veröffentlicht werden. Noch nie habe ich eine Zuschrift wegen einer vermeintlich missliebigen Meinung aussortiert. Diese Rubrik ist das beste Beispiel: Kritik an der Redaktion und ihrer Arbeit? Nur zu! Wird etwas unterdrückt? Ich behaupte: nein. Prüfen Sie es bitte an Ihrem eigenen Text.

Methode: Sinn und Zweck der Kolumne ist nicht die Selbstverteidigung. Ich versuche zu erklären, warum die Dinge sind, wie sie sind. Und muss dazu schon mal etwas weiter ausholen. Oft geht es um journalistisches Handwerk, zum Beispiel um Fehler. Um Sprache. Um Grundsätzliches aus Politik, Medien, Gesellschaft, Kultur, Sport – jenseits der Tagesaktualität.

Derlei würde das Format von klassischen Leserbriefen sprengen. Es handelt sich um Fragen, Feststellungen, Fantasien, die eine Replik erfordern. Das Forum ist ein Angebot, knifflige Angelegenheiten öffentlich zu diskutieren, Anregungen zu geben, Lob oder Kritik loszuwerden. Weil es mitunter sehr persönlich wird, ist dies die einzige Ausnahme, in der ich Anonymität zulasse.

So oder so: Die Kolumne sorgt für mehr Meinung im Blatt, nicht für weniger. Und: Sie nimmt, egal ob kurz oder lang, garantiert keinem Leser den Platz weg (auch nicht die Fotos oder Illustrationen auf den Seiten).
Hoppla, nun habe ich wieder ausschweifend geantwortet. Tut mir leid. Eine Bemerkung sei noch gestattet – meine Maxime zur Meinungsfreiheit, angelehnt an die Einstellung und das Denken des französischen Aufklärers Voltaire (1694-1778): Ich mag verdammen, was Sie sagen, aber ich werde alles dafür tun, dass Sie es sagen dürfen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart