Schlagt ihn tot, den Hund!

Theo Jacobi aus Dockendorf schreibt zum Artikel „Vom kampferprobten Herzen und seinen Niederlagen“ (TV vom 7. Juni): Eine Kritikerin muss ihre Meinung sagen. Wenn eine Kritikerin ihre Meinung sagt mit dem Anspruch auf Alleingültigkeit und Richtigkeit ihrer Ansichten, dann ist das hochgradig unseriös.

Die Kritik an der „Winterreise“ mit dem Sänger Christoph Prégardien, dem Casalquartett, dem Ensemble Les Vents Muséiques und Božo Paradzik anlässlich ihres Konzerts im Echternacher Trifolion war nicht in Ordnung. Ich empfand die „Winterreise“ für zehn Instrumente im Gegensatz zur Kritikerin besonders interessant, tiefgründig, nuancenreich, fein, lebendig, gefühlvoll und achtsam interpretiert. Aber ich empfand nicht, dass die Orchesterfassung Stimmungen, Abgründe und Tiefe der Urfassung „übertüncht“ hätte.

Nein, hier war eine gefühlvolle, ergreifende Tiefe zu hören und mitzuerleben, die auch dem „stillen Raum“ in Schuberts Urfassung gerecht wurde. Ein hohes Lob an die Bearbeitung von Werner Renz, an den Sänger Christoph Prégardien und an die Musiker. Schubert wäre berührt gewesen von dieser Interpretation, wage ich zu behaupten. Das Publikum war es offensichtlich auch.

Lieber Herr Jacobi,

vielen Dank für Ihre Zuschrift. Sie haben recht. In allen Punkten. Unzweifelhaft. Und die Volksfreund-Reporterin hat genauso recht. Wie das!?

Die Kritik gehört zur Textsorte der Meinungsbeiträge. Wie Leitartikel, Kommentar, Glosse, Polemik, Leserbrief. Die Besprechung eines Konzerts, einer Theaterinszenierung, einer Kunstausstellung ist immer subjektiv und wertend.

Kritiker agieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind erfahren, sie kennen sich aus, sie vergleichen, sie kreisen in ihren Berichten um einen Nachrichtenkern (wer? wann? wo? was? wie?). Der Rest: Interpretation, Deutung, Gefühl – und Geschmack. Die Maßstäbe der Beurteilung: schwammig, mitunter kaum nachzuvollziehen.

Kritiker kritisieren – und werden kritisiert, seit alters. So ätzte der junge Goethe, nachdem sein Schauspiel Götz von Berlichingen zerpflückt worden war: „Schlagt ihn tot, den Hund! Er ist ein Rezensent!“

Ein Konzert, zwei Kritiker, vier Meinungen: Zwischen Verriss und Hymne ist alles möglich. Das ist wie in der Schule: Derselbe Deutschaufsatz wird von dem einen Lehrer mit „sehr gut“ benotet, von dem anderen mit „mangelhaft“. In Mathematik gibt es keine zwei Meinungen: 2 + 2 = 4.

Über den klassischen Feuilletonisten heißt es, er wisse alles besser, fabuliere bei vollem Bewusstsein verquaste Texte für eine Minderheit und sei auch noch stolz darauf, wenn Herr Hinz und Frau Kunz seine wortakrobatischen Verrenkungen nicht kapieren.

„Das Lebensgefühl des Musikkritikers“, lästert der Journalisten-Ausbilder Wolf Schneider, „geht dahin: Ich will respektiert und idealerweise bewundert werden von den Kollegen Musikkritikern, also von den Leuten, die in jedem Konzert in der ersten Reihe sitzen, sowie von den Mitgliedern des Streichquartetts, über das ich schreibe. Ob irgendjemand anderes mich versteht, ist mir egal.“

Niemand hat das Selbstverständnis der Kritiker-Kaste besser auf den Punkt gebracht als der frühere Musikpapst der Zeit, Heinz Josef Herbort. Der deklamierte in aller Bescheidenheit: „Was ich nicht rezensiere, das hat nicht stattgefunden.“

Hmm. Wir halten fest: Die verschwurbelten Texte der Kritiker alten Schlags dienen vorwiegend der Selbstbefriedigung. Sie finden ein winziges Publikum. Sie sind in einem Jargon gedrechselt, den nur Eingeweihte dechiffrieren können. Manche nennen es Kulturzirkus-Deutsch. Andere sagen, dass es eher dem Klingonischen ähnele, jener erfundenen Sprache der Außerirdischen in der Science-Fiction-Serie „Raumschiff Enterprise“.

Es verwundert nicht, dass die Götter des Olymps (als die sich Großkritiker begreifen) zunehmend auf das Maß der Sterblichen zurechtgestutzt werden. Im Volksfreund kommt derlei elitäre Klemmlyrik kaum noch vor. Wir bemühen uns, verständlich zu schreiben. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Betrachten wir solche vereinzelt aufschimmernden deskriptiven Diskurse doch als Reminiszenz an das orgiastische Belcanto, in dem schachtelsatzgestählte Epigonen der Feuilletonisten die Paradigmen-Verflüchtigung beweinen oder hermeneutische Hypertrophien konstatieren, sich in mimikryhaften Attitüden oder allegorischen Sentenzen ergehen und fluiden, suggestiven Klangzauber destillieren. Au weia, leidet da jemand an Obstipation, pardon: Verstopfung?

Schluss mit dem Quatsch! Schreibt Deutsch! Dass es geht, beweist ein Altmeister der Kritik: Joachim Kaiser von der Süddeutschen Zeitung. Der urteilte nusstrocken über den Weltstar Sergiu Celibidache: „Als Dirigent weit überschätzt. Ich habe nichts gegen ihn, außer dass er ein Arschloch ist.“

Herzliche Grüße!
Peter Reinhart