Der Tote in der Badewanne

Hedi Veit schreibt: Nachdem Sie das Layout Ihrer Zeitung sehr verbessert haben, stellt sich mir die Frage, warum Sie nicht auf die runenhafte Schrift beim Zeitungsnamen verzichten. Ein modernerer Schriftzug würde der Zeitung besser stehen, zumal der Name Volksfreund etwas eigentümlich und negativ besetzt wirkt. Auf Ihrer Homepage ist der Titel volksfreund.de eindeutig moderner und neutraler, diese Schrift könnte man sehr gut übernehmen. Auch einige unserer Gäste haben mit Verwunderung auf unsere Zeitung reagiert.

Liebe Frau Veit,

vielen Dank für Ihre Vorschläge. Es kommt häufiger vor, dass sich Leser – überwiegend Zugereiste – melden und die Frage aller Fragen stellen: Wie heißt dieses Blatt? Trierischer Volksfreund? Ist ja ein merkwürdiger Titel für eine Zeitung! Einige mutmaßen provinziellen Mief, andere wittern rechtslastige Tendenzen. Weder noch!

Der Name hat mit der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis nichts zu tun, sondern stammt aus der Zeit der Französischen Revolution. Kurz nach dem Sturm auf die Bastille gründete der Arzt, Verleger, Journalist und linksradikale Politiker Jean-Paul Marat im Spätsommer 1789 die Zeitung L’Ami du Peuple, auf Deutsch: Der Volksfreund. Die Linie des Blatts: republikanisch, volksnah, angriffslustig. Vier Jahre lang erschien L’Ami du Peuple in Paris, mitunter zweimal täglich, in einer Auflage von etwa 2000 Exemplaren – bis zur Ermordung Marats am 13. Juli 1793. Man fand ihn erdolcht in seiner Badewanne.

L’Ami du Peuple wurde zum Vorbild für viele Zeitungen, eine Zeitlang schossen in Deutschland Volksfreunde wie Pilze aus dem Boden: Aachener Volksfreund, Braunschweiger Volksfreund, Fränkischer Volksfreund, Thüringischer Volksfreund, Westfälischer Volksfreund, Süderländer Volksfreund, Neuer Hannoverscher Volksfreund für gebildete Leser aller Stände. Von April 1848 bis Juni 1849 erschien in Luxemburg ein Volksfreund mit dem Zusatz „Freiheit, Gerechtigkeit, öffentliche Ordnung“.

Offenbar fanden auch die Trierer Druckerei-Besitzer Koch und Philippi Gefallen an dem populären Titel, als sie 1878 beschlossen, das drei Jahre zuvor erstmals herausgegebene Trierische Anzeigeblatt aufzuhübschen – und ihre Zeitung fortan Trierischer Volksfreund nannten. Von 1938 bis 1945 von den Nazis verboten, nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst mit französischer Lizenz als Trierische Volkszeitung neu belebt, steht der Name Trierischer Volksfreund seit 1949 wieder auf der Titelseite – in der traditionellen Frakturschrift, die seit den Gründertagen allenfalls behutsam verfeinert worden ist. Zuletzt vor wenigen Wochen.

Warum diese alte Type? Warum nicht ein modern anmutender Name? Der Trierische Volksfreund ist eine Marke, die jeder in der Region Trier-Eifel-Mosel-Hunsrück kennt. Unverwechselbar. Glaubwürdig. Wie ein guter Bekannter, der vielleicht ein paar kleine Macken hat. Aber man weiß, was man an ihm hat.

Denken Sie an Mercedes, Coca-Cola, Google, die katholische Kirche, die Olympischen Spiele: Eine Marke aufzubauen dauert lange. Es gilt, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen, sie von der Qualität des Produkts zu überzeugen, sie stets aufs Neue zu begeistern und das Angebot weiterzuentwickeln. Das ist beim Volksfreund genauso. Mal steht eine Layout-Veränderung an, mal eine technische Innovation, etwa ein Nachrichtenkanal auf mobilen Endgeräten wie iPhone und iPad.

Eines ist freilich tabu: der Name. Niemand setzt ohne Not eine erfolgreiche Marke aufs Spiel. Mercedes baut nicht mehr dieselben Autos wie vor fünfzig Jahren – der Name, der Kern der Marke, das Logo (Stern) sind unverändert. Die Olympischen Spiele der Neuzeit, 1896 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestartet, faszinieren die ganze Welt – der Name, der Kern der Marke, das Logo (fünf Ringe) sind unverändert. Der Trierische Volksfreund bietet andere Inhalte als 1878 – der Name, der Kern der Marke, das Logo (Schriftzug in Fraktur) sind unverändert.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

2 Gedanken zu „Der Tote in der Badewanne

  1. Alles Neu macht der Mai:
    Zum Artikel „Der Tote in der Badewanne“ (TV vom 16/17.April)
    Der Artikel war sehr aufschlussreich; Vielen Dank. Diese Information gehört unbedingt ergänzend in Wikipedia.
    Und dennoch hat der Name der Zeitung inklusive Schriftzug einen negativen Geschmack.
    Mit beispielsweise Coca Cola oder Mercedes assoziiert man aber nichts Negatives, nicht wahr? Mir ist keine Firma bekannt, welche ihren Schriftzug im Laufe der Zeit nicht erneuert hätten.
    Und Trier an sich hat doch mindestens ein Logo, z. B. die Porta Nigra,
    Karl Marx, Kaiser Konstantin.
    Selbstverständlich stelle ich mich sehr gerne zu einer Personenumfrage zur Verfügung (Personen, die auf diesen historischen Hintergrund aufgeklärt sind oder werden). Sie können sich bestimmt vorstellen, dass mindestens 51 Prozent für einen neuen Namen und Schriftzug stimmen würden?
    Als Demokrat bitte ich Sie für eine komplette Erneuerung.
    Das Image der Stadt ist dann aufpoliert, dann kommen mehr Touristen, mehr Zeitungen werden verkauft. Für eine Antwort möchte ich mich vorab herzlichst bedanken.
    fröhliches Eiersuchen, best wishes
    Brandon Sterner
    Brandon Sterner

  2. Na ja, wer es darauf anlegt, findet wohl bei jeder Marke etwas Negatives. Coca-Cola macht dick, oder? Im Mercedes ist anno dunnemals der Hitler herumkarriolt worden …
    Wie dargelegt: Der Name Volksfreund ist historisch völlig unbelastet. In einer Befragung haben sich die Leser vor einiger Zeit mit überwältigender Mehrheit dafür ausgesprochen, den Titel beizubehalten.
    Warum also ohne Not eine neue Marke gründen, wenn das etablierte Produkt in der Region einen Bekanntheitsgrad von 100 Prozent hat? Warum bei Null anfangen, wenn die Zeitung bei den meisten Lesern hohe Akzeptanzwerte erzielt? Warum eine der erfolgreichsten deutschen Regionalzeitungen neu erfinden?
    Herzliche Grüße!
    Peter Reinhart

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