Getretner Quark

Helmut Marx aus Gusterath schreibt: Der Volksfreund hat unlängst anlässlich der erfolgten politischen Beerdigung der Antikenfestspiele vor einem Kahlschlag bei der Kultur gewarnt. Dieter Lintz fordert, dass im Land der Dichter und Denker nicht nur Lady Gaga und DJ Ötzi das Niveau bestimmen, sondern Einrichtungen, in denen Mozart musiziert, Goethe gespielt und Kehlmann gelesen wird.
Vielleicht sollte der Volksfreund im eigenen Hause damit anfangen, so zu schreiben, dass unser Dichterfürst
Goethe es verstünde. Das trifft für den Artikel mit der fettgedruckten Überschrift „Freie Fahrt fürs Factory-Outlet“ sicher nicht zu. Dieser gräuliche denglische Doppelbegriff begegnet mir in Trier regelmäßig an der Wand eines Matratzenladens, den ich deshalb nicht aufsuche. In dem fast halbseitigen Artikel taucht das „Factory-Qutlet-Center“ mehrfach auf, ohne übersetzt zu werden. Auf Nachfrage waren die Menschen meiner Umgebung dazu auch nicht in der Lage, sondern eher ratlos.
Die kulturelle Selbstkolonisierung der Deutschen durch Unterordnung ihrer Sprache unter die englische, der die einzige hiesige Tageszeitung eifrig Vorschub leistet, kann sich, was Kulturabbau betrifft, sicherlich mit Erscheinungen wie der Schließung der Antikenfestspiele messen.
Von der Kulturförderabgabe von einem Euro pro Übernachtungsgast, die der Trierer Stadtrat kürzlich beschlossen hat, könnten ja vielleicht Sprachkurse für gewisse Volksfreund-Reporter eingerichtet werden.

Lieber Herr Marx,
vielen Dank für Ihre Hinweise. Gute Idee, diese Sprachkurse für einen Euro. Obwohl, hmm, Euro, ein Wort, das Goethe nicht verstanden hätte. Ist ja auch neu, vor einem Dutzend Jahren erst erfunden. Eines von unzähligen Beispielen für den Wandel der Sprache.
In der Rangliste der beliebtesten Leser-Fragen steht der Ärger über Anglizismen ganz vorn. Verschiedene ältere Kolumnen dazu können Sie in diesem Blog nachlesen (* Titel siehe unten). Ich will nicht alles wiederholen, denn: Getretner Quark wird breit, nicht stark, sagt Goethe.
Zwei Anmerkungen nur:

  • Die Sprache lebt, wie ein Organismus! Wir bilden neue Wörter, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab – und bedienen uns dabei gerne in Fremdsprachen. Alte Wörter verschwinden, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Im Mittelalter war Latein in deutschen Landen das non plus ultra, im 17. und 18. Jahrhundert galt Französisch als chic, heute ist Englisch up to date.
  • Schreibe verständlich! Ein Grundsatz für alle, die mit ihren Texten ein großes Publikum erreichen wollen. Für TV-Redakteure heißt das: So wenig Fremdwörter wie möglich, so viel übersetzen wie nötig – aber bitte keine Deutschtümelei!

Oft geht es nicht ohne den Original-Begriff, bei Markennamen etwa. So fehlt für das Internet-Portal Wikileaks – wegen der Enthüllungen über die US-amerikanische Außenpolitik derzeit in aller Munde – eine Entsprechung im Deutschen. Das Kunstwort ist eine Zusammensetzung aus dem hawaiianischen wiki (Internetseiten, deren Informationen von den Nutzern selbst verändert werden können) und dem englischen leaks (Lecks, undichte Stellen). Wer das krampfhaft eindeutschen wollte, liefe Gefahr, mehr Verwirrung zu stiften als Klarheit zu schaffen.
Was das Factory-Outlet betrifft, bin ich zerknirscht und räume mit Goethe freimütig ein: Ihr habt das Recht, gesittet pfui zu sagen. Diesen Anglizismus in der Zeitung zu vereiteln wäre ein Leichtes gewesen, den Begriff zu erklären eine Pflicht. Du kannst! So wolle nur! schmettere ich dem zuständigen Redakteur einen Ausruf Fausts entgegen. Factory-Outlet ist ein Lehnwort aus dem Englischen, das seit den 90er Jahren in Deutschland verwendet wird. Es bedeutet: „Direktverkaufsstelle einer Firma“ oder schlicht „Fabrikverkauf“.
Fehler passieren. Es irrt der Mensch, solang er strebt. Dass der TV dem Anglo-Firlefanz eifrig Vorschub leistet, wie Sie meinen, lieber Herr Marx, bestreite ich. Zumeist greift das Vermeidungs- oder Übersetzungsgebot.
Nur hin und wieder ist der Dichterfürst zu bemühen: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie. Die Versuchungen sind allgegenwärtig. Sie lauern in Agenturmeldungen und Pressemitteilungen, sie dräuen in Werbung und Wirtschaft, im Jargon des Internets und der Computerwelt, in Popkultur, Film, Fernsehen, Sport, Musik, Medizin, Naturwissenschaften – ohne Ende prasseln englische Vokabeln auf uns ein. Zu Tausenden finden sie innerhalb kürzester Zeit Eingang in die Wörterbücher.
Vor zwei Jahrzehnten noch unbekannt: E-Mail, Flatrate, Burn-out, Mobbing, Prepaidkarte, Love-Parade, Handy, Event, Fingerfood, Flyer. Aus dem Englischen kommt manches Neue, aber beileibe nicht alles.
Noch einmal zwanzig Jahre zurück, da ahnten wir nichts von: Digitalkamera, DVD, Euro, Extremsport, Festnetz, Homo-Ehe, Stringtanga, Versichertenkarte, aber auch: Superzahl (im Lotto), probiotisch (Joghurt), Globalisierungsfalle, Schwangerschaftskonfliktberatung, Turbokapitalismus – von umgangssprachlichen Neuschöpfungen ganz zu schweigen: Besserwessi und Jammerossi, nach der Wende populär, sind längst wieder auf dem Rückzug, der Spruch … bis der Arzt kommt hält sich.
Da steh‘ ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor. Ist der natürliche Sprachwandel ein Grund zu lamentieren? Nein. Goethe beherrschte Griechisch, Latein, Französisch, Italienisch, Englisch und Hebräisch. Er forderte: Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei. Und er belehrte seine Leser: Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.
Wie eingangs bemerkt, hätte Goethe mit dem Euro nichts anzufangen gewusst. So wenig wie wir mit den merkwürdigen Wörtern, die der Großschriftsteller zu Papier brachte: Krabsfälligkeit und Zäserchen (= Schwangerschaft), Pisang (= Banane), Pik (= heimlicher Groll), Asch (= Blumentopf), abätzen (= abfressen, abweiden) oder Vortod (= Krieg). Allesamt ziemlich aus der Mode gekommen. Mit Worten lässt sich trefflich streiten, sagt Mephistopheles. Über Worte auch.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

*Kolumnen zum Thema in diesem Blog:
Gewöhnliche Worte;
Denglisches Gemeng im Wörter-See;
Deutsche Sprache, schwere Sprache;
Happy Aua oder: Speak German;
Konfuzius sagt;
Prall, fröhlich, unverkrampft;
Denglisch, Engleutsch, Germeng.

2 Gedanken zu „Getretner Quark

  1. Nun ja, auch Factory-Outlet-Center ist so schlimm nicht, weil in diesem Fall die englischen Begriffe wenigstens nicht ins deutsche Beugekorsett genommen wurden. Wahrscheinlich scheuen gerade die Hersteller überteuerter Designer-Fashion…hoppla…Modeschöpfermode den zu proletarisch anmutenden „Fabrikverkauf“ ;)

    Wirklich übel sind Abscheulichkeiten wie upgeloadet, downgeloadet und all ihre Variationen, um so mehr, weil man stattdessen einfach die bedeutungsgleichen deutschen Pendants/Gegenstücke hochgeladen und heruntergeladen verwenden kann.

    Ich loade nun mal diesen Kommentar up, verbunden mit dem Antrag, das Wort „ganzheitlich“ gänzlich aus dem deutschen Sprachschatz zu verbannen. Es gibt nämlich auch deutsche Wörter, die mir persönlich nicht erst seit gestern ob ihrer inflationären Verwendung in sinnentleertem Marketing…äh…Werbegestammel und Manager-Speak…nun aber…BWL-Gebrabbel gehörig auf die Nerven gehen.

  2. Generell gebe ich Ihnen recht. Sprache wandelt sich eben. Aber manche Anglizismen sind wirklich hohl und irreführend. Hier müsste Sprachkritik ansetzen, nicht bei der vermeintlichen „Selbstkolonisierung der Deutschen“ (was das nun wieder für’n Gerede sein soll). Es wäre also durachaus was gewonnen, wenn der TV ab und zu Anführungszeichen setzen könnte oder vom „so genannten Factory-Outlet-Center“ schriebe. Denn nur wenige dieser Läden sind wirklich die Direktverkaufsstellen irgendwelcher Fabriken. Die Turnschue (Sneakers) und Hemden (Shirts), die es dort zu kaufen gibt, stammen genauso aus ostasiatischen Ausbeutungsbetrieben (Sweat Shops) wie die im Kaufhaus in der Innenstadt (High Street).

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