Vampire in der Sonne

Bernd Backes aus Gusenburg schreibt: Merkt der TV eigentlich nicht, dass er mit seiner Berichterstattung dem NPDler Safet Babic eine Plattform bietet? Tausende von Menschen in unserer Region leisten jeden Tag gute Arbeit, und niemand schreibt darüber. Was hat dieser Rechtsradikale mit seinen 29 Jahren vorzuweisen? Nichts. Lediglich eine Mitgliedschaft in der NPD, ein Mandat im Stadtrat Trier und ein abgebrochenes Studium.
Dass der TV ständig über diesen albernen Prozess wegen Körperverletzung schreibt, ist ein Witz. Babic verzögert mit seinem juristischen Wissen den Prozess bewusst, und was macht der TV, immer und immer
wieder wird berichtet. Ignorieren und keine Berichterstattung, das ist das richtige Rezept. Nur so verschwindet solch ein Mensch von der öffentlichen Bühne.
Lieber Herr Backes,
vielen Dank für Ihre Mail. Sie werfen eine spannende Frage auf, die uns – ganz grundsätzlich – in jeder Redaktionskonferenz beschäftigt, also zwei- bis dreimal täglich. Was darf, was kann, was soll, was muss berichtet werden? Wie umfangreich? Auf Seite eins oder weiter hinten? Mit Bild oder ohne? Mit Kommentar oder nicht?
Niemand weiß, welche Nachricht von Bedeutung ist, bevor hundert Jahre vergangen sind, behauptete der Philosoph Friedrich Nietzsche. So lange wollen wir nicht warten, daher bemühen wir uns im Hier und Jetzt um Antworten.
Ob es um die Mätzchen des Vorturners der Trierer Neonazis geht oder um die Muskelspiele des nordkoreanischen Diktators, um den päpstlichen Segen für Kondome oder um die Warnung vor Anschlägen spinnerter Terroristen – stets stellt sich die gleiche Frage: Cui bono? Wem zum Vorteil?
Oberstes Ziel: den Lesern nützen. Informieren, erklären, aufklären. Und, ein großes Wort, vielleicht ein bisschen dazu beitragen, die Welt zu verbessern.
Die Idee, unangenehme Themen durch Totschweigen zu verdrängen, klingt reizvoll. Sie funktioniert aber nicht. Lassen sich alle Übel dieser Erde abschaffen, indem man sie ignoriert? Die Erfahrung lehrt: nein!
Das lernen schon kleine Kinder, die sich mit ihren Händen die Augen zuhalten und meinen, sie seien unsichtbar. Der bedrohliche riesige Hund verschwindet aber nicht, er knurrt und fletscht die Zähne. Viel klüger ist es, sich mit wachen Sinnen der Herausforderung zu stellen und das Problem zu lösen.
Übertragen auf die Zeitung heißt das: Augen auf, mit kritischer Distanz recherchieren, was das für ein fieser Köter ist, aufzeigen, warum er so gefährlich ist, Vorschläge einbringen, wie man ihn los wird. Denn der Hund ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen (wollen).
Das Schöne, Gute, Edle abzubilden, ist wichtig. Genauso wichtig ist es, das Hässliche, Böse, Abgründige zu beschreiben. Nur wenn wir wissen, was schiefläuft, können wir etwas daran ändern. Nur wenn wir vermeintliche Tabus ans Licht zerren, besteht die Chance, dass sie zu Staub zerfallen wie der Vampir beim ersten Sonnenstrahl.
Beispiel Babic: Der Mann ist ein Quatscher, Quengler, Querulant. Er sitzt im Trierer Stadtrat, er steht vor Gericht, er provoziert und agitiert. Das „Bündnis gegen Rechts“ ruft zu Demonstrationen gegen ihn auf. All das spielt sich öffentlich ab. Augen zu? Verschweigen? Es passiert trotzdem. Also berichten wir, entlarven Babics Clownerien und legen dar, wes Geistes Kind er ist. So kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden.
Beispiel Nordkorea: Die Steinzeit-Kommunisten rasseln mit dem Säbel, legen sich mit Südkorea an, provozieren die USA, China, Russland, die Uno. Was bezweckt der Diktator Kim Jong Il? Er lenkt sein darbendes, hungerndes Volk ab. Ein durchschaubares Manöver. Augen zu? Verschweigen? Es passiert trotzdem. Also berichten wir …
Beispiel Papst: Sensation im Vatikan, Benedikt XVI. läutet eine Zeitenwende ein und lockert das Kondomverbot – so psalmodierte und tremolierte es diese Woche im Blätterwald. Ein Interview, nie da gewesen! Ach, ja? Warum teilt sich der Pontifex nicht per Enzyklika mit? Warum justament dieser mediale Aufruhr? Doch nicht etwa, weil das Papst-Buch nun auf den Markt kommt und kostenlose Werbung sicher nicht schaden kann? Doch nicht etwa, weil Benedikt XVI. sein angekratztes Image und das seiner Kirche aufpolieren möchte, indem er sich so menschlich gibt wie nie (Ich, der Papst, ganz privat … sehe gerne Filme mit Don Camillo und Peppone … trage die Armbanduhr meiner verstorbenen Schwester Maria …)? Eine schlau eingefädelte PR-Aktion. Augen zu? Verschweigen? Es passiert trotzdem. Also berichten wir …
Beispiel Terror: Aufgepasst, Islamisten-Bomber planen Attentate in Deutschland! Die Regierung warnt und mahnt, die Opposition will alles anders machen, die üblichen Verdächtigen geben in jeder Talkshow, in jeder Zeitung ihren Senf dazu. Nichts Genaues weiß man nicht, aber gefährlich ist es allemal, brrr! Und kaum erdreisten sich einige Journalisten, mögliche Anschlagsszenarien auszumalen (Berliner Reichstag), wittern manche Politiker einen Abgrund von Landesverrat und schreien, die Pressefreiheit müsse eingeschränkt werden. Angst schüren – und mit klammheimlicher Freude en passant die Sicherheitsgesetze verschärfen, ein bewährtes Rezept. Augen zu? Verschweigen? Es passiert trotzdem. Also berichten wir …
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart