Wie süß! Wie putzig! Wie niedlich!

Irmburg Schaus aus Waxweiler schreibt: Vor mir liegt der TV vom 27. Oktober. Titelseite: Riesenartikel über das tote Kraken-Orakel. Seite 22: zu drei Vierteln gefüllt mit Leserbriefen von Betroffenheitsaposteln, die sich für den Phantom-Panther stark machen. Des weiteren: ausführliche Ergüsse über Federviehzüchter, Artenschutz und so weiter.
Dazwischen auf Seite zehn ein lieblos recherchierter kleiner Artikel über Kinder aus den SOS-Kinderdörfern in Deutschland, die kostenlos eine Woche Ferien im Eifel-Ferienpark Prümtal in Waxweiler machen konnten.
Zu den Fakten: Es waren 154 Kinder mit 32 Betreuern, für die sich die Betreiberin des Ferienparks, Claudia Suringh, seit Anfang des Jahres buchstäblich die Hacken abgelaufen hat, um diesen Ärmsten der Armen unvergessene Tage zu ermöglichen.
Hinter jedem dieser Kinder steht ein Schicksal, das wir uns wahrscheinlich kaum vorstellen können. Wer erleben durfte, wie dankbar diese Kinder selbst für die kleinste Zuwendung sind, wie sie sich freuen über Erlebnisse, die für andere Kinder selbstverständlich sind, der wird dies so schnell nicht vergessen.
Ich würde jedem dieser Gutmenschen, die sich für herumstreunende Panther, herrenlose Katzen, hellseherische Kraken und schwanzlose Lurche stark machen, empfehlen, die Patenschaft für eines dieser Kinder zu übernehmen. Da könnten viele Energien in sinnvolle Bahnen gelenkt werden.

Liebe Frau Schaus,
vielen Dank für Ihre Zuschrift. Schade, dass Ihnen der Beitrag über die Freizeit in Waxweiler nicht gefallen hat. Ein Einzelfall, hoffe ich. Unbestritten ist, dass über Kinder im Volksfreund häufig berichtet wird, und ziemlich oft auch über Tiere. Warum ist das so?
Tiere und Kinder gehen immer, hat Rudi Carrell gesagt. Die Erkenntnis des legendären Showmasters gilt nicht nur für Possenreißer in der Unterhaltungsbranche, sondern auch für Journalisten. Wir wissen: Berichte über Tiere und Kinder kommen gut an. Das lässt sich an repräsentativen Befragungen festmachen, an Einschaltquoten, Online-Zugriffen oder an der Zahl der Leserbriefe. Warum Tiere und Kinder in den Medien so populär sind, hat mit Emotionen zu tun – und mit der Evolution.
Ein Phantom-Panther, der sich im Ruwertal herumtreiben soll, der Adler Chesco, der im Greifvogelpark Saarburg entfleucht ist, die Rettung eines Mädchens aus dem Bärengehege im Eifel-Zoo in Lünebach, ein Känguru, das im Hochwald ausgebüxt ist, der Fuchs, der in Föhren Hunderte Schuhe stibitzt hat – fünf von Dutzenden spannenden Tier-Geschichten, die unsere Reporter in jüngster Zeit erzählt haben. Vom Kraken-Orakel Paul, das während der Fußball-Weltmeisterschaft rund um den Globus zum Medienstar aufgestiegen ist, Edmund Stoibers Problembär Bruno oder Eisbär Knut im Berliner Zoo ganz zu schweigen.
All das ist ungewöhnlich, unerhört, unglaublich – und fasziniert allein deswegen. Das Tier-Fieber hat aber noch andere Ursachen. Die romantische Sehnsucht nach ein bisschen heiler Welt (Natur) spielt mit hinein und vor allem viel, viel Gefühl.
Ein „unschuldiges“ Viech wie der Panther, der womöglich abgeknallt wird – das hat etwas von großem Drama. Vergleichbar der Jagd auf Wale oder dem Abschlachten von Robbenbabys.
Wer bleibt ungerührt angesichts von Bildern, die brutal zeigen, wie die sanften Riesen der Meere mit Harpunen abgemurkst werden? Oder beim Blick in die feucht glänzenden Augen von knuffigen Heulern in der Stunde ihres Todes, dieweil der Schlächter schon den Knüppel schwingt?
Was machen diese Bilder (insbesondere von Tierbabys) mit uns? Und warum ist das bei Menschenkindern genauso? Die Psychologie kennt die Antwort.
Konrad Lorenz, der berühmte Verhaltensforscher, hat in den vierziger Jahren den Begriff „Kindchenschema“ geprägt. Pausbacken, Kulleraugen, Stupsnase und tollpatschige Bewegungen lösen den Beschützerinstinkt aus. Ein Schlüsselreiz, der bei Menschen wie bei Säugetieren in den Genen liegt. Wie süß! Wie putzig! Wie niedlich! Hinschauen. Knuddeln. Kümmern. Das Kindchenschema gewährleistet, dass die Eltern ihre Jungen füttern, behüten und großziehen. Ganz schön clever, die Evolution …
Niemand kann sich der emotionalen Wirkung entziehen, selbst wer keine Kinder oder Tiere mag. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Ihr Befund: Babygesichter sind wie Rauschgift fürs Gehirn. Sie sprechen das Belohnungszentrum (Nucleus accumbens) an und setzen Glücksgefühle frei.
Womit wir wieder bei den Medien wären. Journalisten, aber auch Werber und Marketingleute arbeiten mit kleinen Tricks, um im Zeitalter der Reizüberflutung die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Wenige Sekunden entscheiden darüber, ob ein Artikel in der Zeitung wahrgenommen wird oder nicht. Über das Foto, über die Illustration steigt der Leser in den Text ein – vielleicht.
Daher greifen Medienmacher gerne auf bewährte Muster zurück. Wir haben gelernt: Bilder von drolligen Kindern oder Tieren lösen beim Betrachter unbewusst einen Reflex aus – und schwuppdiwupp ist das Interesse geweckt …
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart