Empörung auf Knopfdruck

Manfred Lessel aus Irrel meint: Die Schlagwörter „unabhängig“ und vor allem „überparteilich“ sollten Sie streichen, denn das sind Sie als Tageszeitung schon lange nicht mehr. Das zeigt sich immer wieder in den Kommentaren, vor allem in denen von Werner Kolhoff. Denn dessen Meinungsartikel sind in der Regel linkslastig und allzu tendenziös. Mit kritischem Journalismus hat das nicht viel zu tun! Auch die Auswahl der Leserbriefe zu Sarrazin im TV (8. September) ist mit Sicherheit einseitig kontra Sarrazin von Ihnen vorgenommen worden. Sie spiegeln nämlich nicht die etwa 70- bis 80-prozentige Zustimmung der Bevölkerung zu Sarrazin wider.
Lieber Herr Lessel,
vielen Dank für Ihre E-Mail. Über Sarrazin ist alles gesagt, von (fast) allen. Ich will gar nicht näher auf die vulgär-darwinistischen Thesen eingehen. Erbdummheit der Muslime? Die Gene der Juden? Au weia!
Sarrazin sagt, was er denkt, aber auch, wenn er nicht denkt, sagt er etwas. Als PR-Profi kennt er das Geschäft: gezielte Provokation durch Tabubruch – prompt rattert, wie auf Knopfdruck, der Motor der medialen Empörung und beschert eine fette Schlagzeile, eine Talkshow nach der anderen.
Derlei inszeniert der Populist Sarrazin lustvoll und mit schöner Regelmäßigkeit einmal pro Jahr. Mit seiner Leier von den „Hartz-IV-Empfänger produzierenden Kopftuchmädchen“ (2009) oder der Empfehlung an frierende Menschen, die kein Geld fürs Heizöl haben, sich im Winter gefälligst mit Pullovern zu behelfen (2008), testete er den Markt. Aufschrei garantiert!
Die Masche beherrschen auch andere aus dem Effeff: vom Ex-Bischof Mixa, der Frauen als „Gebärmaschinen“ tituliert und nicht mit Nazi-Vergleichen geizt, bis zur Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die faselt, dass viele Afrikaner an Aids sterben, weil die Schwarzen halt so gerne „schnackseln“. Wer am lautesten tönt, findet Gehör. Das Fatale: Ist ein echtes oder vermeintliches Skandälchen erst einmal auf dem Boulevard, lässt es sich schwerlich ignorieren. Totschweigen? Geht nicht, weil alle mitmachen. Die großen Zeitungen wie die kleinen, die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender wie die privaten.
Es wäre seltsam, wenn der Volksfreund seinen Lesern erklären würde: Liebe Leute, da mischt wieder mal ein ziemlich abgedrehter Typ mit wirren Sprüchen die Nation auf, aber wir bringen nichts darüber, weil wir es für Unfug halten. Also versuchen wir, die Lage sachlich aufzudröseln, Hintergründe zu recherchieren, in Kommentaren beherzt Stellung zu beziehen.
Was ich bis hierher geschrieben habe, ist bewusst zugespitzt und wertend: Meinung eben, meine Interpretation der Vorgänge um Sarrazin. Niemand muss diese Meinung teilen. Wichtig ist: In dieser Zeitung kann jeder seine Meinung sagen! Redakteure, Korrespondenten, Leser. Genau das bedeuten ja die Vokabeln „überparteilich“ und „unabhängig“! Keine Partei diktiert, was ins Blatt gehört und was nicht, kein Politiker redet rein, kein Wirtschaftsunternehmen nimmt Einfluss auf die Berichterstattung.
Das ideologische Koordinaten-System links-rechts spielt keine Rolle – auch nicht bei der Auswahl der Leserbriefe. Schimpf und Schund und Nazi-Sumpf sortieren wir aus. Was übrig bleibt, ist ein Querschnitt der eingereichten Beiträge. Im Fall Sarrazin bislang veröffentlicht: zwölf „Freunde“, die bejubeln, dass endlich einer die Wahrheit sagt, und sieben „Feinde“, die das völkische Gen-Gewäsch für Mumpitz halten. Nach der Sarrazin-Show vor einem Jahr: drei dafür, zwei dagegen. Und vor zwei Jahren: zwei pro, sieben kontra. Unterm Strich: eine ausgewogene Mischung – aber keine Manipulation.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

5 Gedanken zu „Empörung auf Knopfdruck

  1. Herr Lessel hat vollkommen recht. Leider trifft es aber auf den ganzen gleichgeschalteten „Qualitätsjournalismus“ zu, ebenso auf das Fernsehen und den Hörfunk.
    Die alt68er sitzen heute in leitenden Stellen.

  2. Mal wieder die fabulierten 70 bis 80 Prozent Zustimmung. Zum Vergleich hier die Ergebnisse einer Umfrage des Berliner Info-Instituts (die in den Medien interessanterweise kaum Erwähung fand):

    – 42 Prozent der Befragten stimmen Sarrazin nicht zu.
    – 37 Prozent geben ihm Recht.
    – 21 Prozent kennen Sarrazins Thesen nicht oder gaben keine Meinung an.

    Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,717267,00.html

    Witzig auch die unterschiedlichen Sichtweisen: Von mir aus gesehen steht Werner Kohlhoff überall, bloß nicht links.

    Kann es wohl sein, Her Lessel, dass Sie die Bild-„Zeitung“ als Beispiel für unabhängige, überparteiliche Berichterstattung betrachten?

  3. Herr Lessel ist ein prima Kerl und hat klare Leitbilder; dazu gehören auch die Kunst des Analysierens und der Kanon des (Be-) Wertens. Er scheint etwas streng mathematisch orientiert zu sein und lässt nur ungern andere Blickwinkel zu. Es ist die Grundtugend ´virtus`, die uns bisweilen zu schaffen macht. Also Gelassenheit, Geduld, flexibel sein, sich einlassen können auf andere Zugänge und Strategien. Das Urteil über/zu Herrn Kohlhoff ist nicht deckungsgleich mit meiner Einschätzung. Ein Journalist ist auch ein `Handwerker mit Gerät`; er muss analysieren, operieren, jonglieren, funktionieren, justieren…. nicht aber fabulieren. Herr Kohlhoff arbeitet solide, gekonnt, sprachschriftlich sympathisch.
    Lieber Herr Lessel: Wer Anstöße gibt, muss nicht unbedingt anstößig sein.
    Auch Sie haben eine „Kohlhoff-Tugend“ praktiziert – und das ist feiner Journalismus : Sie haben überspitzt, Sie haben überzeichnet. Sie haben aber auch von der TV-Chefetage eine gediegene Antwort/Auskunft erhalten. 3 x Schulterklopfen = an Sie, an Herrn Kohlhoff, an den TV.

  4. Soooo unrecht hat Sarrazin ja nicht. Das darf man ja wohl noch sagen dürfen!

    Ich bin auch fest davon überzeugt, daß Gene die Eigenschaft eines Volkes bestimmen:

    Das Juden-Gen (sorgt für die Affinität zum Geld),

    das Muslim-Gen (sorgt für eine kognitive Unterentwicklung, für verminderte Toleranzbereitschaft und für religiösen Wahn),

    das Franzosen-Gen (stark vermindertes Sauberkeitsempfinden, gesteigerter Sexualtrieb und Disposition zur Rotweinabhängigkeit)

    das Neger-Gen (ausgeprägte Faulheit, Neigung zum Schmarotzertum und ein kaninchenhafter Vermehrungstrieb)

    Und wir Deutschen? Mir fehlten die Zahlen, aber Herr Lessel hat sie mir geliefert: Wir haben das Faschismus-Gen. Jedenfalls 70 bis 80 Prozent der Deutschen. Da kann man nichts machen, wir werden durch unsere Gene gesteuert…

    So Zynismus-Modus aus.

  5. Lieber Kollege Reinhart,

    da haben Sie mir aber eine Freude gemacht mit Ihrer schnörkellos klaren Analyse des medialen Geweses um den geschäftstüchtigen Thilo Sarrazin. Ich bin zufällig beim Herumstöbern im Internet beim Trierischen Volksfreund gelandet.

    Unsere immer wilder ratternde Maschinerie kalkulierter Tabubrüche sorgt leider auch dafür, dass Denkweisen gesellschaftsfähig gemacht werden, die bisher weit rechts außen außerhalb des Akzeptierten gelegen haben und als rassistisch, nationalistisch usw. geächtet waren.

    In dieser Ablehnung waren Lehren aus einer grausamen deutschen Vergangenheit fruchtbar gemacht worden – eine Errungenschaft, die jetzt sehr gezielt zertrampelt werden soll.

    Alles Gute aus Bremerhaven

    Detlef Kolze

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