Gerührt, gereimt, geschüttelt

Helmut Körlings aus Traben-Trarbach schreibt: Anliegend einmal ein etwas anderer Leserbrief zur Brückenproblematik. Bin neugierig, ob Sie den Mut haben, ihn zu veröffentlichen.
Prometheus der Mosel
(frei nach J. W. Goethe)
Verneble deine Pfalz, Kurt Beck, / mit Dieselqualm / und trickse, dem Deubel gleich, / den du geköpft, / am Nürburgring, auf Eifelhöh’n! / Doch lass mir meine Mosel / frei von dem Gedröhn! / Und unser Tal, / um dessen Wein du uns beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres / unter der Sonne als euch, Mainzer! / Ihr nähret kümmerlich / von Ausgleichsteuern / und EU-Krediten / eure Majestät / und darbtet, wären / nicht Merkel und Barroso / hoffnungslose Toren.
Da ich jung war, / nicht wusste, wo aus noch ein, / kehrt ich mein verirrtes Auge / nach Mainz, als wenn dort wäre / ein Ohr, zu hören meine Klage, / ein Herz wie meins, / sich der bedrängten Mosel zu erbarmen. / Wer half uns / wider USA- und Nato-Übermut? / Wer rettet uns vor seelenlosen Planern, / vor Auto-Sklaverei? / Haben wir nicht alles selbst vollendet? / Mutig, und mit heißem Herzen? / Wir glühten jung und gut. / Betrogen! Rettungsdank / dem Schlafenden da droben?
Für dich stimmen? Warum? / Hast du die Sorgen gelindert / je der Menschen im Tal? / Hast du die Tränen gestillt / je der Geängsteten?
Hat uns nicht zu Rebellen geschmiedet / des Herings falsche Argumente, / dein scheinheiliges Gerede / von Wohlstand? / Unser Ziel. Nicht deins!
Wähntest du etwa, / wir sollten deine Brücke lieben, / das Danaergeschenk / von dir und von Berlin? / Das ein Alptraum ist für jeden, / der die Mosel liebt.
Hier stehen wir, / aufrecht und gleichgesinnt. Bereit / zu kämpfen für die Mosel, / wie sie war und wie sie ist / und bleiben wird – für alle Zeit!
Helmut Körlings
P.S.: Die Versstruktur entspricht Goethes Original von 1774.

Lieber Herr Körlings,
o, wär ich / der Kästner Erich! / Auch wär ich gern / Christian Morgenstern! / Und hätte ich nur einen Satz / von Ringelnatz! / Doch nichts davon! – Zu aller Not / hab ich auch nichts von Busch und Roth! / Drum bleib ich, wenn es mir auch schwer ward, / nur der Peter Reinhart …
(frei nach Heinz Erhardt).
Scherz beiseite. Ein netter Versuch, lieber Herr Körlings, das seit Jahren hin und her gewälzte Hochmoselbrücken-Problem, zu dem (fast) alles gesagt ist, mal „anders“ anzugehen. Mir gefällt Ihr Schwung, der furiose Einstieg, die listige Majestätsbeleidigung, die kämpferische Haltung. Und doch, das lässt sich beispielhaft zeigen: Lyrik eignet sich gemeinhin nicht als Leserbrief – egal ob gerührt, geschüttelt oder gereimt. Was spricht dagegen?

  • Die Form: Sie haben sich große Mühe gegeben, den Ton des jungen Goethe und die in freien Rhythmen stürmende, drängende Klage des Prometheus gegen die Götter nachzuahmen. Leider lassen die Zeitungsspalten nur wenig Spielraum für typographische Experimente: Die Metrik zerfleddert, der Lesefluss vertrocknet, die Lektüre stockt.
  • Der Inhalt: So sehr wir uns überraschende Erkenntnisse und ungewöhnliche Einsichten wünschen – sie müssen für andere Leser nachvollziehbar und selbsterklärend sein. So wissen wohl nur die wenigsten mit der mythologischen Figur Prometheus, dem Prototyp aller Protestler, etwas anzufangen. Zudem wirft die sprachliche Verknappung allerlei Fragen auf, und die ins Goethe’sche Versmaß gepresste Gedankenfülle lässt Spielraum für Interpretation. Was will uns der Dichter damit sagen, denkt sich der Unkundige hie und da.
  • Die Wirkung: Kommunikation ist das, was ankommt, heißt es. Traurig, aber wahr: Niemand liest Lyrik. Na, jedenfalls fast niemand. Der Dichter Hans Magnus Enzensberger hat vor einiger Zeit behauptet, es gebe in jeder Sprachgemeinschaft gerade 1354 Leser anspruchsvoller Lyrik, in Deutschland ebenso wie in Frankreich oder England – die „Enzensberger’sche Konstante“. Ein Jux, klar. Eines jedoch verdeutlicht die provokante Botschaft des engagierten Wortkünstlers („Mein Gedicht ist mein Messer“): Lyrik ist etwas für Liebhaber, und wer ein möglichst großes Publikum erreichen will, sollte sich anderer Gattungen bedienen.

Bei allem Respekt vor Ihrer dichterischen Begabung, lieber Herr Körlings (und alle anderen Lyrik-Freunde!): Leserbriefe bleiben, wie es der Name schon sagt: Briefe.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart, stellvertretender Chefredakteur
P.S.: Fontane („Die Brück‘ am Tay“) passt auch ganz gut:
[…] und Johnie spricht: „Die Brücke noch! / Aber was tut es, wir zwingen es doch. / Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, / die bleiben Sieger in solchem Kampf, / und wie’s auch rast und ringt und rennt, / wir kriegen es unter: das Element. / Und unser Stolz ist unsre Brück‘; / ich lache, denk ich an früher zurück, / an all den Jammer und all die Not / mit dem elend alten Schifferboot; / wie manche liebe Christfestnacht / hab ich im Fährhaus zugebracht / und sah unsrer Fenster lichten Schein / und zählte und konnte nicht drüben sein.“ / […] / „Tand, Tand, / ist das Gebilde von Menschenhand.“