Mehr als ein 1:0

Jürgen Henrichs aus Zeltingen-Rachtig schreibt zur Berichterstattung über Lokalsport: Stellen Sie sich vor, einem Spielbericht über die Regionalliga-Mannschaft von Eintracht Trier würde ebenso viel Platz eingeräumt wie einem Spiel zwischen Engers und der SG Udler (keine Wertung, nur Beispiel). So geschieht es regelmäßig, jeden Dienstag im TV, mit dem Basketball. Die Regionalliga-Mannschaft der MJC Trier wird mit der gleichen Beiläufigkeit bewertet wie ein Rheinlandligaspiel im Fußball. Woran liegt das? Wir sprechen von der gleichen Klasse, in der die Eintracht kickt: vierte Liga!
Die MJC spielt nur mit einheimischen Spielern, die Hälfte ist 19 Jahre alt, keiner verdient Geld. Die Mannschaft hat einen einstelligen Tabellenplatz erreicht – und der TV nimmt keine Notiz davon. Die Gegner kommen aus Konstanz und Stuttgart, und diese Teams spielen zu 80 Prozent mit eingekauften Profis. Die MJC setzt auf Nachwuchs. Ist das nicht genau das, was zwischen den Zeilen im nationalen Sport landauf, landab verlangt wird? Was soll die MJC noch machen, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen? Ich erwarte einfach mehr, denn was hier geleistet wird, ist landesweit in dieser Spielklasse einzig.
Lieber Herr Henrichs,
vielen Dank für Ihre Mail. Ich verstehe die Kritik und kann nachvollziehen, dass Sie gern mehr über die Spiele „Ihres“ Vereins in der Zeitung lesen würden. Das wünschen sich vermutlich alle, die selbst Sport treiben, die als Zuschauer auf die Plätze und in die Hallen pilgern, die ihre Söhne und Töchter zum Training chauffieren und bei Wettkämpfen mitfiebern, die sich ehrenamtlich engagieren, die sich für Leibesübungen und Körperertüchtigung aller Art begeistern – in unserer Region mehr als 200.000 Menschen, die der Volksfreund mit allem versorgt, was wissenswert ist. Das versuchen wir jedenfalls.
Nur wenige Tageszeitungen in Deutschland widmen sich so ausführlich dem Sport vor Ort: täglich vier bis fünf Seiten überwiegend mit Berichten über das lokale und regionale Geschehen, mit Ergebnissen und Tabellen, von der Bundesliga bis zur Kreisliga, von den Bambini bis zu den Alten Herren, montags meist acht Seiten. Das ist viel – und doch viel zu wenig, um alles abzubilden. Also muss die Redaktion das tun, was ihr tägliches Geschäft ist: aus einer ungeheuren Zahl von Informationen jene auswählen, die wichtig sind und einen möglichst großen Kreis von Lesern interessieren.
Dabei gibt es, neben dem Nachrichtenwert, einige hilfreiche Kriterien. Die Lieblingssportarten der Deutschen etwa. Jemand hat mal gesagt: 1. Fußball, 2. Fußball, 3. Fußball … dann lange nichts … und dann Handball, Leichtathletik, Formel eins, Schwimmen, Tennis, Biathlon, Turnen, Schießen, Golf, Volleyball, Tischtennis und natürlich, nebst einigen anderen, Basketball, aber ziemlich weit abgeschlagen.
Wer in welcher Liga spielt, ist ebenfalls zu berücksichtigen, aber nicht allein ausschlaggebend. Ginge es nur danach, wäre im Volksfreund neben den Basketballern der TBB Trier und den Handball-Miezen vor allem über den Schach-Bundesligisten SG Trier zu berichten, über den Rollstuhlbasketball-Bundesligisten Trier Dolphins, über den Kegel-Erstligisten KSV Riol, über die Weltklasse-Ruderer Jost und Matthias Schömann-Finck aus Zeltingen-Rachtig oder Richard Schmidt vom RV Treviris Trier. All das findet in der Zeitung statt, selbstverständlich, aber nicht immer an prominenter Stelle, nicht immer in großen Beiträgen, weil sich – bei aller Hochachtung vor der sportlichen Leistung – eben nur ein vergleichsweise geringer Teil der Leser angesprochen fühlt.
Die Redaktion orientiert sich an Klasse und Masse: Eintracht Trier ist viertklassig, aber in der populärsten Sportart unterwegs. Wenig Klasse, viel Masse. Die Korbjäger der TBB Trier sind erstklassig, aber in einer Sportart, die unter ferner liefen rangiert. Viel Klasse, wenig Masse. In der TV-Berichterstattung liegen beide ungefähr gleichauf. Die Regionalliga-Basketballer der MJC Trier sind, sorry, viertklassig in einer nicht so angesagten Disziplin – und werden daher normalerweise „nur“ mit kürzeren Artikeln bedacht.
Wir bemühen uns, jenseits der sogenannten 1:0-Berichterstattung die besonderen Geschichten zu entdecken und zu erzählen – aus allen Sportarten, aus allen Ligen. Ihr Hinweis, dass sich die MJC mit ganz jungen Spielern und ohne Legionäre wacker schlägt, könnte eine solche größere Story hergeben. Schau’n mer mal.
Mit sportlichen Grüßen!
Peter Reinhart