Bitte keine Postwurfsendungen

Hanns-Georg Salm aus Gondenbrett schreibt: In Kopie an die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Frau Erika Steinbach, MdB, Herrn Patrick Schnieder, MdB, guido.westerwelle@bundestag.de. Die folgende elektronische Post an die hiesige regionale Zeitung Herrn Dr. Guido Westerwelle m. d. B. u. g. Kenntnisnahme. Ich bin Rheinländer von Geburt und habe in Ostpreußen keine Wurzeln. Umso mehr stört es mich, dass sich das Hickhack um die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach nach Beendigung der Großen Koalition nahtlos fortsetzt. Bei zahlreichen Gesprächen im Ermland wurde mir im Sommer 2009 immer wieder bestätigt, dass der Bund der Vertriebenen und die Ostpreußische Landsmannschaft viel zu behutsam mit den polnischen Nachbarn umgehen. Die Deutschstämmigen dort verfolgen in den polnischen Medien mit größtem Unbehagen die ungezählten Schmähungen und unzumutbaren Verunglimpfungen, denen Frau Steinbach permanent ausgesetzt ist. Sie können nicht […]

Lieber Herr Salm,
vielen Dank für Ihre Zuschrift – die ich nicht vollständig abdrucke. Warum nicht? Das möchte ich für alle Leser an Ihrem Beispiel erklären.
Sie listen als Adressaten auf: Guido Westerwelle, Erika Steinbach, Patrick Schnieder und die hiesige regionale Zeitung, also den Volksfreund.
Ihr Beitrag fällt in die Kategorie der offenen Briefe. Solche Rundschreiben bringen wir mitunter in redaktioneller Bearbeitung (etwa die Abschiedsworte der Nationalmannschaft an den toten Torwart Robert Enke), aber wir veröffentlichen sie nicht als Leserbrief.
Gäbe es dieses Tabu nicht, wäre die Versuchung groß, die Meinungsspalten der Zeitung als Vehikel für politische Kampagnen zu missbrauchen.
Der TV ist unabhängig und lässt sich nicht instrumentalisieren. Wir machen keine Politik, wir schreiben darüber, kritisch-objektiv, getreu dem Leitmotiv des Fernseh-Kollegen Hanns Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache, dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazugehört.“ Will sagen: Wir sind Beobachter, nicht Spieler, wir wahren kritische Distanz zum Geschehen, über das wir berichten – eine Grundvoraussetzung für Glaubwürdigkeit.
Zu diesem Idealbild will die Idee des offenen Briefes nicht so recht passen. Es geht den Autoren solcher Schreiben ja meist darum, ihre Anliegen möglichst breit zu streuen, den öffentlichen Druck auf die Adressaten zu erhöhen und Reaktionen zu provozieren, so wie – berühmtes Beispiel – der französische Schriftsteller Émile Zola, der mit seinem „J’accuse“ („Ich klage an“) zur Dreyfus-Affäre im Jahr 1898 ganz Frankreich erschütterte.
Aus heutiger Sicht: Zolas Brandbrief wäre selbstverständlich ein bedeutendes Thema, die TV-Redaktion würde recherchieren, analysieren, einordnen. Als unkommentierte, flächendeckend verbreitete Lesermeinung aber würde „J’accuse“ wohl kaum publiziert.
Ich schließe nicht aus, dass in der Vergangenheit die eine oder andere Postwurfsendung als Leserbrief in den TV gelangt ist. Nicht jede Zuschrift lässt sich daraufhin überprüfen.
Sie, lieber Herr Salm, waren so fair, Ihre Adressaten zu nennen. Das erleichtert die Einschätzung, ob der Abdruck möglich ist oder nicht. Manche Autoren versuchen nämlich, ihre Absichten zu verschleiern und uns ihr Werk unterzujubeln.
Ich habe die herzliche Bitte: Schreiben Sie original und exklusiv für den TV, schicken Sie Leserbriefe nicht an Gott und Welt – jedenfalls nicht vor der Veröffentlichung in der Zeitung. Die Belegexemplare können Sie ja anschließend an Frau Steinbach, Herrn Westerwelle und Herrn Schnieder senden.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart