Kranke Hirne

Karin Nossem aus Aach schreibt: Was denken Sie sich dabei, zum Artikel über Kindesmissbrauch einen Computer-Bildschirm mit einer kinderpornografischen Darstellung abzudrucken, auf der lediglich die Augen des Kindes und die Geschlechtsteile mit einem schwarzen Balken abgedeckt sind? Der Rest des Bildes ist völlig unverschlüsselt. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Damit machen Sie sich in meinen Augen selbst strafbar! Ein solches Bild unverschlüsselt in einer Tageszeitung zu verbreiten, kann man nicht mehr als gedankenlos bezeichnen, das ist unverantwortlich. Schauen Sie sich das Bild einfach mal an und überlegen Sie, wie viele kranke Hirne Sie damit auf dumme Gedanken bringen. Dass Kinderpornografie äußerst abstoßend ist, kann man sich als „normal“ veranlagter Mensch auch ohne Ihre Bildchen vorstellen. Danke für so viel Feingefühl!

Liebe Frau Nossem,
vielen Dank für Ihre Hinweise. Zum gleichen Thema haben sich – mit ähnlichen Anmerkungen – Anne Hackert aus Trier, Claudia Apel aus Newel-Beßlich und Karin Schubert aus Morbach gemeldet. Die Beiträge lesen Sie weiter unten.
Es gibt wohl kaum ein Thema in den Medien, das so problematisch ist wie die Berichterstattung über Kinderpornografie. Es ist widerlich, es ist ekelerregend, es ist verletzend, und doch: Es muss sein, um aufzuklären, um zu sensibilisieren, um – im besten Fall – Schlimmeres zu verhindern. Daher bemühen sich Journalisten, so behutsam wie möglich vorzugehen, sowohl im Text (keine Details) als auch bei der Bebilderung (keine Details). Zurückhaltung heißt auch: Wir haben die Bitte der Behörden respektiert und drei Tage lang nicht über die bundesweite Aktion gegen den Pädophilen-Ring berichtet, um den Fahndungserfolg nicht zu gefährden.
Ob immer ein Foto nötig ist? Nein. Hier wäre es verzichtbar gewesen. Es überschreitet zwar nicht die Grenzen des presserechtlich Erlaubten, aber die Nachricht wäre auch verständlich gewesen ohne Illustration (Polizeibeamter sitzt vor einem Monitor mit einer – unkenntlich gemachten – pornografischen Szene). Besonders unglücklich: Es handelt sich um ein Archiv-Foto aus dem Jahr 2003, entstanden bei einer Reportage über die Computer-Experten der Trierer Kripo, was aber in der Bildzeile nicht erklärt wird – ein handwerklicher Fehler, der nicht wieder vorkommen wird: Wir haben das Foto aus dem Archiv gelöscht.
Herzliche Grüße!
Peter Reinhart

Hier die weiteren Beiträge:

Anne Hackert aus Trier meint: Selbstverständlich ist es dringend notwendig, über dieses Thema zu berichten. Muss es denn aber sein, dass – schwarze Bälkchen hin oder her – ein derartiges Bild abgedruckt wird? Meiner Meinung nach ist dies nicht nur überflüssig, sondern sogar eine weitere Erniedrigung der Opfer. Dass ich persönlich ein solches Bild nicht sehen möchte, wenn ich arglos meine Tageszeitung aufschlage, steht auf einem anderen Blatt. Gewiss gäbe es noch zahlreiche weitere Argumente gegen den Abdruck solchen Bildmaterials, man denke nur ganz allgemein an Kinder oder aber auch von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen. Deshalb meine Bitte: Überdenken Sie die „Notwendigkeit“ des Abdrucks derartiger Bilder.

Claudia Apel aus Newel-Beßlich schreibt: Der TV berichtete über die Aufdeckung eines Kinderporno-Rings. Sicherlich sind diese Nachrichten wichtig, aber müssen sie tatsächlich mit solchen furchtbaren Bildern unterlegt werden? Warum ein Bild, auf dem man fast alles erkennen kann? Warum überhaupt solche Bilder? Ist es nicht schlimm genug, dass wir wissen, dass es solche Fotos gibt, müssen wir sie tatsächlich auch noch in unserer Tageszeitung sehen? Müssen wir alles Grauen dieser Welt in bunten Bildern zum Frühstück serviert bekommen?
Ich denke, dass verantwortliche Redakteure hier durchaus auch mal gegen die Untermalung durch Fotos stimmen können. Auch bei dpa-Artikeln. Außerdem will der TV eine kinderfreundliche Zeitung sein, mit Berichten und Nachrichten für Kinder. Das heißt, auch Kinder sollen die Zeitung durchblättern. Was aber nun, wenn ein Kind auf dieses schreckliche Bild stößt. Wie erkläre ich als Elternteil meinem Kind solche Fotos? Übrigens befand sich auch auf eben dieser Seite eine Kindernachricht!
Am Schlimmsten aber finde ich, dass das Kind auf dem Foto schon genug gelitten hat und benutzt wurde. Muss man das noch einmal tun, indem man das Foto von ihm druckt, um die Auflage zu steigern? Es kann nicht schaden, zweimal darüber nachzudenken, ob ein Foto angebracht ist oder eben nicht.

Karin Schubert aus Morbach: An diesem und anderen Artikeln über Kinderpornografie gibt es zwei Vorteile: Eltern und auch alle anderen Leser werden für dieses Thema sensibilisiert. So schrecklich die Sache ist, wird auch klar, dass dies keine Randerscheinung unserer Gesellschaft ist, sondern mitten unter uns passiert; in jedem Alter und egal welche Bildung die Täter und Nutzer der Bilder haben. Das macht mir klar, ein besonderes Auge auf Kinder haben zu müssen, egal ob verwandte oder fremde.
Die Artikel zeigen auch, dass die Kinder nicht im Stich gelassen werden. Polizei, Staatsanwaltschaft und auch immer wieder Privatpersonen kämpfen unermüdlich dafür, Kinder zu schützen oder zu befreien und die Pädophilen zu finden und einzusperren.
Meiner Meinung nach müsste man aber hier ansetzen. Die Strafe für die Täter, aber auch für die Nutzer der Bilder, sind viel zu milde. Zwei Jahre Haft für den Besitz von solchen Bildern, am besten noch auf Bewährung, im Vergleich zu mindestens einer oder mehr zerstörten Kinderseele sind viel zu lasch.
Die Pädophilen sind in den letzten Jahren viel zu selbstsicher und skrupelloser geworden. Denen muss man das Leben so schwer wie möglich machen, damit wir unsere Kinder wieder sorgenfrei allein vor der Tür spielen oder zur Schule gehen lassen können.
Meine Bitte an den TV: Mir ist schon mehrmals aufgefallen, dass bei diesen Artikeln gerne ein Bild von einem Ermittler mit Blick auf dessen Monitor genommen wird. Da sind dann Szenen zu erkennen, die Kinder bei sexuellen Handlungen zeigen oder einen Mann, der mit offener Hose vor einem Laufstall steht. Diese Bilder sind so schrecklich, dass sie sich bei mir einbrennen. Bitte lassen Sie solche eindeutigen Bilder bei der Berichterstattung weg!

Ein Gedanke zu „Kranke Hirne

  1. Ohne jemanden „verletzen“ zu wollen, trage ich mich trotzdem in der Überzeugung, dass eine – auch wichtige – Berichterstattung selten die Aufmerksamkeit erzielt, wenn sie nicht mit „reisserisch aufgepäppelt“ ist.

    Das mag sicherlich für manche Leser/innen Ekel erregend sein, aber offensichtlich kann eine Bezugnahme zur – doch vorhandenen – Zutrefflichkeit LEIDER nur noch auf dieser Ebene hergestellt werden. Und wer die Augen vor einer offenen und ehrlichen Berichterstattung über die Zutrefflichkeiten schliesst, möchte offenkundig nicht, dass die Thematik überhaupt in der Öffentlichkeit behandelt wird. Es wird somit vehement darauf beharrt, es kann nicht sein, was nicht sein darf.

    Nebenbei bemerkt:
    Aus welchem Verhalten sollte denn ein Kind über einen „Mißbrauchsversuch“ lernend erfahren, wenn nicht deren Phantasie (durch ein mit „Balken“ verdecktes Bild in einer serösen Publikation) angeregt wird?

    Natürlich sind Eltern in der Verpflichtung, ihre Kinder zu schützen. Dies kann aber meines Erachtens nicht dadurch wirkungsvoll geschehen, wenn sich die „Erziehungsberechtigten“ ständig von den sich ergebenden Realitäten abwenden und dem Kind – für dessen erfolgreiche Zukunft – nur eine heile Welt vorgaukeln. Um die – schädlichen – Einflüsse überhaupt zu verhindern, müsste die Kinder fortlaufend eingesperrt werden. Und wäre dies für deren Entfaltung von Vorteil…?

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