Hildebrand und Hadubrand

Stephanie Frauenkron aus Trier schreibt: Ich finde es sehr schade, dass häufig mehr Wert auf Schlagzeilen gelegt wird als auf Inhalte. Besonders nerven mich die zum Teil reißerischen Überschriften und die konstruiert wirkenden, oft an den Haaren herbeigezogenen Alliterationen. Etwa vor einigen Tagen „Wirbel um den Wechselwilligen“ im Sport-Aufmacher. Tatsächlich behandelte gerade mal ein Viertel des Artikels den Wunsch Lukas Podolskis, den Verein zu wechseln. Warum kein informativer, interessanter Titel? Warum diese überflüssigen, zurechtgebogenen Formulierungen, die doch so oft ins Lächerliche abgleiten? Warum allzu oft diese unsachliche, fast schon primitive Sprache? Mir ist bewusst, dass der TV kein Blatt mit einer intellektuellen Leserschaft ist. Das ist nicht weiter schlimm – aber ist es deshalb nötig, gleich das Sprachniveau auf das Minimale zu senken?

Liebe Stephanie Frauenkron,

vielen Dank für Ihre Hinweise und Anregungen. Besonders interessant finde ich das Stichwort „primitive Sprache“.

Nicht jeder liest die „Odyssee“ von Homer im altgriechischen Original oder den „Ulysses“ von James Joyce auf Englisch. Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge, forderte der Philosoph Arthur Schopenhauer. Ein schöner Merksatz für Journalisten, deren Auftrag es ist, komplexe Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen, zu erklären.

Mit Schlagzeilen erobert man Leser, mit Information behält man sie. Noch so eine Weisheit. „Die Überschrift soll klar und wahr in der Aussage sein, genau, verständlich und attraktiv für den Leser; sie soll ihn in den Text hineinführen“, meint der Sprach-Guru Wolf Schneider. „Bei den Nachrichten aus Politik und Wirtschaft sollte sie frei sein von Meinung, folglich auch von Ironie. Sie ist einfach in der Sprache. Bei der vermischten Nachricht nutzt sie Sprachwitz und Augenzwinkern.“

Wer Lust aufs Lesen, aufs Weiterlesen (!) wecken will, muss sein Publikum einfangen und fesseln. Das „Lasso“ der Zeitungsmacher sind Bilder – und Überschriften.

Anno dazumal gingen die Redakteure etwa so zu Werke: „Nach Stalins Tod beschwört der Kreml Volk und Partei in dieser schweren Zeit einig zu bleiben“ (Schlagzeile auf der Titel-Seite des TV vom 7./8. März 1953). Solche Wort-Kaskaden amüsieren heutzutage allenfalls.

Nun lässt sich nicht aus jeder lokalen Meldung genialisch funkelndes Sternenrauschen destillieren. Das Spiel mit der Sprache bietet sich aber vor allem im Sport oder in der Kultur an. Dabei sind Alliterationen (Wörter mit gleichen Anfangslauten) ein bewährtes Stilmittel – und alles andere als primitiv. Frisch, fromm, fröhlich, frei stabreimten ja schon die alten Germanen im Heldenlied von Hildebrand und Hadubrand …

Elegant wirkt derlei freilich nur, wenn es spielerisch daherkommt – und nicht mit aller Macht gezwungen wird. Ich stimme zu: Neben gelungenen Beispielen gibt es im TV auch missglückte. Wir arbeiten daran.