Oft fällt das Denken schwer …

Journalisten-Lehrbuch, erste Lektion: Mit einem Erdbeben anfangen! Und dann langsam steigern! Gute Schreiberlinge machen das so, genau wie gute Regisseure in Hollywood, sie legen mit Kawumm los.

Und wie weiter? … als plötzlich der größte Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzte, versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub … halt, Heinrich von Kleist, tolle Novelle: Das Erdbeben in Chili.

Hmm, diese Kolumne will sich einfach nicht entwickeln, eine kurze Erschütterung, das war’s. Oder kommt da noch etwas?

Ich könnte grübeln, was Kleist meinte, als er über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden philosophierte. Würde ratzfatz die Zeilen füllen. Ist mir aber zu anstrengend. Und wieso Kleist? Ich wechsle mal zu Wilhelm Busch: Oft ist das Denken schwer, indes, / das Schreiben geht auch ohne es.

Na also. Noch ein paar Sätze, und es ist vollbracht. Man kann nicht nicht kommunizieren. Unmöglich. Selbst wenn ich nichts liefern würde als unbedrucktes Papier – es wäre eine Botschaft. Ich sende, Sie empfangen.

Noch Fragen? Beantworte ich nach meinem Urlaub, Ende August. Schöne Zeit!

P.S.: Schalten Sie den Seismographen ab. Es ist vorbei.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

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Piep, piep, piep

Thema heute? Hmm, die Auswahl ist groß: Ernst des Lebens oder Leichtigkeit des Seins? Eene, meene, muh … die Leichtigkeit des Seins hat gewonnen.

Karl-Friedrich Lentze aus Berlin schreibt an die Petitionsausschüsse der sechzehn Landesparlamente und in Kopie (auch) an den Volksfreund:

Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit fordere ich einen von Vögeln befreiten Himmel zumindest über Deutschland. Weiterlesen

Dat erzähl ich meine Enkel

Reißerisch, sensationslüstern, populistisch – die Berichterstattung über das Chorfestival in Trier kam nicht gut an. Katastrophenjournalismus, heißt es in einer von Dutzenden teils gleichlautenden Zuschriften, die wir – ich bitte um Verständnis – nicht alle veröffentlichen können.

Stimmt das?! Unsere Reporter haben aufgeschrieben und abgebildet, was passiert ist. Die Hitze, die kollabierenden Kinder, die Feuerwehr, die es vor dem Dom aus Schläuchen Weiterlesen

Rettet den Dreikäsehoch!

Ein Klassiker aus der Leserpost: Immer mehr Fremdwörter in der Zeitung, was soll das? Und all diese Anglizismen!

Liebe Leser,

es stimmt, die Zeitung ist voll von Fremdwörtern. Das ist nicht verwunderlich, besteht unsere Sprache doch zu großen Teilen aus Fremdwörtern! Wörter, die im Lauf der Jahrtausende zum Beispiel aus dem Lateinischen, Französischen oder Englischen Weiterlesen

Von und zu

Post aus Wien, Stadt der Deutschen Kaiserkrone und der Reichsinsignien Österreichs. Als Absender zeichnet Kronprinz Iohann Christian Cäsar Ostar von Babenberg von Habsburg von Hohenstaufen, Seine Kaiserlich-Königliche Hoheit, SKKH Priv. Doz. mult. post Diss. univ. Erbprinz von Deutschland, Prinz von Baden-Württemberg, Prinz von Brandenburg, Herzog und Stadtherr von Berlin, Gens von Paula sive Paul, das Fahnengeschlecht des Deutschen Volkes, Deutsche Staufergesellschaft, Deutscher Ritterbund […]. Er schreibt:

Wir, das echte Haus von Babenberg von Hohenstaufen, haben nach einer zweijährigen intensiven Forschungsperiode der deutschen und österreichischen Bundesregierung fünf Rettungsprojekte für die Menschheit vorgestellt. […] Der Tod der Menschheit wird nach Unseren langjährigen Berechnungen um das Jahr 2040 eintreten […] Weiterlesen

Hoppla!

Die einen beklagen, dass rechtspopulistische Leserbriefe veröffentlicht werden. Die anderen beklagen, dass linkspopulistische Leserbriefe veröffentlicht werden. Die einen fordern, rechtspopulistische Meinungen zu zensieren. Die anderen fordern, linkspopulistische Meinungen zu zensieren. Bloß die jeweils eigenen nicht …

Liebe Leute,

wir sind unter uns, deshalb verrate ich ein Geheimnis: Wir tun das längst, und wenn Sie Weiterlesen

Selfie, Brelfie, Welfie

 „Ja, ja“, sagt das Känguru. „Das Tolle am Internet ist, dass endlich jeder der ganzen Welt seine Meinung mitteilen kann. Das Furchtbare ist, dass auch jeder es tut.“ (Zitat aus dem Bestseller Die Känguru-Chroniken. Ansichten eines vorlauten Beuteltiers von Marc-Uwe Kling)

Liebes Känguru,

was für ein hübscher Aphorismus. Es stimmt: Das Internet verändert alle und alles, und es ist spannend, das zu beobachten. Zum Beispiel das Phänomen der Selfies.

Krethi tut es. Plethi tut es. Der Papst tut es. Der amerikanische Präsident tut es. Affen tun es. Astronauten tun es. Sie strecken den Arm aus und grinsen ins Mobiltelefon. Klick, ein Weiterlesen

Blaubeerpfannkuchen

Dienstag, 2. Juni 2015 18:49:00 (Eil ·····) Fifa-Präsident Blatter tritt zurück – Zürich (dpa) — Joseph Blatter hat seinen Rücktritt als Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa angekündigt. Das gab der 79 Jahre alte Schweizer am Dienstag bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Zürich bekannt.

Eine Nachricht, die sich schneller verbreitet, als mancher Blaubeerpfannkuchen sagen kann. Rund um den Globus.

Breaking News. Das Internet spielt verrückt. Eine Stunde nach dem Abgang des Fußball-Paten zählt der Kurznachrichtendienst Twitter eine halbe Million Tweets. Die Netzgemeinde beömmelt sich. Häme, Schadenfreude, Witzelsucht. Der Ex-Politiker Christopher Lauer, sonst ein fixer Bursche, schwächelt: „Schnell irgendwas Lustiges mit Blatter twittern! Schnell!! Scheiße, mir fällt nichts ein! Egal!“

Der Popsänger Tim Bendzko juxt: „Wortspiel des Tages: Herbsteinbruch bei der Fifa. Fifa verliert #blatter“. Huah, ist das lustig.

Um Viertel nach acht: Ein Brennpunkt im Ersten. Sondersendungen überall.

Am nächsten Tag: Alle Blätter machen mit Blatter auf (auch der Volksfreund), bringen Analysen, Hintergründe, Meinungen. Nun ja, einige haben es nicht geschafft. Die Frankfurter Allgemeine weiß in ihren früh gedruckten Ausgaben noch nichts von der Sensation, die Süddeutsche auch nicht.

Gibt es nichts Wichtigeres, fragt Leser Franz K. angesichts des medialen Blatter-Hypes.

Lieber Herr K.,

wann ist eine Nachricht wirklich wichtig? Der alte Nietzsche (1844-1900) sagte: Das lässt sich erst beurteilen, wenn hundert Jahre vergangen sind. Was der Philosoph nicht ahnte: dass ein hysterisches Zeitalter bevorsteht, in dem die Menschheit von allem, was sich ereignet, sofort und unmittelbar erfährt. Blaubeerpfannkuchen.

Rückblende: 21. Oktober 1805, die  Seeschlacht von Trafalgar: Admiral Horatio Nelson besiegt mit der Royal Navy die Armada der Franzosen und Spanier.

Eine Meldung von weltgeschichtlicher Relevanz, wie wir Nachgeborenen wissen. Der Beginn eines Jahrhunderts der britischen Vorherrschaft auf den Weltmeeren. Der Anfang vom Ende Napoleons. Aber eine Breaking News? Nein. Der Gibraltar Chronicle veröffentlicht den Bericht über das Gemetzel am 23. Oktober 1805. Die Besatzung eines Fischerbootes hat die Neuigkeit überbracht. Bis die Siegesbotschaft sich in London herumspricht, dauert es zwei Wochen. König George III. wird am 6. November informiert. Tags darauf druckt die Times die frohe Kunde.

Nix Blaubeerpfannkuchen.

Wir lernen: Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Sex! Sex! Sex!

Vorspiel: Sie lesen diese wunderbare Kolumne sowieso Woche für Woche, oder? Wenn nicht, hat „Sex! Sex! Sex!“ Sie verführt, einen Blick auf den Text zu riskieren. Es ist die älteste Masche der Welt: Fällt dir nichts mehr ein, schreib’ irgendwas mit „Sex“ drüber, und du fesselst die Leute.

Sind Sie noch da? Gut. Bleiben Sie dran, auch wenn ich Sie vielleicht enttäuschen werde: Es geht hier nicht um Schweinigeleien, um fünfzig Schatten Grau oder so. Sondern um einen, nun ja, verbalen Lustkiller. Weiterlesen

Ursache und Wirkung

Hans-Albert Krämer aus Trier schreibt: Ich bin Jahrgang 1954 und habe die Grund- und Hauptschule besucht. Während der neun Schuljahre ist Geschichte nicht unterrichtet worden. Nicht ein einziges Mal. Kein Wort über den Zweiten Weltkrieg. Darüber bin ich entsetzt und enttäuscht – hatten die Lehrer damals etwa ein Redeverbot?

Inzwischen beschäftige ich mich mit Geschichte und verfolge die Berichterstattung intensiv. Zuletzt war mehrfach die Rede davon, dass die Bundesrepublik Deutschland der Rechtsnachfolger des Dritten Reichs ist. Bundespräsident Joachim Gauck hat von der Verantwortung der Nachkriegsgeneration gesprochen und so weiter.

All das geht mir nicht aus dem Kopf: Rechtsnachfolger, Verantwortung … das würde, zu Ende gedacht, ja bedeuten, dass ich mitschuldig bin an den NS-Verbrechen, am Holocaust, an den Gräueln des Kriegs?!

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich war noch gar nicht auf der Welt! Wie kann ich, wie kann meine Generation schuldig und verantwortlich sein? Weiterlesen