Ha, was für eine Motzgurke!

Was Sie schon immer über Meinungsfreiheit wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten …

Es ist und bleibt kompliziert. Manche Menschen meinen, dass sie ihre Meinung in Deutschland nicht sagen dürfen. Dies beklagen sie zum Beispiel in Leserbriefen. Sie sagen öffentlich, dass sie meinen, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürfen. Sie nutzen die Freiheit der Meinung, die es nach ihrer Meinung nicht gibt.

Andere Menschen meinen, es wäre besser, wenn manche Menschen ihre Meinung nicht sagen dürften, weil diese Meinung total anders, total falsch, total unsagbar sei. Sie nutzen die Freiheit, ihre Meinung zu sagen, und wollen anderen, die eine andere Meinung haben, untersagen, ihre Meinung zu sagen.

So, bevor wir das Hirn noch mehr verzwirnen: Die Meinung ist frei, und ich halte es aus tiefster Überzeugung mit dem Aufklärer Voltaire (1694-1778): Ich mag verdammen, was Sie sagen, aber ich werde alles dafür tun, dass Sie es sagen dürfen!

Immer noch zu kompliziert. Ich versuche es mit einer Metapher. Die Redaktion ist, was Leserbriefe angeht, unparteiisch. Wie ein Schiedsrichter im Fußball, der dafür sorgt, dass die Regeln beachtet werden, der aufpasst, dass keiner über die Stränge schlägt, der Fouls ahndet – und ansonsten „Luft“ ist.

Der Schiri, nennen wir ihn Voltaire, hat selbstverständlich eine eigene Meinung, doch er behält für sich, wie er das Spiel und die Spieler einschätzt. Es kommt nicht darauf an, ob der Kick ihm gefällt oder nicht. Er denkt sich sein Teil.

Vielleicht so: Boah, was für ein Traumtor! Uuih, eleganter Vortrag! Nee, da verdribbelt und verzettelt sich einer gewaltig! Ach, wie müde, nimm mal Tempo auf, Junge! Oh je, das sieht nach Stress und einem Hochrisikospiel aus! Ha, was für eine Motzgurke, ganz schön frech, holzt heftig rum, zu aggressiv, muss ich abpfeifen! Rote Karte!

Für Voltaire, den Spiel-Manager, sind sie alle gleich, er lässt sie gewähren, bis  zur Schmerzgrenze. Die Schlauen, die Oberschlauen, die Schnellen, die Langsamen, die Konservativen, die Revoluzzer …

Und was ist mit den Ewiggestrigen, die neuerdings wieder von der rechten Außenlinie attackieren? Die mit der Fascho-Taktik? Vom Platz stellen? Lebenslang sperren? Dann würden sie woanders kicken, in dieser komischen Facebook-Liga, ohne Schiedsrichter, ohne Kontrolle, und dem Publikum etwas vorgaukeln.

Voltaire meint: Klüger ist’s, sie im Blick zu haben, auf meiner Spielwiese, und ihr Gebolze zu beobachten – jeder soll sich davon überzeugen, was das für eine Truppe ist.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Heidewitzka, Herr Kapitän …

Es wird feierlich. Meine Damen und Herren, bitte erheben Sie sich für die Nationalhymne!

Die Frage der Woche: Süßes oder Saures? Hat nichts mit dem Halloween-Gewese zu tun. Ist bloß eine Entscheidungshilfe für mich. Was wird Thema, wie lege ich die  Kolumne an? Süßes = lecker, luftig, lustig. Saures = tiefgründig, trocken, tonnenschwer. Stoff genug gibt’s für beides. Ach, wissen Sie was: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, ich gebe Ihnen Süßes …

Im Anfang war das Wort. Und zwar: Trizonesien. Habe ich neulich erwähnt, ohne weitere Erklärung. Frau M. fragt: Was’n das’n?

Spurensuche: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien – ein Karnevalsschlager, den Karl Berbuer 1948 fabriziert hat, ein Kölner Bäcker (Spitzname: „Et jecke Hefeteilchen“). Trizonesien ist die ironische Verballhornung der drei Westzonen im Nachkriegs-Deutschland.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! / Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm! / Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser. / Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, / Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!

Witzig: Der Trizonesien-Song war eine Zeit lang die heimliche deutsche Nationalhymne (eine offizielle gab es nicht) und ist zum Beispiel bei Fußballspielen oder Radrennen intoniert worden. Bundeskanzler Konrad Adenauer sagte laut Protokoll am 19. April 1950 in einer Pressekonferenz: „Ich glaube, es war im vorigen Jahr, da war im Kölner Stadion eine sportliche Veranstaltung gegenüber Belgien. Es war auch manches belgische Militär in Uniform da vertreten, und schließlich wurden die Nationalhymnen angestimmt, und die Musikkapelle […] hat ohne besonderen Auftrag, als die deutsche Nationalhymne angestimmt werden sollte, das schöne Karnevalslied Ich bin ein Einwohner von Trizonesien angestimmt. Was ich Ihnen jetzt sage, ist vertraulich für Sie, das ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Da sind zahlreiche belgische Soldaten aufgestanden und haben salutiert, weil sie glaubten, das wäre die Nationalhymne.“

Weniger witzig: Das Liedchen ist vor und zurück analysiert worden. Einige entdeckten Kritik an den Alliierten und aufkeimenden Revanchismus. Andere witterten den Versuch, die Nazi-Zeit zu verdrängen und zu vergessen und sich selbst als Opfer und Gegängelte der „Siegermächte“ zu inszenieren. Wieder andere interpretierten, es sei ein Versuch, Auschwitz zu banalisieren und sich von der Schuld reinzuwaschen.

Süßer Abgesang: Bei einem Besuch in den USA wurde Adenauer mit einem anderen Schunkelkracher begrüßt: Heidewitzka, Herr Kapitän. Peinlich. Wenig später setzte der Kanzler die dritte Strophe des Deutschlandlieds als Hymne durch …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Babylon Berlin und andere Mythen

Es ist jetzt oft die Rede von den Goldenen Zwanzigern, jener kurzen Epoche nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und vor der Hitler-Diktatur, als die Menschen die Freiheit genossen, angeblich. Das Leben ein Fest, angeblich. Verrückte Jahre, angeblich. Ein Mythos. Wahr ist: Die Zwanziger waren für die wenigsten golden, sie waren für viele zwischen der Hyperinflation 1923 und dem Börsencrash 1929 so lala und für die Bohème in Metropolen wie Berlin, Paris oder New York vielleicht sexy. Die Goldenen Zwanziger: erst später so genannt, ein mediales Phänomen. Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Babylon Berlin, Charles­ton und Bubi-Kopf, Josephine Baker im Bananenrock …

So geht es uns ständig. Der Mythos verdrängt die Wirklichkeit, und wir lassen uns nur zu gern darauf ein.

Die Trümmerfrauen zum Beispiel. Angeblich bauten sie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf. Ein Mythos. Wahr ist: Einige Zehntausend Frauen haben im Osten, vorwiegend in Berlin, geknechtet; die sowjetischen Besatzer zwangen sie dazu, der Lohn waren Lebensmittelkarten – eine Chance für die Mütter, Kalorien zu hamstern und ihre Kinder durchzubringen. Im Westen, in Trizonesien, räumten fast überall Baufirmen mit schwerem Gerät den Schutt weg. Die Trümmerfrauen: erst später so genannt, ein mediales Phänomen (populär in der Renten-Debatte der Kohl-Ära). Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Schwarz-Weiß-Bilder von ausgezehrten Gestalten in Ruinen, die Eimer  schleppen …

Oder: Das Wunder von Bern. Der Gewinn der Fußball-WM 1954, angeblich ein Impuls für das erwachende Selbstbewusstsein der jungen Bundesrepublik. Wir sind wieder wer. Ein Mythos. Wahr ist: Nach dem 3:2 im Wankdorfstadion sangen die Fans der Walter-Elf die erste Strophe der Nationalhymne („Deutschland, Deutschland über alles“), die Kicker wurden in der Heimat gefeiert – ein bisschen, die Euphorie hielt nicht lange an. Kanzler Adenauer hütete sich, in die Jubelei einzustimmen, verhandelte er doch gerade mit dem Ex-Feind Frankreich über eine europäische Armee; aufkeimender (Fußball-)Nationalismus hätte Misstrauen geweckt. Das Wunder von Bern: erst später so genannt, ein mediales Phänomen. Fällt der Begriff, läuft das Kopfkino an: Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt … Tor, Tor, Tor!

Wir haben eine klare Vorstellung davon, was passiert ist, was es zu bedeuten hat. Angeblich. Die Goldenen Zwanziger. Die Trümmerfrauen. Das Wunder von Bern. Bei jedem, der solche Begriffe liest, sieht oder hört, läuft das Kopfkino an. Wie das?

 Psychologie! Das Leben ist ein Chaos, wir schlagen uns mit Kleinkram herum, mit Nachrichten und Informationen, die irgendwo aus dem Nirgendwo herzukommen scheinen, aus dem Königreich zwischen Ironien und Lapidarien, gleich hinter den Bagatellen. Das allermeiste: belanglos, sinnlos. Wir wollen aber kein Chaos, wir wollen, dass das Leben einen Sinn hat. Deshalb ruckeln wir so lange an der Wirklichkeit herum, verdrehen und vereinfachen alles, was nicht hineinpassen will, bis wir uns eine Erzählung zurechtgelegt haben, die Sinn ergibt, die uns hilft, das Leben, die Welt zu erklären, zu verstehen. So entstehen Mythen, und für die großen Ereignisse Metaphern, die jeder kennt.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Angeführt, abgeführt

„Worte können sein wie kleine Arsen-Dosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (Victor Klemperer)

Die Sprache ist gleichsam der Leib des Denkens, sagt der Philosoph Hegel. Sie bestimmt das Bewusstsein, und aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entstehen Taten. Unbedacht verwendete Wörter sind gefährlich. Sie diskriminieren, sie demütigen, sie verletzen – wie Waffen.

Der Nazi-Jargon ist ein Paradebeispiel für manipulative Sprache. Victor Klemperer, selbst verfolgt, hat die „Lingua Tertii Imperii“ in seiner Studie LTI – Notizbuch eines Philologen (1947) analysiert: „Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden.“ Und weiter: „Worte können sein wie kleine Arsen-Dosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Manche Wörter sind für immer kontaminiert. Darauf weist Volksfreund-Leser Jürg Langguth aus Traben-Trarbach hin. Er hat im Artikel „Romika in Trier wird wohl endgültig Geschichte“ (TV vom 21./22. Dezember) ein Nazi-Giftwort entdeckt: „Ihren Berichterstattern ist ein fataler Irrtum unterlaufen! Es gab niemals eine ,jüdische Fabrik’ Romika. Richtig könnte es heißen: Sie war im Besitz Deutscher jüdischen Glaubens. Bitte korrigieren Sie das. Solche Anmerkungen tragen nur weiter zu antisemitischen Gefühlen bei.“

Ich stimme Ihnen zu, lieber Herr Langguth, und es wäre übel, hätten die Reporter gedankenlos von einer „jüdischen Fabrik“ erzählt. Haben sie aber nicht. Sondern den Titel eines Buchs zitiert: Romika – „Eine jüdische Fabrik“ von Heinz Ganz-Ohlig, der das Nazi-Giftwort, wie es sich gehört, in Anführungszeichen über seine verdienstvolle Recherche gesetzt hat (2012 in der Schriftenreihe des Emil-Frank-Instituts an der Universität Trier erschienen).

Hintergrund: Zwei der drei Kölner  Schuhfabrikanten, die 1921 im Ruwertal das Romika-Werk gründeten, waren jüdischen Glaubens, sie wurden nach der „Machtergreifung“ (Nazi-Jargon) wegen ihrer „jüdischen Rasse“ (Nazi-Jargon) drangsaliert und aus der „deutschen Volksgemeinschaft“ (Nazi-Jargon) ausgeschlossen, ihr Unternehmen wurde abwertend als „jüdische Fabrik“ (Nazi-Jargon) bezeichnet und in den Konkurs getrieben, der dritte Gründer als „verjudet“ (Nazi-Jargon) davongejagt, die Romika nach der „Arisierung“ (Nazi-Jargon) als „kriegswichtiger Betrieb“ (Nazi-Jargon) weitergeführt. Nach dem Ende des „Dritten Reichs“ (Nazi-Jargon) wollte sich an all das niemand mehr erinnern …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Das Gelächter der Hyäne

Jemanden im Netz zu lynchen ist einfacher, als einen positiven Hype auszulösen …

Und die Hyäne lacht. Politiker, Parteien, Prominente profitieren von fingierter Zustimmung im Netz. Viele von ihnen nutzen bezahlte „Gefällt mir“-Angaben bei Facebook, Instagram, Google und YouTube. Clickworker liefern die Likes gegen Cent-Beträge. Knapp 90 000 Fanseiten in sozialen Netzwerken sind aufgeflogen. Manipulation.

Und die Hyäne lacht. Facebook sperrt Hunderte Konten, Seiten, Gruppen und Instagram-Profile, die für Donald Trump geworben und gegen die chinesische Regierung gehetzt haben. Propaganda.

Und die Hyäne lacht. Twitter stoppt eine saudische Kampagne mit rund 6000 Accounts und 32 Millionen Tweets. Desinformation.

Drei Medienmeldungen aus den vergangenen Tagen. Drei Meldungen über Medien. Über Manipulation. Über versteckte Propaganda. Über Desinformation.

Und die Hyäne lacht. Die Hyäne? Die Hyäne ist eine Figur aus der Roman-Trilogie Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes. Die gefeierte Autorin entwirft ein gestochen scharfes Panorama der (französischen) Gesellschaft und seziert – zum Beispiel – die Macken der Digitalisierung. Die Hyäne war früher Privatdetektivin, jetzt ist sie spezialisiert auf Cyber-Mobbing:

„Auf Wunsch macht sie einen Künstler, einen Gesetzesentwurf, einen Film oder eine Elektroband zur Schnecke. Ganz allein zieht sie in vier Tagen wie eine ganze Armee gegen den Feind zu Felde. […] In achtundvierzig Stunden verpestet sie das Netz. […] Danach läuft es von selbst – die Journalisten lesen Twitter und die Kommentare und fühlen sich verpflichtet, auf den Schwachsinn einzugehen, den sie dort finden. Also egal, was sie schreibt, es setzt sich fest. […] Jemanden im Netz zu lynchen ist einfacher, als einen positiven Hype auszulösen – sie behauptet zwar, dass sie beides kann, aber die Zeichen stehen auf Brutalität. Nur wer zuschlägt, findet Gehör – und man braucht immer ein männliches Pseudonym, um jemanden zu dissen. Der einzige Klang, der die Schwachköpfe in den Hinterhöfen des Webs beruhigt, ist der des Knüppels […] Dann bittet man sie, einen Konkurrenten, Freund oder Gegner auseinanderzunehmen. Für zweihundert Euro bricht sie ihm virtuell ein Bein, für das Doppelte zerstört sie seine Webreputation, und wenn man genug Kohle einsetzt, kann sie ihrem Nächsten das Leben buchstäblich zur Hölle machen. Internet ist das Medium für anonyme Denunziation, Rauch ohne Feuer und Gerüchte, die sich verbreiten, ohne dass man versteht, woher sie kommen.“

Und die Hyäne lacht. Was ist Roman, was passiert im richtigen Leben? Hmm.

Bleiben Sie heiter, kommen Sie gut ins neue Jahr!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Stimmt nicht, Opa Hoppenstedt!

Alle Jahre wieder dasselbe Thema. Früher war mehr Lametta! Ja. Nein. Agggrrrhhh!

Keine Bange, ich singe jetzt keinen Weihnachtsohrwurm. Dafür ist dieser Dings, dieser Santa zuständig. Was denn, Sie haben sein Jauchzen und Frohlocken nicht gehört? Unmöglich! Er kriecht aus dem Radio. Er schmachtet im Kaufhaus. Er schwebt über dem Weihnachtsmarkt, neben der Bratwurstglühweindunstwolke, und säuselt:

Süßer die Glocken o du fröhliche ihr Kinderlein kommet Jingle Bells lasst uns froh und munter sein o Tannenbaum stille Nacht heilige Nacht we wish you a merry Christmas leise rieselt der Schnee last Christmas kling Glöckchen klingelingeling.

Stopp! Stooohoppp!!!

Früher war alles besser. Ein Satz, den viele Leute aufsagen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Früher war das Gras grüner, früher war die Luft reiner, früher war die Welt schöner. Die Nachrichten sowieso. Und erst die Zeitungen, ha! Sogar die Zukunft war früher besser. Oder etwa nicht? Alles Psychologie. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Loriots legendärer Opa Hoppenstedt quengelt: Früher war mehr Lametta!

Stimmt nicht, lieber Opa Hoppenstedt, früher war nicht alles besser – es war anders.

Zum Beispiel … Fake-News, ein viel besprochenes Thema unserer Zeit. Unserer Zeit? Nö, schon immer. Gefälschte Nachrichten streuen, Menschen manipulieren, lügen, dass sich die Balken biegen – eine intrigante Masche von Päpsten (siehe Konstantinische Schenkung), von Kaisern (siehe Emser Depesche, die 1870 den Deutsch-Französischen Krieg auslöste), von amerikanischen Präsidenten (siehe George W. Bush und das Irak-Giftwaffen-Märchen).

Und, ähem, von Zeitungsverlegern. Beim Aufräumen seines Büros hat mein verehrter Kompagnon Damian Schwickerath eine uralte grüne Mappe entdeckt, die er selbst anno dunnemals zugespielt bekam. Dokumente vom einstigen Volksfreund-Boss Nikolaus Koch (gestorben 1982). Der kämpfte in den sechziger Jahren offenbar mit harten Bandagen gegen die Macher der Trierischen Landeszeitung (mehrheitlich im Besitz des Bistums, 1974 eingestellt). In der grünen Mappe finden sich bemerkenswerte Dokumente, in denen es um fingierte Verlobungsanzeigen im Volksfreund, um Rufschädigung, um geklaute Anzeigen in der Landeszeitung geht und derlei mehr.

Früher war alles besser?!

Ihnen eine hyggelige, entspannte und besinnliche Zeit! Nach den Weihnachtstagen sehen, hören, schreiben, lesen wir uns wieder.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Warum? Darum!

Eine technisch-taktische Frage, immer wieder mal diskutiert, diesmal aufgeworfen von Herrn H. aus Trier: Warum stellt der Volksfreund nicht alle Leserbriefe ungekürzt ins Netz, am besten im Original, also unbearbeitet? Ihm sei klar, dass in die Zeitung nicht alles reinpasst und dass die Zuschriften nicht megalang sein dürfen (stimmt!) – aber im Internet …

Guter Gedanke, Herr H., und in einer perfekten Welt mit perfekten Menschen, die perfekte Leserbriefe schreiben, sicher leicht zu machen – alle Meinungsbeiträge ohne Filter direkt ins Netz, das klingt verlockend.

Die Wirklichkeit: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zuschriften ist inhaltlich fragwürdig (Stichwort: Fake) oder presserechtlich heikel (Stichwort: Beleidigung). Die Redaktion prüft  und entscheidet von Fall zu Fall über die Veröffentlichung. Es handelt sich, im Fachsprech, um eine kuratierte Auswahl (vom lateinischen Wort „curare“ = „Sorge tragen“, „sorgen um“).

Was meinen Sie, wäre wohl los, wenn niemand „Sorge tragen“ und all die Gemeinheiten, die manche Leute auskübeln, all den Hass, all die Hetze verhindern, eindämmen, eliminieren würde?!

Ein Beispiel nur: Fridays for Future. Klimastreik. Demo in Trier. Unsere Reporter berichten (auch) im Netz auf volksfreund.de, auf Facebook – und sofort tobt der Mob, via Kommentar-Funktion: „Da müsste man mit dem SUV reinfahren“ … „Hat jemand eine Handgranate dabei?“ … „Laufen die Patienten aus der Psych jetzt frei rum?“

Die Redaktion hat alle Hände voll zu tun, solchen Dreck wegzufegen. Das, lieber Herr H., ist die traurige Wahrheit.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Nie dürft ihr so tief singen

Rechts oder links. Lechts oder rinks. Wie schnell ist ein Buchstabe verdreht, verschluckt, versemmelt – und alles sieht ganz anders aus.

Leserin Petra Pauli hat dieser Tage einen witzigen Wechsstabenverbuchsler in der Zeitung entdeckt:

„Was auch immer geschieht: / Nie dürft ihr so tief singen, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken.“

So stand es als Spruch des Tages im Volksfreund, meldet Frau Pauli, sie sei sofort an dem klitzekleinen Schreibfehler hängengeblieben, der aus dem originalen „sinken“ ein „singen“ machte. „Ich musste schmunzeln und fragte mich, ob dieser winzige Buchstabentausch auf den Inhalt irgendeine Auswirkung hat.“ Sie habe gegoogelt, sie habe recherchiert, sie habe gelesen, gestaunt, mehr gelesen, berichtet Frau Pauli. „Für mich steht fest, man sollte öfter hinter die Dinge schauen, auch hinter das kleine ,g‘, das eigentlich ein ,k‘ sein sollte – mich führte es zu einem bewundernswerten Menschen und genialen Autor: Erich Kästner.“

Vielen Dank, Frau Pauli, faszinierend, was ein einziger Buchstabe in Gang setzen kann. Bei mir: Kopfkino, Film ab. Die drei Tenöre schwimmsingen in einem Kakao-See, sie schmettern den Kästner-Hit „Es gibt nichts Guuutes außer: Man tuuut es“; plötzlich, blubb blubb, versinken DomingoPavarottiCarreras, blubb blubb, weg sind sie – und tauchen als bessere Bässe wieder auf, von Heinz Erhardts „Tauchenichts“ schwärmend, der ihnen in der Tiefe begegnet sei: „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, zu schlunden in diesen Tauch?“ Oder so: „Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt, zu schlauchen in diesen Tund?“

Feinste Wortmagie! Der Film läuft  weiter. Kurz blitzt der Gedanke an die jüdischen Mystiker auf, die meinen, dass Gott selbst die Buchstaben mit ihren Zahlenwerten und ihrer Symbolik geschaffen hat – und dadurch erst die Welt. Kabbala. Oder: die Surrealisten, die Dadaisten – großartige Bachstubenverdreher. Oder, zum Speibiel, Ernst Jandl. Dessen Vierzeiler „lichtung“ hängt an der Wand meiner Kemenate, als stete Mahnung,  frei zu denken, die Perspektive zu wechseln, das vermeintlich Offensichtliche zu hinterfragen: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern. / werch ein illtum!“

Tja, nie dürft ihr so tief singen, weder laut noch luise. Und jetzt trinke ich einen Kakao …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Alles gesehen? Von wegen!

Weltweit einmalig, diese Kolumne. Glauben Sie nicht?  Na, dann lesen Sie mal!

Es ist dies, Donnerwetterkrakenwetter, die sechshundert­ste Ausgabe unserer kleinen Show. Sechs null null. Anderthalb Millionen Buchstaben, ungefähr. Immer wieder neu gemischt, weltweit einmalig. Nanu, fragen Sie, was soll das, was für eine Chuzpe, weltweit einmalig, dreht er jetzt durch?

Schnitt.

Neulich habe ich eine Erzählung des Kultautors T.C. Boyle gelesen, der Titel: Sin Dolor. Ein Arzt macht sich Gedanken über sein Leben: „Immerhin war ich nicht mehr der Jüngste, und die hippokratische Beflügelung, mit der ich Lahmen zum Gehen verhelfen und unheilbar Kranke hatte heilen wollen, war einem immer gleichen Trott gewichen: Nichts vermochte mich mehr zu überraschen, und bei jedem Patienten, der durch meine Tür trat, wusste ich bereits die Diagnose, noch bevor er sich gesetzt hatte. Ich hatte alles gesehen. Ich langweilte mich. Ich war ungeduldig. Ich war es leid.“ Die Pflicht ruft: Sprechstunde. Ein kleiner Junge wird zu dem Doc gebracht, einer, der keinen Schmerz spürt. Ein Wunder! Wie weggeblasen der Überdruss, die Langeweile …

Schnitt.

Kenne ich, kenne ich! Du stehst morgens auf und denkst, dass du alles gesehen hast … und dann passiert etwas, das nie passiert ist, dann bekommst du Post, die du nie bekommen hast, dann triffst du Leute, die du nie getroffen hast. Das ist das Wunderbare am Journalismus: Jeder Tag ist überraschend, jeder Tag ist anders, jeder Tag ist spannend.

Schnitt.

Herr L. aus Sch. an der Mosel schreibt mir. Er ist sicher, mein Foto in der Zeitung beweise es, dass ich „die Meisterschaft der Seele erreicht“ habe. Oha! Mit Hilfe eines Pendels oder einer Rute und den Schwingungen von Fotos stellt er zweifelsfrei fest, ob Menschen leben oder tot sind. Und sorgt dafür, dass sie den ihnen angemessenen Rang in der hierarchischen Schöpfung erhalten, als „Meister“ oder als „normal sterblich“. Um dies der Nachwelt zu dokumentieren, möge ich über ihn schreiben oder einen Film drehen.

Besten Dank, Herr L., ich finde es tröstlich, dass ich noch lebe, und das als „Meister“! Ob wir das Projekt angehen, na ja, ich überlege.

Schnitt.

Einmalig, diese Kolumne, weltweit, sage ich doch. Oder gibt es irgendwo auf dem Globus jemanden, der sich auf T.C. Boyle, einen Parabiologen von der Mosel und fünfhundertneunundneunzig Vorgänger beruft, um die Exklusivität seiner Texte aufzuzeigen?! Ich kann es mir nicht vorstellen – und freue mich auf alles, was kommt. Sie auch, oder?!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Rums!! – Da geht die Pfeife los

Spaß mit Sprache. Es kracht und zischt und knallt, dass du denkst, du bist mittendrin im Tohuwabohu …

Papperlapapp! Frau M. sagt, es sei jetzt mal genug mit dem ewigen Meinungstheater in dieser Kolumne und Zeit für einen Themenwechsel. Sie selbst verspüre kein Verlangen, sich ständig mit gesellschaftspolitischen Verwerfungen zu befassen, mit Trump und Klima-Greta und Gedöns. Alles so sorgengram. Sie wolle zur Abwechslung lieber … ein bisschen Spaß.

Deshalb werfe sie nur ein Wort in den Ring und sei gespannt, was der Autor der Kolumne (also ich), dem auf jede Frage eine Antwort einfalle, damit anfängt. Ihr erstbestes Wort: Papperlapapp!

Seufz. Schluck. Schluchz. Vielen Dank für die Blumen, Frau M., auf jede Frage eine Antwort, das wäre wirklich wunderbar; ich habe ja den Verdacht, dass mir auf jede Antwort eine Frage einfällt, aber das ist schon wieder zu philosophisch.

Also: Papperlapapp! Gefällt mir. In den Wörterbüchern steht: frecher Ausruf als Entgegnung auf törichtes, dummes Geschwätz im Sinne von: Unsinn! Sei still! Nichts da!

Eine lautmalerische Interjektion, ein Einwurf, ein Ausrufewort. Wie: Mensch! Gute Güte! Sappradi! Herkunft: angeblich von „nicht mehr papp sagen können“ im Sinne von „sehr satt sein“. Das wäre geklärt.

Mit Wörtern malen, Geräusche nachahmen, Töne imitieren – miau, wauwau, kikeriki! Ich mag diese onomatopoetischen Spielereien. Witzig, dass die Leute in anderen Ländern andere Wörter erfinden, um dieselben Laute zu beschreiben. Oder krähen die Hähne in Frankreich (cocorico), England (cock-a-doodle-doo) und der Türkei (ü-ürü-üüü) anders?!

Zur Meisterschaft im Lautmalen hat es Wilhelm Busch (1832-1908) gebracht, ich verehre ihn. In den Bildergeschichten des Dichters und Zeichners kracht und zischt und knallt es, dass du denkst, du bist mittendrin im Tohuwabohu.

Etwa so: „Rums!! – Da geht die Pfeife los / Mit Getöse, schrecklich groß! / Kaffeetopf und Wasserglas, / Tabaksdose, Tintenfass, / Ofen, Tisch und Sorgensitz / Alles fliegt im Pulverblitz.“ Das sind einige Verse aus Max und Moritz, vierter Streich: das traurige Los des armen Lehrers Lämpel, der von den bösen Buben in die Luft gesprengt wird.

Herrlich – nicht das schändliche Attentat auf Lämpel, sondern die Sprache! Schnupdiwup. Rawau, rawau. Meck, meck, meck. Und geschwinde, stopf, stopf, stopf. Ratsch! Puff! Knacks! Rickeracke! Ricke­racke! … Papperlapapp! Für diesmal ist’s vorbei mit der Übeltäterei. Demnächst: neue Streiche!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur