Kikerikiii, oder: Spagat ist schwierig

Anita Becker aus Konz schreibt: Auf der Titelseite der Ausgabe vom 4. Mai steht unter der Überschrift „Das Wetter wird anders“: „Kräht der Hahn auf dem Mist – dann ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist. So lautet eine alte Meteorologen-Binse. Doch sie stimmt nicht mehr – wegen des Klimawandels. Wie sich dieser in Deutschland bereits messbar auswirkt, lesen Sie auf: Welt, Seite 27.“

So, so, sie stimmt nicht mehr. Ich glaube, der Hahn kräht bei Ihnen nicht auf dem Mist, es ist alles Mist! Schreiben und lesen müsste man können! Ihr Blatt glänzt nicht nur mit Rechtschreibfehlern, sondern auch mit Unsinn. Gruß nach Schilda!

Liebe Frau Becker,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Wohl wahr: Dieser Versuch, ein kompliziertes Thema locker anzureißen, ging gründlich daneben. Das Wetter ändert sich oder es bleibt, wie es ist – oder doch umgekehrt? Hoho!

Das Sprachbild ist so was von schief, irgendwie zwiefach verzwirnt; ich habe mich vor Lachen gekugelt, als ich den Mist in der Zeitung Weiterlesen

Der Döner-Schnüffler

Hella Wollmann aus Traben-Trarbach schreibt: Ich bin als Patientin im Verbundkrankenhaus Wittlich auf Station sechs, werde gut versorgt und bekomme jeden Morgen zum Frühstück den Volksfreund. Mehr als entsetzt war ich am 21. April, als ich das schreckliche Bild eines Lebensmittelkontrolleurs sah. Ist das hygienisch? Ein Schnauzbart mit Bazillen an einem Stück Fleisch! Prost Mahlzeit, davon wollte ich nichts essen!

Ich hoffe, dass sich noch viele andere Leser gemeldet haben, oder macht das denen nichts aus? Wie kann man solch ein Foto in der Zeitung zeigen?!

Liebe Frau Wollmann,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich habe spontan genauso reagiert wie Sie, als mir der Döner-Schnüffler von Seite drei ins Auge sprang: Bäh, Weiterlesen

Wehe, wenn sie losgelassen

Stuss in Potenz! Humbug! Popanz! Schwachsinn! Mumpitz! Eine Zumutung! Schmutzblatt! Gotteslästerung!

Liebe Leser,

das sind einige Schlagwörter aus abenteuerlichen Zuschriften und Anrufen, die uns in diesen Tagen erreichen. Meist anonym, aber auch mit Klarnamen, gerade noch druckreif. Andere Vokabeln erspare ich Ihnen.

Was ist bloß los? Die Berichterstattung über die Heilig-Rock-Wallfahrt setzt offenkundig Aggressionen frei. Das Thema erhitzt die Gemüter, polarisiert, emotionalisiert. Für viele Menschen gibt es Weiterlesen

Der Charme des Schwarms

Heinz Juli aus Wittlich schreibt: Der Volksfreund hat sich in der Vergangenheit schwergetan, nachhaltig auf die negativen Folgen des Hochmoselübergangs hinzuweisen. Es ist hinreichend bekannt, dass die Ministerien mit Prognosen leichtfertig umgehen, die dann nicht eintreffen. Siehe Flughafen Hahn und Nürburgring-Desaster. Die vielen Leserbriefe zu diesen Formen der staatlichen Geldverschwendung und Schuldenmacherei beweisen doch, dass Weiterlesen

Politischer Schmäh

Dieter Loeding aus Badem meint: Es wäre wünschenswert, wenn der Volksfreund etwas ausgewogener über das Thema Betreuungsgeld berichten würde, statt einseitig nur die grünen und roten politischen Pseudoexperten zu Wort kommen zu lassen mit despektierlichen Äußerungen unter dem Titel „Herdprämie“. Wie zu erfahren ist, wird dezidierte Kritik von Seiten der Kinder- und Jugendärzte mit Blick auf die frühkindliche Betreuung außerhalb der Familie geäußert und auf die damit einhergehenden hohen Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit. Warum also Eltern angreifen, die es vorziehen, ihre Kinder in der häuslichen Umgebung großzuziehen?

Lieber Herr Loeding,

vielen Dank für Ihre Hinweise. Meine erste Reaktion: Wenn das so wäre, wie Sie notieren, hätten wir Prügel verdient. Nach Prüfung der Artikel bin ich jedoch überzeugt: alles okay. Zwei Anmerkungen zu Ihrer Kritik:

Einseitige Berichterstattung? In mehreren Beiträgen haben wir Anfang April den politischen Streit über das geplante Betreuungsgeld aufgegriffen: 150 Euro pro Monat für Eltern, die ihre Kleinen zuhause hüten und nicht in Weiterlesen

Frisch, frech, fröhlich, frei

„Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler“ (Shakespeare, Wie es euch gefällt). Drei Leser, drei Anliegen, drei Antworten:

Anni Zenner aus Eschfeld schickt einen Brief und fünfzig Euro in bar: Ich möchte Ihnen einen Bericht zukommen lassen, der sich von anderen unterscheidet. Gerade deshalb finde ich ihn wichtig.

Unterwegs im südbelgischen Grenzgebiet blieb unser Auto mit einer Weiterlesen

Thymallus thymallus

Peter Meyer schreibt per Mail: Nee, was habe ich gelacht. Fressen die Kormorane jetzt schon ganze Bäume oder wie ist folgender Satz in einem Artikel zu verstehen: „Die naturnahe Nachzucht von Bachforellen und die Stärkung des durch Kormoranfraß gefährdeten Eschenbestandes werden seit drei Jahren gezielt gefördert.“ In diesem Sinne: Äsche zu Äsche. Und Laub zu Laub. Beste Grüße aus Berlin und Petri Heil!

Glückwunsch, lieber Herr Meyer,

Sie haben ein Prachtexemplar von Stilblüte entdeckt. In freier Wildbahn kommt so etwas nicht vor. Die Esche ist ein schmucker Baum, die Äsche ein schmackhafter Fisch. Auf letztere Spezies, lateinisch Thymallus thymallus genannt, haben es die frechen Kormorane Weiterlesen

Dabeisein ist alles

Es schreibt ein Leser, wutentbrannt, / dass er Gedichte schrecklich fand, / die im Volksfreund er gelesen; / ein rechter Schmarrn sei das gewesen. / Schlichte Reime, wüste Worte, / nicht selten von der üblen Sorte. / Kein Verstand, zu wenig Herz, / und er droht, ganz ohne Scherz: / Lasst das bitte endlich sein, / sonst stelle ich mein Abo ein.

Verehrte Vers-Verächter,

liebe Lyrik-Liebhaber,

ab und an regt sich Widerspruch gegen die Lesergedichte im Wochenend-Journal. Ich habe mir spaßeshalber meine eigenen Reime Weiterlesen

Kleiner Feigling

Heinz Müller aus Bescheid im Hochwald traute seinen Augen nicht: Ein Leserbrief im Volksfreund, unterzeichnet mit seinem Namen! Das soll er geschrieben haben? Über die Justizpolitik in Rheinland-Pfalz? Niemals!

Lieber Herr Müller,

das ist ja ein starkes Stück! Offensichtlich hat jemand Ihren Namen missbraucht, um seine Meinung in die Zeitung zu schmuggeln – ohne erkannt zu werden.

Entschuldigung, das ist uns noch nicht untergekommen! Zwar versuchen freche Übelkrähen immer wieder einmal, die Redaktion zu täuschen. Mit Weiterlesen

Jenseits der Todeslinie

Wulff weg, Gauck gekürt: Das Ringen um das Amt des Bundespräsidenten hat in den vergangenen Tagen und Wochen die Nachrichten beherrscht.

Mehrere Leser beklagen die mangelnde Aktualität der Tageszeitung. Die Kritik: Obwohl die Kandidatur von Joachim Gauck  bereits am Sonntagabend feststand und eifrig im Fernsehen diskutiert wurde, titelte der Trierische Volksfreund in der Montagausgabe „Schwierige Suche nach neuem Bundespräsidenten“. Wie das?!

Liebe Leser,

vielen Dank für Ihre Mails und Anrufe. Stimmt! Völlig veraltet! Längst überholt! Die Volksfreund-Redakteure haben gepennt! Nein, Spaß beiseite: In einem Teil unserer zwölf Ausgaben war am Montag zu lesen, wer der nächste Bundespräsident werden soll, in einem Teil nicht. Alles eine Frage der Zeit.

Der Nachrichtenstrom versiegt nie. Ständig ereignet sich irgendwo auf der Welt etwas Spannendes. Live-Medien wie Fernsehen, Radio, Internet berichten bei Bedarf rund um die Uhr. Zeitungsmacher stoßen an natürliche Grenzen: Redaktionsschluss und Andruck.

Wenn die Nachrichtenlage sich ändert, nachdem die sogenannte „Deadline“ (Todeslinie) überschritten ist, hilft nur noch eins: die Aktualisierung des Blatts. Davon haben aber nicht alle Leser etwas. Die ersten Exemplare (gedruckt um 20 Uhr) enthalten dann einen anderen Stand als die letzten (gedruckt um 2 Uhr).

Das Beispiel des Präsidenten-Pokers zeigt, wie turbulent und hektisch es mitunter zugeht – und was das für die Zeitungsproduktion bedeutet. Der Sonntag im Ticker, mit Auszügen aus Eilmeldungen der Deutschen Presse-Agentur (dpa):

15:52:10 Uhr, dpa:

(Eil) Union lehnt Gauck als Präsidentenkandidat ab –Koalitionskrach

Berlin (dpa) – Die Union wird anders als ihr Koalitionspartner FDP den SPD-Favoriten Joachim Gauck nicht als Bundespräsidenten-Kandidaten akzeptieren. [...]

16:39:08 Uhr, dpa:

(Eil) Spitzengespräch um 20 Uhr im Kanzleramt mit SPD und Grünen

Berlin (dpa) – [...] Zwar sei sich die schwarz-gelbe Koalition nicht einig, wen sie favorisiere – die FDP stimmt für den rot-grünen Kandidaten Joachim Gauck, die Union ist dagegen. Dennoch solle gesprochen werden.

19:30 Uhr, Volksfreund:

Redaktionsschluss. Keine Entscheidung in Sicht. Dicke Luft in der schwarz-gelben Regierung. Die FDP hat sich auf Gauck festgelegt, die Kanzlerin zaudert. Die Druckmaschine läuft an. Ausgabe Gerolstein. Die Schlagzeile spiegelt den Status quo vom frühen Abend: Wulff-Nachfolge spaltet Koalition: FDP für Gauck, Union dagegen.

19:38:33 Uhr, dpa:

(Eil) Koalition wegen Kandidaten-Frage in schwerer Krise

Berlin (dpa) – Die schwarz-gelbe Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist durch den Streit um den künftigen Bundespräsidenten in die tiefste Krise seit ihrem Bestehen gestürzt. Die Koalition sei ernsthaft in Gefahr, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur [...]

20:30 Uhr, Volksfreund:

Der Spätdienst-Redakteur sitzt auf glühenden Kohlen. Eine halbe Stunde später als geplant treffen sich die Spitzenpolitiker der Koalition und der Opposition (nur die Linke ist nicht eingeladen). Alle für Gauck, die Kanzlerin zögert. Die Rotationsmaschine rattert. Ausgabe Daun.

20:32:51 Uhr, dpa:

(Eil) Kreise: Union akzeptiert Gauck als Präsidenten-Kandidaten

Berlin (dpa) – Die Union akzeptiert den Ex-DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck nun doch als Bundespräsidenten-Kandidaten. Das meldeten am Abend der Tagesspiegel und das ZDF. Der dpa wurde die Information bestätigt.

21:04:56 Uhr, dpa:

(Eil) Altmaier bestätigt: Gauck gemeinsamer Präsidentenkandidat

Berlin (dpa) – [...] „Gauck ist der Beweis, dass es uns ernst war mit gemeinsamem Kandidat. Dank an alle für gute und originelle Vorschläge“, teilte Altmaier am Sonntagabend per Internet-Kurzdienst Twitter mit.

21:15 Uhr, Volksfreund:

Aus Dissens wird Konsens: Gauck macht’s! Auf die offizielle Bestätigung warten, Artikel und Kommentar neu schreiben, Fotos austauschen, Seiten umbauen – in Höchstgeschwindigkeit.

21:19:30 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll Bundespräsident werden

21:19:49 Uhr, dpa:

(Eil) Merkel: Gauck soll neuer Bundespräsident werden

Berlin (dpa) – [...] teilte Bundeskanzlerin Merkel (CDU) am Sonntagabend nach Verhandlungen der Spitzen der fünf Parteien im Kanzleramt mit.

21:45 Uhr, Volksfreund:

Seiten eins, zwei, drei aktualisiert. Ein Drittel der Auflage gedruckt, bevor die Gauck-Version fertig ist. Gerolstein, Daun, Bitburg, Prüm, Wittlich – weg. Der Titel in den übrigen Ausgaben: Parteien einig: Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident.

Zum Vergleich die Schlagzeilen anderer Zeitungen in der Andruck-Version und in der überarbeiteten Fassung:

  • Süddeutsche: Union und FDP streiten über Joachim Gauck (Seite-1-Foto: Sambaschule „Dragoes da Real“ aus Rio de Janeiro). Später: Joachim Gauck wird Bundespräsident.
  • Die Welt: Mühsame Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Otto Rehhagel Trainer in Berlin). Später: Joachim Gauck soll Bundespräsident werden.
  •  Frankfurter Allgemeine: Eklat in der Koalition bei Suche nach Wulff-Nachfolger (Seite-1-Foto: Bundesadler weht vor grauem Himmel). Später: Gauck soll Bundespräsident werden.
  • Bild: Der Präsidenten-Krimi: Fieberhafte Suche nach Wulff-Nachfolger – Riesen-Krach zwischen CDU und FDP – Kanzlerin unter Druck (Seite-1-Foto: Blutige Nasen nach Boxkampf, außerdem ein Nackedei). Später: Gauck wird Präsident.
  • Tageszeitung (taz): Es ist Zeit für eine Frau (Seite-1-Fotos: Köpfe von zehn Kandidatinnen).

Ein aufregender Nachrichten-Tag. Wir lernen: Aktualität ist der zeitliche Abstand zwischen Ereignis und Veröffentlichung. Bei Printmedien: der Redaktionsschluss, der Druck – und nicht der Moment, in dem der Leser die Zeitung in Händen hält. Was sich jenseits der Todeslinie zuträgt, bleibt draußen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart