Der Lügner und sein Schamane

Haben Sie den schrägen Typen gesehen? Den mit der Fellmütze und den Hörnern auf dem Kopf. Das Antlitz rot, weiß, blau bemalt. Der Oberkörper nackt, heftig tätowiert. Eine fette Metallkette um den Hals, in der linken Hand eine Lanze, von der eine US-Fahne baumelt, in der rechten Hand ein Megafon … mittenmang im Mob beim Sturm auf das Kapitol in Washington.

Sein Bild ging um die Welt, überall veröffentlicht, auch im Volksfreund.

Nun gut, einer dieser verirrten, verwirrten Trumpisten, aufgestachelt vom Bald-nicht-mehr-Präsidenten, was soll’s, solche Lümmel gibt es zuhauf. Traurig genug.

Jetzt ist er auch noch berühmt. Ein Medienstar. Der Kerl sei das Gesicht der Randalierer, habe ich irgendwo in der Weltpresse gelesen. Woanders, er wirke wie ein Vorbote der Hölle, als wäre er aus einem düsteren Computerspiel gefallen. Als Wikinger ist er tituliert worden, oder als Sioux-Krieger. Die Kommentatoren arbeiten sich an ihm ab. Der menschgewordene Zeitgeist? Eine Allegorie des zerplatzten amerikanischen Traums?

Er selbst bezeichnet sich als Q-Schamane. Und wird in der Verschwörungsszene gefeiert, in Netzwerken und Filterblasen. Seit Monaten taucht er auf Veranstaltungen in den Staaten auf, protestiert mal für Trump, mal gegen Schwarze, verzapft rechtsextremes Geschwurbel über Satanisten und … halt, stopp, warum fallen wir darauf herein?

Der Mann exhibitioniert sich, inszeniert sich, tanzt vor jeder Kamera, weil er weiß, wie er Aufmerksamkeit bekommt – und ein Publikum für den Wirrsinn, den er zu verbreiten hofft.

Eine Taktik, die der Bald-nicht-mehr-Präsident vorexerziert hat. Wieder und wieder.

Schleiche dich in den Medienzirkus, in die Manege, spiele den Zampano, ziehe deine Show ab – und sie werden dich groß herausbringen.

Trump und der Schamane: zwei krasse Beispiele für medialen Hype. Vorneweg der Lügner, Verleumder und Hetzer, moralisch verkommen. Hintendran das Gefolge, die Spinnerten, die Holocaust-Leugner, die Krawallos, verroht, verblödet.

Das Publikum ist offenbar heiß auf Geschichten über verquere Freaks  und verquaste Weltanschauungen. US-Medien wie die New York Times und CNN haben ihre Auflagen und Quoten gesteigert, sie bejubeln den „Trump Bump“. Und fürchten, so heißt es, den „Biden Dip“ – einen seriösen Präsidenten, der seriöse Politik macht. Wie langweilig, schlecht fürs Geschäft.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Bitte übernehmen, Sisyphos!

Ein Nachklapp zur Kolumne von Heiligabend („Und du glaubst nicht an Wunder?!“), die sich vorwiegend darum drehte, dass auf der Welt und im Leben alles relativ ist. Not und Elend ebenso wie Glück und Erfolg. Frau Schmitt und Frau Brenner und einige andere Leserinnen und Leser finden: schöner Beitrag, aus tiefster Seele gesprochen, auf den Punkt gebracht. Danke!

Edmund Bohr aus Baldringen im Hochwald meint: „Ich hoffe nur, dass diese wertvollen Gedanken nicht mit der Zeitung in die Tonne wandern. Immer wieder stelle ich mir die Frage: Wie können wir erreichen, dass solche Themen längerfristig in den Köpfen der Menschen verharren und umgesetzt werden, so dass sie mit zu Veränderung und Besserung beitragen? Könnte man dies nicht kontinuierlich – wie die tägliche Werbeflut, welche uns erfolgreich suggeriert, was wir alles unbedingt benötigen und letztendlich auch konsumieren – an die Menschheit senden und somit vielleicht den gleichen Effekt erzielen? Es geht um die Zukunft unserer Nachfahren, ich sorge mich um sie. Auf jeden Fall: weiter so!“

Ja, das ist ein guter Plan, lieber Herr Bohr: die Welt zu einem besseren Ort machen, ich bin dabei. Ob das gelingt? Der Homo sapiens arbeitet sich seit je daran ab.

Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus. (Homer: Odyssee, 11. Gesang, Übersetzung Wolfgang Schadewaldt)

Tausendmal probiert, tausendmal ist nix passiert. Und wieder von vorn. Warum zum Beispiel stürzen wir uns wie ausgehungert auf jede Neuigkeit über das Coronavirus, wälzen sie rauf und runter, diskutieren aufgeregt und emotional? Klar: Es geht ums Leben, ums Überleben. Doch warum diese teils hysterische Keilerei um Schuld und Sühne, die gerade über die Medien ausgetragen wird?

Der Streit um den Impfstoff. Zu spät bestellt, zu wenig bestellt, das falsche Produkt bestellt, heißt es. Chaos, Desaster, Totalversagen, heißt es. Die Merkel ist schuld, die von der Leyen ist schuld, der Spahn ist schuld, heißt es.

Wir wissen nicht, wie es ausgeht, aber wir wissen, dass es – mit Abstand betrachtet – nur ein winziges Kapitel in der Geschichte dieser Pandemie sein wird. Und wir wissen: Im Nachhinein wissen alle immer alles besser.

Ein paar Tage hat der Lärm um die Verantwortung für die angebliche Corona-Impf-Katastrophe andere Nachrichten in den Hintergrund ge(d)rückt. Wie nicht anders zu erwarten, sorgt der Irrsinn auf der Welt flugs für Abwechslung. Diesmal wieder in der Hauptrolle: der krawallige Hetzer Donald Trump.

Bitte übernehmen, Sisyphos!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Und jetzt: Gute Nachrichten

Raketen? Nö. Böller? Nö. Knallfrösche? Nö. Kein Feuerwerk, nirgends. Keine Rituale, mit denen wir versuchen, die Dämonen zu vertreiben. Nix. Ein merkwürdiger Jahreswechsel. Wir sind also drin: Zwanzigeinundzwanzig. Alles auf Anfang! Das wird schon! Wir machen das Beste daraus!

Nun sagen manche Leute: Och je, ich sehe schwarz, schlimmer geht immer.

Ich sage: Wie das denn? Angeblich war doch Zwanzigzwanzig das allerschlimmste aller schlimmen Jahre aller Zeiten. Und der Superlativ, liebe Pessimisten, lässt sich nicht steigern.

Nun sagen manche Leute: Früher war alles besser. Früher war das Gras grüner, früher war die Luft reiner, früher war die Welt einfach schöner.

Ich sage: Stimmt nicht. Früher war nicht alles besser – es war anders.

Der Blick in den Rückspiegel verzerrt, vieles erscheint sentimental-verklärt. Erst recht, wenn es sich um subjektive Momentaufnahmen handelt.

In ihrer Rede zum 40. Thronjubiläum sprach Queen Elizabeth 1992 von einem „annus horribilis“ (lateinisch: schreckliches Jahr). Ein Feuer auf Schloss Windsor, die Trennung ihres Sohns Andrew von Sarah Ferguson, die Scheidung ihrer Tochter Anne von Mark Phillips, die Ehekrise von Charles und Diana, peinliche Nacktfotos, peinliche Tonbänder – so what?! Für die Queen schrecklich, für den Rest der Menschheit unbedeutend.

Da wären ganz andere Horrorgeschichten zu erzählen: vom Jahr 536 zum Beispiel, als sich die Asche eines isländischen Vulkans wie ein Schleier um die Erde legt. „Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei“, berichtet der byzantinische Geschichtsschreiber Prokopius. Temperatursturz, Schnee im Sommer, Ernteausfälle, Hungersnöte. Oder 1347: Die Pest wütet in Europa. Oder 1918: Die Spanische Grippe rafft Millionen Menschen dahin. Oder, oder, oder.

Lasst uns statt der schlechten Nachrichten mal die guten feiern!

Was haben die Menschen 536, 1347 oder 1918 geglaubt, was haben sie gehofft? Dass es Rettung aus der Krise gibt? Und wir? Wir wissen, dass und wie wir die Corona-Pandemie besiegen werden. Wir wissen, was zu tun ist. Zwanzigeinundzwanzig – vielleicht ein „annus mirabilis“ (lateinisch: Wunderjahr).

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Und du glaubst nicht an Wunder?!

Alles ist relativ. Weihnachten, diesmal anders. Festlich? Fröhlich? Besinnlich? Beschaulich? Machen Sie das Beste daraus.

Trotz Corona. Es geht uns gut. Klingt merkwürdig in diesen Zeiten. Und doch: Im Vergleich zu vielen anderen Menschen auf der Welt geht es uns gut.

Alles ist relativ.

Wer woanders seine Meinung sagt, in Russland zum Beispiel, wird womöglich vergiftet.

Bei uns giften manche, sie dürften ihre Meinung nicht sagen. Das dürfen sie aber doch, auf Demos, oder in Zeitungen, die sie als Lügenpresse verhöhnen, was komplett gaga ist, denn dann wäre das, was die Lügenpresse-Krakeeler in der Lügenpresse sagen, ja … gelogen.

Alles ist relativ.

Woanders laufen Kinder jeden Tag zwei Stunden lang barfuß bei Temperaturen von fünfzig Grad durch die Wüste zur nächsten Schule und wieder zurück. Sie sind froh, dass sie die Chance haben, lesen und schreiben und rechnen zu lernen.

Bei uns maulen manche, weil die Fenster im Klassenzimmer zum Lüften geöffnet werden.

Alles ist relativ.

Woanders werden Frauen wie Sklavinnen gehalten, vergewaltigt, gefoltert, gequält.

Bei uns empören sich manche, weil der Tagesschau-Sprecher beim Vorlesen der Nachrichten keine Kunstpause einlegt, wenn ein gedachtes Gendersternchen im Text vorkommt.

Alles ist relativ.

Woanders toben Bürgerkriege, Menschen sterben, zerfetzt von Bomben und Granaten, und die überleben, haben oft alles verloren und nichts zu beißen.

Bei uns nölen manche, weil sie beim Einkaufen in prall gefüllten Supermärkten einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, und wehe, das Toilettenpapier ist aus.

Alles ist relativ.

Genug Relativitätstheorie. Es ist Weihnachten. Lassen wir den Alltag mit seinen Problemen und Problemchen mal einen Moment hinter uns, denken wir mal einen Moment über das große Ganze nach. Etwa so:

Denn wir leben auf einem Blauen Planeten / Der sich um einen Feuerball dreht / Mit ’nem Mond, der die Meere bewegt / Und du glaubst nicht an Wunder / Und ein Schmetterling schlägt seine Flügel / Die ganze Erdkugel bebt / Wir haben überlebt / Und du glaubst nicht an Wunder (aus dem Song „Welt der Wunder“ des deutschen Rappers Marteria, 2014).

Alles ist relativ.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Was die Sterne nicht verraten

Ragnarök, Sintflut, Armageddon, Jüngstes Gericht, Apokalypse … allein diese Wörter, schaurig! Seit grauer Vorzeit befasst sich die Menschheit mit ihrem Ende. Mythen, Göttersagen, Religionen, Esoterik, Hollywood-Blockbuster. Immer wieder raunen Seher und Propheten vom Untergang der Welt, immer wieder erzählen sie davon, immer wieder finden sie ein Publikum, das ihren Visionen lauscht. Faszinierender Grusel.

In einem Seuchenjahr wie 2020 steigt die Nachfrage, wie so oft in Zeiten der Verunsicherung, der Angst, der Krise: #coronageddon, #klimakatastrophe, #endoftheworld – die Hashtags der Gegenwart.

Die Orakel-Industrie verdient prächtig an der Neugier der Leute. Dabei sollten die Leute es besser wissen. Bislang hat sich, soweit bekannt, keiner der angekündigten Weltuntergänge ereignet. Und überhaupt: Die Trefferquote der Wahrsager ist miserabel. Aktuelle Zwölf-Monats-Bilanz: Trump gewinnt die Wahl. Nein. Auf einer einsamen Insel wird ein Riesenaffe im King-Kong-Format entdeckt. Nein. Die Sieger der Olympischen Spiele in Tokio heißen … ach nein, die Spiele sind ausgefallen. Wenn wenigstens einer die Pandemie auf dem Zettel gehabt hätte!

Der Volksfreund hat neulich über die miese Bilanz der Schwarzmaler und Schreckensmelder berichtet („Der Weltuntergang bleibt wieder mal aus“, Ausgabe vom 11. Dezember). Leser Ullrich Papschik aus Bitburg meint: All das zeigt doch, dass die Hellseherei nichts wert ist und die täglichen Horoskope in der Zeitung nichts taugen.

Stimmt, Herr Papschik! Keine Fakten, nirgends. Wer etwas über die Zukunft erfahren möchte (und wer will das nicht, schließlich verbringen wir den Rest unseres Lebens in ihr), sollte sich nicht auf Horoskope verlassen. Die sind so vage und allgemeingültig formuliert, dass sie immer passen. Mit der Karriere geht‘s bergauf, mit der Liebe bergab, vielleicht auch umgekehrt – pure Unterhaltung, Spaß, Belustigung. Und doch: Zwei Drittel der Deutschen ergötzen sich daran. Weil sie sich irgendwie in den pauschalen Profilen erkennen.

Die Psychologen haben ein Wort dafür: Barnum-Effekt, von dem Franzosen Michel Gauquelin in den Sechzigern untersucht. Er schickte 150 Menschen deren „ganz persönliches Horoskop“. Tatsächlich erhielt jeder denselben Text, zusammengesetzt von einem Computer aus Bausteinen eines Astrologie-Programms und gefüttert mit den Geburtsdaten eines Serienmörders! Mehr als 90 Prozent der Probanden sagten: Ja, das bin ich. Noch Fragen?!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Noch, noch, noch – und nöcher!

Das Virus verändert alles, auch die Sprache – Corona ist ein Superspreader unter den Wörtern.

Reproduktionszahl. R-Wert. Inzidenz. Covid-19. Aerosole. Sars-Cov-2. Antikörper. RKI. Zoonose. PCR-Test …

Corona hat sich wie ein Virus im Wortschatz ausgebreitet.

Infektionskette. Virologen. Exponentielles Wachstum. Verdopplungszeit. Sterberate. Übersterblichkeit. Herdenimmunität. Durchseuchung. Triage. Vulnerabilität. Falsch negativ. Falsch positiv …

Corona ist ein Superspreader unter den Wörtern.

Lockdown. Shutdown. Wellenbrecher. Contact Tracing. Social Distancing. AHA (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske). FFP-Maske. Mindestabstand. Begrüßungsrituale. Systemrelevant. Quarantänisiert …

Corona diktiert den Alltag, das Denken, die Sprache.

Corona-Ausbruch. Corona-Krise. Corona-Fälle. Corona-Regeln. Corona-Tote. Corona-Impfstoff. Corona-Bonus. Corona-Wahnsinn. Corona-Leugner. Aluhüte. Covidioten …

Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache hat etwa tausend neue Wörter und Wortverbindungen zu Corona gesammelt.

Das Wort des Jahres ist: Corona-Pandemie.

Wenn so ein mysteriöses Ding wie dieses Virus auftaucht, das die ganze Menschheit bedroht, melden sich die Urinstinkte. Weglaufen? Es holt dich ein. Verdrängen? Du entkommst ihm nicht. Bekämpfen? Das dauert, dazu brauchst du einen Plan, eine Strategie. Die erste Reaktion jedoch: das mysteriöse Ding benennen, Begriffe finden, erfinden, um es zu begreifen, zu bannen.

Tausend Wörter also umfasst das Corona-Universum inzwischen. Tausend Wörter, die wir ständig hören und lesen. Was macht das mit uns? Sprache wirkt subtil auf die Psyche. Ein Beispiel: noch. Das winzige, uralte, an sich virusfreie Wort ploppt im Corona-Kontext wieder und wieder auf. In Nachrichten, in Zitaten, in Kommentaren. Noch ist alles nicht so schlimm wie befürchtet, sagt jemand. Noch sind die Krankenhäuser nicht überlastet, sagt ein anderer. Noch gibt es genug freie Intensivbetten, sagt der nächste. Noch, noch, noch – das signalisiert: jetzt, im Moment, ist es okay, aber bald (morgen, in zwei Wochen, in einem halben Jahr) nicht mehr. Bei manchem Hörer und Leser verfestigt sich das Gefühl: Oh weh, das wird böse enden. Wird es? Das hängt von uns allen ab.

Ich bin überzeugt und wiederhole es, noch und nöcher: Wir werden uns aus der Grütze herausarbeiten.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wir sind Trier – das macht Mut!

Es ist die eine Frage: Warum? Die Amokfahrt in Trier. Warum, frage ich mich, warum, fragen Sie sich, die Leserinnen und Leser des Volksfreunds. Es gibt keine Antwort auf diese Frage, nicht jetzt, vielleicht nie.

Als Journalist bin ich Tag für Tag mit Nachrichten (auch) über schreckliche Ereignisse konfrontiert, manchmal mit brutalen Informationen, mit entsetzlichen Bildern.

Weil es Tag für Tag passiert, weiß ich um den Irrsinn auf der Welt. Weil ich Tag für Tag davon erfahre, was Menschen Menschen antun.

Es gehört zum Job, (auch) mit schlimmen und schlimmsten Nachrichten professionell umzugehen, sie zu bewerten, sie einzuordnen, sie aufzubereiten.

Ich habe das viele Male erlebt. Wenn die ersten Informationen in der Redaktion eintreffen, wenn sie konkreter werden …

Diesmal ist es anders. Wieder eine Wahnsinnstat. Wieder ein offensichtlich Gestörter. Wieder unfassbares Grauen. Aber nicht weit weg, sondern mitten unter uns.

Nicht spekulieren. Berichten, was ist, nicht was sein könnte. Das nervöse Gezappel aus dem Netz nicht ungeprüft zur Nachricht aufblasen. Zum Beispiel, was die Verschwörungsschwurbler munkeln, die behaupten, sie wüssten, was den Amokfahrer durchdrehen ließ. Oder die Hetzer mit ihren widerlichen Parolen. Keine Details, nicht hier. Ich biete den Spinnern, Besessenen, Verblendeten, Wirrköpfen kein Forum.

Wir zucken bei jedem neuen Anschlag, wir halten inne, wir fragen uns, was zu tun ist und ob das denn nie ein Ende nimmt. Nein, nimmt es wohl nicht.

„Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“ (Friedrich Schiller)

Das Böse jagt uns Angst ein, wir wollen so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen (um uns selbst schützen zu können); je mehr wir wissen, desto mehr gruseln wir uns: Kann es mich treffen? Die Antwort: Ja. Jederzeit. Überall. Es geschieht, wieder und wieder.

Das Tröstliche: Die Trierer stehen zusammen. Still. Empathisch. Sie verarbeiten den Schock gemeinsam. Diese Solidarität macht Mut.

Wir trauern um die Toten. Wir hoffen, dass die Verletzten gesund werden. Wir leiden mit den Familien der Opfer. Wir sind Trier.

Nachdenkliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Unmöglich vorherzusagen

Es ist vorbei. Aus. Schluss. Feierabend. Er hat verloren. Er sieht es, nach einigem Hin und Her, anscheinend ein. Er kapituliert. Uff! Donald Trump schleicht sich. Still und leise, für seine Verhältnisse.

Und das Getöse, die Aufgeregtheit, der Alarmismus in den Medien? Wie weggeblasen.

Was ist in den vier Jahren des Trumpismus nicht alles orakelt worden. Vom Ende der Welt war die Rede, von Chaos, Krieg, Untergang. Zuletzt: Was, wenn der Polit-Clown  nicht weichen will? Wenn er seine Anhänger aufhetzt? Wenn er einen Bürgerkrieg anzettelt?

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel titelte neulich mit einer Illustration, die Trump als Warlord zeigt, als Krieger, der seine Flinte nachlädt, verbarrikadiert hinter Sandsäcken …

Und nun: Die Welt dreht sich weiter, noch immer.

Wäre. Hätte. Könnte. Würde. Vielleicht. Eventuell. Ach, dieses pausenlose Es-ist-so-schrecklich-und-wird-noch-schrecklicher-Geschluchze auf den medialen und politischen Marktplätzen. Mutmaßungen, Spekulationen, Prognosen. Es kommt ja doch anders.

Ein klitzekleines Beispiel: Zufällig fiel mir dieser Tage die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. Januar 2017 in die Hände. Darin eine Betrachtung über Trump, den damals frisch gewählten 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, kurz vor seinem Einzug ins Weiße Haus. Zitat: „Das Amt wird ihn zwingen, seine Rhetorik zu mäßigen. Die Einbettung in das Geflecht der Administration wird seiner Impulsivität Zügel anlegen, die Professionalität gerade der republikanischen Abgeordneten und Senatoren in beiden Kammern des Kongresses wird seinem Dilettantismus entgegenarbeiten. Zugleich wird die mächtigste Zähmungsinstanz, die weltpolitische und inneramerikanische Realität, an die Arbeit gehen und die unausgegorenen Ankündigungen und Versprechen des Kandidaten so lange kräftig zurechtstutzen, bis von ihnen nur noch wenig übrig ist. So ging es noch jedem Heißsporn und Neuling in der Politik. So wird es auch diesem gehen.“

Irrtum. Wieder so ein Orakel, das danebenlag. Von wegen: der gezähmte Widerspenstige …

Merke: „Unmöglich vorherzusagen die Zukunft ist.“ (Yoda, der weise Gnom mit der ulkigen Satzbau-Technik in der Saga „Star Wars“)

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

So wichtig wie Luft zum Atmen

Tja. Manche meinen, sie müssten anderen vorschreiben, was sie zu denken, zu tun, zu meinen haben und was nicht. Und was Zeitungen zu veröffentlichen haben und was nicht. Solche Meinungsdiktatur ist Gift für die Gesellschaft, Gift für die Demokratie. Weil die Freiheit der (ver-)öffentlich(t)en Meinung so wichtig ist wie die Luft, die wir atmen. – Drei aktuelle Beispiele aus meiner Post:

Zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie schreibt Herr S.: „Ihr werdet alle gerichtet und müsst euch für eure Taten verantworten, spätestens vor Gott. Wer solche Lügenmärchen verbreitet, den werde ich anprangern. Das wird Konsequenzen haben!“

Zur Berichterstattung über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche schreibt Herr H.: „Schluss mit Ihrem Schmier-, Hetz- und Käseblatt! Sehr zum Leidwesen unseres Bischofs werden jetzt schon wieder die wenigen vorhandenen Priester attackiert. Schämen Sie sich nicht, auf Jahrzehnte und sogar auf Bischof Stein zurückzugreifen? […] Die Zeit ist mir zu kostbar, mich mit Ihrem Drecksblatt zu beschäftigen. […] Nur weiter so, bis euch die Mariensäule in Trier eines Tages auf den Kopf heruntergefallen kommt!“

Zur Berichterstattung über die Rückkehr des Wolfs in die Region eine anonyme Morddrohung, die Leser ABC erhalten hat: „Noch einmal ein Leserbrief von dir im Volksfreund und es knallt. Bin passionierter Jäger oberhalb der Mosel. Der erste Wolf, der mir vor die Flinte läuft, wird abgeschossen. Eine Kugel aus einem russischen Scharfschützengewehr, das ich nach der Wende aus DDR-Beständen gekauft habe […], ist für dich reserviert.“ Beigefügt: die Abbildung eines Gewehrs und einer Patrone („Diese Kugel Kaliber 8×53 mm ist für dich reserviert“). Die Polizei ermittelt.

Drei Einschüchterungsversuche, einer fieser als der andere – gegen Journalisten, die ihren Job machen, die recherchieren und berichten, und gegen Bürger, die ihre Meinung sagen.

Noch Fragen? Beantworte ich nach meinem Urlaub in vier Wochen plus x. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, bleiben Sie munter!

Mit nachdenklichen Grüßen

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Vorwiegend heiter

Alles dabei, mal anmutig, mal albern, mal intellektuell, mal ironisch, mal frech, mal forsch – die Lieblingswörter von Leserinnen und Lesern (in Auswahl):

Helmut Trapp, Gillenfeld: Frohsinn. Ich liebe dieses Wort, weil es wohlklingt und mir großen Spielraum für Interpretationen bietet. Froh bedeutet für mich Freude und Begeisterung. Mit Sinn verbinde ich Genuss, Freude und Begeisterung mit allen Sinnen wahrnehmen.

Bruno Meyer, Langsur: Ein guter Freund (Eric Baader, 1944-2000) meinte mal, dass Donaudampfschifffahrtskapitänsanwärterband ganz nett sei. Rock on!

Hans Weber, Bitburg: Steckenpferd, heute ersetzt durch das Wort „Hobby“. Es gab früher eine Sendung im Fernsehen mit Peter Frankenfeld, die den schönen Titel „Und Ihr Steckenpferd?“ trug. Mit „Hobby“ wusste der Durchschnittsdeutsche damals noch nichts anzufangen. Man frug: „Und welches Steckenpferd reiten Sie?“ Diese Frage beinhaltete für mich immer ein klein wenig Poesie.

Franziska Schmitz, Kordel: Ja, munter will ich bleiben, und ich schenke Ihnen mein Lieblingswort: ebeilnetshcän. Immer schon habe ich die Menschen geliebt und manche ganz besonders. Machen Sie weiter! Es macht Spaß!

Martin Dücker, Hinzenburg: Ich habe zwei Lieblingswörter. 1. Schließmuskelzerrung. Okay, Sigmund Freud hätte seine Freude mit mir auf der Couch. Ich benutze dieses Synonym als zweite Identität in Internet-Foren. 2. Für die Trierer unter uns: Käfftebuijer. Eine wie ich finde nicht verurteilende Bezeichnung für Homosexuelle. Wenn Sie sich trauen … Mit lustigen Grüßen!

Joachim Schröder, Pronsfeld: Heimelig. Das klingt verdammt positiv, schmeckt nach Heimat, riecht nach Kaminfeuer, sieht aus wie eine Duftkerze und verschafft einfach Wohlbefinden und Behaglichkeit. Leider wird es nur noch selten gebraucht. Unsere Welt ist eigentlich zu rau geworden für dieses liebliche Adjektiv. Übrigens gibt es in unserer Mundart das Wort Jehechnis. Das bedeutet nichts anderes als Heimeligkeit. In der Mundart wirkt es noch intensiver. Ein knisterndes, wärmendes Ofenfeuer ist ein Jehechnis.

Siegfried Skilwies, Pluwig: Sauwer. Es verbindet mit unserer Heimat, hat extrem lobenden Charakter für den Gesprächspartner, ist kurz und knackig, lässt sich leicht merken. Und es kann super für die Eigenmotivation verwendet werden.

Irma Zimmer, Serrig: Gehegnis (Geheechnis im Dialekt). Das alte Wort steht für Wohlgefühl, Geborgenheit, Wärme, Vertrauen. Es wäre schade, würde auch dieses aus unserem Wortschatz verschwinden. Bleiben Sie mutig und direkt!

Daniel Weinand, Hermeskeil: Lichter. Weil es das erste Wort war, das unser Sohn Noah als kleines Kind ausgesprochen hat (original sagte er „Ichter“).

Jürgen Zedler, Neuerburg: Bionade-Pharisäer. Es stammt aus einer Debatte im Landtag, ein AfD-Abgeordneter hat es im Zusammenhang mit der Beförderungspraxis im Umweltministerium von Ulrike Höfken verwendet. Ich finde, das Wort beschreibt sehr treffend die Realitätsferne vieler grüner Politiker.

Danke fürs Mitmachen, bleiben Sie gesund und munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur