Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Seid kritisch, sagt eure Meinung – und passt auf, mit wem ihr euch einlasst. 

Upps. Es ist so weit. Das deutsche Volk hat sich erhoben, schreibt mir einer, und es ist dabei, „wie Dornröschen wach geküsst zu werden – ja, sich selber wach zu küssen, indem es die Lügen, die schamlosen Lügen seiner Bevormunder und Freiheitsrauber erkennt, und, was ganz wichtig ist: die Lügner und ihre Lügen offen und ohne Scheu beim Namen nennt.“

Er sei, schreibt er, „mit einer Million nach Freiheit dürstender Knechte“ durch Berlin gezogen und habe es gespürt: Immer mehr Unterdrückte, Entrechtete und Verfolgte hätten „die Schnauze gestrichen voll“ von den „schamlosen Lügen des europaweiten, globalen Systems einer Einheits-Welt-Diktatur über symbolisch sichtbar unterstrichen per Maulkorbmaske entmündigte und ihrer Mimik entseelte, durch eingeimpfte Angst ihres Denkens beraubte Roboter-Sklaven.“

Okay. Wieder so ein Verschwörungsschwurbler, der meint, die Corona-Pandemie sei „die Umsetzung einer Agenda, um die Menschen weltweit und endgültig ihrer Freiheit zu berauben.“ Wieder so ein Provokateur, der meint, Journalisten seien „Auftragsfälscher“, „Wirklichkeitsverdreher“ und „Volksverdummer“, gleichgeschaltet und gesteuert von der Regierung. Wieder so ein Radikalinski, der meint, … Moment mal, hoppla, es handelt sich um einen verurteilten Volksverhetzer und Holocaust-Leugner, wie die Recherche seiner Vorgeschichte zeigt.

Warum ich Passagen aus der Hetzschrift veröffentliche? Um transparent zu machen, was da im Gange ist. Vielleicht kapiert es der eine oder andere Mitläufer.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen die Corona-Protestler. Sie marschieren bloß Seit an Seit mit ihnen in Berlin, am „Tag der Freiheit“ (das Motto der Demo ist, komischer Zufall, der Titel eines Propaganda-Films von Leni Riefenstahl über den Parteitag der NSDAP 1935).

Yoga-Lehrerinnen neben Reichsbürgern, die schwarz-weiß-rote Fahnen schwenken. Impfgegner mit Aluhüten neben Friedensbewegten, die Gandhi auf einem Plakat vor sich her tragen, und Linken, die nach Che Guevara rufen. Skeptiker und Verunsicherte neben Rechten, die „Lügenpresse“ schreien.

Neiiiin, mit Nazis haben sie nichts zu tun, sagen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die auf Hygiene-Regeln pfeifen und nicht merken, dass sie Verschwörungsschwurblern und politischen Wirrköpfen auf den Leim gehen.

 „Lügenpresse“, „Tag der Freiheit“ – wer wie ein Nazi spricht, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Wer mit Nazis marschiert, setzt sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein. Naiv? Ignorant? Anscheinend. Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Erwischt – danke, Kommissar Zufall!

Caramba! Auf frischer Tat ertappt. Das Rätsel ist gelöst, der Unhold hat sich selbst verraten, seine Tarnung ist aufgeflogen. Nach all den Jahren habe ich nicht mehr damit gerechnet.

Der Reihe nach.

Journalisten arbeiten wie Detektive. Was immer sich ereignet – es wirft Fragen auf. Wer, was, wann, wo, wie, warum. Informationen sammeln. Fragen. Bewerten. Nachfragen. Recherchieren. Hinterfragen. Prüfen. Nachhaken. Ermitteln. Untersuchen. Interpretieren. Enthüllen. Und wenn es sein muss, noch mal von vorn. So lange, bis eine Nachricht, bis eine Geschichte daraus geworden ist, oder auch nicht.

Mancher Fall lässt sich aufklären, mancher Fall zieht sich endlos, mancher Fall verläuft im Sande.

Es ist ein bisschen wie bei Sherlock Holmes, Philip Marlowe, Hercule Poirot, Miss Marple, James Bond und Moneypenny …

Und wenn du denkst, es geht nichts mehr, hilft vielleicht, vielleicht der Zufall.

So wie diesmal: Wer verbirgt sich hinter dem Kürzel H.M.? Dieser seltsame Unbekannte, der seit Jahren anonym Pamphlete an die Redaktion schickt – und an Leserbriefschreiber, über die er immer wieder wüste Beschimpfungen und Beleidigungen auskübelt. Nervig. Ärgerlich. Mysteriös.

Immer das gleiche Muster: ein Briefumschlag, darin Schnipsel aus der Zeitung, pedantisch aufgeklebt auf ein Din-A4-Blatt, dazu einige mit Kugelschreiber hingesaute freche Zeilen, gezeichnet mit H.M., adressiert an die Redaktion oder direkt an die Leserbriefschreiber.

Die Beweisstücke liegen zuhauf in meiner Asservatenkammer.

Ich habe dem anonymen Krakeeler zwei Kolumnen gewidmet („Warum H.M. nervt“, TV vom 26. September 2015 und „Herrlich herrschaftsfrei“, TV vom 29. Juni 2013) und versucht zu erklären, was solche Typen umtreibt. Er ist ja nicht der einzige, aber einer der hart­näckigsten.

Jetzt ist es vorbei mit seiner anonymen Pöbelei. Weil er zeitgleich zwei Schreiben an die Redaktion gesendet hat, eins als H.M., eins unter seinem richtigen Namen. Die Handschrift: identisch. Das „H“ bei Honecker, das „M“ bei Marx und einige andere markante Buchstabenkringel offenbaren, wer dahintersteckt.

Fall gelöst. Ob J.R. aus W. alias H.M. jetzt aufhört, die Leute zu belästigen? Schau’n mer mal.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Gangster, Spinner und andere Plagen

Mamma mia, Post von einem dieser Pöbe­lanten, was für ein, Pardon, Kotzbrocken. Er schrei(b)t: Zensur! Drecksblatt! Lügenpresse! Und mutmaßt, dass „die Schisser“ vom Volksfreund sich nicht trauen, seine Texte, seine Leserbriefe zu bringen. Weil er die Wahrheit aufdecke, aber „die Schisser“ hätten ja Order von oben …

Ach, die Leier wieder. Also gut, nur Mut: In dieser Zeitung darf jeder seine Meinung sagen.

Die Redaktion passt auf, dass es nicht drunter und drüber geht, dass kein grober Unfug verbreitet wird, dass niemand beleidigt, geschmäht, diskriminiert wird, dass keiner ausrastet, durchdreht, hetzt (etwa gegen Ausländer, Homosexuelle, Andersdenkende).

Manchmal ist es schwierig, die Grenzen zu ziehen. Was für die einen unerträglich ist, tolerieren die anderen. Im Zweifel, trotz des beachtlichen Unterhaltungswerts: Rabauken, Rambos und Radikalinskis, Verirrte, Verwirrte und Verblendete bleiben draußen.

Was und wer gemeint ist? Na, zum Beispiel solche Prachtexemplare, frisch eingetroffen:

Herr D. meldet sich aus Irland per „Priority Aerphost“, er sei auf der Suche nach Mr. X. und dem Pinguin – zwei mutmaßlichen Gangstern, die im ehemaligen Nato-Bunker von Traben-Trarbach mit ihrer Bande krumme Dinger gedreht haben sollen (Drogen, Waffen, Falschgeld, Kinderpornos) und jetzt in U-Haft auf ihren Prozess warten. Er wolle ihnen das Gelände auf dem Mont Royal in Traben-Trarbach abkaufen. Für zwei Millionen. Und so weiter.

Herr K. verkündet, er wisse, wie die Corona-Pandemie in die Welt gekommen sei – als Strafgericht Gottes, weil der Sonntag der falsche Ruhetag ist und der Papst und Donald Trump gegen die Zehn Gebote verstoßen haben und jetzt die letzten sieben Plagen auf die Sünder ausgegossen werden. Und so weiter.

Herr F. ätzt: Die Umvolkung Deutschlands geht weiter […] alles wird totgeschwiegen, was im Sinne Merkels und ihrer Mischpoke nicht sein darf […] Leserverarschung pur […] Hass und Hetze gegen treue, verantwortungsvolle und vaterlandsliebende Bürger […] praktizierter Rassismus von einer Minderheit von machtgeilen Spinnern mit verschlagenen, verlogenen und dreckigen Worten als Kriegswaffe brutal ohne Skrupel eingesetzt. Und so weiter.

Drei Beispiele von vielen. Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Jetzt also „Kini“? Ach, du Shrek!

Glanz und Gloria: Der bayerische Politiker Markus Söder ist ein heißer Kandidat fürs Kanzleramt. Er sagt dazu nix, er lässt Bilder wirken. Ganz schön schlau.

Unter uns: Ich hätte zu gern Mäuschen gespielt, als die Türen zugingen, ich wäre zu gern drin gewesen im prächtigen Spiegelsaal des prunkvollen Schlosses auf der Herreninsel im Chiemsee. Was der König von Bayern und die preußische K…, ähm, was Herr Söder und Frau Merkel zu besprechen hatten beim Mittagsmahl (Backhendl, Renke, Sommersalat), das waren mutmaßlich die knibbeligsten Fragen der Politik, gewaltige Ideen, irgendetwas Spektakuläres – warum sonst wäre die Chefin der Bundesregierung aus Berlin an den Chiemsee geeilt? Sie hätte, wie sonst auch, eine Kurznachricht schreiben können, telefonieren, eine Video­schalte machen. Muss also richtig wichtig gewesen sein. Hmm.

Erinnert sich wer, um was es ging? Hat jemand etwas gesehen-gehört-gelesen? Kam das in der Berichterstattung vom Hofe vor? Wenn ja, ist es vergessen.

Was bleibt, sind die Bilder der Inszenierung. Die märchenhafte Kulisse. Das Schloss. Der Spiegelsaal. Die Fahrt mit dem Raddampfer, mit der Kutsche. Was bleibt, sind die Wortspielereien, die Metaphern: Sonnenkönig, Kronprinz, Thronfolge. Was für ein Pomp, was für eine Show! All das prägt die Berichterstattung vom Hofe, und die Berichterstattung vom Hofe prägt die Wahrnehmung der Menschen, der Wähler (doch, doch, wir leben in einer Demokratie!).

Markus Söder weiß um die Kraft der Bilder. Er poliert sein Image, er bringt sich in Position, er wartet darauf, dass die Republik ihn ruft – ins Kanzleramt. Dass er (Corona-)Krisenmanager kann, nehmen die Deutschen ihm ab. Jetzt zeigt er lässig, dass er es versteht, Regie zu führen, zu repräsentieren, und Mutti, die gutgelaunte Angela Merkel, findet es gut, findet ihn gut. Seine Botschaft: Seht her, ich meistere alle Herausforderungen.

Der Mann hat sich oft gehäutet, er gab in der Politik den Populisten und den Poltergeist, im Karneval die Monroe, Homer Simpson und Shrek, den tollkühnen Helden. Neuerdings also Landesvater, Regent, ein bisschen „Kini“, wie sie in Bayern sagen.

Ich male mir aus, was los wäre, wenn Malu Dreyer die Bundeskanzlerin einladen würde, um dem rheinland-pfälzischen Kabinett die Leitlinien der deutschen EU-Ratspräsidentschaft zu erläutern,  nüchtern und sachlich, im Stil Söders – etwa so: Audienz in der Palastaula des Kaisers Konstantin in Trier, römische Gladiatoren, die Spalier stehen, mit dem Neumagener Weinschiff auf der Mosel schippern … ich würde zu gern Mäuschen spielen.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die schönen Tage von Neapel

Lesen macht schlau. Wer liest, weiß mehr. Wer liest, hat mehr Fantasie. Wer liest, ist kritischer. Der Mensch ist süchtig nach (guten) Geschichten. Also los:

Io und si, si und io – zwei klitzekleine italienische Wörter nur kennt der Segeltuchflicker Andreas, als er vor hundertfünfzig Jahren in Neapel landet, doch weil er auf alle Fragen intuitiv richtig mit io (ich) oder si (ja) antwortet, ernennen sie ihn zum König.

So geht eine Geschichte von James Krüss aus dem wunderbaren Kinderbuch Mein Urgroßvater und ich (erschienen 1959). Die Neapel-Episode, die Wipp-Wapp-Häuser, die Gedichte über die kluge Frau Januzis, den Zauberer Kori-Kora-Korinthe, die Maus Kathrein oder das Königreich von Nirgendwo – alles dreht sich um das Abenteuer Sprache.

Der Urgroßvater erzählt spannende Geschichten und drechselt verrückte Verse, der zehnjährige Urenkel hört zu, drechselt mit und hakt nach: „Meinst du, dass man mit zwei Wörtern durch die Welt kommen kann?“ Was der Urgroßvater antwortet, verrate ich nicht.

Zeitsprung. Bald, sehr bald schon, braucht niemand mehr eine Fremdsprache zu lernen, glauben Forscher. Englisch, Französisch, Chinesisch, Spanisch, Italienisch, Russisch – egal, wen wir wo treffen, wir palavern in naher Zukunft mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Maschinen. Gut möglich, dass wir irgendein Ding im Ohr tragen, das in Echtzeit übersetzt, in jede und aus jeder Sprache. Wie der Babelfisch im Kultroman Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams.

Schluss mit dem Büffeln von Vokabeln? Die Maschine erledigt das.

Nie mehr lustvoll mit den Händlern auf dem Basar von Maskat oder Marrakesch um Tand und Trödel feilschen, mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Arabisch? Die Maschine erledigt das.

Das Ende der babylonischen Sprachverwirrung, die – siehe Altes Testament – seit je Durcheinander und Unfrieden auf der Erde verursacht? Die Maschine … schön wär’s.

Wenn sich alle mit allen verständigen können, bedeutet das nicht, dass sich alle mit allen verstehen.

Es heißt, dass in der digitalen Welt nichts unmöglich ist. Zum Beispiel mit zwei Wörtern König werden? Mit nichts als einem Handtuch im Gepäck durchs Universum reisen? Nein, so etwas gibt’s nur in der Fantasie, in Erzählungen, die Menschen sich ausdenken, keine Maschinen. Erzählungen wie Mein Urgroßvater und ich oder Per Anhalter durch die Galaxis – ein Meisterwerk der Satire, irrlichternd zwischen Weltgeist und Zeitgeist, Wahnsinn und Wahrheit, Witzelsucht und Aberwitz.

Viel Spaß beim (Vor)lesen!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Mär von Gaias Rache

Noch eine Virus-Theorie: Manche meinen, Corona sei eine Strafe von Mutter Erde/der Natur/des Schöpfers. Ist da was dran?

Traurig ist sie, traurig und verzweifelt, die Mutter Erde, weil ihre unartigen Kinder sie piesacken und alles kaputtmachen, schreibt Leserin A.; die erzieherischen Maßnahmen der traurigen Mutter Erde: Sie heizt das Klima an, sie schickt mal Sturzfluten, mal Dürre, sie lässt böse Viren auf ihre unartigen Kinder los …

Ganz eindeutig, die Natur beginnt, Rache zu nehmen, meint Leser B.; Rache dafür, dass wir sie ausbeuten, die Meere, Flüsse, Bäche verseuchen, die Urwälder abholzen, die Wiesen und Felder vergiften, die Tiere quälen, die Atmosphäre zerstören …

Leser C. ist überzeugt, dass die Apokalypse naht, das Jüngste Gericht, weil die Menschen sich von Gott abgewendet haben und das Werk des Schöpfers ruinieren …

Drei Fundstücke aus der Post, beispielhaft für die Grundstimmung. Die Sehnsucht nach Erklärung und Erkenntnis ist gewaltig, wie immer in Krisen-Zeiten, die Sehnsucht nach Sicherheit, die Sehnsucht nach einer Antwort auf die Frage, was der Sinn von „det Janze“ sein mag.

Die Sache mit dem Coronavirus ist kompliziert. Politiker und Mediziner und Wissenschaftler und Forscher und Medienleute liefern pausenlos Erklärungen und Erkenntnisse, oft widersprüchlich, oft unbefriedigend. Auf jede Antwort eine Frage.

Keine Sicherheit, nirgends. Gibt’s die vielleicht bei den spirituellen Sinnstiftern? Religion. Philosophie. Esoterik.

Ja, da findet sich allerlei, zum Beispiel die Vorstellung von der Erde als Mutter, die denkt und fühlt und ihre Kinder nährt (und bestraft). Eine Vorstellung, so alt wie die Menschheit, vor einigen Jahrzehnten von Hippies und Esoterikern neu interpretiert – auf dem Fundament der Gaia-Hypothese. Die hat James Lovelock entwickelt, ein Mediziner, Biophysiker, Chemiker und Vordenker der Öko-Bewegung. Er sagt: Die Erde (griechisch: Gaia) ist ein lebender Organismus, ein dynamisches System, in dem alles mit allem zusammenhängt – und das wir gnadenlos ausplündern.

Dass die Erde beseelt ist, dass sie fühlt und denkt wie eine Mutter, hat Lovelock, der vor kurzem 101 Jahre alt geworden ist, nie behauptet. Dieses romantische Element haben die Hippies und Esoteriker der Gaia-Hypothese hinzugedichtet. Sei’s drum, der Erde ist’s egal – oder, Mutter?!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Denkmal? Denk mal!

O ja, lasst uns die Welt zu einem besseren Ort machen, höchste Zeit, ist bin dabei! Vielleicht klappt es diesmal, denn: tausendmal probiert, tausendmal ist nix passiert. So kommt es mir jedenfalls vor.

Mal sehen, was gerade angesagt ist. Greta Thunberg, Fridays for Future, die Rettung des Planeten … war da was? Lange nichts gehört. Aus den Medien, aus dem Sinn.

Neuerdings ist viel von dieser Bürgerrechtsbewegung in den Staaten die Rede. Black Lives Matter (abgekürzt BLM, übersetzt: Schwarze Leben zählen). Die Aktivisten prangern Gewalt gegen People of Color (so bezeichnen sie sich selbst) an und kämpfen gegen Rassismus.

Die Kunde vom Schicksal des Afroamerikaners George Floyd – erstickt im Würgegriff eines weißen Polizisten am 25. Mai in Minneapolis, die Proteste, die Wut, die Randale – drang schnell nach Europa. Aufschrei, Demos, Debatten über Rassismus auch hier, im Netz, auf der Straße, in den Parlamenten.

Wer etwas erreichen will, wer andere erreichen will, braucht Aufmerksamkeit, braucht Öffentlichkeit. In die Medien, in den Sinn. Und das geht so: Sachen machen, die sonst keiner macht. Direkte Aktionen mit Symbolkraft, spektakulär inszeniert, live übertragen ins globale Dorf. Zum Beispiel: Denkmäler stürzen. Das ist ungewöhnlich. Das verbreitet sich viral. Das fluppt.

Monumente, einst für Sklavenhändler, Ausbeuter, Unterdrücker errichtet? Weg damit. Was ist mit Entdeckern wie Christoph Kolumbus? Hmm. Was ist mit Politikern wie Winston Churchill, der als Kolonialminister die Überlegenheit der weißen Rasse feierte, bevor er die Welt vom Oberrassisten Hitler befreite? Was ist mit Philosophen wie Immanuel Kant (großer Aufklärer, hat aber auch üble Thesen zur menschlichen „Race“ verfasst) oder Karl Marx (antisemitische und rassistische Sprüche)?

Aus heutiger Sicht: politisch und moralisch nicht korrekt, widerlich. Also: vom Sockel stürzen, abgrundtief und absolut verachten … oder das Denken und Handeln dieser (und anderer) Berühmtheiten differenziert im Kontext ihrer Zeit und Sozialisation sehen, erklären, verstehen? Als Mahnung und Warnung? Wie werden die Menschen in hundert Jahren über uns urteilen? Wo anfangen, wo aufhören?

Die Trierer streiten seit je leidenschaftlich über Marx. Weg mit der Marx-Statue, dem Marx-Haus, der Marx-Straße? Andere Streich-Kandidaten, nach denen Straßen, Plätze, Brücken in Trier benamst sind: Konstantin – römischer Kaiser, Usurpator, Mörder. Wilhelm – deutscher Kaiser, Imperialist, Kriegstreiber. Hindenburg – verhalf Hitler 1933 zur Macht. Pacelli – schwieg als Papst Pius XII. zu Hitlers Verbrechen (Ironie am Rande: Die Straße, die seit 1957 Pacelli-Ufer heißt, war von 1934 bis 1945 dem Nazi-Schergen Horst Wessel gewidmet). Hanns Martin Schleyer – erst Karriere als SS-Hauptsturmführer, dann Karriere als Wirtschaftsmanager, 1977 von RAF-Terroristen entführt und umgebracht. Mohrenkopfstraße, Café Mohrenkopf, Auf Mohrbüsch …

Verzwickt, vertrackt. Es ist nicht einfach, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Scholz-Man und der Wumms

Tsching! Boing! Uff! Zack! Oops! Peng! Zisch!

Comic-Sprache. Lautmalerei. Jeder weiß sofort, was gemeint ist. Eine Sprechblase genügt.

Jetzt hat die Politik die Wucht der Wumms-Rumms-Bumms-Wörter entdeckt. Allen voran: Olaf Scholz, der sozialdemokratische Vizekanzler und Finanzminister. Vor nicht langer Zeit als „Scholzomat“ belächelt, weil er in gestanzten Politikersätzen roboterhaft die Welt erklärte. Und nun? Der oberste Krisenmanager der Republik. Ein Mann, ein Wumms. Mit der Bazooka ballert er das böse Virus weg.

Wie kommt’s?

Erklärung eins: Wenn du willst, dass auch der Letzte kapiert, um was es geht, sage es deinem Volk kurz, klar, bildhaft. Wir hauen ganz viel Geld raus, um Deutschland in der Corona-Krise zu retten.

Wumms!

Braucht es mehr? All das komplizierte Zeugs, das im „beispiellosen Konjunkturpaket“ verschnürt ist, versteht doch eh keiner: verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für bewegliche Wirtschaftsgüter, Erweiterung des steuerlichen Verlustrücktrags … stattdessen:

Wumms!

Erklärung zwei: Wir, die Regierung, kümmern uns um die Armen und Schwachen, wir kämpfen für das Gute und Gerechte, wir beschützen alle vor unheimlichen Monstern und fiesen Möpsen und gefährlichen Seuchen – so wie die Helden im Comic. Superman, Spider-Man, Batman und wie sie heißen. Unglaublich stark, unglaublich schlau, unglaublich mutig. Ach, dieser Scholz-Man …

Die Wummserei entstammt ursprünglich dem Vokabular des Kriegs und beschreibt die Wirkung, die fürchterliche Superwaffen wie die Dicke Bertha hinterließen.

Im Sport, speziell im Fußball, war die Blut-Schweiß-und-Tränen-Metaphorik weit verbreitet. Wenn „Bomber“ Müller eine „Granate“ abfeuerte, jubelten die „Schlachtenbummler“. Inzwischen ist die Sprache politisch korrekt(er).

Typen mit Ecken und Kanten wie Strauß oder Wehner, die ausgeteilt und eingesteckt haben, gibt es im deutschen Politikbetrieb kaum noch. Die meisten: glatt, brav, trainiert – wie Manager, die ihre Karriere nach der Mäuse-Strategie planen, der Spaghetti-Methode oder dem Peter-Prinzip.

Von daher bemerkenswert, wie kraftmeierisch sich Scholz-Man in der Krise inszeniert. Mit Wumms! Und einem ironischen Lächeln …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Huck, Benjamin und die Seuche

Lachen macht glücklich. Lachen macht sexy. Lachen ist die beste Medizin. Wirkt immer. Ganz besonders in diesen trüben Zeiten. Probieren Sie es mal aus.

Seltsam, dieser Gedankenblitz, so seltsam, dass ich anfange zu lachen, als ich darüber nachdenke, welches Teufelchen mich angestupst hat. Huch! Lachen über die todbringende Seuche? Ist das erlaubt? Und was, bitte schön, ist an der Pressemitteilung (PM) des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Nr. 164-3/20 über die Änderungsverordnung zur 9. Corona-Bekämpfungsverordnung (ÄVO Bordelle) so lustig? Und wieso fällt mir … Mark Twain ein?

Fragen über Fragen. Nein, der amerikanische Kultautor (1835-1910) hat nichts mit dem Virus zu tun, und die PM Nr. 164-3/20 reicht literarisch nicht an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn heran, bei weitem nicht. Es ist wegen dieser, ähm, Würste – der länglichen Wörter in der PM Nr. 164-3/20. Rein mit den Buchstaben, quetschen, pressen, immer mehr, bis die Pelle platzt.

Ach, diese „schreckliche deutsche Sprache“! Mark Twain hat sich 1880 in einem Essay darüber lustig gemacht, und dieses humoristisch-satirische Ding kam mir in den Sinn, als ich die Änderungsverordnung zur 9. Corona-Bekämpfungsverordnung (ÄVO Bordelle) studierte. „Manche deutschen Wörter sind so lang“, schreibt Twain, „dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann.“ Und weiter: „Man betrachte die folgenden Beispiele: Freundschaftsbezeigungen, Dilettantenaufdringlichkeiten, Stadtverordnetenversammlungen. Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets. Und sie kommen nicht etwa selten vor. Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen – und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik. Sie geben selbst dem sanftesten Thema etwas schauererregend Martialisches. Ich interessiere mich sehr für diese Kuriositäten. Sooft mir ein gutes Exemplar begegnet, stopfe ich es aus für mein Museum. Auf diese Weise habe ich eine recht wertvolle Sammlung zusammengebracht. Wenn ich auf Duplikate stoße, tausche ich mit anderen Sammlern und erhöhe so die Mannigfaltigkeit meines Bestandes.“

Und so weiter. Ich finde das witzig. Und lache. Ist ja eh die beste Medizin, sagt ein anderer begnadeter Humorist – Benjamin Blümchen, der sprechende Elefant …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Henne oder Ei, Ei oder Henne

Ei, ei, ei … ein bisschen Philosophie. Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? An der Frage haben sich große Denker abgearbeitet – vergeblich. Es gibt keine Antwort.

Das Henne-Ei-Problem ist eine Metapher und begegnet uns ständig im Alltag, immer wenn wir über Kausalzusammenhänge grübeln und nicht sicher sind, was Ursache ist und was Wirkung.

Oft scheint die Sache ja eindeutig zu sein.

Zum Beispiel: Ein gefährliches Virus (Ursache) macht Menschen krank, manche sterben (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Weil das Virus so gefährlich ist und Menschen so krank macht, dass manche sterben (Ursache), interessiert sich die gesamte Menschheit dafür (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Ärzte und Pfleger kümmern sich um die Kranken (Ursache), viele werden wieder gesund (Wirkung). Eindeutig.

Etwas komplizierter: Das Virus macht Menschen krank (Ursache), verängstigt und verunsichert sie (Wirkung eins), die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, schließen die Grenzen, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Wirkung zwei).

Umgekehrt: Die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, machen die Grenzen dicht, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Ursache), es erkranken weniger Menschen am Virus als von den Wissenschaftlern prognostiziert (Wirkung eins, positiv), die rigorosen Einschränkungen verstärken jedoch das Gefühl der Unsicherheit und Angst (Wirkung zwei, negativ).

Besonders kompliziert: die Rolle der Vermittler von Informationen, die Rolle der Medien. Virus, Tod,  Krise, Panik, Warnungen, Mahnungen, Spekulationen … dominieren die Nachrichten, Tag und Nacht, auf allen Kanälen, in den alten und den neuen Medien (Ursache), wer die Zeitung aufschlägt, das Netz durchstöbert oder den Fernseher einschaltet, hat das Gefühl, die Pandemie sei das wichtigste und bedeutendste Thema aller Zeiten (Wirkung).

Ist das so, oder meinen wir das nur, weil uns pausenlos Corona-News umschwirren? Was ist Ursache, was ist Wirkung? Was war zuerst da, im medialen, ähm, Hühnerstall: das Ei oder die gackernde Henne?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur