Sex! Sex! Sex!

Vorspiel: Sie lesen diese wunderbare Kolumne sowieso Woche für Woche, oder? Wenn nicht, hat „Sex! Sex! Sex!“ Sie verführt, einen Blick auf den Text zu riskieren. Es ist die älteste Masche der Welt: Fällt dir nichts mehr ein, schreib’ irgendwas mit „Sex“ drüber, und du fesselst die Leute.

Sind Sie noch da? Gut. Bleiben Sie dran, auch wenn ich Sie vielleicht enttäuschen werde: Es geht hier nicht um Schweinigeleien, um fünfzig Schatten Grau oder so. Sondern um einen, nun ja, verbalen Lustkiller. Weiterlesen

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Ursache und Wirkung

Hans-Albert Krämer aus Trier schreibt: Ich bin Jahrgang 1954 und habe die Grund- und Hauptschule besucht. Während der neun Schuljahre ist Geschichte nicht unterrichtet worden. Nicht ein einziges Mal. Kein Wort über den Zweiten Weltkrieg. Darüber bin ich entsetzt und enttäuscht – hatten die Lehrer damals etwa ein Redeverbot?

Inzwischen beschäftige ich mich mit Geschichte und verfolge die Berichterstattung intensiv. Zuletzt war mehrfach die Rede davon, dass die Bundesrepublik Deutschland der Rechtsnachfolger des Dritten Reichs ist. Bundespräsident Joachim Gauck hat von der Verantwortung der Nachkriegsgeneration gesprochen und so weiter.

All das geht mir nicht aus dem Kopf: Rechtsnachfolger, Verantwortung … das würde, zu Ende gedacht, ja bedeuten, dass ich mitschuldig bin an den NS-Verbrechen, am Holocaust, an den Gräueln des Kriegs?!

Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich war noch gar nicht auf der Welt! Wie kann ich, wie kann meine Generation schuldig und verantwortlich sein? Weiterlesen

Reich, so reich …

Der fast schon verzweifelte Hilferuf eines Lesers: Diese schrecklichen Floskeln und Phrasen nerven. Wenn ich in Volksfreund-Überschriften etwas von „grünem Licht“ lese oder dass mal wieder ein Politiker „unter Beschuss“ geraten ist, gruselt’s mich.

Lieber Sprachfreund,

geht mir genauso, ärgert mich genauso. Da buddelt ein Korrespondent im Berliner Polit-Treibhaus die neueste Neuigkeit aus – und versteckt sie hinter einem Gebüsch aus Weiterlesen

Es geht wieder los …

Der Pressesprecher einer Partei erkundigt sich, warum der Fall X so und nicht anders in der Zeitung behandelt worden ist.

Der Spitzenfunktionär einer Gewerkschaft holzt in einem Interview gegen die Landesregierung – weil er seine Klientel vertritt, oder weil er für seine Partei, die in der Opposition ist, die Werbetrommel rühren will?

Eine Politikerin legt der Redaktion nahe, demnächst doch bitte schön ausführlich über die von ihr geplanten Podiumsdiskussionen („garantiert keine Parteiveranstaltungen, gaaanz wichtige Sachthemen“) zu berichten. Weiterlesen

Schleiertänze

Zu wenig Geld, zu wenig Punkte – den Basketballern der TBB Trier droht nach der Insolvenz der Abstieg aus der Bundesliga. Ein Sportsfreund will wissen: Warum heißt die zweite Liga nicht zweite Liga, sondern ProA?

Lieber Sportsfreund,

interessante Frage. Der Mensch neigt dazu, sich die Welt schönzureden, jeder will der Größte, Beste, Tollste sein.

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Ho’oponopono und andere Rituale

Ein Leser aus der Südeifel schreibt anonym: Immer wieder wundere ich mich, wenn ich in der Zeitung die Formulierung „Wir entschuldigen uns“ lese. Wenn ihr euch schon entschuldigt habt, warum dann noch die Erklärung? Ihr meint gewiss: Wir bitten die Leser um Entschuldigung! Bei so viel liebenswerter Erklärung bin ich gerne bereit, die Redaktion von Schuld freizusprechen.

Mit fröhlichem Grinsen:

Ein dankbarer Abonnent

Lieber unbekannter Leser aus der Südeifel,

vielen Dank für Ihre Zeilen. Sie haben ein hübsches Beispiel für den Sprachwandel entdeckt. Es ist ein bisschen vertrackt, vielleicht kommt es Ihnen haarspalterisch vor, doch wir probieren es mal.

Wer einen Fehler gemacht hat, wer sich falsch verhalten hat, wer in einer bestimmten Weiterlesen

Macht und Ohnmacht

Es ist eine Geschichte, die wie keine zweite in diesen Tagen die Menschen in Trier berührt, aufwühlt, nachdenklich macht: Ein Mädchen (16) ist im Norden der Stadt umgebracht worden, an einem Bahndamm. Erstochen mit einem Klappmesser, ihre Leiche verbrannt. Der Täter ist wahrscheinlich der 24-jährige Nachbar. Die Polizei hat ihn festgenommen, er ist geständig, sitzt wegen Totschlags in Untersuchungshaft.

Wo man hinschaut, wo man hinhört, das grausame Geschehen ist gegenwärtig. Es ist das Thema, über das alle reden: auf dem Marktplatz, in der Kneipe, auf dem Schulhof – und im Internet. Unzählige melden sich in sozialen Netzwerken zu Wort, posten, liken, kommentieren, laden Bilder, Filme, Musik hoch.

Ungeachtet der Tragik: Der Fall zeigt beispielhaft, wie sich die mediale Welt verändert, wie die mediale Welt die Gesellschaft und die Politik verändert – und welche Fragen, Verwerfungen und Probleme das aufwirft. Der Reihe nach:

Das Netz trauert. Tausende weinen symbolisch mit der Familie der Getöteten, bekunden ihr Beileid, spenden Trost auf Facebook. Sie produzieren Erinnerungsvideos und platzieren sie auf YouTube. Sie organisieren einen Gedenkmarsch. Wunderbar.

Das Netz kocht.  Du Mörder! … Ich stech dich ab! … Todesstrafe! … Stellt ihn an die Wand! … Hundesohn! … Überlasst ihn für zwei Stunden der Familie, dann kriegt er seine Strafe. – Da reichen fünf Minuten! … Zündet ihn an …

Wut! Aufschrei! Hysterie! Kurz nach dem Gewaltverbrechen wird der Name des Opfers genannt, bald der Name des Verdächtigen. Da hatten ihn die Fahnder gerade geschnappt. Fotos des Opfers, Fotos des mutmaßlichen Täters. Gerüchte, Spekulationen, Anschuldigungen, Aufrufe zur Lynchjustiz, zur Menschenjagd. Widerlich.

Das Netz zweifelt.  Die Polizei ermittelt wegen der Pöbeleien. Die Mehrzahl der Nutzer reagiert besonnen, ruft die Hassprediger zur Ordnung, warnt und mahnt. Es hilft nichts – die eine oder andere Seite muss abgeknipst, der eine oder andere Kommentar gelöscht werden.

Die Meinung ist frei, trotzdem darf nicht alles (öffentlich) gesagt werden. In der neuen Medienwelt ist das nicht anders als in der alten Medienwelt.

Die alte, analoge Medienwelt: Journalisten recherchieren, schreiben auf oder senden, was passiert ist, ordnen es ein, kühlen hitzige Debatten runter. Sie sind, wie das in der Kommunikationsforschung heißt, Gatekeeper (Pförtner, Wächter), die entscheiden, welche Nachricht, welche Information verbreitet wird und welche nicht.

Im Volksfreund, gedruckt und online: Fakten. Keine Namen, gepixelte Fotos des Mädchens (wenn überhaupt), keine Bilder des Beschuldigten. Ähnlich zurückhaltend die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosender. Stets im Kopf: Presserecht, Persönlichkeitsrecht und, nun ja, Pietät und Respekt und andere angestaubte Tugenden.

Deutlich enthemmter: Boulevardmedien, die Klarnamen bringen, die Bilder der Beteiligten raushauen, die mitunter für Enthüllungen über das Privatleben zahlen, die Familienalben fleddern, die Hinterbliebene im Frühstücksfernsehen vorführen.

Im Zweifel nehmen Bild, RTL & Co. Ärger in Kauf. Entscheidend ist nicht, was erlaubt ist, sondern was es kostet (zum Beispiel einige Tausend Euro bei Verunglimpfung oder Schmähung, falls sich jemand beklagt).

So provozierend, bisweilen zynisch und menschenverachtend diese Spielart des Journalismus sein mag – im Vergleich zu den Exzessen im Internet kommt sie harmlos und gebändigt daher.

Die neue, digitale Medienwelt, besser: Parallelwelt oder Gegenöffentlichkeit:  Wer will, der findet Wege, sich im Internet mitzuteilen. Facebook, Twitter, Instagram, YouTube, WhatsApp …

Direkt, authentisch, ohne Filter, ohne Tabus.

Kein Gatekeeper in Sicht, nirgends, der auf die Einhaltung moralischer, ethischer, rechtlicher Belange pocht, der dafür sorgt, dass nur geprüfte Informationen verbreitet werden, der Beschimpfungen, Beleidigungen, Bedrohungen aussortiert.

Vorteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder kann, wann immer er will, schwadrosophieren, was immer er will, und den Rest der Menschheit damit beglücken. Das Publizieren, jahrhundertelang ein Privileg der Medienelite, ist längst ein Massenphänomen. Und beschert einen ungeheuren Erkenntnisgewinn (dank Schwarmintelligenz, viele wissen mehr als wenige).

Nachteil der Gegenöffentlichkeit im Netz: Jeder trägt die Verantwortung für das, was er von sich gibt, keine Institution, keine Redaktion greift regulierend ein, niemand schützt vor den Folgen unbedachten Ausposaunens von Dämlichkeiten aller Art. Freiwillige Selbstkontrolle bedeutet, sich zu vergewissern: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden?

Die Generation Internet ist mit der Kommentarfunktion groß geworden und drückt, oft ohne nachzudenken, aufs Knöpfchen. Das Privateste wird sichtbar, der Ton rüder, aggressiver, manchmal bösartig, voller Hetze und Häme. Dann regiert der Mob. Einmal angeworfen, lässt sich die Erregungsmaschine kaum stoppen.

Netz-Versteher sagen, das Gift sei immer schon in den Menschen gewesen; nun sei halt ein Ventil da, aus dem es ungehindert strömen könne.

Netz-Kritiker sagen, dies sei nicht die einzige Erklärung für die Verrohung der Sitten. Sie weisen auf den Fehler im System hin. Weil keine Bremse eingebaut sei, drehe die Erregungsmaschine ständig auf höheren Touren und verpeste mit ihren Abgasen das gesellschaftliche Klima. Sind Netzwerke wie Facebook sozial – oder asozial?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Ein Pyjama für zwei

Die Porta Nigra wird farbig angestrahlt. Schön – aber: warum?

In der Fußgängerzone von Trier werden Luftballons mit einem Sprüchlein drauf verteilt. Nett – aber: wieso?

Auf riesigen Plakaten steht die Zahl 25, sonst nichts. Originell – aber: weshalb?

Hie und da fragt jemand: Können Sie bitte aufklären?

Liebe Leser,

das ist Guerilla-Marketing. Hat nix mit Che Guevara zu tun. Sondern mit Werbung. Weiterlesen

Lieber, liebe, liebes

Frau Weißer (Name geändert) will wissen: Warum schreiben Sie eine Kolumne für Machos? Wahrscheinlich, weil Sie selbst einer sind! „Leser fragen, die Chefredaktion antwortet“ steht drüber. Es müsste heißen: „Leserinnen und Leser“ oder „LeserInnen“ – wegen der Geschlechtergerechtigkeit. Nur das Maskulinum zu verwenden, ist diskriminierend.

Liebe Frau Weißer,

lieber (?), liebe (?), liebes (?) androgyn, bigender, weibliche, Frau zu Mann (FzM), gender variabel, genderqueer, intersexuell (auch inter*), männlich, Mann zu Frau (MzF), weder noch, geschlechtslos, nicht-binär, weitere, Pangender, Pangeschlecht, trans, Weiterlesen

Mut tut Wut gut

Herr *** meldet sich telefonisch, er wirkt konsterniert: Der Volksfreund hat neulich meinen ersten Leserbrief veröffentlicht. Danach bin ich von anonymen Anrufern beschimpft worden. Und in meinem Briefkasten fand ich mehrere Schmähschriften, natürlich anonym. Ist das eigentlich normal?

Lieber Herr ***,

zunächst: Es tut mir sehr leid, dass Sie von anonymen Pöblern belästigt werden. Ärgerlich, so etwas, und möglicherweise ein Fall für die Justiz. Dass es gelingt, die Übelkrähen zu entlarven, ist allerdings unwahrscheinlich. Meine Empfehlung: gelassen bleiben, ignorieren, drüberstehen.

Wir erleben solche Hass-Attacken in der Redaktion fast täglich. Und fragen uns jedes Mal: Was sind das für Leute, die nicht den Mumm aufbringen, ihren Namen zu nennen, Weiterlesen