Die Mär von Gaias Rache

Noch eine Virus-Theorie: Manche meinen, Corona sei eine Strafe von Mutter Erde/der Natur/des Schöpfers. Ist da was dran?

Traurig ist sie, traurig und verzweifelt, die Mutter Erde, weil ihre unartigen Kinder sie piesacken und alles kaputtmachen, schreibt Leserin A.; die erzieherischen Maßnahmen der traurigen Mutter Erde: Sie heizt das Klima an, sie schickt mal Sturzfluten, mal Dürre, sie lässt böse Viren auf ihre unartigen Kinder los …

Ganz eindeutig, die Natur beginnt, Rache zu nehmen, meint Leser B.; Rache dafür, dass wir sie ausbeuten, die Meere, Flüsse, Bäche verseuchen, die Urwälder abholzen, die Wiesen und Felder vergiften, die Tiere quälen, die Atmosphäre zerstören …

Leser C. ist überzeugt, dass die Apokalypse naht, das Jüngste Gericht, weil die Menschen sich von Gott abgewendet haben und das Werk des Schöpfers ruinieren …

Drei Fundstücke aus der Post, beispielhaft für die Grundstimmung. Die Sehnsucht nach Erklärung und Erkenntnis ist gewaltig, wie immer in Krisen-Zeiten, die Sehnsucht nach Sicherheit, die Sehnsucht nach einer Antwort auf die Frage, was der Sinn von „det Janze“ sein mag.

Die Sache mit dem Coronavirus ist kompliziert. Politiker und Mediziner und Wissenschaftler und Forscher und Medienleute liefern pausenlos Erklärungen und Erkenntnisse, oft widersprüchlich, oft unbefriedigend. Auf jede Antwort eine Frage.

Keine Sicherheit, nirgends. Gibt’s die vielleicht bei den spirituellen Sinnstiftern? Religion. Philosophie. Esoterik.

Ja, da findet sich allerlei, zum Beispiel die Vorstellung von der Erde als Mutter, die denkt und fühlt und ihre Kinder nährt (und bestraft). Eine Vorstellung, so alt wie die Menschheit, vor einigen Jahrzehnten von Hippies und Esoterikern neu interpretiert – auf dem Fundament der Gaia-Hypothese. Die hat James Lovelock entwickelt, ein Mediziner, Biophysiker, Chemiker und Vordenker der Öko-Bewegung. Er sagt: Die Erde (griechisch: Gaia) ist ein lebender Organismus, ein dynamisches System, in dem alles mit allem zusammenhängt – und das wir gnadenlos ausplündern.

Dass die Erde beseelt ist, dass sie fühlt und denkt wie eine Mutter, hat Lovelock, der vor kurzem 101 Jahre alt geworden ist, nie behauptet. Dieses romantische Element haben die Hippies und Esoteriker der Gaia-Hypothese hinzugedichtet. Sei’s drum, der Erde ist’s egal – oder, Mutter?!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Denkmal? Denk mal!

O ja, lasst uns die Welt zu einem besseren Ort machen, höchste Zeit, ist bin dabei! Vielleicht klappt es diesmal, denn: tausendmal probiert, tausendmal ist nix passiert. So kommt es mir jedenfalls vor.

Mal sehen, was gerade angesagt ist. Greta Thunberg, Fridays for Future, die Rettung des Planeten … war da was? Lange nichts gehört. Aus den Medien, aus dem Sinn.

Neuerdings ist viel von dieser Bürgerrechtsbewegung in den Staaten die Rede. Black Lives Matter (abgekürzt BLM, übersetzt: Schwarze Leben zählen). Die Aktivisten prangern Gewalt gegen People of Color (so bezeichnen sie sich selbst) an und kämpfen gegen Rassismus.

Die Kunde vom Schicksal des Afroamerikaners George Floyd – erstickt im Würgegriff eines weißen Polizisten am 25. Mai in Minneapolis, die Proteste, die Wut, die Randale – drang schnell nach Europa. Aufschrei, Demos, Debatten über Rassismus auch hier, im Netz, auf der Straße, in den Parlamenten.

Wer etwas erreichen will, wer andere erreichen will, braucht Aufmerksamkeit, braucht Öffentlichkeit. In die Medien, in den Sinn. Und das geht so: Sachen machen, die sonst keiner macht. Direkte Aktionen mit Symbolkraft, spektakulär inszeniert, live übertragen ins globale Dorf. Zum Beispiel: Denkmäler stürzen. Das ist ungewöhnlich. Das verbreitet sich viral. Das fluppt.

Monumente, einst für Sklavenhändler, Ausbeuter, Unterdrücker errichtet? Weg damit. Was ist mit Entdeckern wie Christoph Kolumbus? Hmm. Was ist mit Politikern wie Winston Churchill, der als Kolonialminister die Überlegenheit der weißen Rasse feierte, bevor er die Welt vom Oberrassisten Hitler befreite? Was ist mit Philosophen wie Immanuel Kant (großer Aufklärer, hat aber auch üble Thesen zur menschlichen „Race“ verfasst) oder Karl Marx (antisemitische und rassistische Sprüche)?

Aus heutiger Sicht: politisch und moralisch nicht korrekt, widerlich. Also: vom Sockel stürzen, abgrundtief und absolut verachten … oder das Denken und Handeln dieser (und anderer) Berühmtheiten differenziert im Kontext ihrer Zeit und Sozialisation sehen, erklären, verstehen? Als Mahnung und Warnung? Wie werden die Menschen in hundert Jahren über uns urteilen? Wo anfangen, wo aufhören?

Die Trierer streiten seit je leidenschaftlich über Marx. Weg mit der Marx-Statue, dem Marx-Haus, der Marx-Straße? Andere Streich-Kandidaten, nach denen Straßen, Plätze, Brücken in Trier benamst sind: Konstantin – römischer Kaiser, Usurpator, Mörder. Wilhelm – deutscher Kaiser, Imperialist, Kriegstreiber. Hindenburg – verhalf Hitler 1933 zur Macht. Pacelli – schwieg als Papst Pius XII. zu Hitlers Verbrechen (Ironie am Rande: Die Straße, die seit 1957 Pacelli-Ufer heißt, war von 1934 bis 1945 dem Nazi-Schergen Horst Wessel gewidmet). Hanns Martin Schleyer – erst Karriere als SS-Hauptsturmführer, dann Karriere als Wirtschaftsmanager, 1977 von RAF-Terroristen entführt und umgebracht. Mohrenkopfstraße, Café Mohrenkopf, Auf Mohrbüsch …

Verzwickt, vertrackt. Es ist nicht einfach, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Scholz-Man und der Wumms

Tsching! Boing! Uff! Zack! Oops! Peng! Zisch!

Comic-Sprache. Lautmalerei. Jeder weiß sofort, was gemeint ist. Eine Sprechblase genügt.

Jetzt hat die Politik die Wucht der Wumms-Rumms-Bumms-Wörter entdeckt. Allen voran: Olaf Scholz, der sozialdemokratische Vizekanzler und Finanzminister. Vor nicht langer Zeit als „Scholzomat“ belächelt, weil er in gestanzten Politikersätzen roboterhaft die Welt erklärte. Und nun? Der oberste Krisenmanager der Republik. Ein Mann, ein Wumms. Mit der Bazooka ballert er das böse Virus weg.

Wie kommt’s?

Erklärung eins: Wenn du willst, dass auch der Letzte kapiert, um was es geht, sage es deinem Volk kurz, klar, bildhaft. Wir hauen ganz viel Geld raus, um Deutschland in der Corona-Krise zu retten.

Wumms!

Braucht es mehr? All das komplizierte Zeugs, das im „beispiellosen Konjunkturpaket“ verschnürt ist, versteht doch eh keiner: verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten für bewegliche Wirtschaftsgüter, Erweiterung des steuerlichen Verlustrücktrags … stattdessen:

Wumms!

Erklärung zwei: Wir, die Regierung, kümmern uns um die Armen und Schwachen, wir kämpfen für das Gute und Gerechte, wir beschützen alle vor unheimlichen Monstern und fiesen Möpsen und gefährlichen Seuchen – so wie die Helden im Comic. Superman, Spider-Man, Batman und wie sie heißen. Unglaublich stark, unglaublich schlau, unglaublich mutig. Ach, dieser Scholz-Man …

Die Wummserei entstammt ursprünglich dem Vokabular des Kriegs und beschreibt die Wirkung, die fürchterliche Superwaffen wie die Dicke Bertha hinterließen.

Im Sport, speziell im Fußball, war die Blut-Schweiß-und-Tränen-Metaphorik weit verbreitet. Wenn „Bomber“ Müller eine „Granate“ abfeuerte, jubelten die „Schlachtenbummler“. Inzwischen ist die Sprache politisch korrekt(er).

Typen mit Ecken und Kanten wie Strauß oder Wehner, die ausgeteilt und eingesteckt haben, gibt es im deutschen Politikbetrieb kaum noch. Die meisten: glatt, brav, trainiert – wie Manager, die ihre Karriere nach der Mäuse-Strategie planen, der Spaghetti-Methode oder dem Peter-Prinzip.

Von daher bemerkenswert, wie kraftmeierisch sich Scholz-Man in der Krise inszeniert. Mit Wumms! Und einem ironischen Lächeln …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Huck, Benjamin und die Seuche

Lachen macht glücklich. Lachen macht sexy. Lachen ist die beste Medizin. Wirkt immer. Ganz besonders in diesen trüben Zeiten. Probieren Sie es mal aus.

Seltsam, dieser Gedankenblitz, so seltsam, dass ich anfange zu lachen, als ich darüber nachdenke, welches Teufelchen mich angestupst hat. Huch! Lachen über die todbringende Seuche? Ist das erlaubt? Und was, bitte schön, ist an der Pressemitteilung (PM) des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Nr. 164-3/20 über die Änderungsverordnung zur 9. Corona-Bekämpfungsverordnung (ÄVO Bordelle) so lustig? Und wieso fällt mir … Mark Twain ein?

Fragen über Fragen. Nein, der amerikanische Kultautor (1835-1910) hat nichts mit dem Virus zu tun, und die PM Nr. 164-3/20 reicht literarisch nicht an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn heran, bei weitem nicht. Es ist wegen dieser, ähm, Würste – der länglichen Wörter in der PM Nr. 164-3/20. Rein mit den Buchstaben, quetschen, pressen, immer mehr, bis die Pelle platzt.

Ach, diese „schreckliche deutsche Sprache“! Mark Twain hat sich 1880 in einem Essay darüber lustig gemacht, und dieses humoristisch-satirische Ding kam mir in den Sinn, als ich die Änderungsverordnung zur 9. Corona-Bekämpfungsverordnung (ÄVO Bordelle) studierte. „Manche deutschen Wörter sind so lang“, schreibt Twain, „dass man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann.“ Und weiter: „Man betrachte die folgenden Beispiele: Freundschaftsbezeigungen, Dilettantenaufdringlichkeiten, Stadtverordnetenversammlungen. Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets. Und sie kommen nicht etwa selten vor. Wo man auch immer eine deutsche Zeitung aufschlägt, kann man sie majestätisch über die Seite marschieren sehen – und wer die nötige Phantasie besitzt, sieht auch die Fahnen und hört die Musik. Sie geben selbst dem sanftesten Thema etwas schauererregend Martialisches. Ich interessiere mich sehr für diese Kuriositäten. Sooft mir ein gutes Exemplar begegnet, stopfe ich es aus für mein Museum. Auf diese Weise habe ich eine recht wertvolle Sammlung zusammengebracht. Wenn ich auf Duplikate stoße, tausche ich mit anderen Sammlern und erhöhe so die Mannigfaltigkeit meines Bestandes.“

Und so weiter. Ich finde das witzig. Und lache. Ist ja eh die beste Medizin, sagt ein anderer begnadeter Humorist – Benjamin Blümchen, der sprechende Elefant …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Henne oder Ei, Ei oder Henne

Ei, ei, ei … ein bisschen Philosophie. Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? An der Frage haben sich große Denker abgearbeitet – vergeblich. Es gibt keine Antwort.

Das Henne-Ei-Problem ist eine Metapher und begegnet uns ständig im Alltag, immer wenn wir über Kausalzusammenhänge grübeln und nicht sicher sind, was Ursache ist und was Wirkung.

Oft scheint die Sache ja eindeutig zu sein.

Zum Beispiel: Ein gefährliches Virus (Ursache) macht Menschen krank, manche sterben (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Weil das Virus so gefährlich ist und Menschen so krank macht, dass manche sterben (Ursache), interessiert sich die gesamte Menschheit dafür (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Ärzte und Pfleger kümmern sich um die Kranken (Ursache), viele werden wieder gesund (Wirkung). Eindeutig.

Etwas komplizierter: Das Virus macht Menschen krank (Ursache), verängstigt und verunsichert sie (Wirkung eins), die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, schließen die Grenzen, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Wirkung zwei).

Umgekehrt: Die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, machen die Grenzen dicht, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Ursache), es erkranken weniger Menschen am Virus als von den Wissenschaftlern prognostiziert (Wirkung eins, positiv), die rigorosen Einschränkungen verstärken jedoch das Gefühl der Unsicherheit und Angst (Wirkung zwei, negativ).

Besonders kompliziert: die Rolle der Vermittler von Informationen, die Rolle der Medien. Virus, Tod,  Krise, Panik, Warnungen, Mahnungen, Spekulationen … dominieren die Nachrichten, Tag und Nacht, auf allen Kanälen, in den alten und den neuen Medien (Ursache), wer die Zeitung aufschlägt, das Netz durchstöbert oder den Fernseher einschaltet, hat das Gefühl, die Pandemie sei das wichtigste und bedeutendste Thema aller Zeiten (Wirkung).

Ist das so, oder meinen wir das nur, weil uns pausenlos Corona-News umschwirren? Was ist Ursache, was ist Wirkung? Was war zuerst da, im medialen, ähm, Hühnerstall: das Ei oder die gackernde Henne?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ach, diese Hütchenspieler

Mannomann! Es ist nur eine dieser Umfragen, aber es passt in den Trend, und es ist … Mannomann!

Also: Im Auftrag des Centrums für Strategie und Höhere Führung hat das Institut für Demoskopie Allensbach zwischen dem 6. und 14. Mai repräsentativ 1013 Deutsche über 16 Jahren gefragt: „Man hört ja manchmal Meinungen, dass es bei den Maßnahmen gegen die Corona-Krise um etwas ganz anderes geht als das, was Politik und Medien sagen. Ist da Ihrer Meinung nach etwas dran, oder ist das Ihrer Meinung nach ein unbegründeter Verdacht?“

Das Ergebnis: 56 Prozent: unbegründeter Verdacht; 27 Prozent: ist etwas dran; 17 Prozent: unentschieden.

Zusatz-Auswertung: Anteile der  Wähler dieser Parteien, die meinen, dass etwas dran ist: AfD 76 Prozent, Linke 29 Prozent, CDU/CSU 22 Prozent, Grüne 20 Prozent, FDP 20 Prozent, SPD 8 Prozent.

Noch einmal: Ein Viertel der Deutschen ist offenbar anfällig für Verschwörungstheorien, und von den Anhängern der AfD die überwältigende Mehrheit.

Mannomann!

Ursachenforschung. Das Geschäft mit der Angst vor Krankheit, Tod und Ungewissheit ist so alt ist wie die Menschheit. Gerade brummt es mal wieder. Krise! Jeder will wissen, was ist und was wird, keiner weiß es – auch wenn manche so tun, als ob.

Es gab sie zu allen Zeiten, die Führer und Verführer, die Heiler und Hellseher, die Sterndeuter und Spökenkieker, die Scharlatane und Schamanen. Sie bedienen Ur-Instinkte, loten die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche aus.

Immer mittenmang: die Verschwörungsschwurbler. Nie zuvor hatten sie es so leicht, die Leute zu locken – weil nahezu jeder Erdling „empfangsbereit“ ist, über Social Media.

Dunnemals gaukelten sie auf den Marktplätzen, raunten Prophezeiungen, kritzelten Visionen auf Pergament – kaum jemand bekam etwas davon mit.

In der digitalisierten Welt verbreitet sich alles viral und schneller, als ich Blaubeerkuchen sagen kann.

Es braucht bloß irgendeinen Hansel, einen Influencer, der im Netz an die „selbst denkenden“ Menschen appelliert, sie sollten Aluhüte basteln und aufsetzen, damit die Bösen ihnen nicht ins Hirn kriechen … prompt stürmen die Dummerchen los, tun, wie ihnen geheißen und führen ihre Aluhüte stolz bei der nächsten Hygiene-Demo vor.

Mannomann!

Wir sind noch nicht durch mit dem Thema. Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Xavier, Sido, Attila und die anderen

Breaking News +++ gefährliches Virus entdeckt +++ Forscher: Es handelt sich um eine extreme Form von Dummheit +++ sehr ansteckend +++ ausgelöst von Verschwörungsschwurblern +++ Pandemie droht +++ kein Impfstoff +++ Breaking News

Und wenn es doch stimmt … da ist etwas im Gange, ganz sicher … immer mehr Beweise, das Netz ist voll davon … und die Stars, Xavier Naidoo und so, die haben Beziehungen und kriegen ganz andere Informationen …

Seufz! Stöhn! Ächz! War ja klar. Die Verschwörungsschwurbler krabbeln aus ihren Kellern, in Scharen. Sie haben bloß auf die neueste Krise gewartet. Corona! Endlich mal was anderes als die ollen Geschichten über Brunnenvergifter, Hexen, die Mondlandung, JFK, Elvis, die Aliens, Chemtrails, den Großen Austausch, die Abschaffung der Demokratie …

Corona! Was es mit dem Virus wirklich auf sich hat? Frag die Verschwörungsschwurbler, die wissen es. Und infizieren Tausende, Zehntausende, Hunderttausende mit ihren Erzählungen, verbreitet über YouTube und Facebook und Telegram. Erzählungen von der Corona-Diktatur, vom asymmetrischen Krieg der Superreichen (Bill Gates!) gegen die restlichen 99 Prozent der Menschheit, von biologischen Waffen, vom Mobilfunknetz 5G, das Corona überträgt, vom Rothschild-Komplott.

Die Masche ist immer dieselbe: Es gibt die Bösen, sie wollen die Welt zerstören, und es gibt die Guten, sie sehen die Wahrheit und erkennen, wie es wirklich läuft. Neben den üblichen Verdächtigen mischen Promis mit, die zahllose Follower im Netz mit ihren Weisheiten beglücken.

Zum Beispiel Xavier Naidoo, früher Popsänger, jetzt abgedriftet. Bekundet Sympathie für Reichsbürger und Rassisten, leugnet den Klimawandel, glaubt, dass hinter Fridays for Future der Antichrist steckt, ist überzeugt, dass satanistische Sekten Kinder entführen und foltern, um Adrenalin aus ihrem Blut herauszuziehen und zu trinken. Nun also Corona. Keine Pandemie, meint Naidoo. Kein Virus, nirgends. Oh je, dieser Weg wird kein leichter sein.

Oder Sido, der Rapper. Faselt dasselbe Zeug wie Naidoo.

Oder Attila Hildmann, Koch, Autor, Fernsehunterhalter, „peinlichster Berliner“. Fantasiert über Zwangsimpfungen und den Überwachungsstaat.

Solche Leute gab es immer, zu allen Zeiten. In der digitalisierten Welt erreichen sie – wie Virenschleudern – schwuppdiwupp ein Millionen-Publikum. Menschen, die Angst haben, die unzufrieden sind, die Schuldige suchen – und die sich mobilisieren lassen. Sie flitzen zu „Hygiene-Demos“, wo sie Rechts- und Linksradikale treffen, Autonome und Antisemiten, sie reihen sich in die „Querfront“ ein, sie organisieren den „Widerstand 2020“, sie sehnen den Umsturz am „Tag X“ herbei.

Ja, der Trupp der Verirrten, Verpeilten, Verzweifelten ist wieder unterwegs – schlimm genug. Völlig rätselhaft jedoch, warum Menschen aus der Mitte der Gesellschaft auf die Verschwörungsschwurbler und ihre spinnerten Theorien hereinfallen. Und nicht merken, dass politische Wirrköpfe – darunter Neonazis, Judenhasser – sie instrumentalisieren. Unbegreiflich.

Was mir wichtig ist: aufklären, erklären. Immer wieder. Fakten von Fakes unterscheiden und Information von Desinformation. Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Schauen Sie sich die Quellen, aus denen Sie die wahre Wahrheit schöpfen, kritisch an – und gehen Sie den Verschwörungsschwurblern nicht auf den Leim.

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ein Puzzle mit Milliarden Teilen

Die Wahrheit, schreiben Sie bitte die Wahrheit, verlangt eine Leserin. Was steckt wirklich hinter diesem Virus? Sind die Zahlen echt? Was meint das Volk? Mehr Mut zur Wahrheit! Kritische Fragen! Unzensierte Pressefreiheit!

Ich bekomme solche Zuschriften fast jeden Tag. Mal ist von Zensur die Rede, mal von Hofberichterstattung, mal von Lügenpresse.

Die Leserin empfiehlt: Machen Sie sich mal schlau über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihren Hauptsponsor Bill Gates, machen Sie sich mal schlau über Dr. Bodo Schiffmann, machen Sie sich mal schlau über die neue Partei Widerstand 2020 – kein Fake, keine Verschwörungstheorie, steht alles im Internet …

Es ist wie immer in Krisen-Zeiten: Unerhörtes ereignet sich, gefährlich und unheimlich, schwierig zu begreifen, zu erklären, zu deuten. Die Menschen sehnen sich nach (einfachen) Antworten auf (komplizierte) Fragen. Je größer das Rätsel, die Verunsicherung, die Angst, desto stärker die Zweifel an dem, was die „da oben“ mit dem „Volk“ veranstalten – unterstützt von den „gleichgeschalteten Medien“. Gerade geht’s mal wieder exponentiell ab.

Die Wahrheit also. Nichts lieber als das! Wir streben alle danach. Das Problem: Die eine, die absolute Wahrheit gibt es nicht. Jeder Mensch hat einen subjektiven Blick auf die Welt, jeder Mensch hat eine eigene Prägung, jeder Mensch verarbeitet Informationen individuell.

Die Forscher und Mediziner tragen unfassbar viele Erkenntnisse über das Coronavirus zusammen. Milliarden Puzzle-Teile, ein Berg, gewaltig, unübersichtlich, er wächst und wächst, das Bild ist längst nicht fertig. Wann denn endlich, quengelt so ziemlich jeder Erdling. Wie ist der Stand der Dinge? Passt dieses Teil zu jenem, gehört es ganz woanders hin, brauchen wir es überhaupt?

Versuch und Irrtum. Interpretation. Meinung. Diskussion. Bewertung. Widerspruch. Analyse. Streit.

Was wir, die Beobachter, die Journalisten, die Faktenchecker daraus destillieren – ist eine Annäherung an das aktuell vorhandene Wissen. Bestmöglich recherchiert. Sicher nie perfekt, weil … die eine, die absolute Wahrheit existiert ja nicht.

Und was ist mit der „alternativen Wahrheit“, an die „anders denkende“ Menschen glauben? Die sie mit Inbrunst im Netz aufspüren? Jede Krise bringt eigene Super-Spezial-Theorien hervor. Diesmal im Angebot:

… die Gates-Verschwörung (Multimilliardär „kauft“ die WHO, setzt Coronavirus frei, vermarktet sein Patent auf Impfstoff);

… Dr. Bodo Schiffmann (HNO-Arzt, Schwindel-Experte, denkt gern quer, bisweilen verquer);

… die angebliche Mitmachpartei Widerstand 2020 (vorneweg wieder Schiffmann, dazu ein Anwalt und die ehemalige Betreiberin einer Website für Beratung bei Liebeskummer; die Corona-Rebellen sorgen sich um die Grundrechte und die Freiheit, nach ihren Angaben haben sich in zwei Wochen mehr als hunderttausend Mitglieder um sie geschart – was Wunder, gezählt wird offenbar jeder, der die Homepage besucht).

Ja, ja, auch das sind Puzzle-Teile der Wirklichkeit, die wir beobachten, die wir hinterfragen. Unterhaltsam, schräg, abgedreht – vielleicht einen Tick zu alternativ, um wahr zu sein.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Möglichkeit einer Nachricht

Na, haben Sie schon einen Virus-Test gemacht? Ich ja. Im Internet. Bei Google. Suchbegriff Corona eingeben, Ergebnis ablesen, bingo: mehr als eine Milliarde Treffer!

Was die Leute so umtreibt: Symptome, Masken, Desinfektionsmittel, Hände waschen, Kurzarbeitergeld … Donald Trump, Bill Gates, Kim Kardashian. Mal informativ, mal idiotisch.

Den klügsten Kommentar zur Lage habe ich vom Philosophen Jürgen Habermas gehört: „So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie.“ Yep! Ein Gutteil der Nachrichten, die uns umschwirren, sind gar keine. Jedenfalls keine, die von harten Fakten künden. Weil das, was berichtet wird, im Konjunktiv steht. Könnte, hätte, würde. Vielleicht. Eventuell. Es handelt sich oft um: die Möglichkeit einer Nachricht.

Das ist an sich nichts Neues. Wir wissen, dass wir nichts wissen, und das wissen wir seit der Antike, seit Sokrates und Platon. Nichts ist sicher, hinterfragt, was ihr wisst, und hinterfragt, was ihr nicht wisst!

Womit wir in der Gegenwart wären, in der Digitalgesellschaft, in der sich alle mit allen vernetzen und Wissen und Erkenntnis austauschen – oder das, was sie dafür halten.

Was für ein Gesumse und Gebrumme und Geschnatter! Corona? Schlimm, schlimm, schlimm. Jemand vermutet, warnt, fordert, spekuliert, behauptet, prophezeit, dass demnächst dieses oder jenes geschieht. Der Beweis: Zahlenmysterien, Kurven, Statistiken. Die einen vergleichen Äpfel und Birnen, die anderen Kirschen und Pflaumen. Und orakeln daraus die Zukunft. Es sind ja nicht nur die, die sich auskennen (zum Beispiel Virologen), oder die, die bestimmen (zum Beispiel Politiker), oder die, die sowieso immer alles besser wissen (zum Beispiel Journalisten). Nein, Millionen und Abermillionen Menschen wieseln umher, produzieren Vermutungen, Warnungen, Forderungen, Spekulationen, Behauptungen, Prophezeiungen, die sie in die Welt hinausposaunen.

Und, dient all das nun der Wahrheitsfindung? Mal einen anderen Philosophen befragen, Friedrich Nietzsche. Der sagte: „Niemand weiß, welche Nachricht von Bedeutung ist, bevor hundert Jahre vergangen sind.“

Okay, warten wir es ab – und blicken im Jahr 2120 zurück. Was von dem Gesumse und Gebrumme und Geschnatter in den Chroniken der Menschheit wohl überdauern wird? Corona? War da mal was?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Alle wichtig, alle unverzichtbar: die Systemrelevanten, die Menschen, ohne die das Gemeinwesen, der Staat zusammenkrachen würde.

Die Politiker und die Verwalter (regieren, tüfteln Gesetze aus, sorgen dafür, dass sie eingehalten werden). Die Beschützer (Polizei, Feuerwehr, Militär). Die Ernährer und Grundversorger (Landwirte, Erntehelfer, Produzenten von Speis und Trank und Klopapier, Lebensmittelhändler, Verkäufer, Kassierer, Reinigungskräfte, Fahrer von Lastwagen, Bussen, Bahnen). Die Energieversorger (Wasser, Strom, Öl, Gas, Treibstoff). Die Gesundmacher (Ärzte, Pflegekräfte, Retter, Apotheker, Arzneihersteller). Die Betreuer, die Lehrer, die Forscher (Kitas, Heime, Schulen, Universitäten). Die Geldleute (Banken, Versicherer). Die Kümmerer (Arbeitsagentur, Jobcenter). Die Informierer, Kommunikatoren, Unterhalter (Massenmedien).

Viele andere mehr. Ganz unten auf der Liste und für die, die definieren, wer systemrelevant ist und wer nicht, anscheinend ohne Bedeutung: die Künstler.

Stimmt. Ein Gemälde kann man nicht essen. Einen Film kann man nicht trinken. Mit einem Roman kann man sich nicht den Hintern abwischen (na gut, theoretisch schon). Das System würde nicht von einem auf den anderen Tag zusammenkrachen, wenn es keine Maler, Schauspieler, Schriftsteller, keine Musiker, Tänzer, Kabarettisten mehr gäbe.

Aber nicht wichtig, nicht unverzichtbar? Was für eine krasse Fehleinschätzung!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Künstler schaffen nie Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, sie schenken uns Ideen und Inspiration, Erkenntnis und Erleuchtung, Sinn und Sinnlichkeit, sie sagen uns, woher wir kommen, was wir sind, wohin wir gehen, sie verzaubern, sie berühren, sie befreien …

Wir erleben gerade, wie das Netz der totalen digitalen Überwachung sich über die Menschheit legt. Gesichtserkennung. Spracherkennung. Wer, was, wo, mit wem. Bewegungsprotokolle. Künstliche Intelligenz, die Gefühle analysiert und Gedanken liest.

All das haben geniale Künstler geahnt. Orwell: 1984. Huxley: Schöne neue Welt. Asimov: Robot Visions. Lem: Solaris. Oder die Wachowskis mit ihren Matrix-Filmen. „Milliarden Menschen leben einfach vor sich hin und haben keine Ahnung“, sagt  Agent Smith. „Die Zukunft gehört den Maschinen.“

Schau’n mer mal.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur