Wir sind Trier – das macht Mut!

Es ist die eine Frage: Warum? Die Amokfahrt in Trier. Warum, frage ich mich, warum, fragen Sie sich, die Leserinnen und Leser des Volksfreunds. Es gibt keine Antwort auf diese Frage, nicht jetzt, vielleicht nie.

Als Journalist bin ich Tag für Tag mit Nachrichten (auch) über schreckliche Ereignisse konfrontiert, manchmal mit brutalen Informationen, mit entsetzlichen Bildern.

Weil es Tag für Tag passiert, weiß ich um den Irrsinn auf der Welt. Weil ich Tag für Tag davon erfahre, was Menschen Menschen antun.

Es gehört zum Job, (auch) mit schlimmen und schlimmsten Nachrichten professionell umzugehen, sie zu bewerten, sie einzuordnen, sie aufzubereiten.

Ich habe das viele Male erlebt. Wenn die ersten Informationen in der Redaktion eintreffen, wenn sie konkreter werden …

Diesmal ist es anders. Wieder eine Wahnsinnstat. Wieder ein offensichtlich Gestörter. Wieder unfassbares Grauen. Aber nicht weit weg, sondern mitten unter uns.

Nicht spekulieren. Berichten, was ist, nicht was sein könnte. Das nervöse Gezappel aus dem Netz nicht ungeprüft zur Nachricht aufblasen. Zum Beispiel, was die Verschwörungsschwurbler munkeln, die behaupten, sie wüssten, was den Amokfahrer durchdrehen ließ. Oder die Hetzer mit ihren widerlichen Parolen. Keine Details, nicht hier. Ich biete den Spinnern, Besessenen, Verblendeten, Wirrköpfen kein Forum.

Wir zucken bei jedem neuen Anschlag, wir halten inne, wir fragen uns, was zu tun ist und ob das denn nie ein Ende nimmt. Nein, nimmt es wohl nicht.

„Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“ (Friedrich Schiller)

Das Böse jagt uns Angst ein, wir wollen so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen (um uns selbst schützen zu können); je mehr wir wissen, desto mehr gruseln wir uns: Kann es mich treffen? Die Antwort: Ja. Jederzeit. Überall. Es geschieht, wieder und wieder.

Das Tröstliche: Die Trierer stehen zusammen. Still. Empathisch. Sie verarbeiten den Schock gemeinsam. Diese Solidarität macht Mut.

Wir trauern um die Toten. Wir hoffen, dass die Verletzten gesund werden. Wir leiden mit den Familien der Opfer. Wir sind Trier.

Nachdenkliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Unmöglich vorherzusagen

Es ist vorbei. Aus. Schluss. Feierabend. Er hat verloren. Er sieht es, nach einigem Hin und Her, anscheinend ein. Er kapituliert. Uff! Donald Trump schleicht sich. Still und leise, für seine Verhältnisse.

Und das Getöse, die Aufgeregtheit, der Alarmismus in den Medien? Wie weggeblasen.

Was ist in den vier Jahren des Trumpismus nicht alles orakelt worden. Vom Ende der Welt war die Rede, von Chaos, Krieg, Untergang. Zuletzt: Was, wenn der Polit-Clown  nicht weichen will? Wenn er seine Anhänger aufhetzt? Wenn er einen Bürgerkrieg anzettelt?

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel titelte neulich mit einer Illustration, die Trump als Warlord zeigt, als Krieger, der seine Flinte nachlädt, verbarrikadiert hinter Sandsäcken …

Und nun: Die Welt dreht sich weiter, noch immer.

Wäre. Hätte. Könnte. Würde. Vielleicht. Eventuell. Ach, dieses pausenlose Es-ist-so-schrecklich-und-wird-noch-schrecklicher-Geschluchze auf den medialen und politischen Marktplätzen. Mutmaßungen, Spekulationen, Prognosen. Es kommt ja doch anders.

Ein klitzekleines Beispiel: Zufällig fiel mir dieser Tage die Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 14./15. Januar 2017 in die Hände. Darin eine Betrachtung über Trump, den damals frisch gewählten 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten, kurz vor seinem Einzug ins Weiße Haus. Zitat: „Das Amt wird ihn zwingen, seine Rhetorik zu mäßigen. Die Einbettung in das Geflecht der Administration wird seiner Impulsivität Zügel anlegen, die Professionalität gerade der republikanischen Abgeordneten und Senatoren in beiden Kammern des Kongresses wird seinem Dilettantismus entgegenarbeiten. Zugleich wird die mächtigste Zähmungsinstanz, die weltpolitische und inneramerikanische Realität, an die Arbeit gehen und die unausgegorenen Ankündigungen und Versprechen des Kandidaten so lange kräftig zurechtstutzen, bis von ihnen nur noch wenig übrig ist. So ging es noch jedem Heißsporn und Neuling in der Politik. So wird es auch diesem gehen.“

Irrtum. Wieder so ein Orakel, das danebenlag. Von wegen: der gezähmte Widerspenstige …

Merke: „Unmöglich vorherzusagen die Zukunft ist.“ (Yoda, der weise Gnom mit der ulkigen Satzbau-Technik in der Saga „Star Wars“)

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

So wichtig wie Luft zum Atmen

Tja. Manche meinen, sie müssten anderen vorschreiben, was sie zu denken, zu tun, zu meinen haben und was nicht. Und was Zeitungen zu veröffentlichen haben und was nicht. Solche Meinungsdiktatur ist Gift für die Gesellschaft, Gift für die Demokratie. Weil die Freiheit der (ver-)öffentlich(t)en Meinung so wichtig ist wie die Luft, die wir atmen. – Drei aktuelle Beispiele aus meiner Post:

Zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie schreibt Herr S.: „Ihr werdet alle gerichtet und müsst euch für eure Taten verantworten, spätestens vor Gott. Wer solche Lügenmärchen verbreitet, den werde ich anprangern. Das wird Konsequenzen haben!“

Zur Berichterstattung über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche schreibt Herr H.: „Schluss mit Ihrem Schmier-, Hetz- und Käseblatt! Sehr zum Leidwesen unseres Bischofs werden jetzt schon wieder die wenigen vorhandenen Priester attackiert. Schämen Sie sich nicht, auf Jahrzehnte und sogar auf Bischof Stein zurückzugreifen? […] Die Zeit ist mir zu kostbar, mich mit Ihrem Drecksblatt zu beschäftigen. […] Nur weiter so, bis euch die Mariensäule in Trier eines Tages auf den Kopf heruntergefallen kommt!“

Zur Berichterstattung über die Rückkehr des Wolfs in die Region eine anonyme Morddrohung, die Leser ABC erhalten hat: „Noch einmal ein Leserbrief von dir im Volksfreund und es knallt. Bin passionierter Jäger oberhalb der Mosel. Der erste Wolf, der mir vor die Flinte läuft, wird abgeschossen. Eine Kugel aus einem russischen Scharfschützengewehr, das ich nach der Wende aus DDR-Beständen gekauft habe […], ist für dich reserviert.“ Beigefügt: die Abbildung eines Gewehrs und einer Patrone („Diese Kugel Kaliber 8×53 mm ist für dich reserviert“). Die Polizei ermittelt.

Drei Einschüchterungsversuche, einer fieser als der andere – gegen Journalisten, die ihren Job machen, die recherchieren und berichten, und gegen Bürger, die ihre Meinung sagen.

Noch Fragen? Beantworte ich nach meinem Urlaub in vier Wochen plus x. Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit, bleiben Sie munter!

Mit nachdenklichen Grüßen

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Vorwiegend heiter

Alles dabei, mal anmutig, mal albern, mal intellektuell, mal ironisch, mal frech, mal forsch – die Lieblingswörter von Leserinnen und Lesern (in Auswahl):

Helmut Trapp, Gillenfeld: Frohsinn. Ich liebe dieses Wort, weil es wohlklingt und mir großen Spielraum für Interpretationen bietet. Froh bedeutet für mich Freude und Begeisterung. Mit Sinn verbinde ich Genuss, Freude und Begeisterung mit allen Sinnen wahrnehmen.

Bruno Meyer, Langsur: Ein guter Freund (Eric Baader, 1944-2000) meinte mal, dass Donaudampfschifffahrtskapitänsanwärterband ganz nett sei. Rock on!

Hans Weber, Bitburg: Steckenpferd, heute ersetzt durch das Wort „Hobby“. Es gab früher eine Sendung im Fernsehen mit Peter Frankenfeld, die den schönen Titel „Und Ihr Steckenpferd?“ trug. Mit „Hobby“ wusste der Durchschnittsdeutsche damals noch nichts anzufangen. Man frug: „Und welches Steckenpferd reiten Sie?“ Diese Frage beinhaltete für mich immer ein klein wenig Poesie.

Franziska Schmitz, Kordel: Ja, munter will ich bleiben, und ich schenke Ihnen mein Lieblingswort: ebeilnetshcän. Immer schon habe ich die Menschen geliebt und manche ganz besonders. Machen Sie weiter! Es macht Spaß!

Martin Dücker, Hinzenburg: Ich habe zwei Lieblingswörter. 1. Schließmuskelzerrung. Okay, Sigmund Freud hätte seine Freude mit mir auf der Couch. Ich benutze dieses Synonym als zweite Identität in Internet-Foren. 2. Für die Trierer unter uns: Käfftebuijer. Eine wie ich finde nicht verurteilende Bezeichnung für Homosexuelle. Wenn Sie sich trauen … Mit lustigen Grüßen!

Joachim Schröder, Pronsfeld: Heimelig. Das klingt verdammt positiv, schmeckt nach Heimat, riecht nach Kaminfeuer, sieht aus wie eine Duftkerze und verschafft einfach Wohlbefinden und Behaglichkeit. Leider wird es nur noch selten gebraucht. Unsere Welt ist eigentlich zu rau geworden für dieses liebliche Adjektiv. Übrigens gibt es in unserer Mundart das Wort Jehechnis. Das bedeutet nichts anderes als Heimeligkeit. In der Mundart wirkt es noch intensiver. Ein knisterndes, wärmendes Ofenfeuer ist ein Jehechnis.

Siegfried Skilwies, Pluwig: Sauwer. Es verbindet mit unserer Heimat, hat extrem lobenden Charakter für den Gesprächspartner, ist kurz und knackig, lässt sich leicht merken. Und es kann super für die Eigenmotivation verwendet werden.

Irma Zimmer, Serrig: Gehegnis (Geheechnis im Dialekt). Das alte Wort steht für Wohlgefühl, Geborgenheit, Wärme, Vertrauen. Es wäre schade, würde auch dieses aus unserem Wortschatz verschwinden. Bleiben Sie mutig und direkt!

Daniel Weinand, Hermeskeil: Lichter. Weil es das erste Wort war, das unser Sohn Noah als kleines Kind ausgesprochen hat (original sagte er „Ichter“).

Jürgen Zedler, Neuerburg: Bionade-Pharisäer. Es stammt aus einer Debatte im Landtag, ein AfD-Abgeordneter hat es im Zusammenhang mit der Beförderungspraxis im Umweltministerium von Ulrike Höfken verwendet. Ich finde, das Wort beschreibt sehr treffend die Realitätsferne vieler grüner Politiker.

Danke fürs Mitmachen, bleiben Sie gesund und munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schenken Sie mir Ihr Lieblingswort!

Ach, ist das herrlich: ein Bad im Wörter-See, erquickend und labend. Lust auf einen Tauchgang? Ich nehme Sie mit …

Trhekegmu, riw nehcam se lamseid sredna, tztej dnis eiS nard, neknehcs eiS rim nie troW – rhI trowsgnilbeiL!

Oh verflixt, falsch herum, Tschuldigung, so ist es richtig:

Umgekehrt, wir machen es diesmal anders, jetzt sind Sie dran, schenken Sie mir ein Wort – Ihr Lieblingswort!

Was ist zu tun? Die Auflösung folgt am Ende der Kolumne.

Zuletzt habe ich ein bisschen davon erzählt, was mir beim Blättern im neuen Duden aufgefallen ist. Geschichten über verlorene Wörter wie Jägersmann, Bäckerjunge, Kammerjungfer, Lehrmädchen, Pfarrherr, Vorführdame. Geschichten über gewonnene Wörter wie hypen, ixen, batteln, doodeln, leaken, spoilern.

Dazu wäre allerhand mehr zu sagen, ich schätze, fünf Millionen mal mehr – so viele Wörter gibt es im Deutschen (von den fünfeinhalb Milliarden Wortformen in der digitalen Duden-Datenbank zu schweigen). Ich hätte Spaß daran. Zum Beispiel die Frage zu klären, warum der Jägersmann nach Meinung der Sprach-Gurus vom Duden das Zeitliche gesegnet hat (siehe Forum vom 26./27. September), der Jägermeister dagegen quicklebendig auf die Pirsch geht, obwohl genauso veraltet wie der Jägersmann. Und was ist mit der Jägersfrau? Eine Frau, die jagt? Die Frau eines Jägers? Nein, kommt nicht vor. Dafür die Jägermeisterin, erst seit vier Auflagen gendergerecht dabei, doch genauso betagt wie der Jägermeister – beides alkoholische Getränke, sonst nichts. Was zu der nächsten Frage führt: Sitzt in der Duden-Redaktion womöglich ein Verehrer des Kräuterlikörs? Oder der Kräuterlikörin?

Halt! Stopp! Genug!

Moment, dies noch: Im Frühneuhochdeutschen, vor fünfhundert Jahren, war die jegermaisterinn offenbar ein Scherzwort – für eine Frau, die klug und listig ihr Netz auf einen Mann geworfen hat.

So. Jetzt ist’s aber wirklich genug.

Sie sind dran, liebe Leserin, lieber Leser: Schenken Sie mir Ihr Lieblingswort! Bitte, bitte! Das schönste, das wohlklingendste, das fantastischste Wort unter den fünf Millionen deutschen Wörtern, das Sie kennen. Mit ganz kurzer Begründung, warum Sie das Wort schätzen, mögen, lieben. Schicken Sie es per Mail an die unten stehende Adresse. Besten Dank im Voraus.

Ich bin gespannt, gespannt wie ein negobeztilF …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim

Ist das ein Wort, das noch gebraucht wird – oder kann das weg? Die Sprach-Gurus des Duden-Verlags grübeln. Hmm.

Jägersmann zum Beispiel: kann weg, ist veraltet, wird nicht mehr gebraucht. So wie Bäckerjunge, Kammerjungfer, Lehrmädchen, Pfarrherr, Vorführdame. Weg, weg, weg, weg, weg.

In der neuen Ausgabe des Dudens stehen 148 000 Wörter, darunter dreitausend, die es zuvor nicht gab. Ein paar Hundert sind ausgemustert worden. Was bleibt, was verschwindet?

 „Wir analysieren den Sprachgebrauch der letzten Jahre mithilfe unseres Dudenkorpus. Das ist eine riesige elektronische Textsammlung, die derzeit rund 5,6 Milliarden Wortformen umfasst“, sagt Dr. Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der Duden-Redaktion. „Diese Sammlung können wir nach verschiedenen Kriterien auswerten, unter anderem danach, wann welche Wörter neu in das Korpus gekommen sind. Wenn man dann noch die Faktoren Häufigkeit, Breite und Dauer des Auftretens eines Wortes mit einbezieht, hat man schon eine sehr gute Grundlage für die Auswahl der Kandidaten.“

Ein Computer-Programm, künstliche Intelligenz, trifft also die Vorauswahl. Der Jägersmann? Besungen vom Romantiker Joseph von Eichendorff und vom Humoristen Wilhelm Busch, vom Struwwelpeter-Erfinder Heinrich Hoffmann („Es zog der wilde Jägersmann / sein grasgrün neues Röcklein an; / nahm Ranzen, Pulverhorn und Flint / und lief hinaus ins Feld geschwind“) und  vom Heide-Dichter Hermann Löns („Jedoch die jungen Mägdelein, / Die liebt der Jägersmann“), verewigt in einem Kinderlied: „Auf einem Baum ein Kuckuck, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Auf einem Baum ein Kuckuck saß. / Da kam ein junger Jäger, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Da kam ein junger Jägersmann / Der schoss den armen Kuckuck, – / Sim sa la bim, bam ba, sa la du, sa la dim / Der schoss den armen Kuckuck tot.“

Jetzt ist’s vorbei mit Sim sa la bim, der Jägersmann kommt im Alltagssprech kaum noch vor, er hat sein Pulver verschossen. Und tschüss!

Es sei, sagt die Duden-Frau Kunkel-Razum, „wie mit alten Freundschaften: Nicht alle halten, nicht alle Wörter werden noch benutzt, Zeit, sich von ihnen zu verabschieden. Was ja nicht heißt, dass man nicht noch oft und gern an sie denkt, schließlich haben sie einen lange begleitet.“

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ach, du lieber Zeitgeist …

Neulich habe ich ein Wort gesucht. Nicht, dass ich es vermisst oder dringend gebraucht hätte. Nein, ich habe in der Zeitung gelesen, dass dieses Wort (wieder) im Duden vorkommt, und das hat mich neugierig gemacht.

Es ist ein böses Wort, ideologisch vergiftet, von Linken und von Rechten als politischer Kampfbegriff verwendet, besonders von Hitlers Propaganda. Während der Nazi-Diktatur stand es im Duden, danach verschwand es, flugs im Osten, mit Verzögerung im Westen. Jetzt also habe ich gelesen, dass es wieder drin sei – in der 28. Auflage des Lieblingswörterbuchs der Deutschen, die seit gut vier Wochen auf dem Markt ist.

Nur: Ich finde es nicht, das böse Wort: Volksverräter (abwertend für: jemand, der das eigene Volk hintergeht, betrügt). Es müsste zwischen Volksvermögen und Volksvertreter auf Seite 1219 gelistet sein. Ist es aber nicht. Erst ganz hinten, auf der Innenseite des Buchdeckels, ploppt es auf, als „Unwort des Jahres 2016“: Volksverräter. In der Flüchtlings-Debatte, nach Merkels „Wir schaffen das!“, hatten rechte Krakeeler das böse Wort ausgebuddelt – auf der Müllhalde des Nazi-Sprechs. 

Merkwürdig: Schon vor drei Jahren, als die 27. Duden-Auflage herauskam, war der Volksverräter vom Verlag als Rückkehrer angekündigt worden, fehlte jedoch, warum auch immer. Dagegen ist ein anderer Wiedergänger seitdem dabei: Lügenpresse, das „Unwort des Jahres 2014“. Hmm.

Die Sprache verrät viel über den Zustand der Gesellschaft, der Kultur, der Politik. Der Wortschatz verändert sich, weil die Welt sich verändert, weil wir nicht genug Vokabeln haben, um all das auszudrücken, was wir denken-sehen-hören-fühlen-schmecken-riechen-träumen, weil wir ständig frische Wörter benötigen, um Dinge zu benennen, die es bislang nicht gab. Alles fließt. Die Frage: wohin?

Der aktuelle Duden ist „3000 Wörter stärker“ als zuvor (Werbespruch des Verlags), liegt bei 148 000 Einträgen. Wäre der Zeitgeist ein Mensch, zusammengesetzt aus hippen Neologismen, sähe er vielleicht so aus: Wildpinkler mit Männerdutt im Wohlfühlmodus, bienenfreundlich und pansexuell, stärkt sich mit Craftbeer, Matchatee und Bartöl für Achtsamkeitsübungen und Gänsehautmomente, hängt in der Shishabar ab, grübelt über Klimanotstand und Insektensterben, kauft im Unverpacktladen ein, ist Influencer und verbringt seine Tage mit hypen, ixen, batteln, doodeln, leaken, spoilern

Was für ein Typ! Zwinkersmiley.

P.S.: In der Online-Version des Dudens habe ich den Volksverräter entdeckt und die Volksverräterin gleich mit – gendergerecht, versteht sich.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Nur mit Kompass in den Dschungel

Ganz schön mutig: einfach aufzubrechen ins Unbekannte, in einen Dschungel voll Gefahr – ohne zu wissen, was einen erwartet, unbekümmert, ahnungslos. So ist der Mensch. Latscht los und wundert sich hinterher …

Der Dschungel des 21. Jahrhunderts ist das Internet, spannend, genial, spektakulär, geheimnisvoll. Und: gespickt mit Fallen. Fake-News, Hetzkampagnen, Verschwörungsgeschwurbel und dergleichen. Der Mensch stolpert hinein, ohne Kompass, und verliert die Peilung. Weil es an der Grundausrüstung fehlt: Medienkompetenz. Ein sperriger Begriff aus der Kommunikationswissenschaft. Gemeint ist die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, kritisch zu beurteilen, effektiv zu nutzen. Sollte jeder draufhaben, der im Netz unterwegs ist.

Medienkompetenz ist so wichtig wie Mathe und Sprachen und gehört auf den Stundenplan der Schulen. Studie um Studie (zuletzt Allensbach) legt den Verdacht nahe: Kinder und Jugendliche werden offenbar nicht umfassend auf die Herausforderungen des Informationszeitalters vorbereitet. Medienkompetenz: mangelhaft.

Es bleibt viel zu tun. – Hier wieder einige Tipps für Faktenfinder, zusammengestellt vom Verein „Deutschland sicher im Netz e.V.“. Wenn Sie glauben, eine Falschmeldung gefunden zu haben, gehen Sie folgendermaßen vor:

Bekannte, vertrauenswürdige Quellen checken: Konzentrieren Sie sich auf die Kanäle und Seiten, die allgemein als vertrauenswürdig bekannt sind.

Logisch denken: Überprüfen Sie sich selbst: Wie emotional reagieren Sie auf das Thema und warum? Inwieweit deckt sich die Nachricht mit Ihrem bisherigen Kenntnisstand?

Nicht weiterleiten: Leiten Sie Meldungen von unklarem Wahrheitsgehalt nicht an Freunde und Bekannte weiter.

Leitmedien einschalten: Teilen Sie Ihre Bedenken lieber mit den Redaktionen etablierter Medien, die die Echtheit überprüfen können.

Inhalte bei Plattformen melden: Auch Facebook, Google und andere Dienste bieten die Möglichkeit, Inhalte zu melden. Machen Sie davon Gebrauch.

Betroffenen von Falschmeldungen helfen: Machen Sie Personen und/oder Institutionen darauf aufmerksam, wenn sie Teil einer Falschmeldung sind. Die Universität Wien distanziert sich beispielsweise vom Mythos, ihre Mediziner hätten herausgefunden, dass Ibuprofen eine Corona-Lungenerkrankung verschlimmert.

(Quelle: sicher-im-netz.de)

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Richtig? Falsch? Bitte prüfen!

Ich weiß, das Thema nervt. Fake-News. Immer wieder Fake-News. Ausblenden? Ignorieren? Ja, denkbar. Besser noch, behaupte ich: aufklären, erklären.

Kein Tag, an dem sich nicht Leser melden, die meinen, sie hätten im Internet hochexplosive Informationen aufgetan, die von den Mainstream-Medien totgeschwiegen oder zensiert werden.

Typische Frage: Warum berichtet der Volksfreund nicht darüber? Antwort: Weil die Informationen nicht stimmen. Nächste Frage: Woher weiß die Redaktion, dass es sich angeblich bloß um Gerüchte, Halbwahrheiten, Mythen, Verschwörungstheorien, Spekulationen, Fälschungen, Lügen handelt? Antwort: Recherche! Frage: Und wie geht das? Antwort: erstens Menschenverstand einschalten, zweitens grundlegende Punkte klären. Probieren Sie es mal. Zum Beispiel mit Hilfe einer Checkliste wie dieser hier, zusammengestellt von dem gemeinnützigen Verein „Deutschland sicher im Netz e.V.“ mit Sitz in Berlin unter der Schirmherrschaft des Bundesinnenministeriums:

Informationen sind vage und unvollständig: Oft fehlen bei Falschmeldungen wichtige Details wie Namen und Orte und es wird auf Formulierungen wie „ein Arzt“, „ein Onkel aus China“ oder „In einem Dorf in Italien“ ausgewichen.

Unklare Autorenschaft: Ist die Neuigkeiten verbreitende Person bekannt oder tatsächlich als Experte zu einem Thema anzusehen? Wenn nicht, könnte es sich um eine absichtliche Falschmeldung handeln.

Unbekannte Quellen: Welche Quellen werden angeführt? Überprüfen Sie, welche Meldungen von dort sonst noch verbreitet werden.

Exklusive Quellen: Wenn Behörden, Ministerien, Institute oder Leitmedien eine sehr brisante Meldung noch nicht aufgegriffen haben, dann könnte es daran liegen, dass sie schlichtweg falsch ist.

Zweifelhafte Echtheit von Zitaten: Würde die zitierte Person solche Sachen wirklich in der Öffentlichkeit sagen? Würde sie es tatsächlich so formulieren? Wenn Ihnen eine Aussage äußerst seltsam vorkommt, dann ist sie womöglich aus dem Zusammenhang gerissen.

Veraltete Meldung: Wenn eine Meldung über kein Datum verfügt oder sogar ein älteres Datum enthält, ist Vorsicht geboten.

Die Meldung ist einfach zu lustig: Wer beim Lesen laut lachen muss, hat es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einem satirischen Beitrag zu tun.

Unausgewogene, nicht objektive Meldungen: Wenn ein Beitrag sehr einseitig wirkt und nicht alle Aspekte einer Geschichte beleuchtet, könnte es sich um die tendenziöse Arbeit von Lobbyisten handeln. Fragen Sie sich: Wer könnte von dieser Meldung profitieren?

Reißerische Schlagzeile: Anhand einer Schlagzeile korrekt über eine komplexe Situation zu urteilen, ist bisher noch niemandem gelungen. Oft handelt es sich bei emotionalen und provokanten Überschriften um das sogenannte „Clickbaiting“, bei dem Leser zum Klicken auf einen Link gebracht werden sollen, der dann aber die erwarteten Informationen gar nicht enthält.

(Quelle: sicher-im-netz.de)

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Danke, Facebook! Danke, Twitter!

Die „ganze Wahrheit“ über das Coronavirus findet sich im Internet. All das, was Journalisten verschweigen, vertuschen, verheimlichen. All das, was die „Mainstream-Medien“ zurückhalten, auf Anweisung von denen „da oben“, für einen Judaslohn. All das, was wirklich hilft, die Seuche zu besiegen, zum Beispiel Salz, Sesamöl und Knoblauch …

Halt! Stopp! Fake-News! Das Netz ist voll davon. Gerüchte, Halbwahrheiten, Mythen, Verschwörungstheorien, Spekulationen, Täuschungen, angebliches Insider-Wissen. Mal als Satire inszeniert, mal in der Absicht, Stimmung zu machen, Hass zu säen, die öffentliche Meinung zu manipulieren, mal einfach nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Millionen und Abermillionen Menschen, ohnehin verunsichert, weil die Pandemie so viele Fragen aufwirft, auf die es (noch) keine Antworten gibt, fallen darauf herein, sie werden ängstlich, hysterisch, wütend.

Gegen die Corona-„Infodemie“ – so nennt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Flut an Fehlinformationen und Falschmeldungen auf Social Media, Webseiten und in Messengerdiensten – hilft kein Impfstoff. Sondern Vernunft. Und Verstand. Und Aufklärung.

Ein Beispiel: Anfang Mai appellierten internationale Mediziner in einem offenen Brief an Tech-Konzerne wie Facebook oder Twitter, konsequent gegen Desinformation vorzugehen. Und siehe da: Es tut sich etwas. Facebook hat nach eigenen Angaben inzwischen hundert Millionen zweifelhafte Inhalte zum Coronavirus mit Warnhinweisen gekennzeichnet und mehr als sieben Millionen Beiträge vollständig gelöscht, die nach Einschätzung der Faktenchecker die Gesundheit von Menschen gefährden könnten. Die Botschaft: Nein, liebe Leute, Salz, Sesamöl und Knoblauch taugen nicht, um das Virus zu bekämpfen, und Facebook distanziert sich von solchem Unfug.

Ganz ähnlich Twitter. Der vom US-Präsidenten bevorzugte Kommunikationskanal hat neulich Tweets gesperrt, in denen das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als wirksames Mittel zur Heilung von Covid-19 angepriesen worden war – eine falsche Behauptung, lanciert unter anderem von Donald Trump.

Danke, Facebook! Danke, Twitter! Fake-News und Viren lassen sich nur stoppen, wenn man sie nicht weiterverbreitet.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur