Von Tintenstrolchen und Presskötern

„Darf eine Zeitung beschimpft werden? Darf der einfache Mann aus dem Volke, dem jene Erkenntnis über das Zeitungswesen mangelt […], darf einer, der ihr Wirken nicht durchschaut, dem aber endlich ein Ahnen die Augen geöffnet, dem dumpfen Gefühl von Abscheu und Ekel in einem Schimpfwort den erlösenden Ausdruck geben?“ Das fragte sich Karl Kraus (1874-1936), Polemiker, Dichter, Sprach- und Kulturwächter, und lieferte die Antwort in einem Aufsatz, 1902 publiziert, gleich mit: ja, jeder darf.

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Kopfgeburten

Frau W. schreibt: Ihre Lügen und Falschinformationen haben wir bis oben hin satt! Artikel 23 Grundgesetz aufgehoben. BRD de jure erloschen. Firma BRD ist zwangsvollstreckt. Die Militärregierung der Alliierten hat das Sagen, was in diesem Land abgeht.

 Wir fragen uns seit 1996, wie lange Sie als Propaganda-Medium die Menschen (Strohfrau, Strohmann, Personalausweisträger, Staatenlose) noch belügen, kurzum: verarschen, mit Mumpitz ablenken und verblöden.

Wer sich nicht informiert, ist der Dumme! Das trifft auf nichts besser zu als auf Menschen, die ausschließlich Fernsehen schauen, Radio hören sowie Zeitungen, Magazine und Illustrierte lesen. Diese Menschen werden über diese Medien nämlich niemals erfahren, was im hiesigen Land für ein unfassbar perverser Betrug an der Bevölkerung begangen wird. Weiterlesen

Ein Fall ist ein Fall ist ein Fall

Zur Debatte um „Lügenpresse“, „Maulkorb“ und „Vertuschen“ meint Uwe Postma aus Trier: Der Volksfreund schreibt über neue Dimensionen der Gewalt in der Kölner Silvesternacht. Wieso neu? Die Vorfälle schockieren die Republik. Zu Recht. Wie müssen sich Frauen fühlen, wenn sie von Horden von Männern eingeschlossen, verhöhnt und begrapscht werden? Abgesehen von der unvorstellbaren Erniedrigung und der Angst, wozu diese Männer noch imstande sind. Weiterlesen

Keine Panik, Leute

Peter Fuchs schreibt: Man bekommt fast das Gefühl, dass gerade ein weltumspannender Krieg tobt. Krisenherde hier, Völkermorde dort, Massaker hüben und Gräueltaten drüben bestimmen das Alltagsgeschehen. Abertausende verlassen ihre Heimat und suchen ihr Heil in der Flucht. Viele verlieren ihr Leben. Andere erreichen erst nach wochenlangen Strapazen das angestrebte Ziel. Nicht überall sind sie willkommen.

Diese Völkerwanderung hinterlässt ihre Spuren. Öfters stellt sich heraus, dass nicht alle Schutzsuchenden wirklich nur Schutz suchen. Manche sind kriminell und verbreiten Angst und Schrecken. Innerhalb der Europäischen Union herrscht Uneinigkeit. Das „Imperium“ bröckelt. 1989 wurde der Mauerfall gefeiert. Heute versucht man, Menschenströme mit Zäunen zu stoppen. Natürlich ist es schwierig, das goldene Mittelmaß zu finden. Weil man nicht absehen kann, wann diese weltumspannende Misere ein Ende hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Spirale der Gewalt sobald als möglich menschlicher Vernunft weicht. Weiterlesen

Abgelehnt. Abgelehnt. Abgelehnt.

Ja, es ist fürchterlich, was in Köln passiert ist. Ja, das muss aufgeklärt werden. Ja, die Medien machen Fehler, die Politiker, die Polizei. Der Aufschrei ist verständlich, die Verunsicherung groß. Plötzlich scheint hinter jeder Ecke ein fieser Krimineller zu lauern.

All das prangern Sie, verehrte Leser, in Ihren Zuschriften an. Wir veröffentlichen das, selbstverständlich, und wir gehen bis an die Schmerzgrenze (manchmal darüber hinaus).

Was wir nicht veröffentlichen: menschenverachtende Hasstiraden von Spackos und Honks, die aus der Erregungsmaschine Internet purzeln. Oder Pamphlete, in denen wüst gegen „die Fremden“ gehetzt wird.

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Simsalabim, Krambambuli …

Ottmar Schmitz aus Orenhofen schreibt: Habe vor einigen Monaten beim Volksfreund angerufen. Mitgeteilt, dass die Vorschau auf das Fernsehprogramm bei Heimat-, Familien- und Märchenfilmen den Zusatz „TV-Sci-Fi-Film“ hat. Witzig. Bat um Rückmeldung. Keine Antwort. Neues Jahr: wieder jede Menge „TV-Sci-Fi-Film“ an der falschen Stelle. Weiter spaßig?

Zum selben Thema meint Nikolaj Stöckle aus Trier: Hat es einen besonderen Grund, dass im Fernsehprogramm des Volksfreunds seit einiger Zeit fast alle Spielfilme zur Primetime in ARD und ZDF als „TV-Sci-Fi-Filme“ angekündigt werden? Oder sollte da mal jemand den Haken im Programm wegmachen?

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Der Weihnachtsohrwurm

Na, wo ist er Ihnen begegnet? Dieser Dings, der Santa, also, der, nun ja, der Weihnachtsohrwurm. Was denn, Sie haben sein Singen, Jauchzen und Frohlocken nicht gehört? Unmöglich!

Süßer die Glocken o du fröhliche ihr Kinderlein kommet Jingle Bells alle Jahre wieder lasst uns froh und munter sein o Tannenbaum stille Nacht heilige Nacht we wish you a merry Christmas leise rieselt der Schnee last Christmas kling Glöckchen klingelingeling.

Der Weihnachtsohrwurm kriecht aus dem Radio. Er schmachtet im Kaufhaus. Er schwebt über dem Weihnachtsmarkt, neben der Bratwurstglühweindunstwolke, und säuselt: Süßer die Glocken …

Die einen lieben den Weihnachtsohrwurm, die anderen wünschen ihn nach Jottwehdeh.

Er hat’s nicht leicht, der Weihnachtsohrwurm. Vielleicht würde er lieber in einer anderen Liga spielen. Und Shakespeare zitieren, zum Beispiel. Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

Hey,  Weihnachtsohrwurm, ist das nicht zu pathetisch? Sein oder Nichtsein? Geht’s noch?

An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu. Sehr weise, Weihnachtsohrwurm. Hamlet. Aber muss das jetzt wirklich sein?

Ja, muss, sagt der Weihnachtsohrwurm. Die einen lieben mich, die anderen wünschen mich nach Jottwehdeh. Es ist immer dasselbe. Dafür, dagegen. Wäre viel schlauer, wenn die Menschen mal darüber nachdenken würden, was dazwischen ist. Das verpassen nämlich viele. Stimmt, Weihnachtsohrwurm.

Schwarz und Weiß. Arm und Reich. Groß und Klein. Dick und Doof, ähh, Dünn. Heiß und Kalt. Süß und Sauer. Richtig und Falsch. Schön und Hässlich. Oben und Unten. Hoch und Tief. Lustig und Traurig. Positiv und Negativ. Lechts und Rinks. Yin und Yang. Adam und Eva. Beatles und Stones. Ronaldo und Messi. Materie und Geist. Leben und Tod. Diesseits und Jenseits. Himmel und Hölle. Gut und Böse. Sein und Nichtsein.

Gegensätze. Die Welt ist voller Gegensätze. Dabei kann das eine nicht ohne das andere. Ohne Schwarz kein Weiß. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, die Grautöne zu entdecken, ein bisschen toleranter, gelassener, souveräner zu sein – und sich nicht blindlings auf die eine oder andere Seite zu schlagen.

Danke, Weihnachtsohrwurm.

Ihnen eine schöne, entspannte, besinnliche Zeit! Nach den Weihnachtstagen sehen, hören, schreiben, lesen wir uns wieder.

Peter Reinhart

Eigentlich

Eigentlich fange ich Texte nicht mit eigentlich an. Eigentlich ist ein Füllwort. Überflüssig.

Eigentlich will ich etwas anderes schreiben. Ich komme nur nicht dazu, nicht einmal uneigentlich. Weil ich auf etwas eingehen muss (aus gegebenem Anlass), das eigentlich oft genug besprochen worden ist. Also:

Verehrte Parteifunktionäre,

in Rheinland-Pfalz ist Wahlkampf, und ich weiß, wie groß die Verlockung ist, die Meinungsspalten der Zeitung als Vehikel für politische Kampagnen und Schleichwerbung in eigener Sache zu nutzen. Wenn Sie, sagen wir mal, Kreisvorsitzender oder Schriftführer der Alternative für Deutschland sind, erwarten Sie bitte nicht, dass wir Zuschriften abdrucken, in denen Sie in leuchtenden Farben ausmalen, wie großartig die AfD ist. Es gilt, für Amts- und Mandatsträger aller Parteien:

Keine! Propaganda! In! Leserbriefen!

Diese Ansage ist alternativlos, und eigentlich ist ihr nichts hinzuzufügen. Ich könnte mich jetzt dem Eigentlichen widmen. Zum Beispiel Heidegger und seinen Kategorien von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit.  Oder Adorno, dem Erfinder des Jargons der Eigentlichkeit. Aber die Kolumne, die eigentlich zwei Spalten hat [Anmerkung: in der gedruckten Ur-Form], ist diesmal kürzer. Und eigentlich schon: zu Ende.

Schöne Grüße, eigentlich

Peter Reinhart

Schön geschachtelt

Leser Franz K. ärgert sich über Grammatikfehler: Ein Satz besteht doch aus Subjekt, Prädikat und Objekt, oder?! Das habe ich jedenfalls in der Schule gelernt. Warum lese ich in der Zeitung ständig verstümmelte Sätze? Finden Sie das etwa gut?

Lieber Herr K.,

es gibt keine Sprachpolizei, die über den korrekten Satzbau wacht. Wäre auch sinnlos, denn: Jeder kann schreiben oder sprechen, wie er will. Lange Sätze, kurze Sätze, vollständige Sätze, unvollständige Sätze – erlaubt ist, was gefällt. Und entscheidend ist, was ankommt.

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