Was für ein Affentheater!

Merkwürdig, wie schnell ein Wort, kaum ausgesprochen, zum Markenzeichen, zum Spitznamen eines Menschen wird. Plötzlich klebt es an dir wie Kaugummi, du wirst es nicht mehr los.

In der Politik gibt es hübsche Beispiele, mal witzig, mal geistreich, mal wenig schmeichelhaft. Kleine Kanzlerkunde: „Mutti“ Merkel (früher: „das Mädchen“, international: „Madame No“), „Genosse der Bosse“ und „Brioni-Kanzler“ Schröder, „Birne“ Kohl (auch: „Schwarzer Riese“, später: „Bimbes-Kanzler“), „Schmidt-Schnauze“, Willy „Wolke“ Brandt (wegen seines Hangs zu Visionen), „Häuptling Silberzunge“ (der beredte Kurt-Georg Kiesinger), „Vater des Wirtschaftswunders“ (Ludwig Erhard), „der Alte“ (Konrad Adenauer).

Einer, der im Herbst gern Kanzler werden möchte, schleppt altmodisches Kriegsgerät im Spitznamen-Gepäck mit sich herum: Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der vor einem Jahr verkündete, dass er das Coronavirus mit der Bazooka wegballern will – mit Wumms!

Eine starke Metapher; der SPD-Mann hat sie gewählt, um sein Image aufzupolieren: Seht her, ich bin nicht der unterkühlte „Scholzomat“, für den ihr mich haltet, sondern ein zupackender Krisenmanager!

Die Bazooka also: ein tragbares Gerät zum Abschießen von Raketen kleinen Kalibers, eine rückstoßfreie Panzerabwehrwaffe, während des Zweiten Weltkriegs entwickelt von US-Streitkräften, die das Teil so tauften, weil es dem posaunenartigen Musikinstrument des US-Komikers Bob Burns ähnelte.

Ein simples Rohr, benannt nach einem Spaßvogel? Hmm. Die Bazooka-Metapher signalisiert „durchschlagende Wirkung“, heißt es. Der Fußballtrainer Jürgen Klopp hat sie verwendet, der ehemalige Euro-Manager Draghi und andere.

Hängt irgendwie schief, dieses Bild. Und wenn Olaf „Bazooka“ Scholz darauf vertraut haben sollte, dass die Waffe rückstoßfrei ist, irrte er. Konkurrenten und Kommentatoren lästern: Steinschleuder ohne Stein, Wasserpistole, Ladehemmung, keine Munition, Rohrkrepierer, Platzpatronen, kein Wumms, nur ein Wümmschen, aus Pappmaché, piff, paff!

Der Ober-Grüne Robert Habeck, auch er ein Kandidat fürs Kanzleramt, wies neulich in einer Talkshow darauf hin, dass die Bazooka ja eigentlich ein kümmerliches Ding sei. Und dass er selbst sich nie wie Olaf Scholz hinstellen würde, um Wumms-Reden zu halten – wie ein Orang-Utan, der sich auf die Brust trommelt, sagte Habeck. Moment mal, noch so eine schiefe Metapher. Orang-Utans trommeln nicht, sie brüllen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die mit der Ich-bin-der-Größte-Geste sind die Gorillas …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Fluch des Wissens

Und es bleibt: schwierig. Kommunikation. Sie wissen schon: Sender sendet Nachricht, Empfänger empfängt Nachricht – und interpretiert sie.

In der Theorie: so leicht. Im richtigen Leben: so kompliziert. Es kommt darauf an, wer etwas sagt, warum, zu wem und wie, es kommt auf die Absicht an, den Zusammenhang, die Vorgeschichte, es kommt auf den Adressaten und seine Erwartungshaltung an. Gemeint ist nicht gesagt, gesagt ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden …

Das Verrückte: Wir wissen, dass und warum Kommunikation so oft schiefgeht, und verheddern uns doch immer wieder in der Sprachfalle. Ein Beispiel, von Wissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart untersucht: die Kommunikation der Bundesregierung in Sachen Corona. Die Analyse von exakt 1362 Pressemitteilungen (Zeitraum März 2020 bis Januar 2021) zeigt, was Wortungetüme, Bandwurmsätze, nicht erklärte Fremdwörter und Fachbegriffe anrichten – die Menschen verstehen es nicht  oder verstehen es falsch.

„Informationen zur Corona-Pandemie und zu den staatlichen Schutzmaßnahmen sollten besonders verständlich sein. Sie sind es aber nicht“, meint der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider.

Was soll der Laie anfangen mit solchen Monstern: Corona Matching Fazilität, Corona-Hackathon, Point-of-Care-Antigentest, Coronavirus Digital Content Hub, Letalität, Stratifikation, Containment Scouts, „coparion“ Liquiditätshilfen, Provenienzforschung, Corona Audio Campaign, Corona-Toolbox …

Oder mit Wortzusammensetzungen wie: WissZeitVG-Befristungsdauer-Verlängerungs-Verordnung, Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz, Vereinfachter-Zugang-Verlängerungsverordnung, Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz, Luftverkehrsteuer-Absenkungsverordnung, lebensmittelkennzeichnungsrechtlich, First-In-First-Out-Abverkaufs-Prinzip …

Grausliges Verwaltungsdeutsch!

Woran hapert es? Die Experten, ob Wissenschaft oder Verwaltung, verstehen ihren eigenen Jargon, klar, vergessen aber zu übersetzen (oder sind zu bequem oder haben keine Zeit oder keine Lust) – der Fluch des Wissens.

Kommunikation ist das, was ankommt. Wenn nichts ankommt (oder nur Bruchstücke), liegt es womöglich daran, dass die Botschaft nicht zu verstehen ist.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Tschüss, Hipster! Willkommen, Woke!

Na, so was! Der Bart ist ab, die Hipster verkrümeln sich. Ende einer Epochenfigur. Habe ich in der Zeit gelesen, und die muss es ja wissen.

Tschüss, Hipster! Macht es gut, ihr Männer mit Nerd-Brille im Holzfällerhemd, die sich mit Craft Beer auskennen, die sich bemühen, anders zu sein, schneller zu sein als die Schlafmützen, Retro und Avantgarde zugleich, ihre Bibel: der Manufactum-Katalog – selbst die Axt muss handgeschmiedet sein. Macht es gut, ihr Frauen mit Pony und Wollmütze, die in High Waist Jeans und Oversize-Sonnenbrille zum Joga-Kurs radeln – und ein bisschen aussehen, als kämen sie gerade frisch vom Koksen aus der Warhol-Factory. Tschüss, Hipster!

Jetzt kommt die Generation Woke, meint Zeit-Autor Ijoma Mangold. Junge Leute, „erwacht, aufgewacht“ (englisch: woke) und engagiert: gegen Diskriminierung und Rassismus, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, gegen die Zerstörung der Umwelt und des Klimas; sie sehen sich als People of Color, als Trans*Person, als queer – und zwar spaßfrei, ironiefrei. Die Lage ist ernst, Schluss mit lustig.

Okay, stopfe ich meine Holzfällerhemden halt in den Altkleider-Container und gebe den Manufactum-Katalog in die Altpapiertonne. War eh nur Tarnung. Ich bin Generation Boomer, das Etikett werde ich nicht los, weil: geboren in den Sechzigern, angeblich privilegiert, weil: ein Mann, angeblich unsagbar mächtig, weil: ein Mann. Das perfekte Feindbild. Stimmt, ich habe das Privileg und die Macht, freche Kolumnen zu schreiben, ha!

Wacht auf, Verdammte dieser Erde! Ich finde es anstrengend, dass  sich ständig irgendwer daran macht, Menschen in immer neue Schubladen zu stecken. Die Generation Woke also. Nicht lange her, da war die Rede von der Generation Greta. Von der Generation Fridays-for-Future. Von der Generation Angst. Von der Generation Krise. Von der Generation What. Davor waren es: Generation X. Generation Y. Generation Z (auch verspottet als Generation Schneeflocke). Nicht zu vergessen: die Yuppies (Young Urban Professionals = karrieregeile Aufsteiger), die Dinks (Double Income, No Kids = doppeltes Einkommen, keine Kinder) und immer noch die Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability = Leute, die ihren Lebensstil auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausrichten), dazu die Skippies und die Woopies …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Freiheit, Gleichheit und *lichkeit

Ach, diese Aufregung über das Sternchen, über gender­gerechte Sprache und so! Finde ich gut! Echt jetzt? Klar, weil: Sprache bestimmt das Bewusstsein, Sprache formt das Denken, aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entsteht Handeln, entsteht Tun, entsteht unsere Vorstellung von Welt und Raum und Zeit, und wenn wir vorankommen wollen mit der Gleichberechtigung, muss das rein in die Köpfe.

Gut also, dass es immer mehr Versuche gibt, die deutsche Sprache politisch korrekt zu polieren. Und dass es Texte gibt, in denen es vor Gendersternchen wimmelt, etwa der neulich im Magazin der Süddeutschen Zeitung über Hengameh Yaghoobifarah, die* „junge, queere, muslimisch sozialisierte und sich als non-binär identifizierende Journalist*in“, die* im vergangenen Jahr mit einer Kolumne unter der Überschrift „All cops are berufsunfähig“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. „Sie* sagt oft ‚nice’ und ‚cute’, redet ziemlich leise, lacht dafür aber laut und viel. Sie* wirkt selbstbewusst und zugleich schüchtern. […] Hat sie* etwas gesagt, macht sie* einen Punkt und hält mit gerecktem Kinn die Stille aus, die sich zwischen ihr* und ihrem* Gegenüber manchmal ausbreitet.“ Erklärung der Redaktion: „Weil es im Deutschen bisher kein geschlechtsneutrales Pronomen gibt, signalisiert dies der Stern hinter sie* und ihr*.“

Puh! Ich habe die * in dem langen, langen Text nicht gezählt; es sind viele, und es ist anstrengend, dranzubleiben, es macht keinen Spaß, das zu lesen.

Aber wat mutt, dat mutt, sage ich als Kämpfer für Freiheit, Gleichheit und Brüder…, ähm, Schwester…, Tschuldigung: *lichkeit.

Als Kämpfer für Klarheit und Wahrheit in der Kommunikation sage ich dagegen: Oh je, wenn wir das durchziehen, wird es immer schwieriger, Texte zu verstehen.

Einigkeit und Recht und Freiheit, für das deutsche Vater…, ähm, Mutter…, Tschuldigung: *land. Danach lasst uns alle streben, brüder…, ähm, schwester…, Tschuldigung: *lich mit Herz und Hand …

Das holpert, die Nationalhymne funzt nicht mit Sternchen. Genderhinweis: Aus Gründen der besseren Singbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung. Hmm.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Im Jurassic Park der Sprache

Maskulinum, generisches Maskulinum. Das klingt wie der Name eines Dinosauriers. Archaeopteryx, Diplodocus, Triceratops und dergleichen. Ausgestorben, verblichen, längst in die ewigen Jagdgründe des Jurassic Parks eingegangen. Dahin gehört, meinen manche, auch das generische Maskulinum, ein Dino der Sprache. Gleich mehr.

Zunächst eine Zuschrift von Heinz Sieburg aus Igel zum Thema:

Mercedes-Sprache Deutsch?

Da ist den männlichen (!) Bossen der deutschen Autoindustrie ja wirklich mal wieder ein Coup gelungen. Statt endlich Öko-Autos und Lastenfahrräder zu bauen, überschwemmen sie unsere schöne Sprache mit perfider Schleichwerbung. In immer mehr Texten finden sich die Mercedes-Sterne. Ich möchte wissen, wie viel Geld für diese hinterfotzige Imagekampagne verpulvert wird. Der Gipfel der Frechheit ist, dass die listig verfremdeten Sternchen auch noch als gendergerecht ausgegeben werden. Das ist pure Heuchelei! Seit wann sind Premium-Automarken gendergerecht?

Jetzt sollen ja per Gesetz endlich mehr Quotenfrauen in die Vorstände. Gut so! Man kann nur hoffen, dass die dem Irrsinn ein Ende machen.

Wie beschränkt die (noch männlich geprägte) Autoindustrie im Kern ist, erkennt man an dem egoistischen und selbstverliebten *innen, welches den Mercedes-Sternchen jeweils folgt: *innen, *innen, *innen. Selbst in den Abendnachrichten hört man jetzt mehr und mehr *innen, *innen, *innen. Statt ständig Nabelschau zu betreiben, sollte Mann lieber mal über den Tellerrand hinaussehen nach *außen, *außen, *außen oder *oben oder *vorwärts? Aber das ist den Herren in den Chefetagen wohl zu öko.

So habe ich den Mercedes-Stern noch nie gesehen, lieber Herr Sieburg, eine bemerkenswerte Interpretation. Das Gendersternchen hat freilich mehr Zacken, und es strahlt immer intensiver, wird zum Massenphänomen. Aktuelles Beispiel: das generische Maskulinum. Etwa zwölftausend Wörter der deutschen Sprache bezeichnen Berufe oder Personen, und die waren bislang „männlich“, meinten aber „weiblich“ mit: Bäcker, Lehrer, Schüler, Arzt … Die Redaktion des Duden arbeitet das nun um (zunächst nur online): Künftig ist der Bäcker stets ein Mann, die Bäckerin bekommt einen eigenen Eintrag ins Wörterbuch.

Ich gehe zum Bäcker. Hmm, bitte nicht, wenn es sich um den Laden einer Bäckerin handelt. So etwas mag die Genderpolizei nicht. Wie dann? Ich gehe zum Backenden? Zur Bäcker*in? Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Houm, swi:t Houm, total gechillt

Um die Sprache geht es, um die deutsche Sprache – rettet sie, rettet sie! Das rufen, immer wieder einmal, Leserinnen und Leser, die Verfall, Verhunzung, Verdenglischung beobachten. Beispielhaft die Zuschrift von Hans-Josef Koltes aus Neuhütten im Hochwald. Er schreibt über das grassierende „Home“-Dingsbums:

Corona scheint mir den weiteren Niedergang der deutschen Sprache beschleunigt zu haben. Neben dem vielleicht wohl konkurrenzlos internationalen Begriff „Lockdown“ hat sich in unsere Alltagssprache, erfunden und gefördert von den Medien, das „Home-Office“ (Heimbüro) und das „Home-Schooling“ (Heimschule) eingenistet. „Home“, sprich: „Houm“. Schlage vor, den diesbezüglichen Sprachschatz zu erweitern auf „Home-Staying“, „Home-Eating“ und „Home-Sleeping“ (kurz und gut: „Home-Living“). Damit könnte das volle Corona-Leben sprachlich auf der Höhe der Zeit abgebildet werden. Jede(r) meint auf einmal, sich auf Englisch ausdrücken zu müssen (zu können?). Dabei ist das Deutsche (neben dem vom Verfasser subjektiv als schönste Sprache der Welt empfundenen Italienisch) die am höchsten entwickelte, reichhaltigste und differenzierteste verbale Kommunikationsform auf dem Globus. Verfremdet sie nur weiter, unsere deutsche Sprache, ihr Kids and Adults, ihr Volk der Dichter und Denker!

Schön, dass Sie es mit Witz und Ironie nehmen, lieber Herr Koltes. Die Welt ändert sich, unaufhaltsam, mit ihr die Kommunikation – und die Sprache, mit der wir die Welt beschreiben. In ruhigen Zeiten fällt das weniger auf. Gerade überschlagen sich die Ereignisse: Corona, Digitalisierung, Klima-Krise. In der vergangenen Dekade haben wir so viele Daten angehäuft wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Für das neue Wissen brauchen wir neue Wörter. Und die stammen oft aus der Lingua franca unserer Zeit: Englisch.

Der Anteil „echter“ Fremdwörter in den deutschen Zeitungen liegt unter zehn Prozent, sagen Linguisten. Tendenz: stabil. Gefühlt wird es mehr.

Dass sich der Eindruck aufdrängt, Deutsch verkomme zur Pidgin-Sprache, liegt an den Nutzern, an allen. Zufällig habe ich dieser Tage im Vorbeispazieren ein Gespräch zwischen zwei Jungs mitbekommen, etwa zehn Jahre alt: „Ey, Alter, hast du das von dem Mädchen gehört?“ – „Meinst du die Bitch, Alter?“ – „Ja, ey, die hat voll abgelost.“ – „Aber so was von, Alter, ey!“

Bleiben Sie gechillt!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Lügner und sein Schamane

Haben Sie den schrägen Typen gesehen? Den mit der Fellmütze und den Hörnern auf dem Kopf. Das Antlitz rot, weiß, blau bemalt. Der Oberkörper nackt, heftig tätowiert. Eine fette Metallkette um den Hals, in der linken Hand eine Lanze, von der eine US-Fahne baumelt, in der rechten Hand ein Megafon … mittenmang im Mob beim Sturm auf das Kapitol in Washington.

Sein Bild ging um die Welt, überall veröffentlicht, auch im Volksfreund.

Nun gut, einer dieser verirrten, verwirrten Trumpisten, aufgestachelt vom Bald-nicht-mehr-Präsidenten, was soll’s, solche Lümmel gibt es zuhauf. Traurig genug.

Jetzt ist er auch noch berühmt. Ein Medienstar. Der Kerl sei das Gesicht der Randalierer, habe ich irgendwo in der Weltpresse gelesen. Woanders, er wirke wie ein Vorbote der Hölle, als wäre er aus einem düsteren Computerspiel gefallen. Als Wikinger ist er tituliert worden, oder als Sioux-Krieger. Die Kommentatoren arbeiten sich an ihm ab. Der menschgewordene Zeitgeist? Eine Allegorie des zerplatzten amerikanischen Traums?

Er selbst bezeichnet sich als Q-Schamane. Und wird in der Verschwörungsszene gefeiert, in Netzwerken und Filterblasen. Seit Monaten taucht er auf Veranstaltungen in den Staaten auf, protestiert mal für Trump, mal gegen Schwarze, verzapft rechtsextremes Geschwurbel über Satanisten und … halt, stopp, warum fallen wir darauf herein?

Der Mann exhibitioniert sich, inszeniert sich, tanzt vor jeder Kamera, weil er weiß, wie er Aufmerksamkeit bekommt – und ein Publikum für den Wirrsinn, den er zu verbreiten hofft.

Eine Taktik, die der Bald-nicht-mehr-Präsident vorexerziert hat. Wieder und wieder.

Schleiche dich in den Medienzirkus, in die Manege, spiele den Zampano, ziehe deine Show ab – und sie werden dich groß herausbringen.

Trump und der Schamane: zwei krasse Beispiele für medialen Hype. Vorneweg der Lügner, Verleumder und Hetzer, moralisch verkommen. Hintendran das Gefolge, die Spinnerten, die Holocaust-Leugner, die Krawallos, verroht, verblödet.

Das Publikum ist offenbar heiß auf Geschichten über verquere Freaks  und verquaste Weltanschauungen. US-Medien wie die New York Times und CNN haben ihre Auflagen und Quoten gesteigert, sie bejubeln den „Trump Bump“. Und fürchten, so heißt es, den „Biden Dip“ – einen seriösen Präsidenten, der seriöse Politik macht. Wie langweilig, schlecht fürs Geschäft.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Bitte übernehmen, Sisyphos!

Ein Nachklapp zur Kolumne von Heiligabend („Und du glaubst nicht an Wunder?!“), die sich vorwiegend darum drehte, dass auf der Welt und im Leben alles relativ ist. Not und Elend ebenso wie Glück und Erfolg. Frau Schmitt und Frau Brenner und einige andere Leserinnen und Leser finden: schöner Beitrag, aus tiefster Seele gesprochen, auf den Punkt gebracht. Danke!

Edmund Bohr aus Baldringen im Hochwald meint: „Ich hoffe nur, dass diese wertvollen Gedanken nicht mit der Zeitung in die Tonne wandern. Immer wieder stelle ich mir die Frage: Wie können wir erreichen, dass solche Themen längerfristig in den Köpfen der Menschen verharren und umgesetzt werden, so dass sie mit zu Veränderung und Besserung beitragen? Könnte man dies nicht kontinuierlich – wie die tägliche Werbeflut, welche uns erfolgreich suggeriert, was wir alles unbedingt benötigen und letztendlich auch konsumieren – an die Menschheit senden und somit vielleicht den gleichen Effekt erzielen? Es geht um die Zukunft unserer Nachfahren, ich sorge mich um sie. Auf jeden Fall: weiter so!“

Ja, das ist ein guter Plan, lieber Herr Bohr: die Welt zu einem besseren Ort machen, ich bin dabei. Ob das gelingt? Der Homo sapiens arbeitet sich seit je daran ab.

Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus. (Homer: Odyssee, 11. Gesang, Übersetzung Wolfgang Schadewaldt)

Tausendmal probiert, tausendmal ist nix passiert. Und wieder von vorn. Warum zum Beispiel stürzen wir uns wie ausgehungert auf jede Neuigkeit über das Coronavirus, wälzen sie rauf und runter, diskutieren aufgeregt und emotional? Klar: Es geht ums Leben, ums Überleben. Doch warum diese teils hysterische Keilerei um Schuld und Sühne, die gerade über die Medien ausgetragen wird?

Der Streit um den Impfstoff. Zu spät bestellt, zu wenig bestellt, das falsche Produkt bestellt, heißt es. Chaos, Desaster, Totalversagen, heißt es. Die Merkel ist schuld, die von der Leyen ist schuld, der Spahn ist schuld, heißt es.

Wir wissen nicht, wie es ausgeht, aber wir wissen, dass es – mit Abstand betrachtet – nur ein winziges Kapitel in der Geschichte dieser Pandemie sein wird. Und wir wissen: Im Nachhinein wissen alle immer alles besser.

Ein paar Tage hat der Lärm um die Verantwortung für die angebliche Corona-Impf-Katastrophe andere Nachrichten in den Hintergrund ge(d)rückt. Wie nicht anders zu erwarten, sorgt der Irrsinn auf der Welt flugs für Abwechslung. Diesmal wieder in der Hauptrolle: der krawallige Hetzer Donald Trump.

Bitte übernehmen, Sisyphos!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Und jetzt: Gute Nachrichten

Raketen? Nö. Böller? Nö. Knallfrösche? Nö. Kein Feuerwerk, nirgends. Keine Rituale, mit denen wir versuchen, die Dämonen zu vertreiben. Nix. Ein merkwürdiger Jahreswechsel. Wir sind also drin: Zwanzigeinundzwanzig. Alles auf Anfang! Das wird schon! Wir machen das Beste daraus!

Nun sagen manche Leute: Och je, ich sehe schwarz, schlimmer geht immer.

Ich sage: Wie das denn? Angeblich war doch Zwanzigzwanzig das allerschlimmste aller schlimmen Jahre aller Zeiten. Und der Superlativ, liebe Pessimisten, lässt sich nicht steigern.

Nun sagen manche Leute: Früher war alles besser. Früher war das Gras grüner, früher war die Luft reiner, früher war die Welt einfach schöner.

Ich sage: Stimmt nicht. Früher war nicht alles besser – es war anders.

Der Blick in den Rückspiegel verzerrt, vieles erscheint sentimental-verklärt. Erst recht, wenn es sich um subjektive Momentaufnahmen handelt.

In ihrer Rede zum 40. Thronjubiläum sprach Queen Elizabeth 1992 von einem „annus horribilis“ (lateinisch: schreckliches Jahr). Ein Feuer auf Schloss Windsor, die Trennung ihres Sohns Andrew von Sarah Ferguson, die Scheidung ihrer Tochter Anne von Mark Phillips, die Ehekrise von Charles und Diana, peinliche Nacktfotos, peinliche Tonbänder – so what?! Für die Queen schrecklich, für den Rest der Menschheit unbedeutend.

Da wären ganz andere Horrorgeschichten zu erzählen: vom Jahr 536 zum Beispiel, als sich die Asche eines isländischen Vulkans wie ein Schleier um die Erde legt. „Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei“, berichtet der byzantinische Geschichtsschreiber Prokopius. Temperatursturz, Schnee im Sommer, Ernteausfälle, Hungersnöte. Oder 1347: Die Pest wütet in Europa. Oder 1918: Die Spanische Grippe rafft Millionen Menschen dahin. Oder, oder, oder.

Lasst uns statt der schlechten Nachrichten mal die guten feiern!

Was haben die Menschen 536, 1347 oder 1918 geglaubt, was haben sie gehofft? Dass es Rettung aus der Krise gibt? Und wir? Wir wissen, dass und wie wir die Corona-Pandemie besiegen werden. Wir wissen, was zu tun ist. Zwanzigeinundzwanzig – vielleicht ein „annus mirabilis“ (lateinisch: Wunderjahr).

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Und du glaubst nicht an Wunder?!

Alles ist relativ. Weihnachten, diesmal anders. Festlich? Fröhlich? Besinnlich? Beschaulich? Machen Sie das Beste daraus.

Trotz Corona. Es geht uns gut. Klingt merkwürdig in diesen Zeiten. Und doch: Im Vergleich zu vielen anderen Menschen auf der Welt geht es uns gut.

Alles ist relativ.

Wer woanders seine Meinung sagt, in Russland zum Beispiel, wird womöglich vergiftet.

Bei uns giften manche, sie dürften ihre Meinung nicht sagen. Das dürfen sie aber doch, auf Demos, oder in Zeitungen, die sie als Lügenpresse verhöhnen, was komplett gaga ist, denn dann wäre das, was die Lügenpresse-Krakeeler in der Lügenpresse sagen, ja … gelogen.

Alles ist relativ.

Woanders laufen Kinder jeden Tag zwei Stunden lang barfuß bei Temperaturen von fünfzig Grad durch die Wüste zur nächsten Schule und wieder zurück. Sie sind froh, dass sie die Chance haben, lesen und schreiben und rechnen zu lernen.

Bei uns maulen manche, weil die Fenster im Klassenzimmer zum Lüften geöffnet werden.

Alles ist relativ.

Woanders werden Frauen wie Sklavinnen gehalten, vergewaltigt, gefoltert, gequält.

Bei uns empören sich manche, weil der Tagesschau-Sprecher beim Vorlesen der Nachrichten keine Kunstpause einlegt, wenn ein gedachtes Gendersternchen im Text vorkommt.

Alles ist relativ.

Woanders toben Bürgerkriege, Menschen sterben, zerfetzt von Bomben und Granaten, und die überleben, haben oft alles verloren und nichts zu beißen.

Bei uns nölen manche, weil sie beim Einkaufen in prall gefüllten Supermärkten einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, und wehe, das Toilettenpapier ist aus.

Alles ist relativ.

Genug Relativitätstheorie. Es ist Weihnachten. Lassen wir den Alltag mit seinen Problemen und Problemchen mal einen Moment hinter uns, denken wir mal einen Moment über das große Ganze nach. Etwa so:

Denn wir leben auf einem Blauen Planeten / Der sich um einen Feuerball dreht / Mit ’nem Mond, der die Meere bewegt / Und du glaubst nicht an Wunder / Und ein Schmetterling schlägt seine Flügel / Die ganze Erdkugel bebt / Wir haben überlebt / Und du glaubst nicht an Wunder (aus dem Song „Welt der Wunder“ des deutschen Rappers Marteria, 2014).

Alles ist relativ.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur