Es war einmal ein Mädchen …

Ein mutiges Mädchen legt sich mit den Mächtigen der Welt an – was für eine Story!

Tun wir mal so, als ob. Ein Gedankenexperiment. Tun wir mal so, als gäbe es kein Internet. Kein Fernsehen. Kein Radio. Keine Zeitungen. Keine Nachrichtenmaschinen. Nichts von alldem. Unsere Welt wäre klein, sehr klein. Von dem, was hinterm Horizont passiert, wüssten wir wenig.

Urwald, der im Amazonasbecken brennt? Niemand würde davon erfahren. Eis, das auf Grönland wegtaut? Niemand würde davon erfahren. Ein schwedisches Mädchen, das an Weltschmerz leidet und freitags die Schule schwänzt? Niemand würde davon erfahren.

Ende des Gedankenexperiments. Greta Thunberg ist ein Publicity-Phänomen. Die Medien haben sie zu dem gemacht, was sie ist. Ein mutiges Mädchen, das sich mit den Mächtigen der Welt anlegt und ihnen Zorn und Verachtung entgegenschleudert. Was für eine märchenhafte Story!

Anfangs war sie Pippi Langstrumpf oder Heidi mit dem Pappschild „Skolstrejk för klimatet“, trotzig, rebellisch. Bald eine Prophetin, eine Heilige, eine Erlöserin, verehrt, verklärt von Millionen Fridays-for-Future-Protestlern. Die einen vergleichen sie mit dem biblischen David (der Goliath bezwang), andere mit dem Religionsrevoluzzer Martin Luther (Widersacher von Kaisern und Päpsten), wieder andere mit Jeanne d’Arc, der furchtlosen Bauerntochter, die Frankreich im Hundertjährigen Krieg zu einem legendären Sieg gegen England führte. Geht’s noch?!

Die halbe Menschheit sorgt sich um die Zukunft des Planeten, Gretas Botschaft ist weder neu noch exklusiv, zahllose (erwachsene) Aktivisten und Organisationen kämpfen für den Klimaschutz. Und doch: Greta-Hype, Greta-Hysterie. Sie ist eine Ikone, ein Star, sie lässt sich  vermarkten, instrumentalisieren – der Liebe und der Sehnsucht von Millionen ausgesetzt, aber auch der Wut und dem Hass von Millionen.

Greta Thunberg polarisiert. Dass sie Panik schürt und Angst verbreitet, um Aufmerksamkeit zu bekommen – geschenkt, das gehört zur (Selbst)vermarktung.

Bedenklicher: Sie tritt autoritär auf, einige Kritiker sagen antidemokratisch, nur ihre eigene Überzeugung zählt. „Wir“, sagt sie, „die Menschen“, müssen die Sache in die Hand nehmen, weil „unsere Führer“ sich nicht kümmern.

Hmm. Ein radikaler Ansatz. Ziviler Ungehorsam. Träumt Greta Thunberg gar von einer Öko-Diktatur, weil sie glaubt, nur so sei die Welt zu retten? Wie erzählen die Medien ihre Geschichte weiter? Es war einmal ein Mädchen …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ziviler Ungehorsam

So haben wir uns also die Träume eines Öko-Terroristen vorzustellen, eines Typen wie Ty Tierwater, der sich nach einem Rächer sehnt. Einem Rächer, „der herabfuhr und sie alle auslöschte, all die wimmelnden Massen da draußen mit ihren Hondas und Küchenmaschinen und Tagesdecken und Spitzentüchlein […]. Einen Kometeneinschlag. Die Pest, zur Unkenntlichkeit mutiert und wiedergekehrt, um das Land heimzusuchen. Feuer und Eis. Die Endlösung.“ Er selbst, Ty Tierwater, überlebt „wundersamerweise – und seine Frau, seine Tochter und ein paar andere, die Respekt für die Erde hatten –, und sie würden die neue unzivilisierte Zivilisation auf der Asche der alten aufbauen. Kein Fortschritt mehr. Kein Konsum. Nur das Leben.“

Ty Tierwater ist eine literarische Figur. Der amerikanische Kultautor T.C. Boyle hat sich diese Figur ausgedacht, vor zwanzig Jahren, und in dem Roman „Ein Freund der Erde“ fabuliert, wie Umwelt-Krieger in die Schlacht ziehen – gegen die globale Erwärmung, gegen das Artensterben, gegen den Kapitalismus.

Science-Fiction? Es gibt Leute, die glauben, dass Öko-Terroristen wie Ty Tierwater demnächst nicht mehr bloß in Romanen für Krawall sorgen, sondern im richtigen Leben. Es gibt Leute, die glauben, dass sich das gesellschaftliche Klima aufheizt, weil die Mahnungen und Warnungen und Drohungen der Weltenretter immer hysterischer, immer aggressiver, immer verbissener wirken.

Wie kommt das, wo kommt das her? Das theoretische Fundament der Proteste findet sich in der Philosophie des zivilen Ungehorsams. Der Mensch sei nicht der Regierung, sondern seinem Gewissen verpflichtet, erklärte der radikale Poet Henry David Thoreau (1817-1862). „Wenn das Gesetz dich zum Arm des Unrechts macht, dann brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme.“ Sein Credo: Empört euch, wehrt euch!

Thoreaus Thesen haben Anarchopazifisten inspiriert, (gewaltlose) Widerstandskämpfer wie Gandhi und Martin Luther King, Hippies, Friedensbewegte – und die Klima-Aktivisten unserer Tage.

T.C. Boyle, der prophetische Schriftsteller, meint zu wissen, wie das Ganze ausgeht; sein sarkastischer Ausblick: „Die einzige Hoffnung für den Planeten ist, dass wir irgendwann aussterben.“ So weit ist es noch nicht. Fortsetzung folgt.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Dies ist ein freies Land, aber …

„Stück Scheiße“, „Drecksau“, „Geisteskranke“: Die Politikerin Renate Künast ist auf Facebook wüst beschimpft worden. Ein Gericht in Berlin hat geurteilt, sie müsse dies hinnehmen – ein fatales Signal.

Also gut. Ein anonymer Pöbelant meldet sich, wieder mal. Einer von diesen kaputten Typen, die ihre Wut, ihren Hass auf die Welt und die Politik und die Medien therapieren, indem sie wüste Beschimpfungen absondern. Hähä, frohlockt er diesmal, und ledert los: „Stück Scheiße“, hähä, „Drecksau“, hähä, „Geisteskranke“, hähä …

Der kaputte Typ kennt anscheinend das Skandalurteil des Berliner Landgerichts, gar nicht dumm, und macht einen auf Meinungsfreiheit.

Rückblende: Vor einer Woche hat die 27. Zivilkammer des Gerichts – eines der größten in Deutschland – höchst eigenwillig definiert, was man sagen darf und was nicht. Vorsicht, jetzt wird’s eklig: „Drecksfotze“, „hohle Nuss“, „Sondermüll“, „die Fresse polieren“, „Drecksau“, „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Geisteskranke“, „Knatter sie doch mal richtig durch, bis sie wieder normal wird!“

Beleidigungen? Verleumdungen? Nein, sagen die Richter, zulässige Meinungsäußerungen, sachliche Kritik, wenn auch haarscharf an der Grenzen des Hinnehmbaren (Aktenzeichen 27 AR 17/19). Wie bitte?!

Die Vorgeschichte beginnt mit einem Zwischenruf von Renate Künast bei einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus vor 33 Jahren; danach wird der Grünen-Politikerin unterstellt, sie unterstütze die Forderung, Sex mit Kindern nicht zu bestrafen (O-Ton: „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist“). Sie distanziert sich davon, widerspricht mehrmals. Vergeblich. Ein Autor der Zeitung Die Welt befasst sich 2015 mit den alten Vorwürfen. Die Folge: krasse Hass-Posts in Künasts Facebook-Account. Sie klagt – und verliert. Begründung der Richter: Die Kommentare seien sämtlich Reaktionen auf den Zwischenruf, es handele sich um Kritik in der Sache, nicht um Schmähungen der Person. Künast will das nicht auf sich beruhen lassen.

Meine Meinung: Der Richterspruch ist ein fatales Signal. Er bestärkt die ­anonymen Pöbelanten, die aggressiven Polarisierer. Sprache ist eine Waffe. Sprache ist Macht. Sprache bestimmt das Bewusstsein. Sprache beeinflusst das Denken. Aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entstehen Taten. Der Hass, der aus den (a)sozialen Netzwerken trieft, vergiftet die Gesellschaft. Dies ist ein freies Land, in dem jeder seine Meinung sagen darf – ein Grundpfeiler der Demokratie, nicht verhandelbar. Es geht nicht um das Was, es geht um das Wie, um Respekt, um Menschlichkeit, um Anstand. Nein, Hass ist keine akzeptable Haltung. Niemals.

P.S.: Mit Leserbriefen im Volksfreund halten wir es so: Jede Kritik, jede Meinung ist erlaubt, es gibt keine Tabus – aber wir achten darauf, dass sich niemand im Ton vergreift.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Süchtig nach guten Geschichten

Schöne Frauen, starke Männer. Drachen, Riesen, Zwerge, Hexen, Zauberer, Untote und all die anderen – was für eine Story!

Dieser Tage habe ich Post von einem Wissenschaftler aus Wien bekommen. Er beklagt, dass junge Leute, die ein Literaturstudium beginnen, als Motivation nicht mehr Goethe, Shakespeare oder zumindest Harry Potter nennen, sondern Serien auf Netflix (das ist ein Streaming-Dienst aus den Staaten). Und schlussfolgert: Kampf dem Kulturverlust! Eine Welt, in der mehr Menschen „How I Met Your Mother“ als zum Beispiel Franz Kafka kennen, sei keine gute Welt.

Ist das so? Wir wissen: Lesen macht schlau. Wer liest, weiß mehr. Wer liest, hat mehr Fantasie. Wer liest, ist kritischer. Alles richtig, alles wichtig. Was wir leicht übersehen: Der Mensch ist süchtig nach (guten) Geschichten, daran hat sich nichts geändert seit Anbeginn der Zeiten; was sich geändert hat und weiter ändern wird, ist die Technik des Erzählens, die Darreichungsform. Von den Mythen, die sich unsere Urahnen am Lagerfeuer in der afrikanischen Steppe ausdachten, zum gedruckten Buch, vom Theater der griechischen Antike zum Hollywood-Blockbuster, vom Bänkelsang zum YouTube-Kanal – im Grunde dreht es sich immer um dieselben Themen, dieselben Plots, dieselben Elemente und Effekte, vieltausendfach variiert.

Ein Beispiel: Game of Thrones, das Lied von Eis und Feuer. In seiner Fantasy-Saga, die grandios  als Serie verfilmt worden ist, verrührt der Schriftsteller George R.R. Martin unzählige Motive und Figuren aus den großen Erzählungen der Menschheit zu einem Meisterwerk. Macht. Geld. Sex. Liebe. Wahnsinn. Eifersucht. Vertrauen und Misstrauen. Treue und Untreue. Verzweiflung. Sehnsucht. Schuld und Sühne. Gewalt. Brutalität. Hass. Unterdrückung. Aufbegehren. Revolution. Ehre. Verrat. Rache. Vergebung. Wissen. Aufklärung. Glaube. Aberglaube. Angst. Tod.

Das Personal: schöne (meist schlaue) Frauen, starke (mitunter tumbe) Männer. Könige und Königinnen. Prinzen und Prinzessinnen. Helden und Schurken. Gute und Böse. Reiche und Arme. Starke und Schwache. Drachen, Riesen, Zwerge, Hexen, Zauberer, Untote.

Garniert mit Zitaten, etwa aus Filmen wie Star Wars, Mad Max, Lara Croft, Matrix oder Der Medicus. In der Schlussszene der finalen Staffel reitet Jon Snow, der sich opfert, um die Welt zu retten, wie einst John Wayne im Wilden Westen gen Sonnenuntergang (hier: in den Norden).

Besonders originell: die Sprache, ein Mix aus Altertümlichem („Ihr“, „Mylady“, „Ser“, „Lord“), Erfundenem und gewitzten, intelligenten Dialogen in moderner Diktion.

Game of Thrones macht süchtig, weil in der brillant erzählten Geschichte alles drin ist, was Menschen berührt. Anschauen! Anhören! Lesen!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Eine Nacht in Monte Carlo

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm … dieser Text, ich weiß, ich weiß, beginnt rätselhaft. Das ist Absicht.

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm ist seit bald tausendzweihundert Jahren tot und doch: allgegenwärtig. Eine Legende, der Mann. Ohne ihn sähe die Welt anders aus. Er hat uns gelehrt, eins und eins zusammenzählen. Und sein Name, na … warten Sie ab.

Zunächst ein Tipp für Glücksspieler. Wenn beim Roulette mehrmals hintereinander Schwarz gewonnen hat, muss die Kugel bald mal wieder auf Rot landen, oder? Nein, krasser Denkfehler! Es gibt dazu eine berühmte, oft kolportierte Anekdote aus dem Jahr 1913. Der Schriftsteller Florian Illies schildert sie so:

„Am 18. August geschieht im berühmten Spielcasino von Monte Carlo etwas Ungeheuerliches: Es fällt die Kugel am Roulettetisch 26 Mal hintereinander auf die Farbe Schwarz. Sehr viele Menschen im Frack verloren an diesem Abend sehr viel Geld, weil sie ab dem 16., 17., 18. Mal immer mehr Geld auf Rot setzten, in dem festen Glauben, dass es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nun einfach dran sei. Diese Nacht ging in die Geschichte der Spieltheorie ein als ,Gambler’s Fallacy’. Denn auch in der 26. Runde liegt, auch wenn es alle, die dabei sind, nicht glauben wollen, die Wahrscheinlichkeit, dass Rot kommt, genau bei 50 Prozent. Die Kugel hat kein Gedächtnis. Und es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel 26 Mal hintereinander auf Schwarz fällt, liegt trotzdem bei eins zu 136,8 Millionen.“ (Florian ­Illies: 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte)

Wir neigen dazu, das Unwahrscheinliche, den Zufall, falsch einzuschätzen – nicht nur beim Glücksspiel. Manche sagen, dass die Maschinen, die Computer, die Roboter uns das Denken (und die Fehler) mehr und mehr abnehmen. Womit wir bei Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm wären. Mathegenie, Universalgelehrter, Astronom, Geograph. Geboren um  780 in der entlegenen Oase Choresm in Zentralasien, lebte in Bagdad, starb zwischen 835 und 850. Wir verdanken ihm die arabischen Ziffern und ein Wort, entstanden aus seinem ins Lateinische übertragenen Namen: al-Chwarizm = Algorismi = Algorithmus. Meinte anfangs einfache Rechenverfahren, längst aber Prozesse, die künstliche Intelligenz steuern – und unser Leben umkrempeln.

Die Maschinen analysieren zum Beispiel, was Sie im Internet treiben. Was Sie anschauen, was Sie lesen, was Sie kaufen. Und entwickeln daraus neue Angebote, zugeschnitten auf das, was Sie interessiert oder zu interessieren scheint.

Alles programmierbar? Berechenbar? Vorhersehbar? Wie langweilig.

Ich liebe Überraschungen, Zufälle, ich freue mich, wenn das nicht Erwartete passiert!

Käme ein von Algorithmen gelenkter Schreibroboter etwa darauf, einen Text wie diesen zu fabrizieren?! Einen Text, in dem es um einen Rechenmeister aus Bagdad geht, eine unvergessliche Nacht in Monte Carlo und Thesen über das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche?! Ich schon. Von dem, was jetzt kommt, zu schweigen: mein Urlaub. Mehr Fragen und Antworten in vier Wochen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Es lebe die Republik!

Alles hat ein Ende … nur der deutsche Adel nicht.

Guten Tag. Habe ich etwas verpasst? Hundert Jahre verschlafen? Ich staune.

Neulich ist der Urenkel des Eisernen Kanzlers Otto von Bismarck gestorben: Ferdinand Herbord Ivar Graf von Bismarck-Schönhausen. Mein Beileid. War in den Nachrichten. Die Bunte weint: „Der Fürst ist tot.“ Der Focus bringt einen Nachruf auf „Fürst Ferdinand“. Der Spiegel weiß: „Standesgemäß wohnte der Fürst lange im Familienschloss.“ Und: „Als 1975 sein Vater starb, erbte er den Fürstentitel und ein großes Vermögen.“ Bild raunt: „Der Fürst fand seine letzte Ruhe neben seinem Urgroßvater.“ Und: „Die Königin des Jet-Sets … Gräfin Gunilla von Bismarck … flog aus Marbella ein.“ Auf volksfreund.de und zeit.de und welt.de finden sich trockene Agenturmeldungen: „Seit dem Tod des dritten Fürsten Otto von Bismarck stand Ferdinand von Bismarck an der Spitze der alten deutschen Familiendynastie.“ Und so weiter.

Noch einmal: Habe ich etwas verpasst? Hundert Jahre verschlafen? Es gibt keine Adligen in deutschen Landen! Es gibt keine Adelstitel! Es gibt keine Erbhöfe!

Abgeschafft! Im August 1919, mit der Weimarer Verfassung,  Artikel 109: „[…] Öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden. […]“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Keine Kaiser, keine Könige. Keine Fürsten, keine Grafen. Keine Hochwohlgeborenen, keine Durchlauchten. Die Adelsprädikate derer von und zu? In Deutschland x-beliebige Silben des bürgerlichen Namens. Zu bedeuten haben sie: nichts.

Ferdinand Herbord Ivar Graf von Bismarck-Schönhausen war kein Graf. Er war auch kein Fürst, obwohl er sich so nannte und nennen ließ, in Anlehnung an die Familientradition, heißt es. Juristisch jedoch zu bewerten wie ein Pseudonym oder Künstlername und „personenstandsrechtlich irrelevant“, sagt  das Bundesverwaltungsgericht.

Ich wiederhole: Vor exakt hundert Jahren hörte der Adel in Deutschland auf zu existieren, er verlor seine Titel und sämtliche Privilegien.

Und doch, irgendetwas macht kreuzbrave Republikaner anscheinend rattig, wenn die Nachfahren der Blaublüter techteln und mechteln, wenn sich in den Schlössern und Trutzburgen sagenhafte Herz-Schmerz-Geschichten zutragen oder wenn, wie in diesen Tagen, ein „Fürst“ das Zeitliche segnet.

Royale Volksbelustigung? Folklorestadl? Es dürstet das Publikum nach Pomp und Pathos, nach Glanz und Gloria. Warum bloß?

Tja, sagen die Forscher: ein Gegenentwurf zur Trübnis des Alltags; angesichts von so viel Durcheinander, so viel Wahnwitz, so viel Zukunftsangst in der globalisierten und digitalisierten Welt braucht es eine archaische Institution wie den Adel, die Sinn stiftet, Trost spendet, Orientierung liefert. Strahlend, glitzernd, abgehoben von der jämmerlichen Gegenwart, dem Chaos, den Krisen. Fluchtpunkt der Zu-kurz-Gekommenen. Märchenhaft. Träumen Sie weiter …

Ich sage: Vive la République!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die üblen Tricks der Rattenfänger

Raten Sie mal, von wem hier die Rede ist: Ein Mann wacht auf, er hört die Nachrichten und ist völlig verzweifelt, deprimiert über den „Verlust seiner Ideale, seiner Identität, seiner Vorstellung dessen, was dieses Land ist. Oder war. Dass seine Landsleute bereit waren, einen Rassisten, Faschisten, einen Gangster, einen eitlen Narzissten und Betrüger zu wählen. Einen Mann, der mit seinen Übergriffen auf Frauen prahlt, Behinderte verspottet, sich bei Diktatoren einschmeichelt. Einen überführten Lügner.“ Na, erkannt? Kleiner Tipp: Es geht nicht um den Mann, der aufwacht, sondern um den, über den er sich aufregt. Auflösung am Ende der Kolumne.

Nach dem grausigen Geschehen  auf dem Frankfurter Hauptbahnhof – ein kleiner Junge wird von einem Afrikaner vor einen Zug gestoßen und stirbt – habe ich Post bekommen. Ein Teil davon: der übliche anonyme Dreck. Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer, Hetze gegen Politiker („rotgrünbunte Volkszertreter“), Hetze gegen Medien („mit Ihrer Zeitung würde ich mir noch nicht einmal den Hintern abwischen“).

Ein Wutbürger fügt angeblich authentische Zitate bei, die beweisen, so seine Überzeugung, dass manche Politiker planen, „unser schönes Deutschland umzuvolken“. Zitate, die er im Internet entdeckt  hat, hundertfach, tausendfach verlinkt und geteilt, Zitate, die er und seinesgleichen immer wieder hervorkramen, um damit Stimmung zu machen – obwohl sie frei erfunden sind.

Beispiel: Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, soll nach der Silvesternacht 2015 gesagt haben: „Die Vorfälle am Kölner Bahnhof kann man als Hilferuf aller Flüchtlinge werten, weil sie sich von deutschen Frauen sexuell ausgegrenzt fühlen.“ Faktencheck: Das Zitat stammt nicht von Claudia Roth. Sondern von einem Troll namens Uwe Ostertag, der eimerweise Hass und Häme im Netz auskübelt („Provozieren, das ist wie ein Orgasmus“) und seine Stänkereien als Satire ausgibt. Das Problem: Viele Menschen fallen auf solchen Mist herein und verbreiten die Fakes als ihre „Wahrheit“ weiter – in Blogs, Videos, auf Internetseiten der sogenannten Gegenöffentlichkeit.

Die Masche ist immer dieselbe: Emotionen schüren, Gefühle, Instinkte, Vorurteile bedienen, pöbeln, verunglimpfen – das ist die Methode der Populisten und Rattenfänger. Der kleinen wie der großen. Typen wie Ostertag, Typen wie, nein, die Namen der AfD-Hetzer nenne ich jetzt nicht, Typen wie … John Dennison. Eine Romanfigur, so heißt der gewählte US-Präsident in „Jahre des Jägers“, dem aktuellen Bestseller von Don Winslow, aus dem ich eingangs zitiert habe. Gemeint ist, na klar: Donald Trump, König der Tatsachenverdreher, der jeden Tag Fake-News absetzt, der jeden Tag von Journalisten entlarvt wird – und sich nicht darum schert. Seine Anhänger finden ihn klasse. Wie eine Kopie wirkt Boris Johnson, neuerdings britischer Premierminister, noch so ein dreister Lügenbold.

Seit je gehört das Spiel mit Information und Desinformation zum politischen Geschäft, aber nie war es so einfach, die Meinung der Massen zu manipulieren. Die bittere Wahrheit: Das Netz ist eine Lügenmaschine.

Nachdenkliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schneller, Schnecke!

Der Mensch. Die Welt. Das Klima. Ein Blick aufs große Ganze.

Es sei gut und schön, darauf zu vertrauen, dass der Mensch sich aus der Klima-Krise herausmanövrieren werde, schreibt ein Leser im Nachgang zur Kolumne „Mal kurz die Welt retten? Hmm.“ (TV vom 20./21. Juli). Bloß wie? Ihm fehle die Fantasie, sich das vorzustellen, zu übel sei die Lage.

Nun ja. Lassen wir das Klein-Klein des Alltags für einen Moment hinter uns, schauen wir uns das Big Picture an, das große Ganze.

Hunderttausende von Jahren wetzte der Urmensch durch die Savanne. Und wetzte. Und wetzte. Irgendwann lernte er, das Feuer zu beherrschen, und das veränderte alles. Seither: Erfindungen und Entdeckungen, Entdeckungen und Erfindungen, immer mehr, immer schneller. Faustkeil. Rad. Ackerbau. Schrift. Schießpulver. Buchdruck. Penicillin. Dampfmaschine. Eisenbahn. Glühbirne. Telefon. Kühlschrank. Auto. Flugzeug. Computer. Weltraumrakete. Internet. Gentechnik. Künstliche Intelligenz.

Jetzt brauchen wir – dringend (!) – einen Plan, der verhindert, dass uns der Planet um die Ohren fliegt. Wir brauchen Ideen, wir brauchen Mut, wir brauchen Forschergeist.

Der Schriftsteller Ian McEwan hat in seinem Roman „Solar“ vor bald zehn Jahren eine spannende Vision entworfen. „Wir stehen vor einem Ozean der Träume, realistischer Träume, Wasserstoff aus Algen zu gewinnen, Flugzeugtreibstoff aus genetisch veränderten Mikroben, Strom aus Sonnenlicht, Wind, Gezeiten, Wellen, Zellulose, Hausmüll; wir werden Kohlendioxid aus der Luft filtern und zu Treibstoff machen, wir werden die Geheimnisse der Pflanzen aufdecken und nachahmen. Ein Außerirdischer, der auf unserem Planeten landet und sieht, welche Unmenge an Sonnenenergie auf ihn einwirkt, wäre überrascht zu erfahren, dass wir ein Energieproblem zu haben glauben, dass wir jemals auf die Idee kommen konnten, uns selbst zu vergiften, indem wir fossile Brennstoffe verbrauchen und Plutonium herstellen.“

McEwan bringt die Sache in wenigen Sätzen auf den Punkt, und deshalb zitiere ich ihn noch einmal – wie bereits vor bald zehn Jahren, und notfalls wieder, solange bis …

Der Fortschritt ist eine Schnecke, die gemächlich vorwärts kriecht. Das dauert. Und dauert. Und dauert. Alles in allem: Sie bewegt sich doch.

Bleiben Sie optimistisch!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Mal kurz die Welt retten? Hmm.

Die Deutschen und das Klima: gute Vorsätze, immerhin …

Pssst, schon gehört? Die fetten Jahre sind vorbei. Alle reden neuerdings davon. Die Vordenker, die Meinungsmacher und diejenigen, die sich für die Erziehungsberechtigten der Nation halten. Schluss mit der Völlerei, der Verschwendung. Askese ist angesagt. Nachhaltig leben. Einschränken. Achtsam sein. Die Welt retten. Gut so. Bloß wie?!

Irgendwo habe ich dieser Tage gelesen: Sind wir nicht alle Fridays for Future? Und, denglisch vermurkst: Make Germany Greta again. Na, dann fangen wir mal an. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) fasst den Stand der Dinge zusammen:

Was sagen die Umfragen? Drei von vier Erwachsenen sind bereit, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten. Fast zwei Drittel würden deutlich weniger Fleisch essen. Mehr als die Hälfte kann sich vorstellen, das Auto in Innenstädten stehen zu lassen (Quelle: Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov). Wow!

Und die Fakten? 23,5 Millionen Flugpassagiere im Inland 2018 sind nur ein mikroskopisches Minus (Quelle: Statistikamt). 60 Kilo Fleisch im Jahr pro Kopf – das ist üppig, Tendenz leicht steigend (Quelle: Agrarministerium). Und der Autoverkehr hat zwischen 1995 und 2017 um knapp 18 Prozent zugenommen (Quelle: Umweltbundesamt).

Mal kurz die Welt retten? Hmm.

Selbst wenn Millionen Deutsche sich von morgen an vegetarisch ernähren, mit dem Rad zur Arbeit fahren und nicht mehr fliegen, bringt das fürs Klima: leider wenig.

Wichtig jedoch: das Signal, die Botschaft an die Entscheider in Politik und Wirtschaft. Wir wollen so nicht weitermachen. Tut etwas! Wir tun auch etwas (haben zumindest vor, etwas zu tun)! Nicht jammern! Nicht verkriechen! Sondern: neu denken, groß denken – und handeln!

Unsere Erfahrung sagt: Wir schaffen das. Wir finden auf (fast alle) Fragen eine Antwort, wir finden für (fast alle) Probleme eine Lösung. Dafür gibt es Tausende und Abertausende Beispiele, seit unsere Ahnen von den Bäumen herabgestiegen sind.

Wann immer gewaltige Naturereignisse, unvorstellbare Kriege, fürchterliche Seuchen die Menschheit durchrütteln und in existenzielle Krisen stürzen, rappelt sich die bedrohte Spezies auf und reagiert: mit revolutionären Ideen, mit großartigen Entdeckungen, mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt. Freilich nicht, indem irgendwer einen Schalter umlegt und damit die Geschicke des Planeten korrigiert, und ganz bestimmt nicht ohne langwierige Auseinandersetzungen.

Zuallererst: Aufwachen! Raus aus der Komfortzone! Pack ma’s!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wo eins nur wichtig ist

Mosel! Musik! Festival! Es geht wieder los. Ich gehe hin – und denke über heimat/en nach:

Stöbern im Programm des Mosel Musikfestivals, das am Wochenende beginnt. Wunderbare Stimmen, wunderbare Orchester. Sänger und Musiker, die schon Stars sind, Sänger und Musiker, die womöglich demnächst Stars sein werden. Von der Mosel, vom Ende der Seidenstraße, vom Kap der Guten Hoffnung. Klassik und Jazz, Swing und Hip-Hop, Volkslieder. Fantastische Spielorte in der Region: Kirchen, Säle, Plätze, Weingüter,  Landhäuser. Und …

Ich freue mich darauf!

Das Stöbern im Programm (digital: www.moselmusikfestival.de) macht Laune. So viele Denkanstöße, so viele Querverbindungen, so viele Assoziationen. Manchmal genügt ein Wort wie: heimat/en. Das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz überstrahlt auch das Mosel Musikfestival: heimat/en. Singular und/oder Plural? Wen oder was trennt der Schrägstrich? Modisch kleingeschrieben, ein neues Verb?

Heimat, was ist das, was meint das? Für jeden etwas anderes. Land, Gegend, Haus, Zeit, Gefühl, Identität, Herkunft, Hinkunft, Heimweh, Sehnsucht, Verwurzelung, Entwurzelung … ein ambivalenter Begriff, positiv besetzt für die einen, vorgestrig-verschwiemelt für die anderen. Meine Lieblingsdefinition stammt von Udo Lindenberg: „Heimat ist einfach da, wo du Freunde hast, egal, wo du herkommst, wo eins nur wichtig ist: dass du ’n guter Kumpel bist“ (aus dem Song „Ali“ vom Album „Udopia“, 1981).

Vielleicht, liebe Leser, sehen wir uns bei dem einen oder anderen Konzert, in der/den heimat/en …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur