Und nur Idioten beschweren sich …

Nein, nein und nochmals nein. Ich höre Stimmen, die ich nicht ertrage. Stimmen von Menschen, die meinen, dass die Demokratie in der Corona-Krise „total versagt“, dass der Republik ein „starker Führer“ fehle, um die Pandemie zu besiegen, dass …

Leute, ich bekomme allergische Pusteln: ein bisschen Diktatur wagen? Niemals!

„Politik ist wie das Wetter: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber.“ Dieser Satz aus einem Roman von Juli Zeh will mir nicht aus dem Kopf. Leere Herzen  (2017 veröffentlicht) spielt im Dunkeldeutschland der nahen Zukunft, nach Flüchtlingskrise, Brexit und Trump, nach der zweiten Finanzkrise und dem rasanten Aufstieg der Besorgte-Bürger-Bewegung, die nun an der Macht ist. Die Menschen sind müde, politikmüde, erschöpft, manipuliert. Und: „Die Wahrheit ist, dass seit Jahren niemand mehr weiß, was er denken soll.“

Das schlappe Corona-Krisenmanagement der Regierung Merkel: ein Grund, nach dem „Führerstaat“ zu rufen? Oder, denglisch verbrämt: mehr „Leadership“ zu fordern?

Ja, es ist mitunter Murks. Ja, es ist bisweilen zum Verzweifeln. Ja, es dauert eine gefühlte Ewigkeit, uns aus der Grütze herauszuholen.

Manche Entscheidung ist daneben, die Kommunikation oft miserabel, es hakt, es klemmt, es könnte besser laufen, viel besser. Niemand ist vollkommen. Die Demokratie ist halt, um ein Bonmot von Churchill aufzugreifen, „die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Und die Menschheit hat etliches ausprobiert, seit Platon vor zweieinhalb Jahrtausenden die Politeia verfasst hat, das Ur-Konzept der politischen Philosophie. Diverse Spielarten von Monarchie und Demokratie, Ismen ohne Ende. Absolutismus, Imperialismus, Totalitarismus, Kommunismus, Nationalsozialismus …, in neuerer Zeit: Putinismus, Trumpismus, Merkelismus.

Die Demokratie lässt die Wahl: mitmachen oder meckern, zuschauen oder wegsehen.

Die Diktatur lässt keine Wahl: mitmachen – und wehe, es regt sich jemand darüber auf, so was mögen autoritäre Herrscher gar nicht.

Demokratie bedeutet: Freiheit.

Diktatur bedeutet: immerwährender Lockdown.

Ich bin so frei: Politik passiert, wie das Wetter, wir können zuschauen, aber wir müssen nicht – in der Demokratie hat jeder die Chance, sich einzubringen, sich einzumischen, sich zu engagieren. Auf geht’s!

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Alphamann sucht Rassefrau …

In der schönen Osterzeit / wenn die frommen Bäckersleut‘, / viele süße Zuckersachen / backen und zurechtemachen/ wünschten Max und Moritz auch / sich so etwas zum Gebrauch …

Immer wieder gut: Wilhelm Busch, der Dichter und Zeichner, ein Meister des (tiefsinnigen) Humors. Mag ich. Worüber lachen Sie, liebe Leserin, lieber Leser? Haben Sie heute schon gelacht? Gelächelt zumindest? Ein ganz klein wenig nur? Na?

Lachen macht glücklich. Lachen macht sexy. Lachen ist die beste Medizin. Sagt Benjamin Blümchen, der sprechende Elefant. Und die Wissenschaft bestätigt es, die Zunft der Gelotologen (Lach-Forscher). Mit einem kurzen Ha-ha ist es nicht getan. Erst intensives, wiederholtes Lachen wirkt. Je länger und je öfter, desto besser.

Der Duden definiert trocken: „Humor: die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen.“

Wenn mir der Schalk im Nacken sitzt, wenn ich frischen Lach-Stoff brauche, lese ich ab und zu … Kleinanzeigen: Kennenlernen, Freundschaft, Heiraten, Partnergedöns. Wer mit wem anbandeln will, und wie, und warum. Nicht dieses neumodische Zeugs, Parshippen, Tindern, Ghosting oder womit Krethi und Plethi sich denglisch-digital auf Dating-Portalen verlustieren. Sondern, natürlich, die Königsklasse. Zu finden etwa in aufgeklärten Intellektuellen-Blättern wie der Zeit:

„Ein Alphamann der Superlative, 56 Jahre – 186 cm, ungemein attraktiv. Sehr erfolgreich und vermögend, er liebt schnelle Autos, Wellness, Reisen. Seine Domizile erstrecken sich über die ganze Welt. Ob Hamburg, Kitzbühel oder Florida, er ist überall zu Hause. Er weiß was er will, kann sich durchsetzen u. hat das Sagen. Zu seiner Frau wird er zärtlich u. großzügig sein. […] Nutzen Sie diese einmalige Chance. Männer dieser Art gibt es nicht wie Sand am Meer.“

Ernsthaft?! Alphamann, ha! Superlativ, he! Weltformat, ho!

Weil ich Feminist bin, beömmele ich mich – selbstverständlich geschlechtergerecht – auch über schmachtende „Rassefrauen“: alle mit „Model-Maßen“, „von 18 bis 88“, „fantastisch aussehend“, „umwerfend schön“, „naturblond“, „bezaubernd“, „intelligent“, „charmant“, „charismatisch“, „finanziell unabhängig“, „aus bestem Hause“, „aus alter Unternehmer-Dynastie“, „aus uraltem Adel“. Hallelujah!

Frohe Ostern, bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Kafkaeske Momente

Franz Kafka, einer wie keiner. Ich lese Franz Kafka, was sonst?! Weil – mir ist so komisch zumute, so blümerant, so … kafkaesk.

Ein Jahr Corona. Ein Jahr hin und her, auf und zu, hü und hott. Mal so, mal so. All die Gesetze und Verordnungen, die Gebote und Verbote, die Presse-Statements und Maßnahmen-Kataloge. Und dann doch wieder anders.

Puh! Ich lese lieber gleich das Original. Frank Kafka: Der Prozess. Einer der wichtigsten Romane der Moderne. Hundert Jahre alt, superaktuell.

Eine groteske, düstere Story. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So geht es los. Eine mysteriöse Behörde, die niemals irrt, greift in den Alltag des biederen Bank-Prokuristen Josef K. ein, nimmt ihn fest, den Grund erfährt er nicht, er bekommt keine Auskunft, es gibt keine Anklage, die Verhandlung ist eine Farce, er wird in einen Strudel unwirklicher Ereignisse hineingezogen, gefangen im Labyrinth der Bürokratie – und am Ende hingerichtet. Ohne zu wissen warum, schuldlos schuldig.

Kafkas Grundstimmung, in allen seinen Werken, nicht nur im Prozess: die Hilflosigkeit des Individuums im Ringen mit unheimlichen Mächten.

Jahrzehnte nach dem Tod des Autors (1883-1924) ist das Adjektiv „kafkaesk“ populär geworden. Es kennzeichnet seinen Stil, und es ist längst ein Synonym für das Gefühl der Ungewissheit, Angst, Unsicherheit, des Ausgeliefertseins und der Ausweglosigkeit, für die Ahnung einer Bedrohung, die sich nicht greifen lässt, für alptraumhafte, irrsinnige Situationen.

Die kafkaesken Momente in der  Corona-Zeit häufen sich. Gerade hat die Bundeskanzlerin um Verzeihung für ihr missratenes Krisen-Management gebeten. Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer …

Was lernen wir? Dass es mühsam ist zu lernen. Äußerst mühsam. Versuch und Irrtum, immer wieder. Fehler sind menschlich, Fehler passieren, seit Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis genascht haben.

Wir hören nicht auf zu lernen, und das ist gut so. Denn die Corona-Pandemie, die uns in Atem hält und für Verdruss sorgt, ist bloß ein Trainingslager, das uns vorbereitet auf viel heftigere Herausforderungen, die auf uns einstürzen – zum Beispiel: der Klimawandel. Um den einigermaßen zu meistern, braucht es mehr als absurdes Polit-Theater.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Was es bedeutet, Mensch zu sein

Corona-Daten, tagein, tagaus. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Für sich genommen: nichtssagend. Viel besser: anschaulich erzählen – das ist der Weg, um Menschen zu erreichen.

Tutanchamun. Ich wette, dass bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, jetzt das Kopfkino anläuft. Tutanchamun, der Name genügt. Film ab: Der Pharao. Die fabulöse Goldmaske. Ägypten. Die Pyramiden, der Nil. Prunk und Pracht. Die abenteuerliche Entdeckung der Grabkammer. Die Mumie. Die Mythen. All das.

Hätte ich eingangs geschrieben: Es geht um einen König der 18. Dynastie (Neues Reich), der von 1332 bis 1323 vor Christus in Ägypten regierte … wäre bei Ihnen wohl kein Kopfkino angelaufen, kein Film.

Zahlen sind abstrakt, Zahlen sind schwierig zu merken, Zahlen erzählen (meist) keine Geschichten. Wir erleben das gerade massiv. Inzidenzwerte und so, Corona-Daten, die tagein, tagaus auf uns einprasseln. Für sich genommen: nichtssagend.

Menschen interessieren sich für Menschen und ihre Geschichten. Wir erzählen uns Geschichten, seit die Altvorderen von den Bäumen herabgestiegen sind. Wir erschließen uns die Welt, indem wir von ihr erzählen, wir überliefern Wissen, Erfahrungen in Geschichten. Bildhaft und anschaulich erzählen: Das ist die beste Methode, der beste Weg, um Informationen zu teilen, darauf sind unsere Gehirne programmiert – und das hat unserer Spezies, sagt die Wissenschaft, in der Evolution einen Vorteil verschafft. Was wir denken, was wir fühlen, was wir träumen, es sind Geschichten. Geschichten über Leben und Sterben, Angst und Zuversicht, Sehnsucht, Freude, Mitleid, Liebe, Traurigkeit, Verzweiflung …

„Weil Geschichten den Ereignissen eine Bedeutung verleihen. Weil ohne Bedeutung alles sinnlos ist. Weil, wenn man der alltäglichen Beliebigkeit keine Geschichten abgewinnt, man die Hoffnung aufgeben muss, überhaupt je etwas zu begreifen“, schreibt der gefeierte niederländische Schriftsteller Ilja Leonard Pfeijffer in seinem Roman Grand Hotel Europa. Und weiter: „Müsste man Kultur definieren, dann könnte man sie als das kollektive Gedächtnis aller Geschichten bezeichnen. Geschichten, die definieren, wer wir sind und was es bedeutet, Mensch zu sein. An dem Tag, wo wir aufhören, uns Geschichten zu erzählen, zerbröselt alle Empathie, zerfällt der gemeinschaftliche Zusammenhalt, den wir Gesellschaft nennen, und sind wir nur noch Figuren einer postapokalyptischen Dystopie.“

Wunderbar erklärt.

Sie fragen sich, was Tutanchamun mit all dem zu tun hat? Nichts. Ich wollte bloß Ihre Neugier wecken, um das Thema dieser Kolumne anzureißen, und der Pharao kam mir als erster in den Sinn …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Das N-Wort? Oh je, weg mit dem Kerl!

So. Zeit für eine Provokation. Der Begriff „Rasse“ wird aus dem Grundgesetz gestrichen, hat die Groko in Berlin dieser Tage beschlossen. Künftig soll in Artikel 3 der Verfassung stattdessen ein Verbot von Diskriminierung „aus rassistischen Gründen“ stehen. Das ist okay. Es gibt – biologisch, genetisch – keine unterschiedlichen Rassen. Wir sind Menschen. Weiße, Braune, Schwarze, Gelbe, Grüne, Blaue. Es gibt aber Rassismus, und der verschwindet nicht einfach, wenn ein politisch nicht korrektes Wort weg ist. Also ist darüber zu sprechen, zu schreiben, zu streiten.

Darf ich das? Über Rassismus sprechen, schreiben, streiten? Mal weg von der Jetztzeit. Sagen wir, über Rassismus in der Literatur. Zum Beispiel bei Jack London (1876-1916), Abenteuerschriftsteller und Journalist, zu Lebzeiten der erfolgreichste Autor der Welt.

Eine Passage aus seiner Südsee-Erzählung „Ein Sohn der Sonne“ (1912), Zitat Anfang: „Vorn an Deck waren ein Dutzend Schwarze eifrig beschäftigt, die Teakholzreling abzuschrubben. Sie benahmen sich dabei so ungeschickt wie Affen. Tatsächlich erinnerten sie stark an Affen von irgendeiner prähistorischen Art. In ihren Augen lag die jammervolle Kläglichkeit des Affen, ihre Gesichter waren sogar noch unsymmetrischer, und mit ihren unbehaarten Körpern wirkten sie noch nackter als Affen, denn sie waren gänzlich unbekleidet.“ Zitat Ende.

Pfui, Mr. London! Übelst rassistisch!

Das ist meine Meinung. Darf ich dazu eine Meinung haben? Manche sagen: Nein, dir fehlt die Betroffenheitsperspektive, du bist keine POC (Person of Color), du wirst nicht wegen deiner Hautfarbe unterdrückt, du hast  keine Ahnung und gefälligst zu schweigen. Und: Nein, du darfst es nicht einmal zitieren. Cancel Culture – das Denken, das Vokabular des Herrenmenschentums gehört aus der Kulturgeschichte getilgt.

Hmm. Es ist nicht erlaubt zu kritisieren, dass Jack London in seinen Texten oft das Wort – Achtung, ich zitiere wieder – „Nigger“ verwendet hat? Wohin führt das? Was ist das für ein Kulturkampf, der über die Sprache ausgefochten wird?

Krasse Auswüchse der Identitätspolitik sind gegenwärtig in den Vereinigten Staaten zu besichtigen. Donald McNeil, ein bis dato angesehener Wissenschaftsjournalist, musste die liberale (!) New York Times nach 45 Jahren (!) verlassen, weil er das N-Wort zitiert (!) hat. Nicht in der Zeitung, sondern in einer privaten Runde. Der Mann ist offensichtlich kein Rassist. Er hat mit jungen Leuten über Rassismus diskutiert. Und das getan, was ich mit dem Beispiel aus der Literatur getan habe: das N-Wort zitiert.

Merke: Bestimmte Sachen sagst du besser nicht, sonst dräut, mindestens, ein Shitstorm. Das läuft auf Selbstzensur hinaus. Was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Mühle auf, Mühle zu

Es ist ein uraltes Spiel: Mühle. Kennen Sie, oder? Ein Brett, zwei Spieler, jeder neun Steine, die abwechselnd gelegt werden. Ziel: Drei Steine in eine Reihe bringen, Mühle zu, dem Gegner einen Stein wegnehmen, noch eine Mühle bauen, ziehen, springen, Mühle auf, Mühle zu, Steine stibitzen, bis der andere nur noch zwei hat – gewonnen!

Ein zufallsfreies Spiel, heißt es. Beide Spieler verfügen stets über die gleichen Informationen. Wer einen Fehler macht, verliert. Macht keiner einen Fehler, endet das Spiel unentschieden. Es gibt neun Milliarden mögliche Stellungen ohne Zugwiederholungen und 128 Milliarden mit Zugwiederholungen, haben Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich errechnet. Also nicht sonderlich komplex (im Vergleich zu Schach, beispielsweise).

Die besondere Situation: Zwickmühle – fünf Steine, die eine Doppelmühle bilden; öffnet und schließt sich mit jedem Zug, und jedesmal verliert der Gegner einen Stein.

Die Zwickmühle ist im übertragenen Sinn ein Synonym für eine ausweglose Situation, für ein Dilemma. Du hast zwei Möglichkeiten, dich zu entscheiden – beide führen zu einem unerwünschten Ergebnis.

Womit wir, lange Einleitung, ich weiß, beim Thema sind: dem Spiel mit den Nachrichten und der ewigen Zwickmühle. Berichtest du? Berichtest du nicht? Bedenke die Wirkung!

Wieder ein irres Rennen auf einer Straße irgendwo in der Region. Du berichtest. Am nächsten Tag das nächste Rennen, „illegal“, erklärt die Polizei. Du berichtest wieder. Das mulmige Gefühl: mehr Berichte, mehr Nachahmer. Mühle auf, Mühle zu.

Wieder eine Demo von Corona-Leugnern … mehr Aufmerksamkeit, mehr Zulauf. Mühle auf, Mühle zu.

Wieder marschieren die Nazis, Fackelzug, rechte Parolen … wieder verzapft einer Verschwörungserzählungen … wieder richtet ein durchgeknallter Attentäter ein Massaker an. Mühle auf, Mühle zu.

Berichten? Das ist der Job, die Aufgabe von Journalisten. Sagen, was ist, Neuigkeiten aufspüren, Antworten suchen auf die relevanten Fragen der Zeit und so. Machen wir die Raser, die Verirrten und Verwirrten, die Rechten mit jedem Bericht bekannter, sogar: populärer? Wahrscheinlich – das ist ja das Paradoxe, die Zwickmühle.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Was für ein Affentheater!

Merkwürdig, wie schnell ein Wort, kaum ausgesprochen, zum Markenzeichen, zum Spitznamen eines Menschen wird. Plötzlich klebt es an dir wie Kaugummi, du wirst es nicht mehr los.

In der Politik gibt es hübsche Beispiele, mal witzig, mal geistreich, mal wenig schmeichelhaft. Kleine Kanzlerkunde: „Mutti“ Merkel (früher: „das Mädchen“, international: „Madame No“), „Genosse der Bosse“ und „Brioni-Kanzler“ Schröder, „Birne“ Kohl (auch: „Schwarzer Riese“, später: „Bimbes-Kanzler“), „Schmidt-Schnauze“, Willy „Wolke“ Brandt (wegen seines Hangs zu Visionen), „Häuptling Silberzunge“ (der beredte Kurt-Georg Kiesinger), „Vater des Wirtschaftswunders“ (Ludwig Erhard), „der Alte“ (Konrad Adenauer).

Einer, der im Herbst gern Kanzler werden möchte, schleppt altmodisches Kriegsgerät im Spitznamen-Gepäck mit sich herum: Bundesfinanzminister Olaf Scholz, der vor einem Jahr verkündete, dass er das Coronavirus mit der Bazooka wegballern will – mit Wumms!

Eine starke Metapher; der SPD-Mann hat sie gewählt, um sein Image aufzupolieren: Seht her, ich bin nicht der unterkühlte „Scholzomat“, für den ihr mich haltet, sondern ein zupackender Krisenmanager!

Die Bazooka also: ein tragbares Gerät zum Abschießen von Raketen kleinen Kalibers, eine rückstoßfreie Panzerabwehrwaffe, während des Zweiten Weltkriegs entwickelt von US-Streitkräften, die das Teil so tauften, weil es dem posaunenartigen Musikinstrument des US-Komikers Bob Burns ähnelte.

Ein simples Rohr, benannt nach einem Spaßvogel? Hmm. Die Bazooka-Metapher signalisiert „durchschlagende Wirkung“, heißt es. Der Fußballtrainer Jürgen Klopp hat sie verwendet, der ehemalige Euro-Manager Draghi und andere.

Hängt irgendwie schief, dieses Bild. Und wenn Olaf „Bazooka“ Scholz darauf vertraut haben sollte, dass die Waffe rückstoßfrei ist, irrte er. Konkurrenten und Kommentatoren lästern: Steinschleuder ohne Stein, Wasserpistole, Ladehemmung, keine Munition, Rohrkrepierer, Platzpatronen, kein Wumms, nur ein Wümmschen, aus Pappmaché, piff, paff!

Der Ober-Grüne Robert Habeck, auch er ein Kandidat fürs Kanzleramt, wies neulich in einer Talkshow darauf hin, dass die Bazooka ja eigentlich ein kümmerliches Ding sei. Und dass er selbst sich nie wie Olaf Scholz hinstellen würde, um Wumms-Reden zu halten – wie ein Orang-Utan, der sich auf die Brust trommelt, sagte Habeck. Moment mal, noch so eine schiefe Metapher. Orang-Utans trommeln nicht, sie brüllen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die mit der Ich-bin-der-Größte-Geste sind die Gorillas …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Fluch des Wissens

Und es bleibt: schwierig. Kommunikation. Sie wissen schon: Sender sendet Nachricht, Empfänger empfängt Nachricht – und interpretiert sie.

In der Theorie: so leicht. Im richtigen Leben: so kompliziert. Es kommt darauf an, wer etwas sagt, warum, zu wem und wie, es kommt auf die Absicht an, den Zusammenhang, die Vorgeschichte, es kommt auf den Adressaten und seine Erwartungshaltung an. Gemeint ist nicht gesagt, gesagt ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden …

Das Verrückte: Wir wissen, dass und warum Kommunikation so oft schiefgeht, und verheddern uns doch immer wieder in der Sprachfalle. Ein Beispiel, von Wissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart untersucht: die Kommunikation der Bundesregierung in Sachen Corona. Die Analyse von exakt 1362 Pressemitteilungen (Zeitraum März 2020 bis Januar 2021) zeigt, was Wortungetüme, Bandwurmsätze, nicht erklärte Fremdwörter und Fachbegriffe anrichten – die Menschen verstehen es nicht  oder verstehen es falsch.

„Informationen zur Corona-Pandemie und zu den staatlichen Schutzmaßnahmen sollten besonders verständlich sein. Sie sind es aber nicht“, meint der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider.

Was soll der Laie anfangen mit solchen Monstern: Corona Matching Fazilität, Corona-Hackathon, Point-of-Care-Antigentest, Coronavirus Digital Content Hub, Letalität, Stratifikation, Containment Scouts, „coparion“ Liquiditätshilfen, Provenienzforschung, Corona Audio Campaign, Corona-Toolbox …

Oder mit Wortzusammensetzungen wie: WissZeitVG-Befristungsdauer-Verlängerungs-Verordnung, Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz, Vereinfachter-Zugang-Verlängerungsverordnung, Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz, Luftverkehrsteuer-Absenkungsverordnung, lebensmittelkennzeichnungsrechtlich, First-In-First-Out-Abverkaufs-Prinzip …

Grausliges Verwaltungsdeutsch!

Woran hapert es? Die Experten, ob Wissenschaft oder Verwaltung, verstehen ihren eigenen Jargon, klar, vergessen aber zu übersetzen (oder sind zu bequem oder haben keine Zeit oder keine Lust) – der Fluch des Wissens.

Kommunikation ist das, was ankommt. Wenn nichts ankommt (oder nur Bruchstücke), liegt es womöglich daran, dass die Botschaft nicht zu verstehen ist.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Tschüss, Hipster! Willkommen, Woke!

Na, so was! Der Bart ist ab, die Hipster verkrümeln sich. Ende einer Epochenfigur. Habe ich in der Zeit gelesen, und die muss es ja wissen.

Tschüss, Hipster! Macht es gut, ihr Männer mit Nerd-Brille im Holzfällerhemd, die sich mit Craft Beer auskennen, die sich bemühen, anders zu sein, schneller zu sein als die Schlafmützen, Retro und Avantgarde zugleich, ihre Bibel: der Manufactum-Katalog – selbst die Axt muss handgeschmiedet sein. Macht es gut, ihr Frauen mit Pony und Wollmütze, die in High Waist Jeans und Oversize-Sonnenbrille zum Joga-Kurs radeln – und ein bisschen aussehen, als kämen sie gerade frisch vom Koksen aus der Warhol-Factory. Tschüss, Hipster!

Jetzt kommt die Generation Woke, meint Zeit-Autor Ijoma Mangold. Junge Leute, „erwacht, aufgewacht“ (englisch: woke) und engagiert: gegen Diskriminierung und Rassismus, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, gegen die Zerstörung der Umwelt und des Klimas; sie sehen sich als People of Color, als Trans*Person, als queer – und zwar spaßfrei, ironiefrei. Die Lage ist ernst, Schluss mit lustig.

Okay, stopfe ich meine Holzfällerhemden halt in den Altkleider-Container und gebe den Manufactum-Katalog in die Altpapiertonne. War eh nur Tarnung. Ich bin Generation Boomer, das Etikett werde ich nicht los, weil: geboren in den Sechzigern, angeblich privilegiert, weil: ein Mann, angeblich unsagbar mächtig, weil: ein Mann. Das perfekte Feindbild. Stimmt, ich habe das Privileg und die Macht, freche Kolumnen zu schreiben, ha!

Wacht auf, Verdammte dieser Erde! Ich finde es anstrengend, dass  sich ständig irgendwer daran macht, Menschen in immer neue Schubladen zu stecken. Die Generation Woke also. Nicht lange her, da war die Rede von der Generation Greta. Von der Generation Fridays-for-Future. Von der Generation Angst. Von der Generation Krise. Von der Generation What. Davor waren es: Generation X. Generation Y. Generation Z (auch verspottet als Generation Schneeflocke). Nicht zu vergessen: die Yuppies (Young Urban Professionals = karrieregeile Aufsteiger), die Dinks (Double Income, No Kids = doppeltes Einkommen, keine Kinder) und immer noch die Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability = Leute, die ihren Lebensstil auf Gesundheit und Nachhaltigkeit ausrichten), dazu die Skippies und die Woopies …

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Freiheit, Gleichheit und *lichkeit

Ach, diese Aufregung über das Sternchen, über gender­gerechte Sprache und so! Finde ich gut! Echt jetzt? Klar, weil: Sprache bestimmt das Bewusstsein, Sprache formt das Denken, aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entsteht Handeln, entsteht Tun, entsteht unsere Vorstellung von Welt und Raum und Zeit, und wenn wir vorankommen wollen mit der Gleichberechtigung, muss das rein in die Köpfe.

Gut also, dass es immer mehr Versuche gibt, die deutsche Sprache politisch korrekt zu polieren. Und dass es Texte gibt, in denen es vor Gendersternchen wimmelt, etwa der neulich im Magazin der Süddeutschen Zeitung über Hengameh Yaghoobifarah, die* „junge, queere, muslimisch sozialisierte und sich als non-binär identifizierende Journalist*in“, die* im vergangenen Jahr mit einer Kolumne unter der Überschrift „All cops are berufsunfähig“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. „Sie* sagt oft ‚nice’ und ‚cute’, redet ziemlich leise, lacht dafür aber laut und viel. Sie* wirkt selbstbewusst und zugleich schüchtern. […] Hat sie* etwas gesagt, macht sie* einen Punkt und hält mit gerecktem Kinn die Stille aus, die sich zwischen ihr* und ihrem* Gegenüber manchmal ausbreitet.“ Erklärung der Redaktion: „Weil es im Deutschen bisher kein geschlechtsneutrales Pronomen gibt, signalisiert dies der Stern hinter sie* und ihr*.“

Puh! Ich habe die * in dem langen, langen Text nicht gezählt; es sind viele, und es ist anstrengend, dranzubleiben, es macht keinen Spaß, das zu lesen.

Aber wat mutt, dat mutt, sage ich als Kämpfer für Freiheit, Gleichheit und Brüder…, ähm, Schwester…, Tschuldigung: *lichkeit.

Als Kämpfer für Klarheit und Wahrheit in der Kommunikation sage ich dagegen: Oh je, wenn wir das durchziehen, wird es immer schwieriger, Texte zu verstehen.

Einigkeit und Recht und Freiheit, für das deutsche Vater…, ähm, Mutter…, Tschuldigung: *land. Danach lasst uns alle streben, brüder…, ähm, schwester…, Tschuldigung: *lich mit Herz und Hand …

Das holpert, die Nationalhymne funzt nicht mit Sternchen. Genderhinweis: Aus Gründen der besseren Singbarkeit wird auf eine geschlechtsneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung. Hmm.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur