Henne oder Ei, Ei oder Henne

Ei, ei, ei … ein bisschen Philosophie. Was war zuerst da: die Henne oder das Ei? An der Frage haben sich große Denker abgearbeitet – vergeblich. Es gibt keine Antwort.

Das Henne-Ei-Problem ist eine Metapher und begegnet uns ständig im Alltag, immer wenn wir über Kausalzusammenhänge grübeln und nicht sicher sind, was Ursache ist und was Wirkung.

Oft scheint die Sache ja eindeutig zu sein.

Zum Beispiel: Ein gefährliches Virus (Ursache) macht Menschen krank, manche sterben (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Weil das Virus so gefährlich ist und Menschen so krank macht, dass manche sterben (Ursache), interessiert sich die gesamte Menschheit dafür (Wirkung). Eindeutig.

Oder: Ärzte und Pfleger kümmern sich um die Kranken (Ursache), viele werden wieder gesund (Wirkung). Eindeutig.

Etwas komplizierter: Das Virus macht Menschen krank (Ursache), verängstigt und verunsichert sie (Wirkung eins), die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, schließen die Grenzen, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Wirkung zwei).

Umgekehrt: Die Politiker sperren Schulen und Fabriken und Kneipen zu und die Menschen zu Hause ein, machen die Grenzen dicht, verordnen Maskenpflicht, soziale Distanz und Quarantäne (Ursache), es erkranken weniger Menschen am Virus als von den Wissenschaftlern prognostiziert (Wirkung eins, positiv), die rigorosen Einschränkungen verstärken jedoch das Gefühl der Unsicherheit und Angst (Wirkung zwei, negativ).

Besonders kompliziert: die Rolle der Vermittler von Informationen, die Rolle der Medien. Virus, Tod,  Krise, Panik, Warnungen, Mahnungen, Spekulationen … dominieren die Nachrichten, Tag und Nacht, auf allen Kanälen, in den alten und den neuen Medien (Ursache), wer die Zeitung aufschlägt, das Netz durchstöbert oder den Fernseher einschaltet, hat das Gefühl, die Pandemie sei das wichtigste und bedeutendste Thema aller Zeiten (Wirkung).

Ist das so, oder meinen wir das nur, weil uns pausenlos Corona-News umschwirren? Was ist Ursache, was ist Wirkung? Was war zuerst da, im medialen, ähm, Hühnerstall: das Ei oder die gackernde Henne?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ach, diese Hütchenspieler

Mannomann! Es ist nur eine dieser Umfragen, aber es passt in den Trend, und es ist … Mannomann!

Also: Im Auftrag des Centrums für Strategie und Höhere Führung hat das Institut für Demoskopie Allensbach zwischen dem 6. und 14. Mai repräsentativ 1013 Deutsche über 16 Jahren gefragt: „Man hört ja manchmal Meinungen, dass es bei den Maßnahmen gegen die Corona-Krise um etwas ganz anderes geht als das, was Politik und Medien sagen. Ist da Ihrer Meinung nach etwas dran, oder ist das Ihrer Meinung nach ein unbegründeter Verdacht?“

Das Ergebnis: 56 Prozent: unbegründeter Verdacht; 27 Prozent: ist etwas dran; 17 Prozent: unentschieden.

Zusatz-Auswertung: Anteile der  Wähler dieser Parteien, die meinen, dass etwas dran ist: AfD 76 Prozent, Linke 29 Prozent, CDU/CSU 22 Prozent, Grüne 20 Prozent, FDP 20 Prozent, SPD 8 Prozent.

Noch einmal: Ein Viertel der Deutschen ist offenbar anfällig für Verschwörungstheorien, und von den Anhängern der AfD die überwältigende Mehrheit.

Mannomann!

Ursachenforschung. Das Geschäft mit der Angst vor Krankheit, Tod und Ungewissheit ist so alt ist wie die Menschheit. Gerade brummt es mal wieder. Krise! Jeder will wissen, was ist und was wird, keiner weiß es – auch wenn manche so tun, als ob.

Es gab sie zu allen Zeiten, die Führer und Verführer, die Heiler und Hellseher, die Sterndeuter und Spökenkieker, die Scharlatane und Schamanen. Sie bedienen Ur-Instinkte, loten die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche aus.

Immer mittenmang: die Verschwörungsschwurbler. Nie zuvor hatten sie es so leicht, die Leute zu locken – weil nahezu jeder Erdling „empfangsbereit“ ist, über Social Media.

Dunnemals gaukelten sie auf den Marktplätzen, raunten Prophezeiungen, kritzelten Visionen auf Pergament – kaum jemand bekam etwas davon mit.

In der digitalisierten Welt verbreitet sich alles viral und schneller, als ich Blaubeerkuchen sagen kann.

Es braucht bloß irgendeinen Hansel, einen Influencer, der im Netz an die „selbst denkenden“ Menschen appelliert, sie sollten Aluhüte basteln und aufsetzen, damit die Bösen ihnen nicht ins Hirn kriechen … prompt stürmen die Dummerchen los, tun, wie ihnen geheißen und führen ihre Aluhüte stolz bei der nächsten Hygiene-Demo vor.

Mannomann!

Wir sind noch nicht durch mit dem Thema. Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Xavier, Sido, Attila und die anderen

Breaking News +++ gefährliches Virus entdeckt +++ Forscher: Es handelt sich um eine extreme Form von Dummheit +++ sehr ansteckend +++ ausgelöst von Verschwörungsschwurblern +++ Pandemie droht +++ kein Impfstoff +++ Breaking News

Und wenn es doch stimmt … da ist etwas im Gange, ganz sicher … immer mehr Beweise, das Netz ist voll davon … und die Stars, Xavier Naidoo und so, die haben Beziehungen und kriegen ganz andere Informationen …

Seufz! Stöhn! Ächz! War ja klar. Die Verschwörungsschwurbler krabbeln aus ihren Kellern, in Scharen. Sie haben bloß auf die neueste Krise gewartet. Corona! Endlich mal was anderes als die ollen Geschichten über Brunnenvergifter, Hexen, die Mondlandung, JFK, Elvis, die Aliens, Chemtrails, den Großen Austausch, die Abschaffung der Demokratie …

Corona! Was es mit dem Virus wirklich auf sich hat? Frag die Verschwörungsschwurbler, die wissen es. Und infizieren Tausende, Zehntausende, Hunderttausende mit ihren Erzählungen, verbreitet über YouTube und Facebook und Telegram. Erzählungen von der Corona-Diktatur, vom asymmetrischen Krieg der Superreichen (Bill Gates!) gegen die restlichen 99 Prozent der Menschheit, von biologischen Waffen, vom Mobilfunknetz 5G, das Corona überträgt, vom Rothschild-Komplott.

Die Masche ist immer dieselbe: Es gibt die Bösen, sie wollen die Welt zerstören, und es gibt die Guten, sie sehen die Wahrheit und erkennen, wie es wirklich läuft. Neben den üblichen Verdächtigen mischen Promis mit, die zahllose Follower im Netz mit ihren Weisheiten beglücken.

Zum Beispiel Xavier Naidoo, früher Popsänger, jetzt abgedriftet. Bekundet Sympathie für Reichsbürger und Rassisten, leugnet den Klimawandel, glaubt, dass hinter Fridays for Future der Antichrist steckt, ist überzeugt, dass satanistische Sekten Kinder entführen und foltern, um Adrenalin aus ihrem Blut herauszuziehen und zu trinken. Nun also Corona. Keine Pandemie, meint Naidoo. Kein Virus, nirgends. Oh je, dieser Weg wird kein leichter sein.

Oder Sido, der Rapper. Faselt dasselbe Zeug wie Naidoo.

Oder Attila Hildmann, Koch, Autor, Fernsehunterhalter, „peinlichster Berliner“. Fantasiert über Zwangsimpfungen und den Überwachungsstaat.

Solche Leute gab es immer, zu allen Zeiten. In der digitalisierten Welt erreichen sie – wie Virenschleudern – schwuppdiwupp ein Millionen-Publikum. Menschen, die Angst haben, die unzufrieden sind, die Schuldige suchen – und die sich mobilisieren lassen. Sie flitzen zu „Hygiene-Demos“, wo sie Rechts- und Linksradikale treffen, Autonome und Antisemiten, sie reihen sich in die „Querfront“ ein, sie organisieren den „Widerstand 2020“, sie sehnen den Umsturz am „Tag X“ herbei.

Ja, der Trupp der Verirrten, Verpeilten, Verzweifelten ist wieder unterwegs – schlimm genug. Völlig rätselhaft jedoch, warum Menschen aus der Mitte der Gesellschaft auf die Verschwörungsschwurbler und ihre spinnerten Theorien hereinfallen. Und nicht merken, dass politische Wirrköpfe – darunter Neonazis, Judenhasser – sie instrumentalisieren. Unbegreiflich.

Was mir wichtig ist: aufklären, erklären. Immer wieder. Fakten von Fakes unterscheiden und Information von Desinformation. Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit. Schauen Sie sich die Quellen, aus denen Sie die wahre Wahrheit schöpfen, kritisch an – und gehen Sie den Verschwörungsschwurblern nicht auf den Leim.

Bleiben Sie wachsam!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ein Puzzle mit Milliarden Teilen

Die Wahrheit, schreiben Sie bitte die Wahrheit, verlangt eine Leserin. Was steckt wirklich hinter diesem Virus? Sind die Zahlen echt? Was meint das Volk? Mehr Mut zur Wahrheit! Kritische Fragen! Unzensierte Pressefreiheit!

Ich bekomme solche Zuschriften fast jeden Tag. Mal ist von Zensur die Rede, mal von Hofberichterstattung, mal von Lügenpresse.

Die Leserin empfiehlt: Machen Sie sich mal schlau über die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihren Hauptsponsor Bill Gates, machen Sie sich mal schlau über Dr. Bodo Schiffmann, machen Sie sich mal schlau über die neue Partei Widerstand 2020 – kein Fake, keine Verschwörungstheorie, steht alles im Internet …

Es ist wie immer in Krisen-Zeiten: Unerhörtes ereignet sich, gefährlich und unheimlich, schwierig zu begreifen, zu erklären, zu deuten. Die Menschen sehnen sich nach (einfachen) Antworten auf (komplizierte) Fragen. Je größer das Rätsel, die Verunsicherung, die Angst, desto stärker die Zweifel an dem, was die „da oben“ mit dem „Volk“ veranstalten – unterstützt von den „gleichgeschalteten Medien“. Gerade geht’s mal wieder exponentiell ab.

Die Wahrheit also. Nichts lieber als das! Wir streben alle danach. Das Problem: Die eine, die absolute Wahrheit gibt es nicht. Jeder Mensch hat einen subjektiven Blick auf die Welt, jeder Mensch hat eine eigene Prägung, jeder Mensch verarbeitet Informationen individuell.

Die Forscher und Mediziner tragen unfassbar viele Erkenntnisse über das Coronavirus zusammen. Milliarden Puzzle-Teile, ein Berg, gewaltig, unübersichtlich, er wächst und wächst, das Bild ist längst nicht fertig. Wann denn endlich, quengelt so ziemlich jeder Erdling. Wie ist der Stand der Dinge? Passt dieses Teil zu jenem, gehört es ganz woanders hin, brauchen wir es überhaupt?

Versuch und Irrtum. Interpretation. Meinung. Diskussion. Bewertung. Widerspruch. Analyse. Streit.

Was wir, die Beobachter, die Journalisten, die Faktenchecker daraus destillieren – ist eine Annäherung an das aktuell vorhandene Wissen. Bestmöglich recherchiert. Sicher nie perfekt, weil … die eine, die absolute Wahrheit existiert ja nicht.

Und was ist mit der „alternativen Wahrheit“, an die „anders denkende“ Menschen glauben? Die sie mit Inbrunst im Netz aufspüren? Jede Krise bringt eigene Super-Spezial-Theorien hervor. Diesmal im Angebot:

… die Gates-Verschwörung (Multimilliardär „kauft“ die WHO, setzt Coronavirus frei, vermarktet sein Patent auf Impfstoff);

… Dr. Bodo Schiffmann (HNO-Arzt, Schwindel-Experte, denkt gern quer, bisweilen verquer);

… die angebliche Mitmachpartei Widerstand 2020 (vorneweg wieder Schiffmann, dazu ein Anwalt und die ehemalige Betreiberin einer Website für Beratung bei Liebeskummer; die Corona-Rebellen sorgen sich um die Grundrechte und die Freiheit, nach ihren Angaben haben sich in zwei Wochen mehr als hunderttausend Mitglieder um sie geschart – was Wunder, gezählt wird offenbar jeder, der die Homepage besucht).

Ja, ja, auch das sind Puzzle-Teile der Wirklichkeit, die wir beobachten, die wir hinterfragen. Unterhaltsam, schräg, abgedreht – vielleicht einen Tick zu alternativ, um wahr zu sein.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Möglichkeit einer Nachricht

Na, haben Sie schon einen Virus-Test gemacht? Ich ja. Im Internet. Bei Google. Suchbegriff Corona eingeben, Ergebnis ablesen, bingo: mehr als eine Milliarde Treffer!

Was die Leute so umtreibt: Symptome, Masken, Desinfektionsmittel, Hände waschen, Kurzarbeitergeld … Donald Trump, Bill Gates, Kim Kardashian. Mal informativ, mal idiotisch.

Den klügsten Kommentar zur Lage habe ich vom Philosophen Jürgen Habermas gehört: „So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie.“ Yep! Ein Gutteil der Nachrichten, die uns umschwirren, sind gar keine. Jedenfalls keine, die von harten Fakten künden. Weil das, was berichtet wird, im Konjunktiv steht. Könnte, hätte, würde. Vielleicht. Eventuell. Es handelt sich oft um: die Möglichkeit einer Nachricht.

Das ist an sich nichts Neues. Wir wissen, dass wir nichts wissen, und das wissen wir seit der Antike, seit Sokrates und Platon. Nichts ist sicher, hinterfragt, was ihr wisst, und hinterfragt, was ihr nicht wisst!

Womit wir in der Gegenwart wären, in der Digitalgesellschaft, in der sich alle mit allen vernetzen und Wissen und Erkenntnis austauschen – oder das, was sie dafür halten.

Was für ein Gesumse und Gebrumme und Geschnatter! Corona? Schlimm, schlimm, schlimm. Jemand vermutet, warnt, fordert, spekuliert, behauptet, prophezeit, dass demnächst dieses oder jenes geschieht. Der Beweis: Zahlenmysterien, Kurven, Statistiken. Die einen vergleichen Äpfel und Birnen, die anderen Kirschen und Pflaumen. Und orakeln daraus die Zukunft. Es sind ja nicht nur die, die sich auskennen (zum Beispiel Virologen), oder die, die bestimmen (zum Beispiel Politiker), oder die, die sowieso immer alles besser wissen (zum Beispiel Journalisten). Nein, Millionen und Abermillionen Menschen wieseln umher, produzieren Vermutungen, Warnungen, Forderungen, Spekulationen, Behauptungen, Prophezeiungen, die sie in die Welt hinausposaunen.

Und, dient all das nun der Wahrheitsfindung? Mal einen anderen Philosophen befragen, Friedrich Nietzsche. Der sagte: „Niemand weiß, welche Nachricht von Bedeutung ist, bevor hundert Jahre vergangen sind.“

Okay, warten wir es ab – und blicken im Jahr 2120 zurück. Was von dem Gesumse und Gebrumme und Geschnatter in den Chroniken der Menschheit wohl überdauern wird? Corona? War da mal was?

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Alle wichtig, alle unverzichtbar: die Systemrelevanten, die Menschen, ohne die das Gemeinwesen, der Staat zusammenkrachen würde.

Die Politiker und die Verwalter (regieren, tüfteln Gesetze aus, sorgen dafür, dass sie eingehalten werden). Die Beschützer (Polizei, Feuerwehr, Militär). Die Ernährer und Grundversorger (Landwirte, Erntehelfer, Produzenten von Speis und Trank und Klopapier, Lebensmittelhändler, Verkäufer, Kassierer, Reinigungskräfte, Fahrer von Lastwagen, Bussen, Bahnen). Die Energieversorger (Wasser, Strom, Öl, Gas, Treibstoff). Die Gesundmacher (Ärzte, Pflegekräfte, Retter, Apotheker, Arzneihersteller). Die Betreuer, die Lehrer, die Forscher (Kitas, Heime, Schulen, Universitäten). Die Geldleute (Banken, Versicherer). Die Kümmerer (Arbeitsagentur, Jobcenter). Die Informierer, Kommunikatoren, Unterhalter (Massenmedien).

Viele andere mehr. Ganz unten auf der Liste und für die, die definieren, wer systemrelevant ist und wer nicht, anscheinend ohne Bedeutung: die Künstler.

Stimmt. Ein Gemälde kann man nicht essen. Einen Film kann man nicht trinken. Mit einem Roman kann man sich nicht den Hintern abwischen (na gut, theoretisch schon). Das System würde nicht von einem auf den anderen Tag zusammenkrachen, wenn es keine Maler, Schauspieler, Schriftsteller, keine Musiker, Tänzer, Kabarettisten mehr gäbe.

Aber nicht wichtig, nicht unverzichtbar? Was für eine krasse Fehleinschätzung!

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Künstler schaffen nie Gesehenes, Gehörtes, Gedachtes, sie schenken uns Ideen und Inspiration, Erkenntnis und Erleuchtung, Sinn und Sinnlichkeit, sie sagen uns, woher wir kommen, was wir sind, wohin wir gehen, sie verzaubern, sie berühren, sie befreien …

Wir erleben gerade, wie das Netz der totalen digitalen Überwachung sich über die Menschheit legt. Gesichtserkennung. Spracherkennung. Wer, was, wo, mit wem. Bewegungsprotokolle. Künstliche Intelligenz, die Gefühle analysiert und Gedanken liest.

All das haben geniale Künstler geahnt. Orwell: 1984. Huxley: Schöne neue Welt. Asimov: Robot Visions. Lem: Solaris. Oder die Wachowskis mit ihren Matrix-Filmen. „Milliarden Menschen leben einfach vor sich hin und haben keine Ahnung“, sagt  Agent Smith. „Die Zukunft gehört den Maschinen.“

Schau’n mer mal.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Woher wir kommen, wohin wir gehen

Ein neues Zeitalter beginnt, und (fast) keiner merkt‘s. Alles verändert sich, und (fast) keiner will es wahrhaben. Die Welt, wie wir sie kennen, wird bald eine ganz andere sein, und (fast) alle sagen: Was geht mich das an?! Na, dann lesen Sie mal …

Track and Trace. Einer dieser neumodischen Begriffe aus dem Zauberkasten der Seuchenbekämpfer, natürlich englisch, die Krise ist ja eine globale. Die Kanzlerin und ihre Berater sprechen von Track and Trace, wenn sie erklären, warum wir jetzt asap (as soon as possible = so bald wie möglich) ein Programm für unsere Smartphones brauchen, eine App, die unsere Wege aufzeichnet und Menschen, denen wir begegnen, darauf scannt, ob sie mit dem Coronavirus infiziert sind.

Track and Trace bedeutet: verfolgen und rückverfolgen – die Statusmeldung von Lieferdiensten zum Beispiel, bei denen wir abrufen, wo sich unser Paket gerade befindet.

Track and Trace, das erinnert, merkwürdig genug, an eine der uralten philosophischen Rätselfragen: Woher kommen wir, was sind wir, wohin gehen wir?

Tech-Firmen wie Google und ­Apple wissen es längst. Sie zapfen ihren Datenschatz an, gefüttert von Milliarden Erdlingen, und zeigen, auf welchen Pfaden wir wandeln. Fußgänger, Autofahrer … in mehr als sechzig Ländern, erfasst und aufbereitet in Mobility Trends Reports, um Mediziner in aller Welt zu unterstützen. Behaupten die Konzerne, ganz uneigennützig.

Bevor es ein Medikament gibt, bevor es einen Impfstoff gibt, leisten Algorithmen erste Hilfe. Das klingt erstaunlich, ist es aber nicht. Wir sind mittendrin in der digitalen Revolution, die unser Leben umkrempelt, und die Corona-Pandemie wirkt als Beschleuniger. Für die Google-Holding Alphabet, für Apple, Facebook, Amazon, ohnehin die wertvollsten Unternehmen der Welt, ist die Krise keine Krise, sondern ein Aufputschmittel, sagen Börsenanalysten.

Alles dreht sich um künstliche Intelligenz, eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Spezies je konfrontiert war. Im Guten wie im Schlechten. Künstliche Intelligenz, das meint: Maschinen, Programme und Roboter, die selbstständig lernen, urteilen, Probleme lösen, Menschen überwachen. Die Flugzeuge, Autos, Züge, Schiffe lenken, den Verkehr regeln, Häuser planen und bauen. Die Texte übersetzen, an den Börsen handeln, Felder abernten, in Kriege ziehen. Die Krankheiten erkennen, Diagnosen und Therapien übernehmen, Corona-Tests auswerten, Masken produzieren, Kranke pflegen.

Science-Fiction? Nein, Alltag. Und das ist erst der Anfang.

Fortsetzung folgt.

Bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Verkehrte Welt

Na, schon probiert? Süßes Nichtstun, die Seele baumeln lassen, entschleunigen – herrlich. Nutzt die Zeit, Leute!

In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht, ist die größte Aufregung, die es noch gibt, das allabendliche Fernsehbild …

Der Song der Toten Hosen über den Rebellen Alex kommt mir – warum, weiß ich nicht – in den Sinn, als ich dieser Tage eine Traumschleife im Hochwald laufe. Auf dem sonst so stillen Wanderweg ist mehr los als auf dem Times Square in New York, dem Piccadilly Circus in London, dem Markusplatz in Venedig. Der Corona-Stresstest treibt die Leute raus aufs Land.

Verkehrte Welt.

Jeder Mensch lebt wie ein Uhrwerk, wie ein Computer programmiert, singt Campino, es gibt keinen, der sich dagegen wehrt, nur ein paar Jugendliche sind frustriert …

Die mir begegnen auf der Traumschleife, und das sind viele, meist zu zweit unterwegs, machen einen vergnügten Eindruck. Okay, manche japsen ob der ungewohnten Bewegung an der frischen Luft, manche fuchteln verzweifelt mit ihrem Smartphone herum auf der Suche nach einem Netz, das es im Wald nicht gibt. Natürlich nicht.

Alles in allem: eine total entspannte, friedliche Atmosphäre. Kein Lärm, nirgends. Vögel zwitschern. Es beginnt zu dämmern. Dahinten am Feldrain sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.

Verkehrte Welt.

Die Entschleunigung, die wir so oft herbeisehnen und so selten genießen, ist plötzlich da. Unfreiwillig, eine staatlich angeordnete Verschnaufpause. Das ist es doch, was wir uns wünschen!

Ach, wie schön, mal nichts zu tun, eine Auszeit zu nehmen, das Weite zu suchen, auszusteigen, die Seele baumeln zu lassen, achtsam und empfindsam zu sein, in hyggeligen Glücksgefühlen zu baden, auf den Kieselsteinen am Fluss zu liegen und lässig zu beobachten, wie nichts passiert, Bäume zu umarmen und zu liebkosen oder einem Totholzhabitat beim Verwittern und Verwesen zuzuschauen … die Muße für all so was haben wir vor Corona, wenn überhaupt, mühsam der Hatz des Alltags abgezwackt.

Jetzt, mittendrin in der Virus-Krise, halten wir inne, wie in Zeitlupe, ein eingefrorener Moment für die Ewigkeit – und können es kaum erwarten, dass sich das Leben wieder beschleunigt. Schnell, schnell, schnell zurück in eine Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht …

Frohe Ostern, bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Besten Dank, liebe Gemeinde!

Boah, was soll ich sagen, es ist erstaunlich, es ist fabelhaft, es ist überwältigend … ach, vielleicht einfach so: Besten Dank, liebe Leser!

Ich muss das mal loswerden: Wie die Community der Volksfreunde (Tschuldigung, neudeutsch!) zusammenhält und sich austauscht, ist bemerkenswert. Die Community, die Gemeinde, die Gemeinschaft, das sind Sie und das sind wir.

Sie schreiben, Sie rufen an, Sie posten im Netz. Sie fragen, Sie schlagen vor, Sie loben und Sie kritisieren.

Wir beantworten Ihre Fragen. Wir recherchieren Ihre Vorschläge. Wir freuen uns über Lob und wir lernen aus Kritik.

Eine Dame aus Trier erzählt am Telefon unter Tränen, dass die schönen Bilder im „Leserland“ sie aufmuntern und trösten, wenn sie morgens in die Zeitung schaut – sehr berührend. Wir machen weiter.

Eine junge Frau sendet eine Mail, in der sie schildert, wie es ihrem Großvater im Bitburger Krankenhaus erging. Das ist der Aufhänger für Chefreporter Bernd Wientjes; er dröselt die Hintergründe auf und berichtet über neue Erkenntnisse – interessant für alle. Wir machen weiter.

Fünf, sechs, sieben, acht Leserinnen wünschen sich eine Anleitung, ein Schnittmuster fürs Masken-Basteln – voilà, siehe Ausgabe vom 2. April. Wir machen weiter.

Drei Beispiele von vielen. Nicht jeder Tipp aus der Community entwickelt sich zu einem Thema, zu einer Geschichte – aber es ist reichlich Stoff dabei, besten Dank, liebe Leser, füttern Sie uns mit Ideen!

Weil die Lage sich ständig ändert, ist die eine oder andere Nachricht schnell überholt. Das gilt auch für Leserbriefe. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Zuschriften, deren „Haltbarkeitsdatum“ abgelaufen ist, nicht veröffentlichen.

Unsere Strategie: Fakten berichten, sachlich und konstruktiv, informieren, einordnen, Orientierung geben. Nicht orakeln, nicht spekulieren, wie das manche Panik-Apostel tun („In vier Wochen ist es bei uns so schlimm wie in Italien“), sondern sagen, was ist. Das fängt bei der Tonalität an, bei einzelnen Wörtern. Dieser Tage habe ich in der Schlagzeilenkonferenz am Nachmittag diese Überschrift auf der Mehrwert!-Seite entdeckt: „Angst richtet sich immer auf die Zukunft“, über der Ankündigung einer Telefonaktion mit Psychologen. Hmm. Am nächsten Tag haben Sie in der Zeitung gelesen: „Was tun, wenn wir die Welt nicht mehr verstehen?“ Hört sich gleich ganz anders an. Wir haben keine Angst. Wir machen weiter.

Bleiben Sie munter – und mutig!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Lächeln, einfach nur lächeln

Halte Abstand! Huste in die Armbeuge! Gib mir bloß nicht die Hand! In kürzester Zeit schütteln wir unsere jahrhundertelang gepflegte kulturelle Codierung ab – und entwickeln eine neue.

Uuuuuuaaaaaatttschiiiiiii!!!!!!!

Es war der längste und lauteste Nieser, den ich je erlebt habe. Vor etwa zehn Jahren, auf dem Markt in Alt-Delhi, dem Zentrum der indischen Megametropole. Was für ein Gewusel. Stimmengewirr, Musikfetzen, Hupkonzerte. Rikschas, Tuktuks, heilige Kühe. Und Menschen, Menschen, Menschen. Dichtgedrängt. Der Stand eines Gewürzhändlers. Pfeffer, Kardamom, Nüsse, Kräuter, Trockenfrüchte … in Säcken, Schüsseln, Schalen. Herrlich bunte Pracht. Mitten drin in der Menge ein Sikh, zwei Meter groß, mit Turban, er feilscht mit dem Gewürzhändler. Plötzlich niest er. Gewaltig. Hand vorm Gesicht? Nö. Der Urknall aller Tröpfcheninfektionen.

Uuuuuuaaaaaatttschiiiiiii!!!!!!!

Eine unvergessliche Szene. Sie fällt mir ein, während ich darüber nachdenke, wie die Corona-Pandemie den Alltag verändert. Lieber Mr. Singh, wir niesen, husten, schniefen jetzt bitte schön in die Armbeuge!

Eine neue Kulturtechnik. Eine alte, in westlichen Ländern verbreitete, scheint dagegen abgeschafft. Das Händeschütteln, seit der Römerzeit üblich. Zur Begrüßung, zum Besiegeln von Verträgen („Hand drauf!“), um zu erkunden, ob das Gegenüber ein selbstbewusster Typ ist (fester, zupackender Händedruck) oder ein Schluffi (weiches, zartes Tätscheln). Ursprünglich war’s offenbar eine Geste, die signalisieren sollte: Ich habe keine Waffe, du kannst mir vertrauen. Nun ja, Viren sind Waffen, besonders gefährliche sogar. Beim Händeschütteln werden Erreger weitergegeben. Schon immer. Deshalb ist es gut, dass wir es in Europa neuerdings so machen wie die Menschen anderswo auf der Welt: Wir verzichten auf den Handschlag und schenken uns zur Begrüßung ein Lächeln. (Dass sich das mancherorts beobachtete Füßeln durchsetzen wird, bezweifle ich, und das Anstupsen mit den Ellbogen, hoffentlich ohne vorher in die Armbeuge geschnäuzt zu haben, hat wohl auch keine Zukunft).

Andere Länder, andere Sitten. Mir gefällt seit jeher der traditionelle indische Gruß: Handflächen vor der Brust aneinanderlegen, den Kopf leicht nach vorne neigen und „Namaste!“ sagen, „Guten Tag!“. Das passt immer, sogar nachts.

Zum Abschied heißt es bei uns nicht mehr „Auf Wiedersehen!“, „Ciao Ciao!“ oder „Tschö!“, die Leute rufen sich, aus sicherem Abstand, ein „Bleib(t) gesund!“ zu, längst ist die Formel in Briefen und E-Mails zu finden. Wie war das damals noch, vor dem Corona-Stresstest? „Mit freundlichen Grüßen!“, „Herzlichst!“ oder „Hochachtungsvoll!“ Vorbei.

Und wieder einmal lernen wir: Wenn es nottut, schaffen wir es schwuppdiwupp, die teils jahrhundertelang gepflegte kulturelle Codierung abzuschütteln. Bemerkenswert.

Namaste, bleiben Sie munter!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur