Eine Nacht in Monte Carlo

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm … dieser Text, ich weiß, ich weiß, beginnt rätselhaft. Das ist Absicht.

Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm ist seit bald tausendzweihundert Jahren tot und doch: allgegenwärtig. Eine Legende, der Mann. Ohne ihn sähe die Welt anders aus. Er hat uns gelehrt, eins und eins zusammenzählen. Und sein Name, na … warten Sie ab.

Zunächst ein Tipp für Glücksspieler. Wenn beim Roulette mehrmals hintereinander Schwarz gewonnen hat, muss die Kugel bald mal wieder auf Rot landen, oder? Nein, krasser Denkfehler! Es gibt dazu eine berühmte, oft kolportierte Anekdote aus dem Jahr 1913. Der Schriftsteller Florian Illies schildert sie so:

„Am 18. August geschieht im berühmten Spielcasino von Monte Carlo etwas Ungeheuerliches: Es fällt die Kugel am Roulettetisch 26 Mal hintereinander auf die Farbe Schwarz. Sehr viele Menschen im Frack verloren an diesem Abend sehr viel Geld, weil sie ab dem 16., 17., 18. Mal immer mehr Geld auf Rot setzten, in dem festen Glauben, dass es nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit nun einfach dran sei. Diese Nacht ging in die Geschichte der Spieltheorie ein als ,Gambler’s Fallacy’. Denn auch in der 26. Runde liegt, auch wenn es alle, die dabei sind, nicht glauben wollen, die Wahrscheinlichkeit, dass Rot kommt, genau bei 50 Prozent. Die Kugel hat kein Gedächtnis. Und es gibt keine ausgleichende Gerechtigkeit. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel 26 Mal hintereinander auf Schwarz fällt, liegt trotzdem bei eins zu 136,8 Millionen.“ (Florian ­Illies: 1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte)

Wir neigen dazu, das Unwahrscheinliche, den Zufall, falsch einzuschätzen – nicht nur beim Glücksspiel. Manche sagen, dass die Maschinen, die Computer, die Roboter uns das Denken (und die Fehler) mehr und mehr abnehmen. Womit wir bei Abu Dscha‘far Muhammad ibn Musa al-Chwarizm wären. Mathegenie, Universalgelehrter, Astronom, Geograph. Geboren um  780 in der entlegenen Oase Choresm in Zentralasien, lebte in Bagdad, starb zwischen 835 und 850. Wir verdanken ihm die arabischen Ziffern und ein Wort, entstanden aus seinem ins Lateinische übertragenen Namen: al-Chwarizm = Algorismi = Algorithmus. Meinte anfangs einfache Rechenverfahren, längst aber Prozesse, die künstliche Intelligenz steuern – und unser Leben umkrempeln.

Die Maschinen analysieren zum Beispiel, was Sie im Internet treiben. Was Sie anschauen, was Sie lesen, was Sie kaufen. Und entwickeln daraus neue Angebote, zugeschnitten auf das, was Sie interessiert oder zu interessieren scheint.

Alles programmierbar? Berechenbar? Vorhersehbar? Wie langweilig.

Ich liebe Überraschungen, Zufälle, ich freue mich, wenn das nicht Erwartete passiert!

Käme ein von Algorithmen gelenkter Schreibroboter etwa darauf, einen Text wie diesen zu fabrizieren?! Einen Text, in dem es um einen Rechenmeister aus Bagdad geht, eine unvergessliche Nacht in Monte Carlo und Thesen über das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche?! Ich schon. Von dem, was jetzt kommt, zu schweigen: mein Urlaub. Mehr Fragen und Antworten in vier Wochen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Es lebe die Republik!

Alles hat ein Ende … nur der deutsche Adel nicht.

Guten Tag. Habe ich etwas verpasst? Hundert Jahre verschlafen? Ich staune.

Neulich ist der Urenkel des Eisernen Kanzlers Otto von Bismarck gestorben: Ferdinand Herbord Ivar Graf von Bismarck-Schönhausen. Mein Beileid. War in den Nachrichten. Die Bunte weint: „Der Fürst ist tot.“ Der Focus bringt einen Nachruf auf „Fürst Ferdinand“. Der Spiegel weiß: „Standesgemäß wohnte der Fürst lange im Familienschloss.“ Und: „Als 1975 sein Vater starb, erbte er den Fürstentitel und ein großes Vermögen.“ Bild raunt: „Der Fürst fand seine letzte Ruhe neben seinem Urgroßvater.“ Und: „Die Königin des Jet-Sets … Gräfin Gunilla von Bismarck … flog aus Marbella ein.“ Auf volksfreund.de und zeit.de und welt.de finden sich trockene Agenturmeldungen: „Seit dem Tod des dritten Fürsten Otto von Bismarck stand Ferdinand von Bismarck an der Spitze der alten deutschen Familiendynastie.“ Und so weiter.

Noch einmal: Habe ich etwas verpasst? Hundert Jahre verschlafen? Es gibt keine Adligen in deutschen Landen! Es gibt keine Adelstitel! Es gibt keine Erbhöfe!

Abgeschafft! Im August 1919, mit der Weimarer Verfassung,  Artikel 109: „[…] Öffentlich-rechtliche Vorrechte oder Nachteile der Geburt oder des Standes sind aufzuheben. Adelsbezeichnungen gelten nur als Teil des Namens und dürfen nicht mehr verliehen werden. […]“ Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Keine Kaiser, keine Könige. Keine Fürsten, keine Grafen. Keine Hochwohlgeborenen, keine Durchlauchten. Die Adelsprädikate derer von und zu? In Deutschland x-beliebige Silben des bürgerlichen Namens. Zu bedeuten haben sie: nichts.

Ferdinand Herbord Ivar Graf von Bismarck-Schönhausen war kein Graf. Er war auch kein Fürst, obwohl er sich so nannte und nennen ließ, in Anlehnung an die Familientradition, heißt es. Juristisch jedoch zu bewerten wie ein Pseudonym oder Künstlername und „personenstandsrechtlich irrelevant“, sagt  das Bundesverwaltungsgericht.

Ich wiederhole: Vor exakt hundert Jahren hörte der Adel in Deutschland auf zu existieren, er verlor seine Titel und sämtliche Privilegien.

Und doch, irgendetwas macht kreuzbrave Republikaner anscheinend rattig, wenn die Nachfahren der Blaublüter techteln und mechteln, wenn sich in den Schlössern und Trutzburgen sagenhafte Herz-Schmerz-Geschichten zutragen oder wenn, wie in diesen Tagen, ein „Fürst“ das Zeitliche segnet.

Royale Volksbelustigung? Folklorestadl? Es dürstet das Publikum nach Pomp und Pathos, nach Glanz und Gloria. Warum bloß?

Tja, sagen die Forscher: ein Gegenentwurf zur Trübnis des Alltags; angesichts von so viel Durcheinander, so viel Wahnwitz, so viel Zukunftsangst in der globalisierten und digitalisierten Welt braucht es eine archaische Institution wie den Adel, die Sinn stiftet, Trost spendet, Orientierung liefert. Strahlend, glitzernd, abgehoben von der jämmerlichen Gegenwart, dem Chaos, den Krisen. Fluchtpunkt der Zu-kurz-Gekommenen. Märchenhaft. Träumen Sie weiter …

Ich sage: Vive la République!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die üblen Tricks der Rattenfänger

Raten Sie mal, von wem hier die Rede ist: Ein Mann wacht auf, er hört die Nachrichten und ist völlig verzweifelt, deprimiert über den „Verlust seiner Ideale, seiner Identität, seiner Vorstellung dessen, was dieses Land ist. Oder war. Dass seine Landsleute bereit waren, einen Rassisten, Faschisten, einen Gangster, einen eitlen Narzissten und Betrüger zu wählen. Einen Mann, der mit seinen Übergriffen auf Frauen prahlt, Behinderte verspottet, sich bei Diktatoren einschmeichelt. Einen überführten Lügner.“ Na, erkannt? Kleiner Tipp: Es geht nicht um den Mann, der aufwacht, sondern um den, über den er sich aufregt. Auflösung am Ende der Kolumne.

Nach dem grausigen Geschehen  auf dem Frankfurter Hauptbahnhof – ein kleiner Junge wird von einem Afrikaner vor einen Zug gestoßen und stirbt – habe ich Post bekommen. Ein Teil davon: der übliche anonyme Dreck. Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer, Hetze gegen Politiker („rotgrünbunte Volkszertreter“), Hetze gegen Medien („mit Ihrer Zeitung würde ich mir noch nicht einmal den Hintern abwischen“).

Ein Wutbürger fügt angeblich authentische Zitate bei, die beweisen, so seine Überzeugung, dass manche Politiker planen, „unser schönes Deutschland umzuvolken“. Zitate, die er im Internet entdeckt  hat, hundertfach, tausendfach verlinkt und geteilt, Zitate, die er und seinesgleichen immer wieder hervorkramen, um damit Stimmung zu machen – obwohl sie frei erfunden sind.

Beispiel: Claudia Roth, Vizepräsidentin des Bundestages, soll nach der Silvesternacht 2015 gesagt haben: „Die Vorfälle am Kölner Bahnhof kann man als Hilferuf aller Flüchtlinge werten, weil sie sich von deutschen Frauen sexuell ausgegrenzt fühlen.“ Faktencheck: Das Zitat stammt nicht von Claudia Roth. Sondern von einem Troll namens Uwe Ostertag, der eimerweise Hass und Häme im Netz auskübelt („Provozieren, das ist wie ein Orgasmus“) und seine Stänkereien als Satire ausgibt. Das Problem: Viele Menschen fallen auf solchen Mist herein und verbreiten die Fakes als ihre „Wahrheit“ weiter – in Blogs, Videos, auf Internetseiten der sogenannten Gegenöffentlichkeit.

Die Masche ist immer dieselbe: Emotionen schüren, Gefühle, Instinkte, Vorurteile bedienen, pöbeln, verunglimpfen – das ist die Methode der Populisten und Rattenfänger. Der kleinen wie der großen. Typen wie Ostertag, Typen wie, nein, die Namen der AfD-Hetzer nenne ich jetzt nicht, Typen wie … John Dennison. Eine Romanfigur, so heißt der gewählte US-Präsident in „Jahre des Jägers“, dem aktuellen Bestseller von Don Winslow, aus dem ich eingangs zitiert habe. Gemeint ist, na klar: Donald Trump, König der Tatsachenverdreher, der jeden Tag Fake-News absetzt, der jeden Tag von Journalisten entlarvt wird – und sich nicht darum schert. Seine Anhänger finden ihn klasse. Wie eine Kopie wirkt Boris Johnson, neuerdings britischer Premierminister, noch so ein dreister Lügenbold.

Seit je gehört das Spiel mit Information und Desinformation zum politischen Geschäft, aber nie war es so einfach, die Meinung der Massen zu manipulieren. Die bittere Wahrheit: Das Netz ist eine Lügenmaschine.

Nachdenkliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Schneller, Schnecke!

Der Mensch. Die Welt. Das Klima. Ein Blick aufs große Ganze.

Es sei gut und schön, darauf zu vertrauen, dass der Mensch sich aus der Klima-Krise herausmanövrieren werde, schreibt ein Leser im Nachgang zur Kolumne „Mal kurz die Welt retten? Hmm.“ (TV vom 20./21. Juli). Bloß wie? Ihm fehle die Fantasie, sich das vorzustellen, zu übel sei die Lage.

Nun ja. Lassen wir das Klein-Klein des Alltags für einen Moment hinter uns, schauen wir uns das Big Picture an, das große Ganze.

Hunderttausende von Jahren wetzte der Urmensch durch die Savanne. Und wetzte. Und wetzte. Irgendwann lernte er, das Feuer zu beherrschen, und das veränderte alles. Seither: Erfindungen und Entdeckungen, Entdeckungen und Erfindungen, immer mehr, immer schneller. Faustkeil. Rad. Ackerbau. Schrift. Schießpulver. Buchdruck. Penicillin. Dampfmaschine. Eisenbahn. Glühbirne. Telefon. Kühlschrank. Auto. Flugzeug. Computer. Weltraumrakete. Internet. Gentechnik. Künstliche Intelligenz.

Jetzt brauchen wir – dringend (!) – einen Plan, der verhindert, dass uns der Planet um die Ohren fliegt. Wir brauchen Ideen, wir brauchen Mut, wir brauchen Forschergeist.

Der Schriftsteller Ian McEwan hat in seinem Roman „Solar“ vor bald zehn Jahren eine spannende Vision entworfen. „Wir stehen vor einem Ozean der Träume, realistischer Träume, Wasserstoff aus Algen zu gewinnen, Flugzeugtreibstoff aus genetisch veränderten Mikroben, Strom aus Sonnenlicht, Wind, Gezeiten, Wellen, Zellulose, Hausmüll; wir werden Kohlendioxid aus der Luft filtern und zu Treibstoff machen, wir werden die Geheimnisse der Pflanzen aufdecken und nachahmen. Ein Außerirdischer, der auf unserem Planeten landet und sieht, welche Unmenge an Sonnenenergie auf ihn einwirkt, wäre überrascht zu erfahren, dass wir ein Energieproblem zu haben glauben, dass wir jemals auf die Idee kommen konnten, uns selbst zu vergiften, indem wir fossile Brennstoffe verbrauchen und Plutonium herstellen.“

McEwan bringt die Sache in wenigen Sätzen auf den Punkt, und deshalb zitiere ich ihn noch einmal – wie bereits vor bald zehn Jahren, und notfalls wieder, solange bis …

Der Fortschritt ist eine Schnecke, die gemächlich vorwärts kriecht. Das dauert. Und dauert. Und dauert. Alles in allem: Sie bewegt sich doch.

Bleiben Sie optimistisch!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Mal kurz die Welt retten? Hmm.

Die Deutschen und das Klima: gute Vorsätze, immerhin …

Pssst, schon gehört? Die fetten Jahre sind vorbei. Alle reden neuerdings davon. Die Vordenker, die Meinungsmacher und diejenigen, die sich für die Erziehungsberechtigten der Nation halten. Schluss mit der Völlerei, der Verschwendung. Askese ist angesagt. Nachhaltig leben. Einschränken. Achtsam sein. Die Welt retten. Gut so. Bloß wie?!

Irgendwo habe ich dieser Tage gelesen: Sind wir nicht alle Fridays for Future? Und, denglisch vermurkst: Make Germany Greta again. Na, dann fangen wir mal an. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) fasst den Stand der Dinge zusammen:

Was sagen die Umfragen? Drei von vier Erwachsenen sind bereit, auf Kurzstreckenflüge zu verzichten. Fast zwei Drittel würden deutlich weniger Fleisch essen. Mehr als die Hälfte kann sich vorstellen, das Auto in Innenstädten stehen zu lassen (Quelle: Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov). Wow!

Und die Fakten? 23,5 Millionen Flugpassagiere im Inland 2018 sind nur ein mikroskopisches Minus (Quelle: Statistikamt). 60 Kilo Fleisch im Jahr pro Kopf – das ist üppig, Tendenz leicht steigend (Quelle: Agrarministerium). Und der Autoverkehr hat zwischen 1995 und 2017 um knapp 18 Prozent zugenommen (Quelle: Umweltbundesamt).

Mal kurz die Welt retten? Hmm.

Selbst wenn Millionen Deutsche sich von morgen an vegetarisch ernähren, mit dem Rad zur Arbeit fahren und nicht mehr fliegen, bringt das fürs Klima: leider wenig.

Wichtig jedoch: das Signal, die Botschaft an die Entscheider in Politik und Wirtschaft. Wir wollen so nicht weitermachen. Tut etwas! Wir tun auch etwas (haben zumindest vor, etwas zu tun)! Nicht jammern! Nicht verkriechen! Sondern: neu denken, groß denken – und handeln!

Unsere Erfahrung sagt: Wir schaffen das. Wir finden auf (fast alle) Fragen eine Antwort, wir finden für (fast alle) Probleme eine Lösung. Dafür gibt es Tausende und Abertausende Beispiele, seit unsere Ahnen von den Bäumen herabgestiegen sind.

Wann immer gewaltige Naturereignisse, unvorstellbare Kriege, fürchterliche Seuchen die Menschheit durchrütteln und in existenzielle Krisen stürzen, rappelt sich die bedrohte Spezies auf und reagiert: mit revolutionären Ideen, mit großartigen Entdeckungen, mit wissenschaftlich-technischem Fortschritt. Freilich nicht, indem irgendwer einen Schalter umlegt und damit die Geschicke des Planeten korrigiert, und ganz bestimmt nicht ohne langwierige Auseinandersetzungen.

Zuallererst: Aufwachen! Raus aus der Komfortzone! Pack ma’s!

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wo eins nur wichtig ist

Mosel! Musik! Festival! Es geht wieder los. Ich gehe hin – und denke über heimat/en nach:

Stöbern im Programm des Mosel Musikfestivals, das am Wochenende beginnt. Wunderbare Stimmen, wunderbare Orchester. Sänger und Musiker, die schon Stars sind, Sänger und Musiker, die womöglich demnächst Stars sein werden. Von der Mosel, vom Ende der Seidenstraße, vom Kap der Guten Hoffnung. Klassik und Jazz, Swing und Hip-Hop, Volkslieder. Fantastische Spielorte in der Region: Kirchen, Säle, Plätze, Weingüter,  Landhäuser. Und …

Ich freue mich darauf!

Das Stöbern im Programm (digital: www.moselmusikfestival.de) macht Laune. So viele Denkanstöße, so viele Querverbindungen, so viele Assoziationen. Manchmal genügt ein Wort wie: heimat/en. Das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz überstrahlt auch das Mosel Musikfestival: heimat/en. Singular und/oder Plural? Wen oder was trennt der Schrägstrich? Modisch kleingeschrieben, ein neues Verb?

Heimat, was ist das, was meint das? Für jeden etwas anderes. Land, Gegend, Haus, Zeit, Gefühl, Identität, Herkunft, Hinkunft, Heimweh, Sehnsucht, Verwurzelung, Entwurzelung … ein ambivalenter Begriff, positiv besetzt für die einen, vorgestrig-verschwiemelt für die anderen. Meine Lieblingsdefinition stammt von Udo Lindenberg: „Heimat ist einfach da, wo du Freunde hast, egal, wo du herkommst, wo eins nur wichtig ist: dass du ’n guter Kumpel bist“ (aus dem Song „Ali“ vom Album „Udopia“, 1981).

Vielleicht, liebe Leser, sehen wir uns bei dem einen oder anderen Konzert, in der/den heimat/en …

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Es ist vorbei, wenn es vorbei ist

Typisch Mensch: Wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören und Verdrängen von unangenehmen Tatsachen. Mal gespannt, wie wir mit dem Weltuntergang klarkommen …

Alarm! Alarm! Alarm! Kaum kratzt die Quecksilbersäule an der Vierzig-Grad-Marke, trötet einer dieser Wettermänner die fürchterliche Wahrheit  in die Welt: Das ist der Klima-Kollaps! Das ist die Hitze-Apokalypse! (Andere wählen, einen hal­ben Ton tiefer, Vokabeln wie gefährlich, mörderisch, katastrophal.) Oha, die Apokalypse! Zu Deutsch: Weltuntergang, Gottesgericht, das Ende der Geschichte! Die sieben Donner der Offenbarung und so. Das war’s, ich packe zusammen, ist ja eh vorbei, die Apokalypse ist da.

Mumpitz! Warum bloß hauen die Schreckensmelder und Panikapostel in ihren Orakeln und Prognosen auf den Pudding, als gäbe es kein Morgen? Warum übertreiben sie? Warum verbreiten sie Angst? Es geht um: Aufmerksamkeit. Wer am lautesten schreit, findet Gehör. Wer sich nicht Gehör verschafft, verschwindet von der Bildfläche. Sieben Milliarden Erdlinge im globalen Mediendorf gieren nach Stoff, nach Stimulation. Emotional, berührend, stets frische Ware. Vielfältig sind die Ablenkungen, Gewöhnung droht, gar Langeweile.

Klimawandel ist normal – seit mehr als vier Milliarden Jahren, als sich aus dem Dampf der brodelnden Ursuppe die Erdatmosphäre bildete. Meist war es wärmer als heute, immer wieder auch weitaus kälter. Mal rückten mächtige Eispanzer auf den Äquator zu, mal zogen sie sich auf die Pole zurück. Vor 750 Millionen Jahren fror der Planet fast völlig ein – und sauste als Schneeball durchs All.

Neu ist, dass diesmal wir Menschen mitmischen und die Abfälle der Industriegesellschaft in der Natur entsorgen, die Meere vermüllen, die Luft verpesten. Mit fatalen Folgen. Es wird wärmer, ob zwei oder fünf Grad, keiner weiß es genau. Das passiert rasend schnell. Das verändert alles. Zeit zu handeln! Mutter Erde ist es  schnuppe, ob der Homo Sapiens  überlebt oder nicht.

Was auffällt: Es braucht besondere Ereignisse (vierzig Grad), es braucht besondere Menschen (Greta Thunberg), die uns aufwecken (vielleicht sogar die Politik?!), bevor sich wieder Überdruss und Ermüdung breitmachen und die Themen sich verflüchtigen, irgendwo im Nirgendwo. Typischer Reflex: erst Hysterie, dann Verharmlosung. Das Waldsterben in den achtziger Jahren, der Atomknall in Tschernobyl, in Fukushima. Erinnert sich jemand? Wir sind verdammt gut darin, uns aufzuregen, uns Angst einjagen zu lassen, uns Untergangsfantasien hinzugeben und, weil alles immer so schlimmschlimmschlimm ist, zu verdrängen. Und wir sind verdammt gut im kollektiven Weghören. Wahrlich, ihr Apokalyptiker, ich sage euch: Es ist nicht vorbei. Es ist vorbei, wenn es vorbei ist, vorher nicht.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Des Dichters Witzverweser

Respekt, liebe Leser! Respekt und Dank! Sie gehören dazu. Sie sind drin. Sie sind die besten Leser, die diese Kolumne je gehabt hat, ach was: die besten Leser aller Zeiten, jetzt und in Ewigkeit!

Nanu, was ist mit dem los, fragen Sie sich, sonst isser doch nicht so. Alles gut, bloß diese Hitze, diese unfassbare, unglaubliche, ungeheure … ganz normale Sommerhitze.

Alle reden über das Wetter. Ich nicht. Weil mir aber auch sonst nichts einfällt, überlasse ich den Rest einem anderen. Einem Universalgelehrten, der sich mit warm und wärmer und kalt und kälter auskannte und nebenbei sprachkünstlerisch hervortat. Zu Ihrer Erbauung und Erheiterung hier die Hymne „Ein Leser“, gereimt von Karl Friedrich Schimper (1803 bis 1867), dem Begründer der Eiszeitlehre:

„Ein zankender, ein dankender, ein schwank hinan sich rankender, ein nackt vertrackt sich plackender, ein zwackender, zerhackender, nussknackender, einsackender, ein gähnender, ein tränender, Gedankenspäne spänender, ein säumender und träumender, ein aufgeräumt aufräumender, ein schäumender, sich bäumender, ein lauschend sich berauschender, ver- ein- und aus- sich tauschender, ein schaudernder, ein zaudernder, nachplaudernder, nachhaudernder, ein blätternder und kletternder, ein wetternder und schmetternder, ein scherzender und herzender, ein sich ein Licht aufkerzender, ein Schmerz bepillend stillender, ein schrillend sich bebrillender, das Schillernde betrillernder, entwickelnder, verzwickelnder, vorsitzender, stibitzender, ein schweifender und streifender, ein keifender und schleifender, ein reifend ein sich seifender, begreifender und pfeifender, ein meidender, ein neidender, abschneidender, entscheidender, ein heuchelnder, ein meuchelnder, ein scheuernder, dreinfeuernder, ein immer neu durchsteuernder, sich freuender, zerstreuender, ein lobender, erprobender, ein grob-verschroben tobender, ein stolpernder und polternder, ein ver- und über-hörender, zer- auf- und selbst sich störender, sich ein den Faden öhrender, ver- ab- und zu gleich schwörender, ein schlummernd sich vermummender, verstummender und summender, aus jeder Tonart brummender, verdammender, verdummender, ein runzelnder, ein schmunzelnder, ein schmutzender, ein putzender, zustutzender und stutzender, ein stützender, beschützender, besprützender, benützender, topfrüttelnder, kopfschüttelnder, mit Titelknütteln büttelnder – ein alternder, erkaltender, ein dialektisch spaltender, entfaltender, gestaltender, ein schaltender und waltender, erhaltend sich erhaltender – und kurz ein jeder Leser, als Leser ist der Leser des Dichters Witzverweser.“

Und Sie sagen, die Hitze ist anstrengend? Ha! Noch mehr Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat, gibt’s demnächst in diesem Theater.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Fast so kultig wie Bloomsday

Feiern, trinken, tanzen, singen, chillen, lesen … und für die „Dösköppe vom Lande“ (Tschuldigung, Zitat) ist auch etwas dabei.

Es ist ein wildes, ein verrücktes Fest. Die Menschen kaufen Zitronenseife, sie baden in der eiskalten See, sie essen in Butter gebratene Schweineniere zum Frühstück und später Gorgonzolabrot, sie trinken Burgunder, sie tanzen, sie singen, sie geben sich am Strand unanständigen Dingen hin. Und: Sie lesen. Es ist Bloomsday. Der 16. Juni in Dublin, der Tag, an dem „Ulysses“ spielt – der monumentale Roman, mit dem James Joyce vor einem Jahrhundert die Erzählkunst revolutioniert hat. Auf tausend Seiten beschreibt der irische Schriftsteller einen einzigen Tag im Leben von Leopold Bloom, den 16. Juni 1904. Literaturfans haben Bloomsday zum Feiertag ernannt, an dem sie, alle Jahre wieder, in Dublin Schabernack auf den Spuren der Romanfiguren treiben.

Wir feiern mit. Und weil Bloom bei einer Zeitung arbeitet … lesen Sie, was er in der Redaktion und in der Druckerei erlebt; der Stoff ist hundert Jahre alt – und wirkt taufrisch:

Wie ein großes Tagesorgan entsteht

„ […] Aber es sind die Anzeigen und Lokalnotizen, die ein Wochenblatt verkaufen, nicht die abgestandenen Nachrichten im offiziellen Teil. Queen Anne ist tot. Amtlich verkündet im Jahre eintausendund. […] Aus dem Reiche der Natur. Die Witzseite. Phil Blakes allwöchentliche Geschichte von Pat und Bull. Onkel Tobys Seite für unsere Kleinen. Und der Briefkasten für die Dösköppe vom Lande. Sehr geehrter Herr Redakteur, wissen Sie ein gutes Mittel gegen Blähungen? Den Teil würd ich sogar ganz gerne machen. Man lernt eine Menge, wenn man andere belehrt. Personalnachrichten A.I.B. Alles in Bildern. Wohlgestaltete Badende an goldenem Strand. Der größte Ballon der Welt. Schwestern feiern Doppelhochzeit. Zwei Bräutigame, einander herzlich anlachend. […] Die Maschinen rasselten im Dreivierteltakt. Stampf, Stampf, Stampf. Also wenn der da nun plötzlich gelähmt würde und keiner wüsste, wie man die Dinger stoppt, dann würden die immer so weiter rasseln, weiter drucken und immer weiter, vor und zurück, vor und zurück. Würden die ganze Geschichte total vermasseln. […]“

Falls Sie es am Wochenende nicht nach Dublin schaffen: Lesen Sie Joyce. Oder schauen Sie in Trier auf dem Domfreihof vorbei, beim Festival StadtLesen, schnappen Sie sich ein Buch, eine Hängematte, ein Sitzkissen, schmökern Sie – das ist fast so kultig wie Bloomsday.

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Oh je, Clara Viebig ist sauer …

Post von Clara Viebig, Villa Dürich, Mittelwalde, Glatzer Land. Ende Mai 2019. Zwei eng bedruckte Seiten. So so …

Ihre Hand sei zittrig geworden, die Tochter einer Freundin habe es freundlicherweise übernommen, den Brief mit der Maschine zu schreiben. Sie melde sich nicht mehr so häufig zu Wort, aber es bleibe ihr keine andere Wahl. Zu Hans Pfitzner müsse sie etwas sagen. Die junge Volksfreund-Redakteurin mit den herabhängenden Haaren habe es geschafft, den Mann zu brandmarken und von der Bühne zu stoßen …

Um ihn geht es: Hans Pfitzner (1869-1949), Komponist, Dirigent und Autor, politisch rechts außen zu verorten, immer wieder aufgefallen mit antisemitischen Äußerungen – in der Kaiser-Zeit, in der Hitler-Zeit, nach dem Zweiten Weltkrieg. Verirrt, verwirrt, verstrickt? Der Trierer Konzertchor wollte zum 150. Geburtstag Pfitzners dessen romantische Kantate „Von deutscher Seele“ (1921) nach Gedichten von Joseph von Eichendorff aufführen. Protest! Kultur-Macher wie der Theaterintendant Manfred Langner sprachen sich dagegen aus, Stadt und Land verweigerten Zuschüsse – wegen der NS-Nähe Pfitzners. Die Berichterstattung im Volksfreund löste eine eifrig geführte Debatte aus, nach einigem Hin und Her wurde das für den Herbst geplante Konzert abgesagt.

Sehr zum Ärger von, ähem, Clara Viebig, die ihren Brief an die Chefredaktion diktierte. Die Würde Pfitzners sei in Schmutz und Schande gezogen worden, die junge Redakteurin habe gnadenlos auf ihm herumgetrampelt. Pamphlet! Kampagne! Schmähung! Und so weiter …

Erste Pointe: Clara Viebig (1860-1952) ist lange tot. Witzige Idee, der in Trier geborenen und in Berlin berühmt gewordenen Schriftstellerin („Das Weiberdorf“) eine Verteidigungsrede auf Pfitzner in den Mund zu legen.

Zweite Pointe: Der anonyme Absender und Viebig-Ghostwriter ist erkannt – oder stecken Sie nicht dahinter, Herr S. aus G.?!

Dritte Pointe: Einen kontaminierten Künstler wie Pfitzner glorifizieren? Nein. Seine Musik singen und spielen, eingebettet in ein Programm, das seine zweifelhafte gesellschaftspolitische Orientierung thematisiert und den historischen Kontext mitdenkt? Vorstellbar. 

Wo fängt sie an, wo hört sie auf, die Empörung, oder, wie der Historiker Michael Wolfssohn sagt, die  Tugendhysterie? Etwa wenn, wie gerade in Berlin, der expressionistische Maler Emil Nolde (1867-1956) ausgestellt und als Nazi-Fan demaskiert wird – obwohl selbst als „entartet“ verfemt? Etwa wenn Fußball gespielt wird – in Hitlers Olympia­stadion? Etwa wenn ein Gottesdienst gefeiert wird, im Trierer Dom, in der Basilika – errichtet von blutrünstigen römischen Imperatoren?

Herzliche Grüße!

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur