Nie dürft ihr so tief singen

Rechts oder links. Lechts oder rinks. Wie schnell ist ein Buchstabe verdreht, verschluckt, versemmelt – und alles sieht ganz anders aus.

Leserin Petra Pauli hat dieser Tage einen witzigen Wechsstabenverbuchsler in der Zeitung entdeckt:

„Was auch immer geschieht: / Nie dürft ihr so tief singen, / von dem Kakao, durch den man euch zieht, / auch noch zu trinken.“

So stand es als Spruch des Tages im Volksfreund, meldet Frau Pauli, sie sei sofort an dem klitzekleinen Schreibfehler hängengeblieben, der aus dem originalen „sinken“ ein „singen“ machte. „Ich musste schmunzeln und fragte mich, ob dieser winzige Buchstabentausch auf den Inhalt irgendeine Auswirkung hat.“ Sie habe gegoogelt, sie habe recherchiert, sie habe gelesen, gestaunt, mehr gelesen, berichtet Frau Pauli. „Für mich steht fest, man sollte öfter hinter die Dinge schauen, auch hinter das kleine ,g‘, das eigentlich ein ,k‘ sein sollte – mich führte es zu einem bewundernswerten Menschen und genialen Autor: Erich Kästner.“

Vielen Dank, Frau Pauli, faszinierend, was ein einziger Buchstabe in Gang setzen kann. Bei mir: Kopfkino, Film ab. Die drei Tenöre schwimmsingen in einem Kakao-See, sie schmettern den Kästner-Hit „Es gibt nichts Guuutes außer: Man tuuut es“; plötzlich, blubb blubb, versinken DomingoPavarottiCarreras, blubb blubb, weg sind sie – und tauchen als bessere Bässe wieder auf, von Heinz Erhardts „Tauchenichts“ schwärmend, der ihnen in der Tiefe begegnet sei: „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, zu schlunden in diesen Tauch?“ Oder so: „Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt, zu schlauchen in diesen Tund?“

Feinste Wortmagie! Der Film läuft  weiter. Kurz blitzt der Gedanke an die jüdischen Mystiker auf, die meinen, dass Gott selbst die Buchstaben mit ihren Zahlenwerten und ihrer Symbolik geschaffen hat – und dadurch erst die Welt. Kabbala. Oder: die Surrealisten, die Dadaisten – großartige Bachstubenverdreher. Oder, zum Speibiel, Ernst Jandl. Dessen Vierzeiler „lichtung“ hängt an der Wand meiner Kemenate, als stete Mahnung,  frei zu denken, die Perspektive zu wechseln, das vermeintlich Offensichtliche zu hinterfragen: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern. / werch ein illtum!“

Tja, nie dürft ihr so tief singen, weder laut noch luise. Und jetzt trinke ich einen Kakao …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Alles gesehen? Von wegen!

Weltweit einmalig, diese Kolumne. Glauben Sie nicht?  Na, dann lesen Sie mal!

Es ist dies, Donnerwetterkrakenwetter, die sechshundert­ste Ausgabe unserer kleinen Show. Sechs null null. Anderthalb Millionen Buchstaben, ungefähr. Immer wieder neu gemischt, weltweit einmalig. Nanu, fragen Sie, was soll das, was für eine Chuzpe, weltweit einmalig, dreht er jetzt durch?

Schnitt.

Neulich habe ich eine Erzählung des Kultautors T.C. Boyle gelesen, der Titel: Sin Dolor. Ein Arzt macht sich Gedanken über sein Leben: „Immerhin war ich nicht mehr der Jüngste, und die hippokratische Beflügelung, mit der ich Lahmen zum Gehen verhelfen und unheilbar Kranke hatte heilen wollen, war einem immer gleichen Trott gewichen: Nichts vermochte mich mehr zu überraschen, und bei jedem Patienten, der durch meine Tür trat, wusste ich bereits die Diagnose, noch bevor er sich gesetzt hatte. Ich hatte alles gesehen. Ich langweilte mich. Ich war ungeduldig. Ich war es leid.“ Die Pflicht ruft: Sprechstunde. Ein kleiner Junge wird zu dem Doc gebracht, einer, der keinen Schmerz spürt. Ein Wunder! Wie weggeblasen der Überdruss, die Langeweile …

Schnitt.

Kenne ich, kenne ich! Du stehst morgens auf und denkst, dass du alles gesehen hast … und dann passiert etwas, das nie passiert ist, dann bekommst du Post, die du nie bekommen hast, dann triffst du Leute, die du nie getroffen hast. Das ist das Wunderbare am Journalismus: Jeder Tag ist überraschend, jeder Tag ist anders, jeder Tag ist spannend.

Schnitt.

Herr L. aus Sch. an der Mosel schreibt mir. Er ist sicher, mein Foto in der Zeitung beweise es, dass ich „die Meisterschaft der Seele erreicht“ habe. Oha! Mit Hilfe eines Pendels oder einer Rute und den Schwingungen von Fotos stellt er zweifelsfrei fest, ob Menschen leben oder tot sind. Und sorgt dafür, dass sie den ihnen angemessenen Rang in der hierarchischen Schöpfung erhalten, als „Meister“ oder als „normal sterblich“. Um dies der Nachwelt zu dokumentieren, möge ich über ihn schreiben oder einen Film drehen.

Besten Dank, Herr L., ich finde es tröstlich, dass ich noch lebe, und das als „Meister“! Ob wir das Projekt angehen, na ja, ich überlege.

Schnitt.

Einmalig, diese Kolumne, weltweit, sage ich doch. Oder gibt es irgendwo auf dem Globus jemanden, der sich auf T.C. Boyle, einen Parabiologen von der Mosel und fünfhundertneunundneunzig Vorgänger beruft, um die Exklusivität seiner Texte aufzuzeigen?! Ich kann es mir nicht vorstellen – und freue mich auf alles, was kommt. Sie auch, oder?!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Rums!! – Da geht die Pfeife los

Spaß mit Sprache. Es kracht und zischt und knallt, dass du denkst, du bist mittendrin im Tohuwabohu …

Papperlapapp! Frau M. sagt, es sei jetzt mal genug mit dem ewigen Meinungstheater in dieser Kolumne und Zeit für einen Themenwechsel. Sie selbst verspüre kein Verlangen, sich ständig mit gesellschaftspolitischen Verwerfungen zu befassen, mit Trump und Klima-Greta und Gedöns. Alles so sorgengram. Sie wolle zur Abwechslung lieber … ein bisschen Spaß.

Deshalb werfe sie nur ein Wort in den Ring und sei gespannt, was der Autor der Kolumne (also ich), dem auf jede Frage eine Antwort einfalle, damit anfängt. Ihr erstbestes Wort: Papperlapapp!

Seufz. Schluck. Schluchz. Vielen Dank für die Blumen, Frau M., auf jede Frage eine Antwort, das wäre wirklich wunderbar; ich habe ja den Verdacht, dass mir auf jede Antwort eine Frage einfällt, aber das ist schon wieder zu philosophisch.

Also: Papperlapapp! Gefällt mir. In den Wörterbüchern steht: frecher Ausruf als Entgegnung auf törichtes, dummes Geschwätz im Sinne von: Unsinn! Sei still! Nichts da!

Eine lautmalerische Interjektion, ein Einwurf, ein Ausrufewort. Wie: Mensch! Gute Güte! Sappradi! Herkunft: angeblich von „nicht mehr papp sagen können“ im Sinne von „sehr satt sein“. Das wäre geklärt.

Mit Wörtern malen, Geräusche nachahmen, Töne imitieren – miau, wauwau, kikeriki! Ich mag diese onomatopoetischen Spielereien. Witzig, dass die Leute in anderen Ländern andere Wörter erfinden, um dieselben Laute zu beschreiben. Oder krähen die Hähne in Frankreich (cocorico), England (cock-a-doodle-doo) und der Türkei (ü-ürü-üüü) anders?!

Zur Meisterschaft im Lautmalen hat es Wilhelm Busch (1832-1908) gebracht, ich verehre ihn. In den Bildergeschichten des Dichters und Zeichners kracht und zischt und knallt es, dass du denkst, du bist mittendrin im Tohuwabohu.

Etwa so: „Rums!! – Da geht die Pfeife los / Mit Getöse, schrecklich groß! / Kaffeetopf und Wasserglas, / Tabaksdose, Tintenfass, / Ofen, Tisch und Sorgensitz / Alles fliegt im Pulverblitz.“ Das sind einige Verse aus Max und Moritz, vierter Streich: das traurige Los des armen Lehrers Lämpel, der von den bösen Buben in die Luft gesprengt wird.

Herrlich – nicht das schändliche Attentat auf Lämpel, sondern die Sprache! Schnupdiwup. Rawau, rawau. Meck, meck, meck. Und geschwinde, stopf, stopf, stopf. Ratsch! Puff! Knacks! Rickeracke! Ricke­racke! … Papperlapapp! Für diesmal ist’s vorbei mit der Übeltäterei. Demnächst: neue Streiche!

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit

An allem ist zu zweifeln. Eine kluge Ansage von Denkern wie Descartes oder Marx. Glaube nicht, dass die Dinge so sind, wie sie zu sein scheinen – hinterfrage, prüfe, recherchiere.

Mit Meinungen und Tatsachenbehauptungen in Leserbriefen haben wir uns zuletzt in der Kolumne „Die absolute Wahrheit“ beschäftigt (TV vom 26./27. Oktober). Dazu merkt Matthias Korsch aus Landscheid an, es sei schade, dass manche Zuschrift nicht veröffentlicht wird – etwa wenn die Redaktion vermeintliche Fakten als Fakes entlarvt. Das nehme dem mündigen Leser den Vorteil, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Jein, Herr Korsch. Niemand sagt, dass es tabu ist, in Leserbriefen Argumente zu wälzen. Es kommt auf das Wie an. So ziehen die Leugner des Klimawandels stets dieselben Beweise aus den unendlichen Weiten des Internets, verkaufen sie als (alternative) Fakten, als (absolute) Wahrheit. Ein Klassiker: „Der renommierte Physik-Nobelpreisträger Ivar Giaever bezeichnete 2015 die Argumentation bezüglich des Klimawandels durch CO2 als unwissenschaftlich und die Bewegung als neue Religion.“ Taucht im Wortlaut in verschiedenen Leserbriefen von verschiedenen Autoren auf. Die Beweiskette: Nobelpreisträger = herausragender Wissenschaftler = Fakt = kein Klimawandel.

Recherche: Ja, der norwegisch-amerikanische Physiker Ivar Giaever ist mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden (1973 für Arbeiten zur Supraleitung). Ja, er verbreitet seit einigen Jahren die These, dass es vielleicht gar keine globale Erwärmung gibt, dass CO2 nicht die Ursache sei und alles kein Problem.

Sein Nobelpreis wirkt – Menschen, die den Klimawandel abstreiten, zitieren ihn wieder und wieder als Kronzeugen. Meinetwegen, aber dann bitte auch darauf hinweisen, dass Giaever eine fragwürdige Figur ist. Dass er sich mit dem Thema nicht auskennt, nach eigener Aussage „einen Tag, oder eher einen halben Tag, auf Google verbracht“ hat, um sich zu informieren, dass die meisten Experten ihn peinlich finden. Und nicht so tun, als sei der hochbetagte Mann (Jahrgang 1929) eine Klima-Koryphäe.

Solch differenzierte Betrachtung fehlt in den einschlägigen Leserbriefen. Und so ist das mit ziemlich allen angeblichen Fakten, Beweisen und Argumenten, die in diesen Zuschriften aufblitzen. Die im Netz kursieren, zum Teil auf Seiten gesammelt, die vom Verfassungsschutz be­obachtet werden (worauf die Betreiber der Seiten anscheinend stolz sind). Die sich bei genauem Hinsehen als Fälschungen, als Verdrehungen, als Verschwörungstheorien entpuppen.

Sorry, diese Versuche, die öffentliche Meinung mit Fakes zu manipulieren, macht der Volksfreund nicht mit. Wo der Zweifel ist, da ist die Freiheit.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Er lügt und lügt und lügt …

Soso, Post von Donald Trump. Ein Witzbold schickt mir nach der Kolumne von neulich („Die absolute Wahrheit“, TV vom 26./27. Oktober) sein Statement zum Klimawandel, im typischen Trump-Stil: „Der Winter naht – wir brauchen die globale Erwärmung, dringend!“

Na, ob der Volksfreund das wohl veröffentlicht, fragt der Witzbold, der sich Donald Trump nennt. Bestimmt nicht. Weil ja, siehe Kolumne von neulich, „alternative Fakten“ und „abweichende Meinungen“ von  „selbst denkenden Bürgern“ mit fadenscheinigen Begründungen aussortiert würden. Wenn dagegen der US-Präsident behauptet, dass es keinen Klimawandel gibt, komme er damit garantiert in die Zeitung.

Netter Versuch, Herr Trump (der falsche). Ein Fake ist ein Fake ist ein Fake. Trump (der echte) umgeht die unabhängigen Medien, die er Fake-News schimpft, und „informiert“ die Amerikaner und den Rest der  Welt direkt und ungefiltert über den Social-Media-Kanal Twitter. Der Vorteil, den
@realDonaldTrump (das ist seine Kennung) daraus zieht: Seine Meinung ist auf dem Markt und kann von den Faktencheckern der unabhängigen Medien erst nachträglich eingeordnet werden.

Selbstverständlich berichten Journalisten über die Irrungen und Wirrungen Trumps, selbstverständlich decken sie seine Lügen auf, selbstverständlich entlarven sie seine Fakes. Das Netz vergisst nichts: In zehn Jahren hat
@realDonaldTrump mehr als vierzigtausendmal gezwitschert. Mal beleidigt er Demokraten wegen ihrer Hautfarbe, mal droht er, die Türkei zu zerstören, mal lobt er sich als genialen Staatenlenker. Seine Gegner tituliert er mit Vorliebe als „schrecklich“, als „Verlierer“, als „Dummkopf“. Und er lügt und lügt und lügt. Tausendmal überführt, tausendmal  ist nix passiert.

Ach so, Klimawandel – Trump glaubt nicht dran. Einer seiner krassen Tweets zum Thema, noch bevor er ins Weiße Haus einzog: „Das Konzept der globalen Erwärmung wurde von den Chinesen erfunden, um die US-Industrie konkurrenzunfähig zu machen.“ Grober Unfug, wie so viele Trump-Tiraden, nachgeplappert von seinen Anhängern, nachgeplappert von „selbst denkenden Bürgern“. Klingt irre, ist irre. Aber keine ganz neue Erkenntnis über das Menschengeschlecht. Vor vierhundert Jahren schrieb Shakespeare im König Lear: „Das ist die Seuche unserer Zeit: Verrückte führen Blinde.“

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die absolute Wahrheit

Also, ich meine, dass wir uns an der Frage gefühlt 595 Mal abgearbeitet haben; ich weiß, dass es in echt nicht so oft war; ich glaube, dass es noch häufiger vorkommen wird. Ich meine, ich weiß, ich glaube … ähm, um was geht es? Meinungsfreiheit, mal wieder.

Der Volksfreund lässt keine „abweichenden Meinungen“ zu, schreibt Herr S., sondern nur Mainstream. Bestes Beispiel: der Hype um den Klimawandel. Es sei an der Zeit, eine Gegenbewegung zu starten, die Manipulationen der grünen Klimajünger zu entlarven und so weiter, aber das werde im Volksfreund ja nicht veröffentlicht – obwohl die Fakten vorlägen, erstens, zweitens, drittens … siebzehntens.

Mein Mantra, lieber Herr S.: In dieser Zeitung darf jeder seine Meinung sagen, etwa in Leserbriefen. Je kontroverser, desto besser, das macht’s interessant. Aber, aber, aber: Meinung ist das eine, die Behauptung von Tatsachen das andere.

Wenn Sie sagen: Ich meine, dass es keinen Klimawandel gibt, ist das … Meinung. Das, was Sie für wahr halten. Meinung ist nicht richtig oder falsch, Meinung ist nicht zu widerlegen. Andere können eine andere Meinung haben, all das.

Wenn Sie sagen: Es gibt keinen Klimawandel, das haben die Wissenschaftler A, B, C und die Nobelpreisträger X, Y, Z nachgewiesen, ist das … Tatsachenbehauptung. Und muss einer Überprüfung standhalten. Um diese Überprüfung, um die Recherche der Fakten, kümmert sich die Redaktion.

Stimmen die Fakten, die der Leserbriefschreiber behauptet? Veröffentlichen. Stimmen die Fakten nicht, die der Leserbriefschreiber behauptet? Nicht veröffentlichen.

Das Internet liefert Beweise, Indizien, Belege, Theorien, Argumente für alles und jedes, hier:  „abweichende Meinungen“ und „alternative Fakten“ von angeblich Tausenden, wenn nicht Zehntausenden bedeutenden Wissenschaftlern, die allesamt den Klimawandel abstreiten. Das meiste davon zerfällt bei näherer Betrachtung zu Staub – wie Vampire beim ersten Sonnenstrahl.

Mein Tipp, lieber Herr S.: Hinterfragen Sie, zweifeln Sie, bleiben Sie kritisch! Leserbriefe sind Meinungsbeiträge, keine (pseudo-)wissenschaftlichen Aufsätze. Wenn Fakten, dann mit Für und Wider. Die Quellen nennen, gegebenenfalls offenlegen, dass sie umstritten sind. Und nicht behaupten, dass sie, von erstens bis siebzehntens, die absolute Wahrheit verkünden. Das wäre unredlich.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Die Sklaven des Internets

Sie hüpfen von WhatsApp zu Facebook zu YouTube zu Instagram, sie streamen und glotzen, sie talken und chatten, sie teenen und gefühlen – macht das Internet doof?

Rumms. Der junge Mensch stolpert mit Kawumm gegen einen Laternenpfahl. Sein Smartphone, auf das er so konzentriert gestarrt, auf das er so vehement eingeredet hat, fällt ihm aus der Hand. Aua. Beule am Kopf, Display zersplittert. Was ihn wohl mehr schmerzt?

Ich habe die Szene neulich in Trier beobachtet und denke unwillkürlich daran, während ich eine aktuelle Digitalstudie durchsehe (von der Postbank beauftragt, repräsentativ). Jugendliche in Deutschland sind im Schnitt 58 Stunden pro Woche im Internet unterwegs, an einem typischen Tag 9,7 Stunden – abzüglich Schul- und Schlafenszeit praktisch pausenlos. Das überrascht mich nicht, und das ist nicht das Ende der Geschichte.

In einer sehr nahen Zukunft, nächsten Dienstag, wer weiß, spielt „Super Sad True Love Story“, ein Roman des Kultautors Gary Shteyngart aus dem Jahr 2010. Der Amerikaner beschreibt die analphabetische Epoche. Eine dekadente Welt. Bevölkert von Gestalten, halb Mensch, halb Handy, die ständig an ihren „Äppäräten“ (ich liebe dieses Wort!) herumfummeln. Sie streamen und glotzen, sie talken und chatten, sie teenen und gefühlen, wie Shteyngart das nennt. Verhaltensauffällige Internet-Sklaven, die ohne Suchmaschine nicht mehr wissen, wer sie sind. Die nicht mehr lesen, nicht mehr nachdenken. Weil, Zitat:

„Ich habe nie so richtig gelernt, Texte zu lesen“, sagte sie. „Bloß, sie auf Infos hin zu scannen.“ – „Lesen ist schwierig. Es wird heute von keinem Menschen mehr erwartet, dass er liest. Wir leben im nachschriftlichen Zeitalter. Im visuellen Zeitalter.“

Was ist dran an solchen Szenarien? Macht das Internet doof? Steht der Untergang des Abendlands bevor, weil (angeblich) die Kulturtechnik des Lesens bedroht ist? Weil die Menschen kreuz und quer, vor und zurück von WhatsApp zu Facebook zu YouTube zu Instagram hüpfen, sich Bilder und Videos reinziehen, sich von Web-Seite zu Web-Seite hangeln, klick, klick, klick, ohne Tiefe und Vertiefung? Es fehle, sagen Verteidiger des gedruckten Worts wie der Harvard-Historiker Robert Darnton, der Reiz, das Lesen als Abenteuer zu begreifen, bei dem man seiner Nase folgt, Spuren aufnimmt und über die Seiten in einem Buch hinweg im Auge behält. Das Reflektieren! Das Genießen!

Nichts ist so beständig wie der Wandel, das gilt auch für die Geschichte der Kommunikation: Von der Papyrusrolle zur Druckerpresse, vom Fernsehen zum Internet – wenn sich etwas verändert, barmen die Leute, das Neue (unheimlich, gefährlich) werde das Alte (geliebt, vertraut) verdrängen.

Das Internet also abklemmen, weil es … doof macht? Nein, intelligent nutzen, liebe Leute! Dazu bedarf es Grundfertigkeiten wie Lesen und Verstehen, so altmodisch das klingen mag. Wer nicht liest, versäumt vieles, vor allem die Erweiterung des eigenen Horizonts. Mit Lesen allein ist es aber nicht getan. Es geht um das Verstehen, es geht darum, Informationen zu analysieren, zu bewerten und zu verarbeiten – damit niemand, im übertragenen Sinn, unbedarft gegen den nächsten Laternenpfahl läuft …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Es war einmal ein Mädchen …

Ein mutiges Mädchen legt sich mit den Mächtigen der Welt an – was für eine Story!

Tun wir mal so, als ob. Ein Gedankenexperiment. Tun wir mal so, als gäbe es kein Internet. Kein Fernsehen. Kein Radio. Keine Zeitungen. Keine Nachrichtenmaschinen. Nichts von alldem. Unsere Welt wäre klein, sehr klein. Von dem, was hinterm Horizont passiert, wüssten wir wenig.

Urwald, der im Amazonasbecken brennt? Niemand würde davon erfahren. Eis, das auf Grönland wegtaut? Niemand würde davon erfahren. Ein schwedisches Mädchen, das an Weltschmerz leidet und freitags die Schule schwänzt? Niemand würde davon erfahren.

Ende des Gedankenexperiments. Greta Thunberg ist ein Publicity-Phänomen. Die Medien haben sie zu dem gemacht, was sie ist. Ein mutiges Mädchen, das sich mit den Mächtigen der Welt anlegt und ihnen Zorn und Verachtung entgegenschleudert. Was für eine märchenhafte Story!

Anfangs war sie Pippi Langstrumpf oder Heidi mit dem Pappschild „Skolstrejk för klimatet“, trotzig, rebellisch. Bald eine Prophetin, eine Heilige, eine Erlöserin, verehrt, verklärt von Millionen Fridays-for-Future-Protestlern. Die einen vergleichen sie mit dem biblischen David (der Goliath bezwang), andere mit dem Religionsrevoluzzer Martin Luther (Widersacher von Kaisern und Päpsten), wieder andere mit Jeanne d’Arc, der furchtlosen Bauerntochter, die Frankreich im Hundertjährigen Krieg zu einem legendären Sieg gegen England führte. Geht’s noch?!

Die halbe Menschheit sorgt sich um die Zukunft des Planeten, Gretas Botschaft ist weder neu noch exklusiv, zahllose (erwachsene) Aktivisten und Organisationen kämpfen für den Klimaschutz. Und doch: Greta-Hype, Greta-Hysterie. Sie ist eine Ikone, ein Star, sie lässt sich  vermarkten, instrumentalisieren – der Liebe und der Sehnsucht von Millionen ausgesetzt, aber auch der Wut und dem Hass von Millionen.

Greta Thunberg polarisiert. Dass sie Panik schürt und Angst verbreitet, um Aufmerksamkeit zu bekommen – geschenkt, das gehört zur (Selbst)vermarktung.

Bedenklicher: Sie tritt autoritär auf, einige Kritiker sagen antidemokratisch, nur ihre eigene Überzeugung zählt. „Wir“, sagt sie, „die Menschen“, müssen die Sache in die Hand nehmen, weil „unsere Führer“ sich nicht kümmern.

Hmm. Ein radikaler Ansatz. Ziviler Ungehorsam. Träumt Greta Thunberg gar von einer Öko-Diktatur, weil sie glaubt, nur so sei die Welt zu retten? Wie erzählen die Medien ihre Geschichte weiter? Es war einmal ein Mädchen …

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Ziviler Ungehorsam

So haben wir uns also die Träume eines Öko-Terroristen vorzustellen, eines Typen wie Ty Tierwater, der sich nach einem Rächer sehnt. Einem Rächer, „der herabfuhr und sie alle auslöschte, all die wimmelnden Massen da draußen mit ihren Hondas und Küchenmaschinen und Tagesdecken und Spitzentüchlein […]. Einen Kometeneinschlag. Die Pest, zur Unkenntlichkeit mutiert und wiedergekehrt, um das Land heimzusuchen. Feuer und Eis. Die Endlösung.“ Er selbst, Ty Tierwater, überlebt „wundersamerweise – und seine Frau, seine Tochter und ein paar andere, die Respekt für die Erde hatten –, und sie würden die neue unzivilisierte Zivilisation auf der Asche der alten aufbauen. Kein Fortschritt mehr. Kein Konsum. Nur das Leben.“

Ty Tierwater ist eine literarische Figur. Der amerikanische Kultautor T.C. Boyle hat sich diese Figur ausgedacht, vor zwanzig Jahren, und in dem Roman „Ein Freund der Erde“ fabuliert, wie Umwelt-Krieger in die Schlacht ziehen – gegen die globale Erwärmung, gegen das Artensterben, gegen den Kapitalismus.

Science-Fiction? Es gibt Leute, die glauben, dass Öko-Terroristen wie Ty Tierwater demnächst nicht mehr bloß in Romanen für Krawall sorgen, sondern im richtigen Leben. Es gibt Leute, die glauben, dass sich das gesellschaftliche Klima aufheizt, weil die Mahnungen und Warnungen und Drohungen der Weltenretter immer hysterischer, immer aggressiver, immer verbissener wirken.

Wie kommt das, wo kommt das her? Das theoretische Fundament der Proteste findet sich in der Philosophie des zivilen Ungehorsams. Der Mensch sei nicht der Regierung, sondern seinem Gewissen verpflichtet, erklärte der radikale Poet Henry David Thoreau (1817-1862). „Wenn das Gesetz dich zum Arm des Unrechts macht, dann brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme.“ Sein Credo: Empört euch, wehrt euch!

Thoreaus Thesen haben Anarchopazifisten inspiriert, (gewaltlose) Widerstandskämpfer wie Gandhi und Martin Luther King, Hippies, Friedensbewegte – und die Klima-Aktivisten unserer Tage.

T.C. Boyle, der prophetische Schriftsteller, meint zu wissen, wie das Ganze ausgeht; sein sarkastischer Ausblick: „Die einzige Hoffnung für den Planeten ist, dass wir irgendwann aussterben.“ So weit ist es noch nicht. Fortsetzung folgt.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur

Dies ist ein freies Land, aber …

„Stück Scheiße“, „Drecksau“, „Geisteskranke“: Die Politikerin Renate Künast ist auf Facebook wüst beschimpft worden. Ein Gericht in Berlin hat geurteilt, sie müsse dies hinnehmen – ein fatales Signal.

Also gut. Ein anonymer Pöbelant meldet sich, wieder mal. Einer von diesen kaputten Typen, die ihre Wut, ihren Hass auf die Welt und die Politik und die Medien therapieren, indem sie wüste Beschimpfungen absondern. Hähä, frohlockt er diesmal, und ledert los: „Stück Scheiße“, hähä, „Drecksau“, hähä, „Geisteskranke“, hähä …

Der kaputte Typ kennt anscheinend das Skandalurteil des Berliner Landgerichts, gar nicht dumm, und macht einen auf Meinungsfreiheit.

Rückblende: Vor einer Woche hat die 27. Zivilkammer des Gerichts – eines der größten in Deutschland – höchst eigenwillig definiert, was man sagen darf und was nicht. Vorsicht, jetzt wird’s eklig: „Drecksfotze“, „hohle Nuss“, „Sondermüll“, „die Fresse polieren“, „Drecksau“, „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Geisteskranke“, „Knatter sie doch mal richtig durch, bis sie wieder normal wird!“

Beleidigungen? Verleumdungen? Nein, sagen die Richter, zulässige Meinungsäußerungen, sachliche Kritik, wenn auch haarscharf an der Grenzen des Hinnehmbaren (Aktenzeichen 27 AR 17/19). Wie bitte?!

Die Vorgeschichte beginnt mit einem Zwischenruf von Renate Künast bei einer Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus vor 33 Jahren; danach wird der Grünen-Politikerin unterstellt, sie unterstütze die Forderung, Sex mit Kindern nicht zu bestrafen (O-Ton: „Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist“). Sie distanziert sich davon, widerspricht mehrmals. Vergeblich. Ein Autor der Zeitung Die Welt befasst sich 2015 mit den alten Vorwürfen. Die Folge: krasse Hass-Posts in Künasts Facebook-Account. Sie klagt – und verliert. Begründung der Richter: Die Kommentare seien sämtlich Reaktionen auf den Zwischenruf, es handele sich um Kritik in der Sache, nicht um Schmähungen der Person. Künast will das nicht auf sich beruhen lassen.

Meine Meinung: Der Richterspruch ist ein fatales Signal. Er bestärkt die ­anonymen Pöbelanten, die aggressiven Polarisierer. Sprache ist eine Waffe. Sprache ist Macht. Sprache bestimmt das Bewusstsein. Sprache beeinflusst das Denken. Aus dem Bewusstsein, aus dem Denken, entstehen Taten. Der Hass, der aus den (a)sozialen Netzwerken trieft, vergiftet die Gesellschaft. Dies ist ein freies Land, in dem jeder seine Meinung sagen darf – ein Grundpfeiler der Demokratie, nicht verhandelbar. Es geht nicht um das Was, es geht um das Wie, um Respekt, um Menschlichkeit, um Anstand. Nein, Hass ist keine akzeptable Haltung. Niemals.

P.S.: Mit Leserbriefen im Volksfreund halten wir es so: Jede Kritik, jede Meinung ist erlaubt, es gibt keine Tabus – aber wir achten darauf, dass sich niemand im Ton vergreift.

Herzliche Grüße

Peter Reinhart

Stellvertretender Chefredakteur